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2. Periode: 1785 bis 1789Diesem Zeitraum, den Schiller teils in Leipzig und Dresden, teils in Weimar verlebte, gehört als Hauptwerk Don Carlos an. Wie sich in diesem Trauerspiel des Mannes gereifte Weltansicht mit dem jugendlichen Feuer vereinigt, das in seinen frühern dramatischen Produkten wild und fessellos umhersprüht, so weichen auch seine Gedichte und kleinern prosaischen Schriften in dieser Periode sehr deutlich von den frühern ab. Allgemein geliebt und geachtet, hatte Schiller in Mannheim sehr heitere Tage verlebt. Es fehlte ihm nicht an Freunden, die ihm seinen dortigen Aufenthalt auf alle Weise angenehm zu machen suchten. Selbst auswärtige Personen suchten ihm ihre Achtung und freundlichen Teilnahme in Briefen zu betätigen. „Vor einigen Tagen“, schrieb Schiller unter andern an Dalberg, „ist mir eine sehr schmeichelhafte und angenehme Überraschung widerfahren. – Mir wurden aus Leipzig von vier unbekannten Personen Pakete und Briefe geschickt, die voll Enthusiasmus für mich geschrieben waren, und von Dichteranbetung überflossen. Sie wurden von vier kleinen Portraits begleitet, worunter zwei sehr schöne Frauenzimmer sind, und einer Brieftasche, die mit dem besten Geschmack gestickt ist. Ein solches Geschenk von Menschen, die dabei kein anderes Interesse haben, als mich wissen zu lassen, dass sie mir gut sind und mir für einige frohe Stunden danken, war mir äußerst wert, und der lauteste Beifall der Welt hätte mir kaum so angenehm geschmeichelt.“ – Schiller sehnte sich indes nach einem erweiterten Wirkungskreis. Mehrere seiner damaligen Briefe schildern sehr deutlich die Unzufriedenheit mit seiner Lage. Er beschloss, nach Leipzig zu gehen und schrieb kurz zuvor an seinen dortigen Freund, den zu früh verstorbenen Huber. „Das ist also vermutlich der letzte Brief, den ich Ihnen aus Mannheim schreibe. Die Zwischenzeit vom 15. März bis heute hat sich für mich, wie eine Kriminalakte, ausgedehnt, und – Gottlob! nun bin ich Ihnen um ganzer zehn Tage näher. – Und nun, mein Bester, einmal haben sie sich doch meine ganze Vertraulichkeit auf den Nacken geladen, gönnen Sie mir also die Freude, Sie ins Innere meiner häuslichen Wünsche zu führen. Ich bin Willens bei meinem neuen Etablissement in Leipzig einem Fehler zuvorzukommen, der mir hier in Mannheim bisher sehr viel Unannehmlichkeit machte. Es ist dieser, meine eigene Ökonomie nicht mehr zu führen, und auch nicht mehr allein zu wohnen. Das erste ist schlechterdings meine Sache nicht. Es kostet mir weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaktion durchzuführen, als meine Wirtschaft, und Poesie, wissen Sie selbst, ist nirgends gefährlicher, als bei ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird geteilt, ich stürze aus meinen idealistischen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt. Fürs andere brauch’ ich zu meiner geheimen Glückseligkeit einen rechten wahren Herzensfreund, der mir stets an der Hand ist, wie mein Engel; dem ich meine aufkeimenden Ideen in der Geburt mitteilen kann, nicht aber erst durch Briefe oder lange Besuche zutragen muss. Schon der nichts bedeutende Umstand, dass ich, wenn dieser Freund außer meine vier Pfählen wohnt, die Straße passieren muss, um ihn zu erreichen, dass ich mich umkleiden muss u. dgl. tötet den Genuss des Augenblicks, und