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Quellen

Schiller als Lehrdichter

Was Schillers Lehrgedichte betrifft, so ist es nicht durchaus Belehrung, was er dadurch bezwecken wollte. Er war nicht Dichter allein, er war zugleich Denker, und seinem tief durchdringenden Geist konnten wohl die wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit, ihre Bestimmung, die Stufe auf der sie steht und stehen könnte, nicht entgehen. Der Genius des Dichters verwandelte die Resultate seines Nachdenkens in sinnvolle bedeutende Bilder, die er für die Welt und Nachwelt aufstellte. So bestimmt z. B. das Glück das Verhältnis des Angenehmen und Schönen zum Würdigen und Verdienten; in den Idealen wird das Verschwinden der ersten Jugendträume unnachahmlich geschildert, indes der Spaziergang die Entstehung, Fortbildung und Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft beschreibt.

Überhaupt wird wohl niemand, der Schillers poetische Laufbahn von Anfang bis zu Ende aufmerksam verfolgt hat, seine Neigung zur Philosophie, so wie sein Streben entgangen sein, sie mit der Dichtkunst in Einklang zu bringen. Der Leser wird sich aus der vorstehenden Biografie an des Dichters vertrauten Umgang mit Reinhold in Jena erinnern, der Schiller in die Kantische Philosophie einweihte und dadurch die vorhin erwähnte Neigung stärkte und belebte. Finden wir doch selbst in seinen dramatischen Werken, namentlich im Don Carlos, sehr deutliche Spuren dieses überwiegenden Hangs zur Reflexion. Schiller hat in dieser Hinsicht über sich selbst ein wahres, wenngleich zu strenges Urteil gefällt, wenn er bei Gelegenheit des Wallenstein in seinen Briefen sagt: „Ich glaube mit jedem Tag mehr zu finden, dass ich eigentlich nichts weniger vorstellen kann, als einen Dichter, und dass höchstens da, wo ich philosophieren will, der poetische Geist mich überrascht.“ –

Eins der frühsten Lehrgedichte Schillers sind seine Künstler1). Dies Gedicht fällt in die Zeit, wo er sich von dem ungebändigten Schwung seiner Phantasie, wie wir ihn in seinen frühsten Produkten dramatischer und lyrischer Art finden, losgesagt, und sich strengere Fesseln angelegt hatte. Der Inhalt dieses Gedichts ist: Was die Menschheit den Künsten danke. Eine kurze Auseinandersetzung des ohnehin etwas verwickelten Plans dürfte wohl zum Verständnis des Gedichts unumgänglich nötig sein.

Der Dichter wirft zuerst einen Blick auf den hohen, sittlichen und intellektuellen Zustand des jetzigen Menschengeschlechts:

„Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschloss’nem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille.“ usw.

Aber auf dieser Stufe sollte der Sterbliche nicht vergessen, dass es die Kunst war, die ihn hinaufführte. Daran mahnt ihn der Dichter, und deutet überdies an, dass im Schönen ja schon an und für sich das Wahre und Gute wie im Keime eingeschlossen liege, und ein kindlicher, reiner Sinn den Menschen sicherer, und seiner Würde und wahren Bestimmung gemäßer durchs Leben führe, als es späterhin die kalte, alles nach Regeln bedächtig abwägende Vernunft zu tun vermöchte:

„Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,
Eh’ noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
Das matte Blüten langsam treibt.“

Der Dichter beschreibt nun die Entstehung der Künste. So gab das Bild, das sich in den Wellen spiegelte, Anlass zur Erfindung der Malerei. Ihr folgten bald andere Künste:

„Der Obeliske stieg, die Pyramide,
Die Herme stand, die Säule sprang empor,
Des Waldes Melodie floss aus dem Haberrohr,
Und Siegestaten lebten in dem Liede.“

