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Homepage Literatur Schiller, Friedrich Biografien Hoffmeister - Schillers Leben Vorwort Inhalt 1. Teil 1 Kapitel 2. Kapitel 3. Kapitel Aufenthalt Karlsakademie 4. Kapitel Die Räuber Austritt aus der Karlsschule Körperliches Erscheinen Beruf als Regimentsmedikus Häusliche Einrichtung Laura Sitten und Sittlichkeit Herausgabe der Räuber Schwan und Dalberg Umarbeitung der Räuber Die Anthologie Redaktion Unterhaltungsblatt 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 2. Teil 3. Teil |
Die AnthologieIn demselben Jahr, 1781, trat er auch als lyrischer Dichter hervor in einem Musenalmanach, den er unter dem Titel: „Anthologie für das Jahr 1782, gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko“, bei J.B. Metzler in Stuttgart herausgab. Anlass zur Herausgabe dieser Sammlung war ein Zerwürfnis mit dem mittelmäßigen schwäbischen Poeten Gotthold Friedrich Stäudlin, mit dem er bisher in einiger Verbindung gestanden hatte, und in dessen farblosen Musenalmanach er vor jenem Zwist selbst die seligen Augenblick an Laura hatte einrücken lassen. Seine Freunde, Petersen, Friedrich Pfeiffer, der Graf Zuccato und andere lieferten Beiträge. Doch hatte er wenige Teilnehmer; das Meiste, so wie das Beste in der Anthologie, ist von ihm selbst. „Seine Fahne“, sagt Scharffenstein, „hatte etwas Unheimliches, Energisches, was sentimentale, weichliche poetische Rekruten eher abschreckte, als anzog.“ Die Anthologie gehört, wie die erste Auflage der Räuber, jetzt zu den sehr seltenen Büchern. Auch sie erschien anonym, und die Dichter haben sich unter den einzelnen Bildern mit Buchstaben unterzeichnet, Schiller meistens mit Y, doch auch mit anderen Lettern. Das Titelblatt trägt einen sehr mittelmäßigen Apollokopf als Vignette. Der Almanach ist in einer geschmacklosen Rede dem Tod gewidmet, welche mit den Worten anhebt: „Großmächtigster Zar alles Fleisches, allezeit Verminderer des Reichs, Unergründlicher in der ganzen Natur!“ Dann folgt ebenfalls in Prosa das auch von Schiller verfasste Sendschreiben von „Tobolsko am 2. Februar (1782)“, worin die Sammlung als eine sibirische Blumenlese angekündigt wird, die für sich neben dem Stäudlinschen Musenalmanach in dem weit entlegenen Deutschland um Einlass bittet1). Es sind im Ganzen etwa fünfunddreißig Schillersche Gedichte, die größtenteils im Jahr 1781 entstanden sind. Nachdem die Räuber beendigt waren und die Pforten der Karlsschule dem dichter sich endlich geöffnet hatten, strömte im Gefühl der neu erlangten Freiheit seine lyrische Ader eine Fülle von Gedichten aus, so dass die nächste Folgezeit mit diesem Jahre an Fruchtbarkeit nicht zu vergleichen ist. Doch mögen manche auch noch während seiner akademischen Lehrjahre gedichtet sein. Schillers Poesien in der Anthologie sind von sehr mannigfachem Inhalt. Zuerst sehen wir ihn in einer bitteren Satire: Die Rache der Musen, seine Geißel über Stäudlins Musenalmanach schwingen, in Epigrammen spricht er sich für Wieland und gegen Klopstock, auch gegen Lavater aus, und so führt er den Leser zu dem „Monument Moors des Räubers“, das dieser sich, wie es im Schauspiel heißt, zwischen Erde und Himmel errichtet hat2).