die Gedankenreihe kann zerrissen sein, bis ich ihn habe. Sehen Sie, mein Bester, das sind nur Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten tragen oft die schwersten Gewichte im Verlauf unsres Lebens. Ich kenne mich besser, als vielleicht tausend andrer Mütter Söhne sich kennen; ich weiß, wie viel und oft wie wenig ich brauche, um ganz glücklich zu sein. Es fragt sich also: kann ich in Leipzig diesen Herzenswunsch in Erfüllung bringen? Wenn es möglich ist, dass ich eine Wohnung mit Ihnen beziehen kann, so sind alle meine Besorgnisse darüber erhoben. Ich bin kein schlimmer Nachbar, wie Sie sich vielleicht vorstellen möchten; um mich in einen andern zu schicken, habe ich Biegsamkeit genug, und auch hie und da etwas Geschick, wie Yorik sagt, ihn verbessern und aufheitern zu helfen. – Können Sie mir dann noch außerdem die Bekanntschaft von Leuten zuwege bringen, die sich meiner kleinen Wirtschaft annehmen mögen, so ist alles in Richtigkeit. Ich brauche nichts mehr als ein Schlafzimmer, das zugleich mein Arbeitszimmer sein kann, und dann ein Besuchzimmer. Mein notwendiges Hausgerät wäre eine gute Kommode, ein Schreibtisch, ein Bett und Sofa; dann ein Tisch und einige Sessel. Hab’ ich dieses, so brauche ich zu meiner Bequemlichkeit nichts mehr.“ „Parterre und unter dem Dach kann ich nicht wohnen, und dann möcht’ ich auch durchaus nicht die Aussicht auf einen Kirchhof haben. Ich liebe die Menschen und also auch ihr Gedränge. – Wenn ich’s nicht so veranstalten kann, dass wir (ich verstehe darunter das fünffache Kleeblatt) zusammen essen, so würde ich mich an die Table d’hôte im Gasthof engagieren, denn ich fastete lieber, als dass ich nicht in Gesellschaft (großer oder auserlesen guter) speiste.“ Ich schreibe Ihnen das alles, liebster Freund, um Sie auf meinen närrischen Geschmack vorzubereiten, und Ihnen allenfalls Gelegenheit zu geben, hier oder dort einen Schritt zu meiner Einrichtung im voraus zu tun. Meine Zumutungen sind freilich verzweifelt naiv, aber ihre Güte hat mich verwöhnt. Den ersten Teil der Thalia werden Sie nunmehr haben, und das Urteil über den Carlos wird bereits ausgesprochen sein. Doch ich will es mündlich empfangen. Hätten wir fünf uns nicht gekannt, wer weiß, ob Sie meine Bekanntschaft nicht bei Gelegenheit des Carlos gemacht hätten.“ Im März des Jahres 1785 kam Schiller in Leipzig an, und verlebte dort in einem Zirkel erwählter Freunde, zu denen vorzüglich der vorhin erwähnte Huber gehörte, glückliche Tage. In dem nahe gelegenen Gohlis, wo er einige Monate des Sommers zubrachte, lernte er Göschen und den leider zu früh verstorbenen Roman- und Lustspieldichter Jünger kennen. Auch der geistreiche Moritz gedenkt in seinem Anton Reiser1) einer damaligen traulichen Unterhaltung mit Schiller. Das bekannte Lied an die Freude2) wurde in jener Zeit gedichtet. „Sie haben das vollkommenste Recht“, schrieb Schiller von Leipzig aus, den 24. April 1785, an den Hofkammerrat Schwan in Mannheim, „meines langen Stillschweigens wegen, auf mich böse zu sein, und doch kenn’ ich Ihre Güte schon zu sehr, und rechne auf Ihre Vergebung. Wenn einer, in der großen Welt noch so sehr Neuling, wie ich, um die Messzeit zum ersten Mal nach Leipzig kommt, so ist es, wo nicht verzeihlich, doch wenigstens sehr begreiflich, dass er in den ersten Tagen über die Mannigfaltigkeiten, die durch seinen