Vortrefflich ist nun das Auftreten der Sänger geschildert, im unsterblichen Liede die Sterblichen begeisternd. Mächtig reißt sich der Mensch von der Sinnlichkeit los, die ihn bis jetzt sklavisch beherrschte, und ein zarteres, edleres Gefühl fängt an, sich in seiner Brust zu regen – die geistige Liebe:

„Im feuchten Auge schwamm Gefühl,
Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde
Entquollen dem beseelten Munde.“

Jetzt stellen die Künstler alles das in einem Gegenstand idealistisch auf, was die Natur nur einzeln unter ihre Lieblinge verteilt. So schuf sich die Phantasie ihre Götter, und mit ihnen zugleich die Bühne. Hier rückte sie die Folge mit der Tat zusammen, welche die Wirklichkeit oft weit voneinander entfernt:

„Was die Natur auf ihrem großen Gange
In weiten Fernen auseinander zieht,
Wird auf dem Schauplatz, im Gesange,
Der Ordnung licht gefasstes Glied.
Vom Eumenidenchor geschrecket,
Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
Das Los des Todes aus dem Lied.“

Doch nicht das Leben allein verschönerte die Kunst, die Phantasie schwang sich selbst über das Grab, um jene finstern Räume mit ihren Lichtgestalten zu bevölkern.

Die Kunst dringt immer weiter, der Künstler fängt an nach der Idee zu arbeiten, die ihm sein Genius eingibt.

Und wie sich nun an den erwachten Schönheitssinn auch alle übrigen geistigen Kräfte des Menschen anschließen, da bildete sich aus dieser Zusammenwirkung das herrliche Zeitalter der Griechen. Wie schön heißt es von Hellas Dichtern:

„Dem großen Künstler ahmt ihr nach.
Wie auf dem spiegelhellen Bach
Die bunten Ufer tanzend schweben,
Das Abendrot, das Blütenfeld,
So schimmert auf dem dürft’gen Leben
Der Dichtung muntre Schattenwelt.
Ihr führet uns im Brautgewande
Die fürchterliche Unbekannte,
Die unerweichte Parce vor.
Wie eure Urnen die Gebeine,
Deckt ihr mit holdem Zauberscheine
Der Sorgen schauervollen Chor.

Als die Menschheit durch Verheerungen barbarischer Völker, durch Bürgerkriege, durch Unwissenheit und Aberglauben in den Zustand einer dumpfen Rohheit zurückgesunken war, da waren es immer die wieder aufgefundenen Dichtungen der Griechen und Römer, die nach und nach den Sinn für das wahrhaft Große und Schöne den Menschen zurückbrachten. Nach dem Untergange des griechischen Kaisertums flüchteten sich die Gelehrten nach Italien und von hier aus wurde die Wissenschaft vorzüglich durch die Dichter in die übrigen Länder Europas verpflanzt.

Schiller schließt mit einer Ermahnung an die Künstler, ihrem hohen Beruf ganz zu leben:

Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!

Den Spaziergang2) oder die Elegie, wie die Überschrift in den Horen vom Jahr 1795 war, hielt Schiller selbst für eins seiner gelungensten Gedichte. „Mir deucht“, sagt er in seinen Briefen, „das sicherste empirische Kriterium von der wahren poetischen Güte meines Produkts dieses zu sein, dass es die Stimmung, worin es gefällt, nicht erst abwartet, sondern hervorbringt, also in jeder Gemütslage gefällt, und dies ist mir noch mit keinem meiner Stücke begegnet, als mit diesem.“ –

Der Gang des Gedichts ist folgender. Einsam und sinnend wandelt der Dichter in einer anmutigen, durch Abwechslung reizenden Gegend. Die mannigfachen Gegenstände um ihn her wecken eine Menge von Erinnerungen und Empfindungen auf, die in seiner Seele schlummerten, und die seine Einbildungskraft schnell in Bilder umgestaltet. Bei dem Anblick der freundlichen Dörfer stellt sich ihm das ruhige, harmlose Glück des Landmanns dar:

„Nachbarlich wohnet der Mensch noch mit dem Acker zusammen,
   Seine Felder umruhn friedlich sein ländliches Dach;
Traulich rankt sich die Reb’ empor an dem niedrigen Fenster,
   Einen umarmenden Zweig schlingt um die Hütte der Baum.
Glückliches Volk der Gefilde! Noch nicht zur Freiheit erwachet;
   Teilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz.
Deine Wünsche beschränkt der Ernten ruhiger Kreislauf,
   Wie dein Tagewerk, gleich, windet dein Leben sich ab!“

Die Aussicht verändert sich; eine Stadt zeigt sich dem Dichter in der Ebene, die sich vor seinen Blicken hindehnt. Seine Phantasie malt ihm hier alles Große und Herrliche, was durch diesen engern Verein der Menschen bewirkt wurde, mit den lebhaftesten Farben aus. Er sieht im Geist, wie sich die einzelnen Stände bilden, sieht Tempel aufsteigen, den unsterblichen Göttern geweiht, und die Herzen mächtig erfüllt von der Vaterlandsliebe heiliger Regung. „Ruhet sanft!“, ruft er den gefallenen zu:

„Ruhet sanft, ihr Geliebten! Von eurem Blute begossen,
   Grünet der Ölbaum, es keimt lustig die köstliche Saat.“

Und nun die meisterhafte Beschreibung des Entwickelns der Künste und Wissenschaften, die durch den Handel und den dadurch herbeigeführten Reichtum und Überfluss mehr und mehr gedeihen. Echt poetisch hat der Dichter die Künste durch einzelne Wirkungen oder Zeichen versinnlicht:

„Mit nachahmendem Leben erfreuet der Bildner die Augen,
   Und vom Meißel beseelt redet der fühlende Stein.
Künstliche Himmel ruhn auf schlanken jonischen Säulen,
   Und den ganzen Olymp schließet ein Pantheon ein.
Leicht wie der Iris Sprung durch die Luft, wie der Pfeil von der Senne,
   Hüpfet der Brücke Joch über den brausenden Strom.
Aber im stillen gemach entwirft bedeutende Zirkel
   Sinnend der Weise, beschleicht forschend den schaffenden Geist.“ usw.

Aber des errungenen Wissens Licht kann missbraucht werden, wenn der Hang nach wilder, gesetzloser Freiheit erwacht, wenn die Menschheit von der Bahn der Natur abweicht und sich rasend selbst zerstört. Herrlich ist das Bild vom Untergang eines Staats, in dem Falschheit, Verrat, Sinnlichkeit und Ungerechtigkeit so lange wüten, bis die Zeit das morsche Gebäude umstürzt:

„Einer Tigerin gleich, die das eiserne Gitter durchbrochen,
   Und des Numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt.“

Jetzt auf einmal windet sich der Weg; die Stadt verschwindet, und der Dichter kehrt von seinen Betrachtungen über die Menschheit und ihr Schicksal zu seinem Spaziergang zurück, wo ihn nun die Ruhe, die Gleichförmigkeit der ihn umgebenden Natur, im Gegensatz jener Zerstörung, die ihm seine Einbildungskraft vor Augen stellte, lebhaft ergreift. Mit wachsender Freude, mit steigendem Entzücken darüber schließt Schiller dies Gedicht, von dem wir heiter, gestärkt, ja mit jener Ruhe scheiden, die uns erfüllt, wenn wir eine schöne Gegend mit der untergehenden Abendsonne verlassen.

