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      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
                  Reise nach Mannheim
                  Aufführung der Räuber
                  Beginn des Fiesco
                  Würt.Repertorium
                  Hartes Verbot des Herzogs
                  Zweite Reise nach Mannheim
                  Anschlag auf Dalberg
                  Arrest
                  Bedrängnis
                  Flucht
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil
 

Aufführung der Räuber

   Am 13. Januar 1782 las man an allen Straßenecken Mannheims den Theaterzettel: „Die Räuber, Trauerspiel in sieben Handlungen, für das Mannheimer Nationaltheater vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet“ etc. Angehängt ist eine von Dalberg zum Teil veränderte Proklamation Schillers, worin er das Publikum über die sittliche Tendenz, die wirklich in dem Stück liegt, zu verständigen sucht1). Er hat ganz Recht zu sagen: „Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne Unterricht aus dem Schauspiel, dass die weise Hand der Vorsehung, auch den Bösewicht zum Werkzeug ihrer Pläne zu benützen und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen aufzulösen weiß.“ In keinem Drama der ersten Periode ist das höhere Walten des Schicksals und der Vorsehung in den menschlichen Dingen so hervorgehoben, als in den Räubern.

   Auch aus allen Nachbarstädten waren Menschen herbeigeeilt, um das ins einer Art ganz neue Schauspiel von den berühmtesten Künstlern Deutschlands darstellen zu sehen. Diese waren beinahe alle aus der Schule Eckhofs, welcher große, beinahe allseitige Schauspieler, durch den Umgang Lessings erleuchtet, in Hamburg und später in Gotha eine neue Ära der deutschen Schauspielkunst geschaffen hatte, indem er die einfache, reine Wahrheit der Natur auf der Bühne einheimisch zu machen suchte. Wegen der Länge des Stücks war der Anfang des Spiels präzis fünf Uhr angekündigt, aber schon in den ersten Nachmittagsstunden war das Haus von Menschen angefüllt. Nur Schiller selbst hätte sich beinahe zu spät eingefunden. Denn trotz der Eile – man sollte es nicht glauben, wenn der mitreisende Petersen es in seinem Nachlass nicht selbst erzählte – beschäftigte ihn in Schwetzingen ein schmuckes Kellermädchen so angenehm, dass die Weiterreise über Gebühr verzögert wurde.

   Die ersten drei Aufzüge taten die erwartete Wirkung nicht, die übrigen dagegen übertrafen auch die gespanntesten Anforderungen. Mit Rührung bezeichnete in späterer Zeit ein Freund die Stelle, wo Schiller unerkannt (denn nur einige wussten um das Geheimnis) im Theater stand, und in dem gelungenen Spiel still entzückt sich der Schöpfung seines Genius erfreute. In einer, von Worms aus datierten, erdichteten Theaterkorrespondenz schildert Schiller selbst den Eindruck, den die Vorstellung auf ihn gemacht2). Er müsse erstaunen, welche unübersteigbar scheinenden Hindernisse Dalberg besiegt habe, um dem Publikum das Stück auftischen zu können. Alle Personen seien neu gekleidet gewesen, zwei herrliche Dekorationen für das Stück eigens gemacht worden, so dass die Unkosten dieser ersten Vorstellung hundert Dukaten betrugen. „Im Ganzen genommen tat das Schauspiel die vortrefflichste Wirkung. Herr Böck, als Räuberhauptmann, erfüllte seine Rolle, so weit es dem Schauspieler möglich war, immer auf der Folter des Affekts gespannt zu liegen. Schade nur, dass Herr Böck für seine Rolle nicht Person genug hat. Ich hatte mir den Räuber hager und groß gedacht.“ Wie Schiller selbst war, muss man beifügen; Böck dagegen war von kleiner Figur. Dann fährt er in seinem Bericht, dem er eine Prophezeiung über Iffland beifügt, so fort: „Herr Iffland, der den Franz vorstellte, hat mir am vorzüglichsten gefallen. Ihnen gestehe ich es, diese Rolle, die gar nicht für die Bühne ist, hatte ich schon für verloren gehalten und nie bin ich so angenehm betrogen worden. Sie hätten ihn sollen sehen auf den Knien liegen und beten, als um ihn schon die Gemächer des Schlosses brannten. Wenn nur Herr Iffland seine Worte nicht so verschlänge und sich nicht im Deklamieren so überstürzte. Deutschland wird in diesem jungen Mann – (Iffland war damals sechsundzwanzig Jahre alt, von Körper etwas schmächtig, im Gesicht blass und mager) – noch einen Meister finden3). Herr Beil, der herrliche Kopf, war ganz Schweizer. Herr Meyer spielte den Hermann unverbesserlich, auch Kosinsky und Spiegelberg wurden sehr gut getroffen. Madame Toscani gefiel, mir zum mindesten, ungemein. Ich fürchtete anfangs für diese Rolle, denn sie ist dem Dichter an vielen Orten misslungen. Der alte Moor konnte unmöglich gelingen, da er schon von haus aus durch den Dichter verdorben ist. Wenn ich Ihnen meine Meinung deutsch heraussagen soll – dieses Stück ist dem unerachtet kein Theaterstück. Nehme ich das Schießen, Sengen, Brennen, Stechen und dergleichen hinweg, so ist es für die Bühne ermüdend und schwer. Ich hätte den Verfasser dabei gewünscht, er würde viel ausgestrichen haben, oder er müsste sehr eigenliebig und zäh sein. Mir kam es auch vor, es waren zu viel Realitäten hineingedrängt, die den Haupteindruck belasten. Man hätte drei Theaterstücke daraus machen können und jedes hätte mehr Wirkung getan. Man spricht indes Langes und Breites davon. Übermäßige Tadler und übermäßige Lober. Wenigstens ist dies die beste Gewähr für den Geist des Verfassers.“