Kopf gehen, seiner selbst vergisst. Dies, teuerster Freund, ist beinahe bis heute mein Fall gewesen, und ich stehle den angenehmen Augenblick, den ich im Geiste bei Ihnen zubringen darf. Unsre Hieherreise, wovon Ihnen Herr Götz eine umständliche Beschreibung machen wird, war die fatalste, die man sich denken kann. Morast, Schnee und Gewässer waren die drei schlimmen Feinde, die uns wechselweise peinigten, und ob wir gleich von Vach an immer zwei Vorspannpferde gebrauchen mussten, so wurde doch unsre Reise, die Freitags beschlossen sein sollte, bis auf den Sonntag verzögert. Man behauptet auch durchgängig, dass die Messe durch die abscheulichen Wege merklich gelitten habe; wenigstens ist, selbst in meinen Augen, das Gedränge von Verkäufern und Käufern weit unter der Beschreibung, die man mir im Reich davon gemacht hat. Ich habe in der ersten Woche meines Hierseins schon unzählige Bekanntschaften gemacht, worunter mir Weiße, Öser, Hiller, Zollikofer, der Professor Huber, Jünger, der berühmte Schriftsteller Reinike, einige hiesige Kaufmannshäuser und einige Berliner die interessantesten sind. Man kann, wie Sie selbst wissen, zu Messzeiten eigentlich niemand ganz genießen, und die Aufmerksamkeit auf einzelne verliert sich in dem Getümmel. Meine angenehmste Erholung ist bisher gewesen, Richters Kaffeehaus zu besuchen, wo ich immer die halbe Welt Leipzigs beisammen finde, und meine Bekanntschaften mit Einheimischen und Fremden erweitere. Man hat mir von verschiedenen Orten sehr verführerische Einladungen nach Berlin und Dresden gemacht, denen ich wohl schwerlich widerstehen werde. Es ist so eine eigene Sache mit einem schriftstellerischen Namen, bester Freund. Die wenigen Menschen von Wert und Bedeutung, die sich einem auf diese Veranlassung darbieten, und deren Achtung einem Freude gewährt, werden nur allzu sehr durch den fatalen Schwarm derjenigen aufgewogen, die wie Geschmeißfliegen um Schriftsteller herumsummen, einen wie ein Wundertier angaffen, und sich obendrein gar einiger voll geklecksten Bogen wegen, zu Kollegen aufwerfen. Vielen wollt’ es gar nicht zu Kopfe, dass ein Mensch, der die Räuber gemacht hat, wie andere Muttersöhne aussehen solle. Wenigstens rund geschnittene Haare, Kurierstiefeln und eine Hetzpeitsche hätte man erwartet. Man pflegt hier in vielen Familien den Sommer über auf den benachbarten Dörfern zu kampieren und das Land zu genießen. Ich werde auch einige Monate in dem Dorf Gohlis zubringen, das nur eine Viertelstunde von Leipzig entlegen ist, und wohin ein sehr angenehmer Spaziergang durch das Rosenthal führt. Hier bin ich Willens, sehr fleißig zu sein, an dem Carlos und der Thalia zu arbeiten, um, was Ihnen vielleicht das Angenehmste zu hören sein wird, unvermerkt mich wieder zu meiner Medizin zu bekehren. Ich sehne mich ungeduldig nach dieser Epoche meines Lebens, wo meine Aussichten gegründet und entschieden sein werden, und wo ich meiner Lieblingsneigung bloß zum Vergnügen nachhängen kann. Überdem hab’ ich ja die Medizin ehemals con amore studiert – sollt’ ich das jetzt nicht umso mehr können? Sehen Sie, bester Freund, das könnte Sie ebenfalls von der Wahrheit und Festigkeit meines Vorsatzes überzeugen; dasjenige aber, was Ihnen die vollkommenste Bürgschaft darüber leisten dürfte; was alle Ihre Zweifel an meiner Standhaftigkeit verbannen muss, hab’ ich doch bis