Über Schillers Ideale3) findet sich in seinen Briefen folgende Äußerung: „Dies Gedicht ist mehr ein Naturlaut, wie Herder es nennen würde, und als eine Stimme des Schmerzes, die kunstlos und vergleichungsweise auch formlos ist, zu betrachten. Es ist zu individuelle wahr, um als eigentliche Poesie beurteilt werden zu können; denn das Individuum befriedigt dabei ein Bedürfnis, es erleichtert sich von einer Last, anstatt dass es in Gesängen anderer Art, von einem Überfluss getrieben, dem Schöpfungsdrang nachgibt. Die Empfindung, aus der es entsprang, teilt es auch mit, und auf mehr macht es, seinem Geschlecht nach, nicht Anspruch.“ –

Der Dichter schildert uns in den Idealen das Streben des jugendlichen Gemüts, sich süße Träume zu bilden, die dann früher oder später die ernste Wirklichkeit kalt und grausam zerstört. Wehmütig nimmt der Dichter von allen seinen Jugendfreunden Abschied. Darauf spricht er seine glühende Sehnsucht nach Liebe aus, in den herrlichen Versen:

„Wie einst mit flehendem Verlangen
   Pygmalion den Stein umschloss,
Bis in des Marmors kalte Wangen
   Empfindung glühend sich ergoss,
So schlang ich mich mit Liebesarmen
   Um die Natur, mit Jugendluft,
Bis sie zu atmen, zu erwarmen
   Begann an meiner Dichterbrust.“

Bald aber regt sich der Drang nach Taten in der feurigen Seele des Jünglings. Wie viele Pläne entwirft er voll stolzer Zuversicht, wie trägt ihn sein kräftiger, jugendlicher Geist leicht über alle Hindernisse hinweg! Vier freundliche Genien gesellen sich zu ihm, ihn ins Leben einzuführen:

„Die Liebe mit dem süßen Lohne,
   Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
   Die Wahrheit in der Sonne Glanz.“

Bald aber verlieren sich diese glänzenden Begleiter einer nach dem andern, und nur zwei Gestalten, die, wie es scheint, vorher unbemerkt dem Zug gefolgt waren, bleiben bei dem verlassenen zurück – Tätigkeit und Freundschaft:

„Sie stehn ihm tröstend noch zur Seite,
   Ihm folgend bis zum finstern Haus.“

Das Ideal und das Leben4) oder das Reich der Schatten, wie die Überschrift in den Horen vom Jahr 1795 war, nennt Schiller im Vergleich mit der Elegie (dem Spaziergang) ein bloßes Lehrgedicht. „Wäre“, sagt er in seinen Briefen, „der Inhalt so poetisch ausgeführt worden, wie der Inhalt der Elegie, so wäre es in gewissem Sinn ein Maximum gewesen.“ –

Unstreitig gehört das erwähnte Gedicht zu den dunkelsten, und wir möchten Schillers Versuch, in diesem Lehrgedicht gewissermaßen das System der Moral und Ästhetik nach Kantischen Prinzipien dichterisch versinnlicht aufzustellen, im Grunde nicht ganz billigen.

Der Plan des Gedichts scheint dieser zu sein. Der Mensch bemerkt bei seiner ersten Entwicklung in sich zwei verschiedene Kräfte, die Sinnlichkeit und das Geistige, oder nach dem Ausdruck der Kantischen Schule, die Sphäre der Natur und der Freiheit. Wie kann er nun diese beiden widerstrebenden Kräfte vereinigen, wie den Forderungen der Natur genüge leisten, die ihn an die Erde festbannt, und der Freiheit, die ihn über die Welt hinaus ins Unendliche mit sich fortreißt?

Nur dadurch, sagt Schiller, dass er dem Ideal, d. i. dem Schönen nachstrebt, welches nach Kants Prinzipien, unabhängig von der Materie, bloß in der Form besteht, und als solche in der Anschauung ein freies und lebhaftes Wechselspiel unsrer geistigen und sinnlichen Kräfte bewirkt. Der Mensch suche der Natur so viel als möglich zu entfliehen, um ins Reich der Freiheit, oder (wie Schiller sich ausdrückt) des Ideales zu gelangen. Er meide den Genuss sinnlicher Freuden, denn ihn straft ihre Vergänglichkeit, und der Reiz verschwindet mit dem Genuss. Er halte sich an die Form, ohne das Wesen mit frecher Hand zu berühren.