   Petersen mochte im Dichter diesen bewunderungswürdig unparteiischen Richterspruch über sein Werk veranlasst haben, denn der Freund bewies ihm, von dieser Tragödie gelte das Gegenteil von dem, was man von gewissen französischen sage: bonnes à voir jouer, mais non à lire. In der Tat sind die gehaltreichsten und tiefsten Dramen Schillers, außer den Räubern, Don Carlos und Wallenstein, ursprünglich nicht für das Theater geschrieben.

   Nach beendigter Vorstellung speiste Schiller mit seinem Reisegefährten in Gesellschaft aller Schauspieler, welche seine Räuber gegeben hatten. In dem Gespräch, fügt Petersen bei, war viel Erfreuliches und Erhebendes, aber auch viel leeres Kunstgeschwätz. Auch erhielt sein lyrisches Genie neuen Stoff und Schwung durch die Bekanntschaft mit der weiblichen Welt: Er lernte damals Schwans Tochter Margaretha kennen. In Stuttgart wieder angekommen wiederholte er in einem Brief vom 17. Januar 1782 an Dalberg seine wärmsten Danksagungen. Er war in der freudigsten Stimmung und voller Entwürfe. „Beobachtet habe ich sehr vieles“, schreib er seinem Gönner, „sehr vieles gelernt und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muss ich die Epoche von der vorigen Woche an zählen.“ Seit dieser Reise wurden ihm seine medizinischen Geschäfte und die militärische Dienstregel, in die er sich fügen musste, allmählich unerträglich.

Ü   Þ


1) Diese Proklamation in meiner Nachlese zu Schiller, Bd. 4, S. 92.
2) Meine Nachlese zu Schiller, Bd. 4, S. 119
3) Schiller würde wohl schwerlich mit Gervinus’ Urteil (Bd. 5 S. 145) übereinstimmen: „Nichts war übler angebracht, als wenn die Schauspieler seit Iffland den Charakter des „‚spekulativen Bösewichts’ Franz zu ermäßigen suchten.“ Goethe (Bd. 9, S. 175 in 12.) sagt selbst, dass Schiller in späterer Zeit von Ifflands Darstellungen des Franz Moor mit Enthusiasmus gesprochen habe. Und stellte sich das erforderliche „Gleichgewicht“ der Charaktere nicht dadurch wieder her, wenn alle Charaktere des Schauspiels in der Darstellung ermäßigt würden?

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