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      Schiller, Friedrich
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            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1 Kapitel
               2. Kapitel
                  Schiller in lateinischer Schule
                  Schiller auf der Solitude
                  Bericht an den Herzog
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Schiller auf der Solitude

   Im Jahr 1770 zog die Schillersche Familie nach der Solitude bei Stuttgart und der Knabe, welcher in Ludwigsburg zurückblieb, musste von dieser Zeit an, zwei Jahre lang, Kost und Wohnung bei dem lateinischen Magister nehmen. Der Hauptmann Schiller nämlich, von jeher ein Liebhaber des Gartenbaus und der Baumzucht, hatte in Ludwigsburg eine Baumschule angelegt, die guten Erfolg hatte. Der regierende Herzog Carl übertrug ihm nun die Oberaufsicht über alle Gartenanlagen und Baumpflanzungen, welche bei dem damals eben aufgebauten Lustschloss der Solitude angelegt werden sollten. Jetzt eröffnete sich dem Mann ein erwünschter Spielraum für seinen Geschäftsgeist. Er befriedigte in diesem Posten des Herzogs Erwartungen so sehr, dass ihm endlich der Rang eines Majors erteilt wurde. Er soll hier über sechzigtausend Baumstämme gepflanzt haben.

   Die Konfirmation des jungen Schillers fiel in das Jahr 1772, als er seinen Kursus in der lateinischen Schule vollendet hatte. Seine Mutter, welche, vermutlich um dieser kirchlichen Feier beizuwohnen, den Tag vorher mit ihrem Gatten nach Ludwigsburg hinübergekommen war, sah ihren Sohn auf der Straße herumschlendernd, und machte ihm über seine Gleichgültigkeit gegen die wichtige Handlung des folgenden Tages Vorwürfe. Betroffen zog sich der Knabe zurück und überreichte nach wenigen Stunden seinem Vater ein deutsches Gedicht, welches seinen Tauferneuerungsbund zum Gegenstand hatte. Der Vater empfing ihn scherzend mit der Frage: „Bist Du närrisch geworden, Fritz?“1) Wir müssen es aber nach früher Bemerktem in Abrede stellen, dass dieses verloren gegangene Gedicht das erste gewesen sei, welches Schiller zu Papier gebracht habe.

   Da Friedrich Schiller die lateinische Schule zu Ludwigsburg nun durchlaufen hatte, so stand er, mit ganzer Beistimmung seiner unbemittelten Eltern, nun im Begriff, in eine grobe, schwarze Kutte gehüllt, sich der mönchischen Zucht in einer der vier Klosterschulen des Landes zu unterwerfen, um die neunjährige Laufbahn eines württembergischen Seminaristen zu durchlaufen. Wie hätte sich sein angeregter Dichtergeist innerhalb dieser dumpfen Mauern entwickeln können, wo alle deutsche Literatur in die Acht erklärt war und Sprachwisserei und die Glaubenslehre des echten Luthertums beinahe ausschließlich gelehrt wurden? Doch die Vorsehung hatte es anders über ihn verhängt.

