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Schiller als lyrischer DichterWas Schiller von andern sentimentalen Dichtern – denn zu diesen gehört er offenbar – unterscheidet, ist, dass die Ideen, die seinen Gedichten zugrunde liegen, eigentlich mehr Resultate tiefsinniger Nachforschungen, als Eingebungen augenblicklicher Begeisterung sind. Diese wunderbare Vereinigung der Spekulation mit dem Talent der Darstellung gibt Schillers Gedichten bisweilen etwas Dunkles und Mystisches, aber auch jene Erhabenheit und Würde, die sie durchgängig charakterisiert. Wir erblicken einen überall nach dem Unendlichen strebenden Geist, der das Höchste ergreifen, das Tiefste ergründen möchte, und doch ist nichts tiefer als sein Gemüt, aus dem eine Fülle von Leben und Liebe quillt. Er strömt sie aus, diese Liebe, in die ganze Natur, und möchte die schwesterliche Geliebte mit Bruderarmen umfangen. Seine Liebe ist heilig und rein, denn überall sieht er die Gottheit, oder ahnet ihre Nähe, wo sie das irdische Auge nicht erkennt. Er fühlt sie im tiefsten Herzen, und das ist kein Wahn, was das tiefste Herz lebendig fühlt. Aussprechen nur lässt es sich nicht, und wagt es die Zunge ja, so schwebt ein heiliges Geheimnis über den Worten. „Zwei schwarze undurchdringliche Decken hängen an den beiden Grenzen des menschlichen Lebens herunter, und noch hat kein Sterblicher sie aufgezogen.“ Der Geist des Dichters aber ringt ohne Unterlass danach. Nur die Schatten schweben die Gestalten der Zeit an ihm vorüber, die Ewigkeit nur verheißt Bleibendes, nach welchem sein Blick selbst im höchsten Gefühl der Freude aufschaut. Allein umsonst; er ist an das Leben gebannt, und was beschwört nun den Sturm seiner Seele? – Freundschaft nur und
Er fügt sich in das Leben, aber nie verliert er sich darin, denn stets sieht er es aus höhern Gesichtspunkten an, hat beim Kleinen überall das Große, beim Einzelnen das Ganze und stets der Menschheit hohes Ziel im Auge. Daran mahnt ihn das absegelnde Schiff, daran jeder Spaziergang, daran die tönende Glocke. Er sieht im Weib nicht bloß das Geschlecht, und im wirbelnden Tanz erblickt er den höhern, den leuchtenden Sonnen in kühn gewundenen Bahnen durch den ewigen Raum beginnen. „Dieser Dichter“, sagt Jean Paul sehr schön, „wirft über die beiden Enden des Lebens und Todes, in die beiden Ewigkeiten, in die Welt vor uns und in die Welt hinter uns, kurz über die unbeweglichen Pole der beweglichen Welt seinen dichterischen Schein, indes er über der Mitte der Welt mit dem Tageslicht der Reflexionspoesie steht, wie die Sonne nur an beiden Polen wechselnd nicht untergeht und den ganzen Tag als ein Mond dämmert1).“ Wir glauben durch die eben angeführten Bemerkungen das Eigentümliche der Schillerschen Poesie im Allgemeinen angedeutet zu haben und wenden uns nun zu seinen lyrischen Gedichten, von denen wir, bei ihrer großen Anzahl, freilich nur diejenigen hervorheben können, die die Individualität des Dichters am treffendsten bezeichnen. Das bekannte Lied an die Freude2) möge hier zuerst einen Platz einnehmen. Diese mit dem höchsten Feuer poetischer Begeisterung gedichtete Ode spricht das edelste Gefühl des Menschen in den glücklichsten Augenblicken seines Lebens aus. Mit kühner Begeisterung lässt der Dichter im Chor den Schöpfer selbst in die Reihen der Fröhlichen treten. Wie Schiller in der zweiten Strophe die ganze Menschheit in den Kreis der Freude ruft:
So schließt er in die letzte Strophe den ganzen Umfang menschlicher Pflichten ein:
Vielleicht möchte doch mancher Leser die späterhin von Schiller weggelassene letzte Strophe, mit der sich das Gedicht in der Thalia endigt, ungern vermissen. Sie heißt:
Durch diesen Chor fühlen wir jede Dissonanz aufgelöst, und uns zugleich in jene stille, halb wehmütige Stimmung versetzt, die gerade für das ungewöhnlich aufgeregte Gemüt so wohltuend ist. Die Klage der Ceres3) nimmt unter Schillers Elegien gewiss eine sehr vorzügliche Stelle ein. Die Anlage des Gedichts ist folgende. Beim Erwachen des Lenzes durchwandert Ceres die blühenden Gefilde der Erde. Bange Ahnung verrät der Göttin den Aufenthalt der entschwundenen Tochter:
Aber Ceres kann unmöglich von dort Kunde von der Tochter erhalten, da das Geschick ihr als Göttin den Zutritt zur Unterwelt strenge versagt. Sie beneidet das Schicksal der Sterblichen, denen der Tod jene dunkle Behausung aufschließt.