“ Dann verherrlicht er in bitteren Strafgesängen Vernunft, Freiheit, Natur; in der langen Kriegshymne Rousseau (von welcher er bei der Redaktion seiner kleinen Gedichte 1799 ff. nur zwei Strophen beibehielt) erhebt er sich gegen Dummheit, Vorurteil und Eigennutz, die sich zu des Weisen Untergang verbunden; das Strafgedicht: Die schlimmen Monarchen, ein Seitenstück zu Schubarts „Fürstengruft“, züchtigt mit herbster Bitterkeit und durch Züge, welche der eigenmächtigen Regierungsweise des Herzogs Karl entlehnt sind, das Leben und Los der Despoten; das Fragment: An einen Moralisten (nachher nur verkürzt und abgeschwächt wieder aufgenommen) verspottet das Unvermögen der Alten, welche der raschen Jugend „Schreibpultgesetze“ vorschreiben wollen, und dieses Gedicht wird an sinnlicher Derbheit und Laszivität nur noch durch Kastraten und Männer (in seiner späteren Umbildung Männerwürde genannt) übertroffen, welches gegen eine heuchlerische Dezenz der Zeit die Rechte der gesunden sinnlichen Natur geltend macht, nach der Melodie in den Räubern: „Pfui! Pufi1 Über das schlappe Kastraten-Jahrhundert“ etc. Schiller tadelt in einer untern anzuführenden Selbstrezension an den letzten beiden Gedichten selbst, dass an ihnen ein schlüpfriger Witz und petroniussche Unart auffalle. Mit diesen rauen Tönen der Welt stürmenden Freiheit kontrastieren dann die sanfteren Klänge der Liebe und Freundschaft. Diese Oden sind entweder zur Einrückung in die Philosophischen Briefe eigens gedichtet oder teilen wenigstens den Charakter des alles umspannenden Systems jenes Julius. Die Freundschaft ist Schiller eine Weltharmonie, die Liebe eine Sphärenmusik. Der Triumph der Liebe (wie Schiller selbst sagt, auf Veranlassung der Nachtfeier der Venus von Bürger, geschrieben) schließt mit dem Gedanken, dass uns die Liebe sogar zu Gott, zum Glauben an Unsterblichkeit erhebe; in der herrlichen Hymne, die Freundschaft, wird die Liebe als Anziehungskraft in der geistigen Welt und als Stufenleiter zur Gottähnlichkeit dargestellt. In den sechs Laura-Liedern (von denen später zwei unterdrückt wurden) schweift die erhitzte Phantasie des Dichters ebenfalls, den Gegenstand überhüpfend, ins Grenzenlose und in ihnen ist alles wesenlos, außer der Gedankenfülle und der Sinnesglut des Liebenden. Schiller selbst urteilt richtig über sie: „Sie sind mit brennender Phantasie und tiefem Gefühl geschrieben; aber überspannt sind sie alle und verraten eine allzu unbändige Imagination; hie und da bemerke ich auch eine schlüpfrige, sinnliche Stelle, in platonischen Schwulst verschleiert.“ Dagegen sind die Verse: Meine Blumen in der späteren Überarbeitung zu einem wahrhaft poetischen Gebilde geworden. In der Leichenphantasie, (1780), also noch in der Akademie gedichtet) ist ein zugleich mutiger und milder Sohn seinem Vater, in der Elegie auf den Tod eines Jünglings, des Joh. Christ. Weckherlin, ist ein Sohn seiner Mutter und zugleich der Busenfreund dem, mit dem Geschick keck hadernden Dichter entrissen; in der Kindesmörderin ist der Gegenstand zart genug behandelt, und die starke Empfindung ist der Gemütslage Luises angemessen. Über jene Elegie schrieb er an seinen Freund von Hoven: „Das kleine Ding hat ich in der Gegend herum berüchtigter gemacht, als zwanzig Jahre Praxis. Aber es ist ein Name wie desjenigen, der den Tempel zu Ephesus verbrannte. Gott sei mir Sünder gnädig!