   Der Herzog Carl, welcher im reifern Alter durch edlere Zwecke und höheres Streben die Selbstbefriedigung zu erlangen suchte, welche seiner ungesättigten Leidenschaft bisher Sinnenlust, ausländische Kunstgenüsse, Glanz und Luxus nicht hatten gewähren können, war, unter anderen löblichen Unternehmungen, auch auf die Idee gekommen, auf seiner Solitude ein weitläufiges Lehr- und Erziehungsinstitut zu errichten. Der Herzog hatte nämlich seine bisher wandelbare Liebe für das schöne Geschlecht im Jahr 1772 einer einzigen Frau zugewendet, der geschiedenen Baronesse Franziska von Leutrum, die er schnell zur Reichsgräfin von Hohenheim, und später, nachdem Schiller sein Geburtsland bereits verlassen hatte, zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erhob. Die anmutige, gütige Franziska, welche Wissenschaft und Kunst liebte, fesselte nicht allein die Sinnlichkeit des Herzogs, sondern erweckte auch edlere Triebe und Bestrebungen in seiner Seele, so dass sich von ihr hauptsächlich die Umwandlung des in seiner ersten Regierungsperiode verhassten, dagegen in seiner zweiten, trotz seines autokratischen Regiments, gefeierten, und auch jetzt noch nicht vergessenen Herzogs Carl herschreibt. So bestärkte sie ihn auch in dem Gedanken jenes Instituts, und als dasselbe ins Leben getreten war, begünstigte sie es fortwährend. Ursprünglich war auf der Solitude nur ein militärisches Waisenhaus für vierzehn Soldatenkinder, aber schon im zweiten Jahr, 1771, wurde die Anstalt erweitert, und erhielt den Namen militärische Pflanzschule, weil alles nach militärischer Regel eingerichtet wurde, und die Zöglinge meistens Söhne von Offizieren oder von gemeinen Soldaten waren, mit Ausnahme einiger Söhne von „rechtschaffenen Bürgern“. Die Anstalt umfasste bald gegen dreihundert Knaben und Jünglinge von zehn bis sechzehn Jahren, auch aus dem Ausland. Die Emporbringung und Organisation dieser Schule ward schnell ein Lieblingsgeschäft des Herzogs, und wie sein Eigenwille sich auf das Speziellste erstreckte und alles selbst regulieren wollte, so gab er jetzt Schulvorstehern auf, ihm geeignete Zöglinge für seine Pflanzschule namhaft zu machen. Da wurde ihm durch den Lehrer Jahn auch der Sohn des Hauptmanns Schiller empfohlen, und sogleich machte der Herzog diesem das Anerbieten, den jungen Friedrich in der Pflanzschule kostenfrei unterrichten und erziehen zu lassen. Dieser Antrag verursachte in der Familie große Bestürzung, weil er den lang gehegten Plan, dass Schiller sich dem geistlichen Stande widmen sollte, vereitelte, zu welchem man auf der Pflanzschule sich nicht vorbereiten konnte. Der Vater machte eine freimütige Gegenvorstellung an den Landesherrn. Dieser aber wiederholte sein Begehren noch zweimal, und da er gewohnt war, jeden seiner Wünsche als Befehl befolgt zu sehen, so durfte die Gnade nicht länger abgelehnt werden. Es war auch vieles, was die Eltern, besonders den Vater, beruhigen, und mit dem Willen des Herzogs versöhnen konnte. Schiller selbst aber fühlte sich mit Schmerz gewaltsam aus seiner Neigung gerissen, und eine Stimme erhob sich in seinem Innern gegen den eigenmächtigen Eingriff des Gebieters in seinen Lebensplan.

   Im vierzehnten Lebensjahr, am 17. Januar 1773, trat Schiller in die militärische Pflanzschule an dem Wohnort seiner Eltern, auf der Solitude, mit dem Vorsatz, Jurisprudenz zu studieren, denn die Wahl des Berufsstudiums war ihm vom Herzog freigestellt worden. Doch im ersten Jahre setzte er die Beschäftigung mit den alten Sprachen fort, lernte Französisch und wurde in den Lehren des Christentums, in Geographie, Geschichte und den Anfangsgründen der Mathematik unterrichtet.

   Diese Bildungsanstalt erhielt erst allmählich mit ihrer größeren Ausdehnung eine festere Organisation. Die Zöglinge waren in adlige und bürgerliche geteilt, jene Klasse hieß Kavaliere, diese Eleven. Als ihre Gesamtzahl dreihundert zählte, war jede Klasse in drei Abteilungen rangiert, von denen jede ihren besondern Schlafsaal hatte; jede Abteilung aber unter einen Hauptmann mit zwei Unteroffizieren, jede Klasse unter einen Major und das Ganze damals unter den Obersten von Seeger gestellt. Anfänglich standen den Abteilungen als Oberaufseher Sergeanten vor, die ein solches Kommando führten, dass man in ihrer Nähe nicht zu atmen wagte. Harte Strafen züchtigten Nachlässige und Widerspenstige und einmal wollten Zöglinge beim Befehl körperlicher Züchtigung das Schreckenswort vernommen haben: „Bis Blut kommt!“ Die Eleven waren meistens zu Malern, Bildhauern, Architekten, Stuckateuren, Gärtnern, ja sogar zu Schneidern und Schuhmachern, die Kavaliere hingegen vorläufig für den Militärdienst bestimmt. Bald aber wurden mit Ausnahme der Theologie, für welche die älteren mönchischen Klosterschulen und das Stift zu Tübingen in seltsamem Kontrast mit diesem prunkenden Erziehungshaus der modernen Kultur fortbestanden, alle Wissenschaften in das Institut aufgenommen, zuletzt noch die Medizin. Jetzt stellte man allmählich fünfzig Professoren und Lehrer an, und teilte die Zöglinge nach den Lehrgegenständen in vierundzwanzig Divisionen. Dies geschah schon im Jahr 1774, wo die Anstalt auch den Namen „Militärakademie“ erhielt.