Ihr Flehen, ihre Wünsche sind vergeblich. Aber sollte denn das Liebe glühende Mutterherz von der Tochter auf ewig getrennt sein? – Nein, eine Sprache, ein Band ist ihr geblieben. Durch Blumen und Pflanzen verbindet sich die Oberwelt mit den unterirdischen Wohnungen:
Blumen und Pflanzen sollen hier also die Zeichen der Liebe sein; gewiss eine Idee, die ebenso groß gedacht, als zart und mild ausgeführt ist.
Das große poetische Verdienst dieses Gedichts bedarf wohl keiner umständlichen Erörterung. Es ist sinnlich, lebendig, anschaulich, und entfaltet fast alles, was zur Rührung unsres Gemütes, wie zur Erhebung des Geistes beitragen kann. Die Anklage des Schicksals, das fest verschlossene Totenreich, die Würde der Göttin, die Liebe der Mutter – lauter Gegenstände, die durch den Wohllaut des Verses gehoben, ihre Wirkung wohl nicht verfehlen können. In dem Geheimnis4) ist es eigentlich nur die erste Strophe, in der die reine Empfindung des Liebenden sich ausdrückt. In der zweiten verliert sich der Dichter in die Ideen des Schicksals und Glücks, die er indes freilich nur in Beziehung auf die Liebenden berührt: Von ferne mit verworr’nem Sausen In den letzten vier Versen kommt der Dichter wieder auf die eigentliche Hauptidee zurück, von der er ausging, und drückt das ganze Interesse des Liebenden in den schönen Schlussversen aus: „O schlinge dich, du sanfte Quelle, Eine vorzügliche Schönheit dieses Gedichts liegt unstreitig in seinem ruhigen Gang, und in dem milden Kolorit, das über das Ganze verbreitet ist. Verwandt mit dem eben erwähnten Gedicht ist Schillers Erwartung5). Der Hauptunterschied zwischen beiden besteht wohl darin, dass hier von Anfang bis zu Ende nur Empfindung, in dem Geheimnis dagegen mehr Raisonnement herrscht. Die Erwartung gehört gewiss durch die Schönheit und Neuheit der Bilder, die in der richtigsten Stufenreihe aufeinander folgen, zu dem Trefflichsten, was in dieser Gattung geleistet worden. Wie unnachahmlich schön hat nicht der Dichter die steigende Sehnsucht eines liebenden, von Erwartung trunkenen Gemüts entwickelt. Jedes Geräusch scheint dem Harrenden die Ankunft der Geliebten zu verkündigen.
Aber jedes Mal, wenn er sich getäuscht findet, strömt er sein volles Herz gegen die ihn umgebende Natur aus:
Ein glänzendes Muster der beschreibenden Poesie hat uns Schiller in der dritten und vierten Strophe gegeben. Auch darf es nicht übersehen werden, wie der Dichter gerade für die unruhige, wachsende Ungeduld, die kurzen hüpfenden Dactylen wählte:
und die unmittelbar darauf eintretende getäuschte Erwartung so treffend durch den ruhig einher schreitenden Jambus bezeichnet hat:
Wie überraschend und zugleich wie schön ist der Ausgang des Gedichts:
Schillers Dithyrambe6), oder der Besuch, wie dies Gedicht im Musenalmanach vom Jahr 1797 überschrieben war, ist nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, ein tobender zügelloser Gesang zu Ehren des Bacchus. Der Dichter sieht die Götter bei sich erscheinen:
Er wünscht den Nektar der Himmlischen zu kosten; Hebe reicht ihm den Göttertrank und er dünkt sich nun ein Unsterblicher zu sein. Wie schön ist die Wirkung des Trankes, als liebliches, erhöhtes Lebensgefühl, geschildert:
Kassandra7) beruht auf einer aus der Mythologie genugsam bekannten Geschichte. Das Ergreifende, ja Erschütternde dieses Gedichts liegt nicht sowohl in der Wahrheit, mit der der Dichter uns eine besondere Situation anschaulich zu machen gewusst hat, als vielmehr darin, dass es eine Saite des menschlichen Herzens berührt, die nicht selten vom Schicksale schmerzlich bewegt wird. Jeder, der zwischen den Freuden und Wünschen der Jugend und jenen des Alters in der Mitte steht; jeder der durch Spekulation oder Erfahrung den harmlosen Jugendglauben verloren hat; jeder, den das Schicksal von dem Glücke des ehelichen und häuslichen Lebens ausschloss, kurz jedes verarmte und seinen Verlust tief fühlende Herz wird mit Kassandras Gefühlen gewiss sympathisieren.