„An dem Scheine mag der Blick sich weiden,
Des Genusses wandelbare Freuden
Nächet schleunig der Begierde Flucht.“

Der bildende Künstler kann zwar den Stoff nicht entbehren, und wo anders als aus der Sinnenwelt könnte er ihn holen? Er kann indes das Urbild, dem er nachstrebt, nicht aus der Wirklichkeit entlehnen, denn wo hätte z. B. Praxiteles das Vorbild zu seiner Venus, Phidias zu seinem Jupiter usw. gefunden? Es muss also schon in des Künstlers Seele vorhanden sein, und er findet es nur im Reich der Ideale (der Formen). „Dringt“, ruft der Dichter,

„Dringt bis in der Schönheit Sphäre,
Und im Staube bleibt die Schwere
Mit dem Stoff, der sie beherrscht zurück.
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
In des Sieges hoher Sicherheit,
Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
Menschlicher Bedürftigkeit.“

Ist es doch auch in der Moral nur das Ideal, d. h. das Sittengesetz, dem wir nachstreben sollen, und schon in diesem Streben liegt die Tugend, da eine vollkommene Erfüllung jenes Gesetzes die menschlichen Kräfte übersteigt.

„Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen,
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.“

Der Dichter konzentriert noch am Schluss die Beschwerden des Kampfes mit der Natur und die Freuden der Verklärung im Bilde des Herkules; er schildert die drückenden Arbeiten, die der Mythus diesem Göttersohne auferlegt, aber auch den Lohn, der im Kreise der Unsterblichen seiner harrt, als er sich aus den Flammen des Öta zum Äther emporschwingt.

„Froh des neuen, ungewohnten Schwebens,
Fliegt er aufwärts, und des Erdenlebens
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt.
Des Olympus Harmonien empfangen
Den Verklärten in Kronions Saal,
Und die Göttin mit den Rosenwangen
Reicht ihm lächelnd den Pokal.“

Das eleusische Fest5) enthält gewissermaßen eine Geschichte der ersten Kultur des Menschen, mit Hinsicht auf seine Bestimmung. Der Dichter besingt darin die Gaben der Ceres, wie sie die Menschen gesellig versammelt, und sie aus rohen, heimatlosen Wilden zu gesitteten Bürgern eines Staates erhebt. „Find’ ich“, ruft die Göttin aus:

„Find’ ich so den Menschen wieder,
Dem wir unser Bild gelieh’n,
Dessen schön gestalte Glieder
Droben im Olympus blüh’n?
Gaben wir ihm zum Besitze
Nicht der Erde Götterschloss,
Und auf seinem Königssitze
Schweift er elend, heimatlos?“

Höchst anschaulich ist die zehnte Strophe des Gedichts:

„Und sie nimmt die Wucht des Speeres
Aus des Jägers rauer Hand;
Mit dem Schaft des Mordgewehres
Furchet sie den leichten Sand,
Nimmt von ihres Kranzes Spitze
Einen Kern mit Kraft gefüllt,
Senkt ihn in die zarte Ritze,
Und der Trieb des Keimes schwillt.“

Schillers herrliches Lied von der Glocke6) verdient wohl, dass wir etwas länger dabei verweilen. Die Form dieses Gedichts ist nicht unpassend mit der Homilie verglichen worden. Wie der geistliche Redner einen Abschnitt der heiligen Schrift von Vers zu Vers durchgeht und so Gelegenheit findet mehr oder minder damit verwandte Lehrsätze daran zu knüpfen, so reiht auch der Dichter hier an den Guss der Glocke, an die einzelnen Verrichtungen dabei, eine Menge der trefflichsten Schilderungen menschlicher Lagen und Verhältnisse. Die Glocke begrüßt mit ihrem Feierklang das neugebor’ne Kind; unter der Mutter liebender Sorgfalt wächst es heran, und nun – wer kennt nicht die unnachahmliche Schilderung des ersten Erwachens der Liebe!

