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            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1. Kapitel
                  Eltern und Geschwister
                  Häusliche Erziehung
                  Unterricht in Lorch
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Unterricht in Lorch

   Im Jahr 17651) erzählt uns Schillers Schwägerin, Frau von Wolzogen, welcher wir die meisten dieser Nachrichten über Schillers Kinderjahre verdanken, schickte der regierende Herzog Carl von Württemberg den Vater als Werbeoffizier nach der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd und befahl ihm, mit seiner Familie im Dorf und Kloster Lorch, als nächstem württembergischen Grenzort, zu wohnen. „Dadurch“, fügt Schwab bei, „wurde der Knabe im sechsten Jahre aus dem lachenden Neckartal in die ernste Stille eines von Nadelhölzern umstellten Wiesengrundes versetzt. Das Dorf Lorch liegt am Fuße des Hügels, den schon auf der Staffel eines Tannengebirges die Klostergebäude krönen, vor deren Mauern auf einem Vorsprung eine uralte Linde Wache hält; der Hohenstaufen mit einem Gefolge von Bergen blickt nach dem Kloster herüber, das zahlreiche Gräber jenes erlauchten Geschlechtes umschließt; in der Tiefe schlängelt sich der Remsfluss freundlicheren Gegenden und segensreichen Rebenpflanzungen zu.“ In dieser anziehenden Gegen wurden von dem jungen Schiller in Gesellschaft der Schulgenossen, der geliebten Schwester und auch wohl der Eltern, häufige Spaziergänge gemacht. Der Vater deutete ihm die ehrwürdigen Trümmer des Stammschlosses der Hohenstaufen und mit einer bedeutenden Anschauung zogen die ersten großen historischen Vorstellungen in sein Gemüt ein; Friedrich durfte den Vater in die Übungslager, zu den Förstern im Wald und weiter auf das schöne Lustschloss Hohenheim begleiten. Begierig hörte er ihn von seinen Feldzügen erzählen. Jenes Kloster, welches die Gräber der Hohenstaufen bewahrt, ward von beiden Geschwistern häufig besucht, gewiss nicht ohne ernste Eindrücke und ahnungsvolle Schauer in den empfänglichen Kinderherzen zurückzulassen. Er ging gern in Kirche und schule, bisweilen jedoch versäumte er sie, um einen Ausflug in die nahen Berge zu machen. Auch auf eine Kapelle des Kalvarienberges bei dem nahe gelegenen Gmünd, zu welcher der Weg durch die Leidensstationen führte, wandelten sie gern.

   Schiller bewahrte für die Gegen von Lorch immer eine große Anhänglichkeit, und als er die Carlsadademie verlassen hatte, war es einer seiner ersten Ausflüge mit seiner ältesten Schwester, um sich hier wieder in die glücklichen Tage seiner Kindheit zu versetzen. Ohne Zweifel hat der dreijährige Aufenthalt an diesem Ort und ein ununterbrochener Verkehr mit der freien Natur in ihm die Neigung zum Landleben, das Gefühl für Naturschönheiten und den Hang zur Einsamkeit, sowie den Sinn für Unabhängigkeit zuerst erweckt und begründet.

   In dieser ländlichen Stille erhielt der junge Friedrich den ersten regelmäßigen Unterricht im Lesen, Schreiben und in den Anfängen des Lateinischen, ja auch schon des Griechischen. Der Ortsdiakon Moser, ein Freund des Schillerschen Hauses, unterrichtete ihn zugleich mit seinen eigenen Söhnen. Diesem würdigen Geistlichen hat Schiller durch die wohlwollende Charakterschilderung des Pastors Moser, in den Räubern, ein bleibendes Denkmal gestiftet. In einem der Söhne des Pfarrers, Christoph Ferdinand (nicht Carl)2) Moser, fand Schiller seinen ersten Jugendfreund, welcher auch später mit ihm in Ludwigsburg die lateinische Schule besuchte.