Vorzüglich erhaben und voll dichterischem Pathos ist der Schluss des Gedichts:
Ein dunkler Zaubernebel überschattet hier eine blühende Landschaft, und wir fürchten, wenn er vorüberziehen wird, eine schaurige Verwandlung in öde Felsenmassen und finstre Trümmer zu erblicken. Wenn wir einen Blick auf Schillers Balladen werfen, als der Dichtungsart, in der er sich in spätern Jahren öfters und, wie nicht zu leugnen, mit Glück versuchte, so drängen sich uns gleichsam unwillkürlich einige Betrachtungen auf. Schillers Produkte in dieser Gattung dürften wohl richtiger mit dem Namen poetischer Erzählungen zu bezeichnen sein. Denn die eigentliche Ballade – man denke nur an die altenglischen und altschottischen – verlangt eine gewisse Leidenschaftlichkeit im Entwurf, sie erzählt und entwickelt nicht umständlich die einzelnen Begebenheiten, sondern skizziert sie vielmehr bloß in scharfen und ergreifenden Umrissen. In der poetischen Erzählung hingegen werden die Begebenheiten mehr objektiv, als Handlung, als eine Reihe von Gemütszuständen betrachtet, die sich auseinander entwickeln, und gerade diese Eigenschaften finden wir in Schillers Hero und Leander, in der Bürgschaft, dem Taucher u. a. m. mehr oder minder wieder. Sein hoher, poetischer Sinn, seien schöpferische Phantasie waren indes auch ganz dazu geeignet, Gestalten zu formen und sie mit lebendiger Individualität vor uns erscheinen zu lassen. Schillers tiefer Blick in das menschliche Herz, die treffendsten und zugleich kühnsten Bilder, mit einem Wort die reiche Darstellungsgabe des Dichters mussten auch diesen Kompositionen den höchsten Effekt zusichern. Der Eingang des Gedichts Hero und Leander8) ist kühn und echt lyrischer Art. Er besteht in einer Anrede an die Hörer, und geht dann mit der zweiten Strophe in die eigentliche Erzählung von Leanders und Heros Lieber über. Der Dichter berichtet nun weiter, wie Leander den Wogen des Meeres Trotz bietend, von Abydos nach Sestos hinüberschwimmt:
In der achten und neunten Strophe beschreibt der Dichter, wie der Sommer verschwindet, und der rauere Herbst allmählich herannaht. In dieser an und für sich sehr schönen Schilderung glauben wir unser vorhin geäußertes Urteil bestätigt zu finden, dass sie sich nämlich mit dem bewegten, stürmischen Gange der Ballade nicht wohl vertrage. Äußerst rührend und zart ist Heros Anrede an das Meer, in der sie das Element personifiziert:
Meisterhaft ist die Schilderung des Sturmes, sowie das Selbstgespräch der durch die Meeresstille so schrecklich getäuschten Hero. Ihre Bangigkeit, ihre Angst wächst, sie gelobt den Göttern Opfer, da beruhigt sich die ungestüme See, und die Wellen tragen den Leichnam des Geliebten ans Land. Der Ausgang des Gedichts ist groß und erhaben. Ganz entsprechend der griechischen Vorstellungsart von den Göttern, die bald Glück, bald Verderben senden, sind Heros letzte Worte:
Die Kraniche des Ibykus9), deren Stoff sich auf die bekannte Anekdote gründet, dass die Mörder des wandernden Sängers sich bei den korinthischen Spielen durch einen unwillkürlichen Ausruf selbst verrieten, haben in Schillers Darstellung vorzüglich durch den feinen Zug gewonnen, dass gerade in dem Theater die Eumeniden erscheinen, wodurch das Volk auf die Idee einer rächenden Vergeltung hingeleitet und die Entdeckung des Verbrechens erleichtert wird. Die Erscheinung der Eumeniden und die anschauliche Darstellung, wie sie auf die Zuschauer wirken mussten, ist mit ausgezeichneter Kraft geschildert:
Auch der Gesang der Rachegöttinnen ist grausend und erschütternd:
Es ist übrigens psychologisch, dass der Zuschauer, in dessen Seele die Idee einer rächenden Vergeltung durch den Gesang des Chors so lebhaft geweckt worden war, den plötzlichen Ausruf der Mörder:
dem gegenwärtigen Vorfall anpassen musste. Eine eigentümliche Behandlung zeigt sich in Schillers Bürgschaft10). Der Dichter lässt nämlich den Rückkehrenden durch viele und große Hindernisse aufhalten, durch Regengüsse die Waldströme anschwellen, und ihn mit Lebensgefahr hindurchsetzen; er lässt ihn mit Räubern und zuletzt noch mit gänzlicher Erschöpfung kämpfen. Alles dies ist, wie wir es bei Schiller gewohnt sind, kühn lebendig und ergreifend dargestellt; es fragt sich indes, ob nicht durch die Anhäufung so vieler Nebenumstände der Haupthandlung zu viel Licht entzogen werde. Vielleicht hätte doch eine einfachere Behandlung dem Ganzen mehr Würde und Erhabenheit gegeben. Wahrhaft rührend ist der Schluss des Gedichts. Hier nur die vorletzte Strophe als Probe:
In dem Taucher11) hat sich Schiller der eigentlichen Ballade mehr genähert. Das Gedicht beginnt mit der Anrede des Königs, und die zweite Strophe macht uns in gedrängter Kürze mit der Hauptidee der Handlung bekannt.