„Da fasst ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilden Reih’n.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe gold’ne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.“

Der Bau der Glocke geht fort, das Spröde muss sich mit dem Weichen vereinen. Diese Idee benutzt der Dichter auf eine leichte Weise zum Übergang von der Liebe zur Ehe:

„Wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet,
Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.

Die Vermählung ist vollzogen, und nun stellt sich uns das Leben mit all’ seinen Mühen und Beschwerden, aber auch zugleich mit seinen Freuden und Annehmlichkeiten dar.

„Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder“ usw.

Aber es liegt in Schillers Individualität, dass er überall gern von der sinnlichen Erscheinung ins Gebiet des Geistigen hinüberschweift. So auch hier. Freudig übersieht der Hausvater sein Glück, und rühmt sich in stolzem Vertrauen eines dauernden Besitzes.

„Doch mit des Geschicktes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.“

Und nun folgt die herrliche Schilderung des Brandes, die Schiller auch unter den Dichtern in der beschreibenden Gattung einen hohen Rang anweist. Andere, nicht minder gelungene Stellen können wir hier nur andeuten: Wie „die ernsten Trauertöne der Glocke einen Wandrer auf dem letzten Wege begleiten“, die Ode an die Ordnung und das gesellige Zusammenleben der Bürger eines wohl eingerichteten Staats, im Gegensatz zu den traurigen Ereignissen, die Aufruhr und bürgerlichen Zwist herbeiführen. Die Glocke, fortwährend das leitende Prinzip des Dichters, ist endlich vollendet und wird nun feierlich zu ihrer Bestimmung eingeweiht. Gedanke und Vers sind hier unnachahmlich schön:

„Hoch über’m niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metall’ner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.“

Das verschleierte Bild7) ist mitunter für dunkel und unverständlich gehalten worden. Allein die Schlussworte:

„Weh’ dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld.
Die wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“

Geben, wie uns dünkt, einen höchst befriedigenden Aufschluss des Ganzen, indem sie auf die uralte Sage vom Baum der Erkenntnis hindeuten, dessen unzeitig genossene Frucht Sünde und Elend über die Welt brachte. Und der wiederholte Ausspruch des Orakels:

– – „kein Sterblicher
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.“

Was kann er anders sein, als eine Warnung vor jenem frevelhaften Übermut, der das Höchste in der Wissenschaft augenblicklich ertrotzen will, statt es durch anhaltenden Fleiß und ruhiges Erforschen des Einzelnen gleichsam aus sich selbst hervorgehen zu lassen? Jener Orakelspruch warnt daher auch zugleich vor der Torheit, auf eine von außen angelernte Erkenntnis Wert zu legen, vor dem Vorwitz, in das Licht sehen zu wollen, ohne vorher das Auge für den Glanz desselben gestärkt zu haben.

Die Wahrheit soll sich auf Tugend gründen, und wem es um diesen Ernst ist, bei dem wird auch das Streben nach jener nie zum Peiniger des Herzens werden. Diejenige von sittlichem Interesse entblößte Wahrheit, die der einseitig Wissbegierige zu sehen bekommt, ist Strafe, und nicht Belohnung seines Strebens. Der Jüngling konnte nur sehen, was sichtbar ist, und spottend gellte ihm das Echo sein „Schauen“ nach. Denn das Ganze der Wahrheit liegt ebenso wenig im Umfang des Auges als des Verstandes.

Schillers Sehnsucht8) verdient, abgesehen von der Vortrefflichkeit der Komposition, schon darum hier eine Stelle, als man aus diesem Gedicht deutlich sieht, worauf sich Schillers Gefühle in den letzten Jahren seines Lebens zunächst bezogen. Er hatte sich als Dichter die Idee eines durch Wahrheit, Güte und Schönheit bestehenden Seelenreichs gebildet:

„Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch das Schöne, das Wahre.
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor9).“

Wogegen alles, was menschliche Kunst, Wissenschaft und Tugend hervorzubringen vermöchten, verschwinden müsste. Das Verlangen, diese Idee zu realisieren, hat er sehr deutlich in seiner Sehnsucht ausgesprochen.