““ Zwischen diese aus tiefer Seele geschöpften Gebilde des Gedankens und Herzens flocht Schiller endlich manche ganz objektiv gehaltene Darstellungen ein. So ist das Glück und die Weisheit eine solche reine Erzählung, in welche er seine das Glück verachtende heroische Denkweise einkleidete; die Größe der Welt veranschaulicht uns durch einige große, kühne Züge die Unendlichkeit des Weltalls. So führt uns auch das Elysium und der Tartarus lebendige Bilder vor, und, zur Erde zurückkehrend, lässt der Dichter in dem Tableau: Die Schlacht, die aufeinander folgenden Momente der Schlacht sichtbar an uns vorübergehen, schildert uns dann nach seinem viel gelesenen Ovid die pest in einem später unterdrückten Gedicht, in dem Flüchtling aber weiß er den überströmenden Schmerz und die unbefriedigte Sehnsucht in einem begrenzten und gemäßigten Bild zu fassen. Eberhard der Greiner ist eine Art gleimsches Kriegslied, welches den Kriegsleuten des tapferen und menschlichen Grafen Eberhard unter dem Kaiser Wenzel in den Mund gelegt ist, und in der allerdings unbedeutenden „lyrischen Operette“ Semele übte er sich wenigstens zuerst im Versmaß der Jamben, so dass sie eine metrische Vorstudie für den Don Carlos wurde. Unter allen Schillerschen Gedichten der Anthologie ist aber nur ein religiöses, nämlich eine später unterdrückte Hymne auf Gott, in Klopstockscher Empfindungsweise und Manier. – Hierzu gehört noch das einzeln bei Metzler 1781 erschienene Gedicht, der Venuswagen, welches Schwab nicht mit Unrecht eine unförmliche Rhapsodie gegen die Wollust nennt, die einige schöne, selbst rührende Stellen, und ebenso viele Spuren von Lüsternheit als Entrüstung enthalte3). In allen diesen Gedichten offenbart sich ein ungebändigter Oppositionsgeist und ein noch nicht geläutertes Gemüt. Sie haben alle Fehler des Geschmacks mit den Räubern gemein, aber die Versmaße sind sehr mannigfach, und in der Handhabung der Sprache zeigt sich schon einige Meisterschaft. Unerhört sind die Freiheiten, die sich Schiller im Reim erlaubte, welcher in der äußeren Form überhaupt die schwächste Seite des schwäbischen Sängers blieb. Zwar nannte Schiller die Gedichte später (1803) „wilde Produkte eines jugendlichen Dilettantismus4)“; aber mit demselben Namen würde er, dessen Kunstpoesie erst mit dem Jahr 1795 begann, alle seine früheren Dichtungen, sicherlich seine drei ersten Dramen bezeichnet haben. Welchen hohen Wert er auf diese Jugendgesänge legte, hat er dadurch an den Tag gelegt, dass er deren größten Teil im Jahr 1802 mit außerordentlicher Sorgfalt für einen neuen Abdruck verbesserte, abkürzte und umbildete. Sogar an die Semele legte er damals (wie ich aus seinem Handexemplar ersehe) die umformende Hand. Mehrere dieser verbesserten oder umgestalteten Lieder, namentlich von der objektiven Gattung, sind so gut, dass sie Schillers trefflichsten lyrischen Erzeugnissen beigezählt werden müssen. So sehr sie zum Teil ihrem Inhalt nach in die Räuber einschlagen, so werden wir sie doch nicht, wie Schwab will, „als Feilspäne“ betrachten können, die dem zyklopischen Arbeiter unter Schärfung des geschmiedeten Donnerkeils, unter Dichtung der Räuber, von der schaffenden Hand sträubten.“ Es sind selbstständige Organismen, welche mit den Räubern nur durch die gleiche Abkunft verbunden sind. Am allerwenigsten aber wolle man das in ihnen sich kund gebende „Freiheitsgelüste“ als etwas in Schiller nicht Ursprüngliches, sondern als etwas „Angelerntes“ betrachten. Warum wäre dieses Freiheitsgelüst nicht ebenso gut auch für die Räuber angelernt? 1)
Beide Stücke stehen in meiner Nachlese zu Schillers W. B. 4, S. 122 ff.
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