auf diese Minute verschwiegen. Jetzt oder nie muss es gesagt sein. Nur meine Entfernung von Ihnen gibt mir den Mut, den Wunsch meines Herzens zu gestehen. Oft genug, da ich noch so glücklich war, um Sie zu sein, oft genug trat dies Geständnis auf meine Zunge; aber immer verließ mich meine Herzhaftigkeit, es herauszusagen. Bester Freund, Ihre Güte, Ihre Teilnahme, Ihr vortreffliches Herz haben eine Hoffnung in mir begünstigt, die ich durch nichts, als Ihre Nachsicht und Freundschaft zu rechtfertigen weiß. Mein freier zwangloser Zutritt in Ihrem Hause gab mir Gelegenheit, Ihre liebenswürdige Tochter ganz kennen zu lernen, und die freimütige, gütige Behandlung, deren Sie beide mich würdigten, verführte mein Herz zu dem kühnen Wunsch, Ihr Sohn sein zu dürfen. Meine Aussichten sind bis jetzt unbestimmt und dunkel geblieben; nunmehr fangen sie an, sich zu meinem Vorteil zu verändern. Ich werde mit jeder Anstrengung meines Geistes dem gewissen Ziel entgegengehen; urteilen Sie selbst, ob ich es erreichen kann, wenn der angenehmste Wunsch meines Herzens meinen Eifer unterstützen wird. Noch zwei kleine Jahre, und mein ganzes Glück wird entschieden sein. Ich fühl’ es, wie viel ich begehre, wie kühn und mit wie wenigem Recht ich es begehre. Ein Jahr schon ist es, dass dieser Gedanke meine Seele beschäftigte, aber meine Hochachtung für Sie und Ihre vortreffliche Tochter war zu groß, als dass ich einem Wunsche hätte Raum geben sollen, den ich damals durch nichts unterstützen konnte. Ich legte mir die Pflicht auf, Ihr Haus seltner zu besuchen, und in der Entfernung Zerstreuung zu finden; aber dieser armselige Kunstgriff gelang meinem Herzen nicht. Der Herzog von Weimar war der erste Mensch, dem ich mich öffnete. Seine zuvorkommende Güte, und die Erklärung, dass er an meinem Glück Anteil nehme, brachten mich dahin, ihm zu gestehen, dass dieses Glück auf einer Verbindung mit Ihrer edlen Tochter beruhe, und er freute sich meiner Wahl. Ich darf hoffen, dass er mehr handeln wird, wenn es darauf ankömmt, durch diese Verbindung mein Glück zu vollenden – Ich setze nichts mehr hinzu, als die Versicherung, dass vielleicht hundert andere Ihrer guten Tochter ein glänzenderes Schicksal verschaffen können, als ich in diesem Augenblick ihr versprechen kann; aber ich leugne, dass eines andern Herz ihrer würdiger sein wird. Von Ihrer Entscheidung, der ich mit Ungeduld und furchtsamer Erwartung entgegensehe, hängt es ab, ob ich es wagen darf, selbst an Ihre Tochter zu schreiben.“ – Die Sache zerschlug sich, vielleicht nicht ganz ohne Schuld von Seiten Schillers, wenigstens erhellt dies zum Teil aus einem späterhin mitzuteilenden Briefe Schillers an Schwan vom 2. Mai 1788. „Also steh’ ich doch noch“, heißt es darin, „bei Ihrer Tochter in einigem Andenken? In der Tat, ich muss erröten, dass ich es durch mein langes Stillschwiegen so wenig verdiene.