Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
               3. Kapitel
                  Aufenthalt Karlsakademie
               4. Kapitel
                  Die Räuber
                  Austritt aus der Karlsschule
                  Körperliches Erscheinen
                  Beruf als Regimentsmedikus
                  Häusliche Einrichtung
                  Laura
                  Sitten und Sittlichkeit
                  Herausgabe der Räuber
                  Schwan und Dalberg
                  Umarbeitung der Räuber
                  Die Anthologie
                  Redaktion Unterhaltungsblatt
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Körperliches Erscheinen

   Indessen war die äußere Lage, in welche er in Stuttgart kam, nicht die erwünschteste. Zwar wurde er dem Geschäft und der Benennung nach Regimentsarzt, aber er erhielt nur den Gehalt eines Regiments-Wundarztes, monatlich dreiundzwanzig Gulden, durfte auch nicht die Offizierskleidung, sondern musste den Feldschererrock tragen. In dieser Kleidung sah ihn sein Freund Scharffenstein, der anderthalb Jahre vor ihm als Offizier aus der Akademie getreten war, zum ersten Mal auf der Parade wieder. „Wie gram war ich dem Dekorum“, erzählte er, „das mich hinderte, den lange Entbehrten zu umhalsen. Aber wie komisch sah mein Schiller aus! Eingepresst in der Uniform, damals noch nach dem alten preußischen Schnitt und vorzüglich bei den Regiments-Feldscherern steif und abgeschmackt. An jeder Seite hatte er drei steife, vergipste Rollen, der kleine militärische Hut bedeckte kaum den Kopfwirbel, in dessen Gegend ein dicker, langer Zopf gepflanzt war; der lange Hals war in eine sehr schmale rosshärene Binde eingezwängt. Das Fußwerk vorzüglich war merkwürdig: Durch den, den weißen Gamaschen untergelegten Filz waren seine Beine wie zwei Zylinder von einem größeren Diameter, als die in knappen Hosen eingepressten Schenkel. In diesen Gamaschen, die ohnehin mit Schuhwichse sehr befleckt waren, bewegte er sich, ohne die Knie recht biegen zu können, wie ein Storch. Dieser ganze, mit der Idee von Schiller kontrastierende Apparat war oft nachher der Stoff zu tollem Gelächter in unseren kleinen Kreisen.“ Und dann vom Anzug zur Gestalt übergehend, setzt Scharffenstein, dessen Auge durch bildende Kunst geübt war, so seine lebendige Zeichnung fort: „Schiller war von langer, gerader Statur, lang gespalten, langarmig, seine Brust war heraus und gewölbt, sein Hals sehr lang: Er hatte aber etwas Steifes und nicht die mindeste Eleganz in der Tournüre. Seine Stirn war breit, die Nase dünn, knorpelig, weiß von Farbe, in einem merklich scharfen Winkel hervorspringend, sehr gebogen, auf Papageienart und spitzig. Die roten Augenbrauen über den tief liegenden, dunkelgrauen Augen inklinierten sich bei der Nasenwurzel nahe zusammen. Diese Partie hatte viel Ausdruck und etwas Pathetisches. Der Mund war ebenfalls voll Ausdruck, die Lippen waren dünn, die untere ragte von Natur hervor; es schien aber, wenn Schiller mit Gefühl sprach, als wenn die Begeisterung ihr diese Richtung gegeben hätte, und sie drückte sehr viel Energie aus. Das Kinn war stark, die Wangen blass, eher eingefallen, als voll und ziemlich mit Sommerflecken besät; die Augenlider waren meistens inflammiert. Das buschige Haupthaar war rot, von der dunkeln Art. Der ganze Kopf, der eher geistermäßig, als männlich war, hatte viel Bedeutendes, Energisches, auch in der Ruhe und war ganz affektvolle Sprache, wenn Schiller deklamierte. Aber Schillers Stimme war kreischend, unangenehm; er konnte sie ebenso wenig beherrschen, als den Affekt seiner Gesichtszüge. Dieses hätte Schiller immer gehindert, ein erträglicher Schauspieler zu werden1).“

   Schon früher hörten wir Goethe Schillers Augen sanft nennen, und dies bestätigt auch Petersen, so dass man durchaus unrecht tut, ihm einen „tiefen, kühnen Adlerblick“ zuzuschreiben. Petersen sagt, die eben mitgeteilte Charakteristik gleichsam vervollständigend: „Den Ordensstern des Genius, um mit Lavater zu reden, trug Schiller nicht im Auge. Sein Geist scheint aus dem Innern in den Körper heraus gequollen zu sein; er ergoss sich in seine Gesichtszüge und veränderte die Wölbungen und Gestalt des Körpers. Die Nase, die im Jahr 1781 noch eingedrückt war, erhielt allmählich die Adlerform.“ Schiller selbst pflegte später von seiner gebogenen, ziemlich großen Nase zu sagen, dass er sie sich selbst gemacht; sie sei von Natur kurz gewesen, aber in der Akademie habe er so lange daran gezogen, bis sie eine Spitze bekommen; es war wirklich ein etwas unsanfter Übergang an ihr sichtbar2). Sein Gesicht verlor zur Zeit seines Austritts aus der Akademie die Leberflecken und Sommersprossen, und verschönerte sich nach dem dreiundzwanzigsten Lebensjahr (1782) auffallend3). Schon am 1. Januar 1780 war Schiller sechs Fuß, drei Zoll groß, wuchs aber später nicht weiter. Am 1. Januar 1779, also in seinem zwanzigsten Jahr, hatte seine Höhe bereits sechs Fuß, zwei Zoll, drei Linien betragen und das Jahr zuvor war er gerade fünf Fuß groß gewesen4). Er war wohl einer der größten Zöglinge der Karlsschule, so wie später der größte Mann in der Stadt Weimar.

   Dass er den Feldschererrock, ohne Port-épée, tragen musste, was er in gewissen Augenblicken als eine beschämende Hintansetzung betrachtete, verdross ihn mehr, als man hätte glauben sollen. In einer Anwandlung von Unmut hierüber, und über manche andere Dinge, schrieb er damals einem Freund: „Meine Knochen haben mir im Vertrauen gesagt, dass sie in Schwaben nicht verfaulen wollen.“ Doch dauerte dieser Verdruss nicht lange: Er machte vielmehr der heitersten Munterkeit und einer sehr oft ausgelassenen Frohlaunigkeit Platz. Dem langen unnatürlichen Zwang entnommen, und endlich sich selbst überlassen, ließ er die unterdrückten Neigungen fessellos walten, und gab seine Tage an ein wildes, tolles Treiben hin.

Ü   Þ


1) Hiernach das zartere, vortreffliche Portrait von Kurz, in „Schillers Heimatjahre“, Th. 1, S. 352, und die Zeichnung seines Anzugs. ­
2) Leben Schillers, von Frau von Wolzogen, B. 2, S. 292.
­
3) Auch dies sagt Petersen in seinem Manuskript.
­
4) Nach den Originallisten der Karlsschule.
­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de