   Die strengste militärische Form herrschte in diesem künstlich zusammengesetzten Staat. Das Kommando führte die Schüler in den Speisesaal, in das Schlafgemach, in die Lehrzimmer, zum Gebet. Ein gleichmäßiges Tempo regelte jede Bewegung. Den Ehrgeiz der Zöglinge suchte man durch Preismedaillen und einen Orden zu erwecken. Über den Anzug hat uns Scharffenstein aus dem Elsass, ein Eleve der Militärschule, nachher Generalleutnant in württembergischen Diensten, folgende Zeichnung gegeben: „Die Offizierssöhne hatten gewöhnlich hellblaue, kommistuchene Westen mit Ärmeln; der Kragen- und Ärmelaufschlag war von schwarzem Plüsch, die Beinkleider von weißem Tuch, der Kopfputz, ein kleiner Hut, zwei Papilloten an jeder Seite, ohne Puder. Alles trug sehr lange falsche Zöpfe, nach einem bestimmten Maße. Der Paradeanzug hatte mehrere Gradationen und zum größten Putz trug alles Uniformen. Es gab z.B. eine Parade von geringerem Grad, wo zwar der gewöhnliche Anzug stattfand, aber mit vier Papillonen an jeder Seite in zwei Etagen und Puder. Da sah unser Schiller komisch aus. Er war für sein Alter lang, hatte Beine, beinahe durchaus mit den Schenkeln von einem Kaliber, sehr langhalsig, blass, mit kleinen, rot umgrenzten Augen. Er war einer der unreinlichsten Burschen der Anstalt. Und nun dieser ungeleckte Kopf voll Papilloten mit einem enormen Zopf. Ich könnt’ ihn noch malen!“ – Wegen dieser Unreinlichkeit musste sich der Eleve Schiller auch von dem Oberaufseher, dem Sergeanten Nies, der die Zucht mit fürchterlicher Strenge handhabte, einen „Schweinpelz“ schelten lassen.

   Bei einer solchen Dressur des Körpers wie des Geistes konnte es am allerwenigsten unserm jungen Freund wohl werden. Nach einem halben Jahr, am 12. Juli 1773, hören wir ihn in einem Brief an seinen Freund, den jungen Moser in Ludwigsburg, klagen: „Dein Friedrich ist nie sich selbst überlassen; den einmal festgesetzten Unterricht muss er anhören, prüfen und repetieren und Briefe an Freunde zu schreiben (setzt er sich entschuldigend hinzu) steht nicht in unserem Schulreglement. Sähest Du mich, wie ich neben mir Kirschs Lexikon liegen habe und vor mir das Dir bestimmte Blatt beschreibe, Du würdest auf den ersten Blick den ängstlichen Briefsteller entdecken, der für dieses geliebte Blatt einen nie gesehenen Schlupfwinkel in einem geistesarmen Wörterbuch sucht.“