“ Zu Ende des Sommers 1785 ging Schiller nach Dresden. Er blieb dort bis zum Juli 1787 und hielt sich, bald in der genannten Stadt, bald in dem Haus des Appellationsrat Körner3) auf, das in einem Weinberg, nahe bei Loschwitz lag4). Don Carlos wurde hier nicht bloß geendigt, sondern völlig umgestaltet. Es zeigen sich in dieser Tragödie, die Schiller, nach Lessings Beispiel im Nathan, in Jamben schrieb, nur wenig Spuren von jenem wilden Feuer einer ungezügelten Phantasie, das seine frühern dramatischen Produkte charakterisiert. Ein milderes Kolorit ist über das Ganze verbreitet, und nur der furchtbare Schluss erinnert vielleicht noch an den ehemaligen Schiller. „Es kann mir begegnet sein“, sagt er in Betreff dieses Stücks, „dass ich in den ersten Akten andere Erwartungen erregt habe, als ich in den letzten erfüllte. St. Reals Novelle, vielleicht auch meine eigenen Äußerungen darüber im ersten Stück der Thalia mögen dem Leser einen Standpunkt angewiesen haben, aus dem es jetzt nicht mehr betrachtet werden kann. Während der Zeit nämlich, da ich es ausarbeitete, welches mancher Unterbrechungen wegen eine ziemlich lange Zeit war, hat sich in mir selbst vieles verändert. An den verschiedenen Schicksalen, die während dieser Zeit über meine Art zu denken und zu empfinden ergangen sind, musste notwendig auch dies Werk Teil nehmen. Was mich zu Anfang vorzüglich in demselben gefesselt hatte, tat diese Wirkung in der Folge schon schwächer und am Ende nur kaum noch. Neue Ideen, die indes bei mir aufkamen, verdrängten die frühern; Carlos selbst war in meiner Gunst gefallen, vielleicht aus keinem andern Grund, als weil ich ihm an Jahren zu weit vorausgesprungen war, und aus der entgegen gesetzten Ursache hatte Marquis Posa seinen Platz eingenommen. So kam es denn, dass ich zu dem vierten und fünften Akt ein ganz anderes Herz mitbrachte. Aber die ersten drei Akte waren in den Händen des Publikums, die Anlage des Ganzen war nicht mehr umzustoßen – ich hätte also das Stück entweder ganz unterdrücken müssen, oder ich musste die zweite Hälfte der ersten so gut anpassen, als ich konnte. Der Hauptfehler war, ich hatte mich zu lange mit dem Stücke getragen; ein dramatisches Werk aber kann und soll nur die Blüte eines einzigen Sommers sein. Auch der Plan war für die Grenzen und Regeln eines dramatischen Werks zu weitläufig angelegt. Dieser Plan z. B. forderte, dass Marquis Posa das uneingeschränkte Vertrauen Philipps davon trug; aber zu dieser außerordentlichen Wirkung erlaubte mir die Ökonomie des Stücks nur eine einzige Szene5).“ – Merkwürdig ist Wielands Urteil6) in einem Briefe vom 8. März 1785 über die in der Thalia mitgeteilten Probeszenen des Don Carlos7). Ihm war freilich, wie er selbst gesteht, „das dramatische Fach niemals innerer Beruf, noch besonderes Studium“, und dies mag die Härte, ja Unbilligkeit seines Urteils entschuldigen. „Ich hege“, sagt er, „keine geringe Meinung von den Fähigkeiten des Hr. Schiller, und habe auch in diesen ersten Szenen seines Don Carlos viele Stellen und einzelne Züge gefunden, die mich darin bestärkt haben. Soll ich aber aufrichtig gestehen, was das Resultat einer aufmerksamen Prüfung seiner Arbeit bei mir gewesen ist, so glaube ich, dass er seine, noch immer zu feurige, und zum Ausschweifen geneigte Einbildung noch durch leichtere Vorübungen, z. B. durch Bearbeitung eines oder mehrerer Süjets aus den alten heroischen Zeiten, noch mehr zu bändigen suchen, die Kunst der Tragödie noch mehr aus den Werken der griechischen und französischen Meister studieren, sich um eine nicht bloß dichterische, sondern exakte philosophische Theorie der menschlichen Natur bewerben, und mit einem Wort die Zeit der Reise seines Geistes erwarten sollte, ehe er ein Werk unternähme, wo der Verfasser der Räuber alle Augenblicke Gefahr läuft, gegen Wahrscheinlichkeit, Schicklichkeit