Friedrich Schiller @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Schiller, Friedrich
         Biografien
            Hoffmeister - Schillers Leben

            Vorwort
            Inhalt

            1. Teil
               1. Kapitel
                  Eltern und Geschwister
                  Häusliche Erziehung
                  Unterricht in Lorch
               2. Kapitel
               3. Kapitel
               4. Kapitel
               5. Kapitel
               6. Kapitel
               7. Kapitel
               8. Kapitel
               9. Kapitel
               10. Kapitel
            2. Teil
            3. Teil

Häusliche Erziehung

   Bis zum Abschluss des Hubertsburger Friedens, 1763, wo der Vater wieder bleibend in seine Heimat zurückkehrte, also über drei Jahre lang, blieb der kleine Friedrich im großväterlichen Haus unter der ausschließlichen, sanften Pflege der Mutter. Sie war von Gestalt wohl gebaut und schlank, ohne eben groß zu sein, der Hals lang, die Haare sehr blond, beinahe rot, die Augen etwas kränklich, das Gesicht ziemlich sommerfleckig, aber die Züge von Milde und Güte belebt. Und, wie Kant, so wuchs auch Schiller in allem diesem als das Ebenbild seiner Mutter heran, während er mit der kurz gedrungenen Statur, den lebhaften Augen und der hochgewölbten Stirne seines Vaters nichts gemein hatte. Auch er war blauäugig, langhalsig, sommersprossig und rotlockig und dazu noch leberfleckig. Was ihr an Ausbildung und vielleicht auch an Anlagen des Verstandes abging, ersetzte sie reichlich durch Innigkeit des Gefühls. Sie war, wie Schillers Jugendfreund Petersen sagt, ein sanftes, pflichtgetreues Weib, und wie alle ihre Briefe bezeugen1), das frömmste, zärtlichste Mutterherz. Die Gedichte von Zu und Gellert waren ihr lieb, besonders als geistliche Dichtungen, und, wenn die Nachricht wahr ist, verstand sie es auch, die Harfe zu spielen, und ihre Empfindungen in Versen auszusprechen.

   In der Wärme einer solchen Mutterliebe entfalteten sich in dem anmutigen Marbach die Gemütskeime des Kindes friedlich und harmonisch. Er war mit einem zarten Körper geboren, welcher von den gewöhnlichen Kinderkrankheiten hart angegriffen wurde und krampfhaften Zufällen ausgesetzt war.

   Mit dem aus dem Kriege heimkehrenden Vater kam ein neues Element in die Familie. Der Hauptmann Schiller war ein Mann von militärischer Ordnungsliebe und fester Strenge, die sich auch schon in seiner klaren, bestimmten und scharf verständigen Sprache ausdrückte. In Tätigkeit, Pflichttreue und Rechtlichkeit konnte er als Muster gelten. Ein sonst bewährter Zeuge sagt, Schillers Vater sei ohne hervorstechende Geistesvorzüge, vielmehr ein etwas schiefer, abenteuerlicher, meistens mit seltsamen Gedanken und Entwürfen beschäftigter Kopf gewesen. Dies Letztere soll vielleicht von früheren Jahren gemeint sein. In seinen Briefen erscheint er durchaus als verständiger, umsichtiger Mann, dem zu abenteuerlichen entwürfen die Phantasie fehlte und der es wahrlich nicht nötig hatte, sich seine für den druck bestimmten Manuskripte über Baumzucht korrigieren zu lassen. Denn seine Briefe sind orthografisch geschrieben und verraten überhaupt einen beträchtlichen Grad von Bildung. Mit den genannten Eigenschaften verband er eine altgläubige Frömmigkeit, in welcher sein Charakter der Seele seiner Gattin begegnete, so dass Gottesfurcht und der aus ihr hervorgehende Geist eines ehrbaren, sittlichen Wandels der Lebensatem der Familie war. Er hatte selbst ein sehr langes, freilich etwas geschmackloses Gebet gemacht, welches er, wenigstens in späteren Jahren, jeden Morgen an Gott richtete und das so anfing:

„Treuer Wächter Israel’s!
Dir sei Preis und Dank und Ehren;
Laut betend lob’ ich Dich,
Dass es Erd’ und Himmel hören“ etc.

   Gleich dem Körper war auch die Seele des kleinen Fritz leicht empfänglich und zart organisiert. Wenn der Vater im Kreis der Seinen dies Morgengebet sprach, oder wenn er aus der Bibel vorlas, so hatte er an dem vier- bis fünfjährigen Sohn den aufmerksamsten Zuhörer. Die gefalteten Händchen, die fromm empor gerichteten Augen, und die Andacht in dem ausdrucksvollen, von langen Haaren umwallten Kindesgesicht, gewährten dann einen anziehenden Anblick. Schon früh war der Knabe auf alles aufmerksam und unerschöpflich im Fragen, bis er den Inhalt dessen, was man ihm sagte oder vorlas, verstanden hatte. Die Mutter pflegte an Sonntagnachmittagen ihrem Sohn und ihrer ältesten Tochter Christophine auf Spaziergängen das Evangelium auszulegen, über welches an dem Tag gepredigt worden war. Als sie einst an einem Ostermontag über Christus sprach, wie er in Begleitung zweier Jünger nach Emaus wanderte, vergossen die beiden Geschwister heiße Tränen, Auch für die Schönheiten der Natur erweckte die Mutter den Sinn ihrer Kinder.

   An diese älteste Schwester schloss sich der kleine Fritz aufs engste an, und es ist begreiflich, dass sie ihm schon durch die Macht des Umgangs näher trat, als die später geborenen Schwestern. Sie hatte aber auch an Gestalt und Charakter eine große Ähnlichkeit mit dem Bruder, und war auch von den Eltern hoch geschätzt und geliebt. Ein schönes Talent für das Zeichnen entwickelte sich schon früh in ihr und wurde von ihr noch im höchsten Alter ausgeübt.

Ü   Þ


1) Diese Briefe der Mutter, des Vaters, der Geschwister etc., sowie der meisten Freunde an Schiller, sind in meinen Händen und ich werde sie benutzen, ohne sie immer namhaft zu machen. ­

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de