Freilich musste sich auch an Schiller die öfters gemachte Erfahrung wiederholen, dass das endlich erreichte Ziel des Wissens dem höhern Geist die gehoffte innere Befriedigung nicht gibt, und obendrein die erlangte Wahrheit durch den verlorenen Lebensgenuss teuer erkaufen lässt. Und so scheint es uns, als habe es in den letzten Jahren seines Lebens nicht selten Augenblicke gegeben, in denen ihm der Menschen Tun und Lassen von einem Nichts auszugehen und sich in ein Nichts wieder aufzulösen schien.

Dies erkennt man wohl nicht ohne Wehmut in den letzten Strophen des Siegesfestes10) vom Jahr 1803, und noch deutlicher in dem ein Jahr zuvor gedichteten Lied der Kassandra11), das wir schon früher, in andrer Beziehung, erwähnt haben. Stellen wie die folgenden:

Nur der Irrtum ist das Leben,
Und das Wissen ist der Tod.
Nimm, o nimm die traur’ge Klarheit,
Mir vom Aug’ den blut’gen Schein!
Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
Sterbliches Gefäß zu sein.

Meine Blindheit gib mir wieder
Und den fröhlich dunkeln Sinn,
Nimmer sang ich freud’ge Lieder,
Seit ich deine Stimme bin.
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick,
Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
Nimm dein falsch Geschenk zurück.
Mir erscheint der Lenz vergebens,
Der die Erde festlich schmückt.
Wer erfreute sich des Lebens,
Der in seine Tiefen blickt?

Stellen wie diese, zu denen wir noch mehrere hinzufügen könnten, drücken gewiss das Innerste seiner eigenen Empfindung aus. Man sieht, der Kampf zwischen Ideen und Gefühlen war in seinem Innern so heftig geworden, dass er sich notwendig bald entscheiden musste, hätte ihn nicht ein plötzlicher Tod gewaltsam geendet, und so über seine Auflösung uns zweifelhaft gelassen.

Am Schluss dieser Betrachtungen sehen wir uns genötigt, einem Einwurf im Voraus zu begegnen. Vielleicht hat mancher Leser die nähere Auseinandersetzung dieses oder jenes Gedichts ungern vermisst. Allein bei einer so reichen Sammlung von poetischen Erzeugnissen, war es, falls wir nicht die Grenzen dieses Werks durchaus überschreiten wollten, kaum möglich, bei jedem einzelnen Trefflichen länger zu verweilen. Wir sahen uns daher genötigt, nur diejenigen Gedichte hervorzuheben, die durch kühne Bilder oder rasche Übergänge wenigstens einem Teil der Leser hätten unverständlich bleiben können, und glauben uns bei allen, die diesen Gesichtspunkt festhalten, vollkommen entschuldigt.

Ü   Þ


1) In Sch. Werken T. A. Bd. 1, S. 183. O. A. Bd. III, S. 411. ­
2) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 164. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 161.
­
3) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 20. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 20.
­
4) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 144. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 141.
­
5) In Sch. Werken. T. A. Bd. 2, S. 54. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 55. Im Musenalmanach vom Jahr 1799. befindet sich dies Gedicht unter der Überschrift: Das Bürgerlied.
­
6) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 173. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 170.
­
7) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 137. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 133.
­
8) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 16. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 16.
­
9) S. das Gedicht: Die Worte des Wahns in Sch. Werken. T. A. Bd. 2, S. 230. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 227.
­
10) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 43. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 44.
­
11) In Sch. Werken T. A. Bd. 2, S. 84. O. A. Bd. IX, Abt. 1, S. 84.
­

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