Aber die Ritter verstummen und nur ein Edelknecht zeigt sich bereit, das kühne Wagstück zu unternehmen. Die folgende Beschreibung des empörten Wasserstrudels ist, wenn gleich für die Ballade zu lang, unübertrefflich:
Ebenso meisterhaft sind die folgenden Schilderungen, wie der Strudel den hochherzigen Jüngling verschlingt, und wie er sich wieder emporarbeitet:
Voll des anschaulichsten Lebens ist die Beschreibung von dem Grund des Meers und den Ungeheuern der traurigen Öde, und wie treffend schildert er seien eigene Empfindung:
Kurz und trefflich, und so ganz im Geist der alten Ballade hat der Dichter erst spät die Tochter des Königs in die Handlung eingeführt und die Wirkung, welche das Wagestück des Jünglings auf ihr Herz machte, nur flüchtig, aber umso schöner angedeutet:
Trefflich ist die zartfühlende Jungfrau mit dem grausamen Herrscher kontrastiert. Er setzt alles an seinen Willen, selbst die Hand seiner einzigen Tochter. Ihre innige Teilnahme an dem hochherzigen Jüngling wird uns in der vorletzten Strophe geschildert.
Der Ausgang des Gedichts ist echt romantisch und lässt einen tiefen, schauerlichen Eindruck in uns zurück.
Der Kampf mit dem Drachen12) zeichnet sich durch einige sehr gelungene Stellen aus. Wir wollen nur an das Drachenbild erinnern, das der Ritter verfertigen lässt, um sein Ross und seine Hunde an den Anblick des Ungeheuers zu gewöhnen.
Die Virgil’sche Schilderung der Schlangen, welche Laokoon und seine Söhne töten, steht der Schillerschen hier, unseres Bedünkens, offenbar nach. Auch die Beschreibung des Kampfs selbst ist höchst lebhaft und anschaulich:
Auch der Ring des Polykrates13), der Gang nach dem Eisenhammer14) und der Ritter Toggenburg15) sind so reich an mannigfachen Schönheiten, dass sie es wohl verdienen, im Mund aller Gebildeten zu leben. Hier nur einige Worte über das letztgenannte Gedicht, in dem der Geist der echten Ballade unverkennbar weht. Was uns darin so anspricht, ist wohl der einfache und doch so rührende Stoff, der durch die Simplizität in der Behandlung, durch das absichtliche Vermeiden glänzender Bilder doppelt gewinnen musste. Selbst durch die Kürze des Versmaßes hat Schiller dem ganzen etwas Eigentümliches, Bedeutendes gegeben. Was kann rührender sein, als wenn der Ritter sich von der Teuren, die ihm nichts als schwesterliche Liebe gewähren kann, blutend losreißt, in weiter Ferne vergebens seinen Gram zu bezwingen sucht und wieder Heim schifft zu dem Land, wo ihr Atem weht.
Und welche Tiefe der Empfindung verrät es nicht, wenn er sich nun, als Einsiedler, eine Hütte, dem Kloster gegenüber erbaut, und in stiller Resignation sehnsuchtsvoll so lange nach ihrem Fenster blickt:
Und wie schön ist die Wiederholung dieser Strophe unmittelbar vor dem Schluss des Gedichts, bei dem sich wohl kein fühlend Herz einer stillen, süßen Wehmut erwehren kann:
Da Schiller, wie uns dünkt, in dieser Ballade als lyrischer Dichter den höchsten Gipfel erreicht hat, so glauben wir unsere gegenwärtigen Betrachtungen nicht würdiger als mit diesem Meisterstück beschließen zu können. 1)
Vorschule der Ästhetik. Abt. 1, S. 154.
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