   In Betreff der wissenschaftlichen Fortschritte Schillers bis zu der Zeit, wo er das Rechtsstudium anfing, weichen die Urteile zweier Schulgenossen voneinander ab. Der bewährte, streng urteilende Petersen sagt, Schiller habe außer dem Lateinischen, worin er aber Meister gewesen sei, in allen übrigen schon in Ludwigsburg begonnenen Disziplinen beinahe nichts gelernt. Der andere Schulfreund, von Hoven, den er schon von Ludwigsburg her kannte, erzählt uns: Er habe in den gelehrten Sprachen bedeutende Fortschritte gemacht, habe die französische Sprache bald bis zum geläufigen Verständnis ihrer Schriftsteller kennen lernen, und sei auch in den so genannten Vorbereitungswissenschaften nicht zurückgeblieben. Diese letztere Angabe wird auch durch die Nachricht bestätigt, dass, wie in den Listen noch zu finden ist, „Johann Christoph Friedrich Schiller von Marbach“, am 14. Dezember 1773, in Gegenwart des Herzogs, welcher alles selbst beaufsichtigend den Schulfeierlichkeiten und häufig auch den Lehrstunden beizuwohnen pflegte, den ersten Preis im Griechischen erhielt. „Um jedoch seine Stärke in dieser herrlichen Sprache nicht zu überschätzen“, fügt Petersen bei, „muss man wissen, dass er eigentlich nur weniger schwach darin war, als seine Mitbewerber und dass die ganze Aufgabe bloß in Erklärung äsopischer Fabeln bestand. Über Hippokrates’ Aphorismen brachte Schiller es auch späterhin nicht hinaus, und den Plutarch las er nicht in der Ursprache.“ Aber in der Rechtswissenschaft, die er sich seit dem Jahr 1774 (also im fünfzehnten Lebensjahr!) zum Studium machen solle, wollte es ihm nicht gelingen. Hier blieb er offenbar hinter seinen Mitschülern zurück. Seine Lehrer heilten ihn sogar für talentlos. Nur der scharfe Blick des Herzogs durchschaute seine Anlagen, und nahm seinen Zögling gegen die Lehrer in Schutz: „Lasst mir diesen nur gewähren“, sprach er, „aus dem wird etwas.“

   Schillers Forschritte konnten nicht alle Anforderungen erfüllen, denn sein Sinn war ausschließlich auf das Studium poetischer Werke gerichtet. Er hatte Klopstocks Werke kennen lernen, die gleichsam seine ganze Seele verschlang. In Klopstocks Oden und der Messiade fand er die willkommenste Nahrung für sein liebendes Herz, seinen frommen Sinn, sein poetisches Talent. Seine Beschäftigung mit Klopstock war sein flüchtiges, gleichsam naschendes Genießen, sondern ein ernstes, tagtäglich fortgesetztes Aufmerken, Empfinden, Beobachten, Vergleichen, Forschen, Aneignen. Alles Große und Erhabene, Zarte und Weiche, Innige und Geistige der Klopstockschen Gedanken, Gefühle, Anschauungen, Bilder saugte er voll und warm in seine Seele ein. Die mächtig erweckten, religiösen Gefühle regten sogar das Verlangen wieder an, sich dem geistlichen Stand widmen zu dürfen. Nicht selten wandelten ihn heilige Schauer und gottesdienstliches Entzücken an; er ergoss sich oft in Gebete und hielt auch in Gesellschaft anderer Andachtsübungen, aber nie, setzt Petersen hinzu, gesellte er sich zu den schwärmerischen Betbrüdern und verschrobenen Kopfhängern, die unter dem Namen Pietisten ebenfalls in der Militärschule einige Jahre hindurch ihr Wesen trieben. In diesem religiös-ästhetischen Drang griff er zur Bibel in der Lutherschen Kernsprache, und suchte, und fand hier den Stoff zu einem Epos. Er versuchte schon im Jahr 1773 freilich mehr mit angestrengtem Nachstreben und mühevollem Nachbilden, als mit eigenem Reichtum und selbst schaffender Kraft, den israelitischen Gesetzgeber, Moses, episch zu verherrlichen, wie sein Vorgänger den Welterlöser besungen hatte. Außer Klopstock las er nur noch Virgils Aeneide und die Lieder und Hochgesänge des alten Testaments in Luthers Übersetzung.

   Welchen neuen Reiz erhielt die Lektüre deutscher Dichter durch das Verbot des Instituts, sie zu lesen! „Dass Du“, schrieb er an seinen Freund Moser, „eher zum Zwecke kommen würdest, das ahnte ich jetzt erst, da ich durch die Erfahrung einsehen lernte, dass Dir, einem freien Menschen, ein freies Feld der Wissenschaften geöffnet war. Dem Himmel sei es gedankt, dass in unseren Kriminalgesetzbüchern, neben der Strafe des Felddiebstahls, nicht auch eine Pön auf die Diebstähle in entlegenen wissenschaftlichen Feldern gesetzt ist; denn sonst würde ich Armer, der ganz heterogene Wissenschaften treibt und im Garten der Pieriden manche verbotene Frucht nascht, längst mit Pranger und Halseisen belohnt worden sein.“