und Anständigkeit zu verstoßen. Ich kann mich irren, aber wenigstens spreche ich nach meiner innigsten Überzeugung, wenn ich sage, dass ich weder die Charaktere richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit dargestellt finde; dass ich, auch dann, wenn ich zugeben könnte, dass es einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten Jahrhundert und dem Hof König Philipp II. nimmt, erlaubt sei, sie in idealistische Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will, schöne Karikaturen sein mögen, aber doch immer nur Karikaturen sind; dass ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst unschicklich usw. sind. Ich sehe, was Hr. Schiller tun wollte – ich sehe auch, dass es ihm hier und da gelungen ist: aber im Ganzen sehe ich doch in der Arbeit, wie er die Gesinnungen und Leidenschaften dieses Prinzen ausdrückt, mehr einen Giganten, als einen Helden mehr einen Wilden, der nie ein anderes Gesetz kannte, als die rohe Natur, als einen Prinzen, der von einem Karl dem Fünften seine erste Bildung erhalten hatte. Über den Charakter des Rodrigo und die Schlussszene dieses Akts zwischen ihm und dem Prinzen wäre vieles zu sagen; ich erinnere hier nur dies einzige: Wenn die Anekdote, an die ihn der Prinz S. 126 (der Thalia) wieder erinnert, wahr ist; wenn Rodrigo zugeben und zusehen konnte, dass Don Carlos um seinetwillen so schimpflich und unmenschlich misshandelt wurde, so war Rodrigo der Elendste unter allen Nichtswürdigen, die jemals unverdienterweise Atem geholt haben; und es braucht nichts, als diesen einzigen Charakterzug, um ihn den Zuschauern durch das ganze Stück unerträglich zu machen. – Im Vorbeigehen bemerke ich noch, dass der spanische Name Rodrigo die mittlere Silbe schlechterdings lang haben muss, und dass man ebenso wenig (wie Hr. S. durchgehends tut) Rodrigo (– ) als Henricus (– ) oder Polonus (– ) sagen kann. Hrn. Schillers größter Fehler ist – ein Fehler, um den ihn mancher deutsche Schriftsteller zu beneiden Ursache hat – ist wirklich nur, dass er noch zu reich ist, zu viel sagt, zu voll an Gedanken und Bildern ist, und sich noch nicht genug zum Herrn über seien Einbildungskraft und seinen Witz gemacht hat. Sein allzu großer Überfluss zeigt sich auch in der Länge der Szenen; ich erschrecke, wenn ich überrechne, wie groß sein ganzes Stück werden, und wie lang es spielen muss, da der erste Akt schon fünfhalb Bogen ausfüllt. Fühlen, wenn es genug ist, und aufhören können, auch das ist schon eine große Kunst. Das größte Stück des Sophokles hat kaum so viel Verse, als Hrn. Schillers erster Akt. – Übrigens überlasse ich mich mit Vergnügen der Hoffnung, dass er durch gehörige Ausbildung seiner glücklichen Anlagen sich der Aufmunterungen des Publikums immer würdiger erweisen werden.“ – Bei Gelegenheit des Don Carlos verdient vielleicht folgende Anekdote hier angeführt zu werden. Die ersten Akte dieses Trauerspiels, das Schiller, wie früher erwähnt worden, größtenteils im Hause des Appellationsrats Körner nahe bei Loschwitz schrieb, wurden bereits bei Göschen in Leipzig gedruckt. Der Dichter, den die Vollendung des Werkes drängte, sah sich genötigt, von einer Landfahrt, die die Körnerische Familie an einem schönen Herbsttage machte, zurückzubleiben. Unglücklicherweise aber hatte die Frau Appellationsrätin, in der Meinung, Schiller fahre mit, alle Schränke und den Keller zuschließen lassen. Schiller sah sich ohne Speise und Trank, ja sogar ohne Holz, und machte, doppelt entrüstet über das Plätschern der Wäsche unter seine Fenstern, ein höchst drolliges Gedicht, das den Titel führt: Bittschrift eines niedergeschlagenen Trauerspieldichters an die Körner’sche Waschdeputation8).