   Die Anhänglichkeit an den sanften, redlichen Geistlichen und seine Familie steigerte Friedrichs religiösen Sinn, der ihm längst durch die häusliche Erziehung eingeflößt worden war und in seiner idealen Gemütsrichtung Anklang fand, zu dem Vorsatz, selbst einmal Prediger zu werden. Diesen Traum der Neigung verwob der lebhafte Knabe sogleich in seine Spiele. Er stieg auf einen Stuhl und fing mit vielem Nachdruck an zu predigen. Welche Sprüche er gelernt, welche Stellen er aus der Bibel, aus Gellert und Zu, die ihm von Vater und Mutter vorgelesen wurden, oder was er aus dem Unterricht und den Predigten seines Lehrers behalten hatte, reihte er zusammen und ließ es auch nicht an einer Einteilung fehlen. Mutter oder Schwester mussten ihm eine schwarze Schürze als Kirchenrock umbinden und ein Käppchen aufsetzen, und er sah dabei sehr ernsthaft aus. Wenn jemand lachte oder unaufmerksam war, lief er unwillig davon, oder er ging wohl auch in seinem Vortrag zu einer Strafpredigt über3). „Hoher Sinn liegt oft in kind’schem Spiel.“ Der Kidnestraum hat ihn nicht getäuscht. Schiller ist wirklich dem Wesen nach ein Prediger geworden, aber nicht von der Kanzel, sondern von der Schaubühne herab, nicht vor einer konfessionellen Gemeinde, sondern ein Prediger von der großen Menschenfamilie.

   Milde, Liebe, Güte, Frömmigkeit waren die hervorstechenden Eigenschaften des jungen Schiller während seiner ersten acht Lebensjahre. Diese Humanität des Gemüts war ihm gleichsam angeboren, und wurde durch die Religiosität im Hause der Eltern, der Geistlichen, ja damals wohl im ganzen Land, durch die Liebe der Mutter und Schwester, sowie auch durch die Einflüsse einer schönen Natur weiter ausgebildet. Sein Gemüt war biegsam, gefühlvoll, verträglich, mitteilend. Von einem ihm allein bestimmten Gericht mochte er nicht essen, ohne seinen beiden Schwestern etwas davon mitzuteilen. Einen begangenen Fehler zu leugnen, war er nicht imstande. Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit lagen schon in seiner fein organisierten Natur. Hilfreich zu sein, war seine unwiderstehliche Neigung, und da er vom Eigentum keinen Begriff hatte, so schenkte er an seine Kameraden und an Arme, was er konnte und um was er angesprochen wurde, Bücher, Kleider, Schuhschnallen. Er setzte hierdurch die sparsamen und unbemittelten Eltern oft in nicht geringe Verlegenheit, und der Vater verfuhr deswegen oft streng und hart mit ihm. Die Schwester Christophine nannte sich in solchen Fällen, auch wenn sie ganz unschuldig war, wohl als Mitwisserin oder Teilnehmerin, und lenkte die Scheltworte und fühlbaren Züchtigungen des Vaters vom Bruder auf sich ab. Auch suchten die Geschwister durch eine gewisse List sich der Strenge des Vaters zu entziehen. Wenn sie gefehlt hatten, dass sie von ihm Schläge befürchten mussten, so bekannten sie ihrer sanften Mutter im Voraus ihr Vergehen und baten, um nicht von dem zornigen Vater bestraft zu werden, dass sie die Strafe vollziehen möchte. So musste der Konflikt mit dem Vater, wie sehr er auch des Sohnes gute Eigenschaften schätze, in diesem doch allmählich andere Kräfte, als jene milden Eigenschaften des Herzens entwickeln, Kräfte, welche unter hartem Druck und in der Schule der Widerwärtigkeiten bald gestärkt werden sollten.

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1) In einem Notizbuch von 1799 schreibt Schiller eigenhändig: „Im Jahr 1760 nach Gmünd und Lorch.“ Irrt sich nun Schiller vielleicht in der Jahreszahl, so kann er doch nicht bis in sein sechstes Jahr in Marbach gewohnt haben, weil er sonst noch Erinnerungen von dieser Zeit hätte haben müssen, die ihn verhinderten, 1760 sich schon nach Lorch zu versetzen. Nach einer anderen Nachricht hatte der Hauptmann Schiller vor seinem Aufenthalt in Lorch zwei Jahre Quartier in Ludwigsburg (oder Cannstadt), wovon aber jenes Notizbuch nichts sagt. Hat vielleicht Schiller gegen Frau von Wolzogen Recht? ­
2) S. Schillers Leben von G. Schwab, Vorerinnerung zum zweiten Druck, S. XVI.
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3) Doch bemerkt Peterson, dass Schillers Geschwister von diesen Kinderpredigten zwar erzählten, aber seine Jugendfreunde nicht das Mindeste davon wissen.
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