   Zu Ende des Jahres 1773 oder zu Anfang des folgenden lernte er, durch einen Freund, Gerstenbergs Ugolino kennen, welches Trauerspiel durch seine rührenden, erhabenen und tief erschütternden Szenen einen fortwirkenden, entscheidenden Eindruck auf sein ideal gestimmtes Gemüt machte; und noch im reifen Mannesalter, wie man aus einem Briefe an Goethe sieht, hielt er dieses Stück in Ehren. Zu seinen Lieblingen gehörten ferner Lessings Schauspiele, des viel versprechenden Malers Friedrich Müller Gedichte, und seit 1776 Leisewitzes Julius von Tarent. Lessing und Leisewitz halfen seine ganze Darstellungsweise bestimmen. Besonders aber bezauberte ihn Goethes Götz von Berlichingen, dessen Werther er schon früher verschlungen hatte.

   Schiller bekam durch diese Dramen allmählich eine andere Richtung. Sein Geist wurde dem Lyrischen, dem Epischen und Klopstocks religiöser Dichtung mehr und mehr entzogen und gleichsam unwillkürlich in die tragische Laufbahn hinüber gehoben. Die Tragödie stellt den Menschen im Kampf mit seiner äußeren Lage, dem Schicksal dar, und Schiller fand sich, je länger je mehr, in einem solchen Widerstreit begriffen. Er lebte sich in den Tragiker hinein. Der harte Druck erweckte allmählich neben den sanften, frommen Gefühlen der Humanität, in der erstarkenden Seele die heroischen Stimmungen der Freiheit und Geistesselbstständigkeit.

   Sein Lehrer Abel gibt in höchst wichtigen, bisher unbenutzten handschriftlichen Nachrichten über Schiller2) als Grund, warum dieser von Schüchternheit schnell zum Selbstgefühl überging, auch den guten Erfolg in seinen Studien an. „Daher“, sagt er, „entstand bald Gefühl seiner überwiegenden Kraft, Vertrauen zu sich selbst und Mut, welches alles überdies durch den Beifall seiner Vorgesetzten und Lehrer, durch die Achtung seiner Mitschüler sehr erhöht wurde. Der vorhin so schüchterne Jüngling fing nun an, eine Rolle neben seinen Kameraden zu spielen, und selbst mit den Vorgesetzten und Lehrern ging er auf viel freierem Fuß um. Auch sein Äußeres kündigte die große Veränderung an.“ So kam es denn, dass er im Verlauf des achtjährigen Aufenthalts in dieser Anstalt gleichsam ein anderer Mensch wurde. Ehemals einsam, verschlossen, eingeschüchtert; jetzt im Gefühl der treibenden Kraft mutwillig, neckend, foppend und zwar oft sehr derb und stechend. Einem seiner Mitzöglinge, einem ausgezeichneten Esser, der ihn um ein Andenken in das Stammbuch bat, schrieb er die Worte hinein: „Wenn Du gegessen und getrunken hast, und NB. satt bist, so sollst Du den Herrn, Deinen Gott, loben.“

   Schillers erste poetische Produkte waren daher nicht weicher, sentimentaler Art, sondern verkündeten ein bereits mit den Konventionen der Gesellschaft in Fehde begriffenes Gemüt. Kraftäußerungen begeisterten ihn vorzüglich. Als Scharffenstein einem Oberaufseher mit Festigkeit entgegentrat, besang er dieses Aufsehen machende Benehmen in einer Ode, die er für sein Meisterstück hielt. Dieser Vorfall veranlasste den innigen Anschluss beider Freunde und den völligen Austausch ihres Innern. Zu ihnen gesellten sich als Gleichgesinnte der mehrmals erwähnte Petersen, von Bergzabern in der Rheinpfalz, später Bibliothekar in Stuttgart, und von Hoven der Ältere, zuletzt Medizinalrat in bayerischen Diensten und andere. Sie stifteten einen Bund, dessen Stamm, sittlich und dessen Blumenkrone poetisch war. Wir werden ihm später wieder begegnen.

Ü   Þ


1) Petersen erinnerte sich bestimmt, diesen letzten Umstand von Schillers Vater vernommen zu haben. ­
2) Ich werde sie im Morgenblatt vollständig abdrucken lassen.
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