Schiller,
Schiller widmete sich während seines Aufenthalts in Dresden, außer der Dichtkunst auch der Geschichte. Die Vorarbeiten zum Don Carlos hatten ihn auf einen reichhaltigen Stoff aufmerksam gemacht, den Abfall der Niederlande unter Philipp II. Er fing an dazu Materialien zu sammeln, allein das Werk blieb unvollendet. Der erste Band erschien zu Leipzig 17889). Auch von einem andern Werk: Geschichte der merkwürdigsten Rebellionen und Verschwörungen hatte er, in Verbindung mit mehreren Schriftstellern, ein Jahr früher den ersten Teil herausgegeben, der nur wenig von Schiller selbst enthält10). Es war in jener Zeit der Wunsch in ihm rege geworden, sich durch irgendeine Tätigkeit außerhalb dem Gebiet der Dichtkunst eine unabhängige Existenz zu gründen. Nach einigem Schwanken zwischen Medizin und Geschichte, entschied sich Schiller für die letztere. Teils mit historischen Studien, teils mit der Fortsetzung der Thalia beschäftigt, lieferte er in dieser Periode nur wenig poetische Produkte. Der Entwurf zu einem Schauspiel: der Menschenfeind und einige davon vorhandene Szenen fallen in diese Zeit11). Sie erschienen zuerst in der Thalia12). „Die hier eingerückten Szenen“, sagt Schiller daselbst in einer Note, „sind Bruchstücke eines Trauerspiels, welches schon vor mehreren Jahren angefangen wurde, aber aus verschiedenen Ursachen unvollendet bleibt. Vielleicht dürfte die Geschichte dieses Menschenfeindes und dieses ganze Charaktergemälde dem Publikum einmal in einer andern Form vorgelegt werden, welche diesem Gegenstand günstiger ist, als die dramatische.“ – Die Überschrift in der Thalia: der versöhnte Menschenfeind gibt uns einigen Aufschluss über den Plan. Rosenberg sollte, wie sich ein achtungswerter Freund Schillers aus damaligen Unterredungen mit dem Verfasser erinnert, nach hartnäckigem Widerstand endlich siegen, und die Erscheinungen einiger Menschenfeinde anderer Art waren bestimmt, diesen Erfolg zu begünstigen. Unter Schillers kleinern Gedichten verdient die bekannte Resignation13) und die Freigeisterei aus Leidenschaft vorzüglich erwähnt zu werden. Der Eindruck, den eine der ersten Schönheiten in Dresden, die Gräfin von K… geb. von A., auf ihn machte, und der leidenschaftliche Zustand, in den er sich versetzt fühlte, gab die Veranlassung zur Freigeisterei aus Leidenschaft14). Wenn man übrigens ihn damals in Dresden für einen Freigeist, oder auch wohl für einen heimlichen Anhänger des Katholizismus hielt, so geschah dies gewiss von Personen, die weder seine Verhältnisse noch ihn selbst kannten. Ein Freidenker mochte er nach seinem eigenen Geständnis wohl sein. „Skeptizismus und Freidenkerei“, sagt er selbst in den philosophischen Briefen15) sind die Fieberparoxismen des menschlichen Geistes, und müssen durch eben die unnatürliche Erschütterung, die sie in gut organisierten Seelen verursachen, zuletzt die Gesundheit befestigen helfen. Je blendender, je verführender der Irrtum, desto mehr Triumph für die Wahrheit; je quälender der Zweifel, desto größer die Aufforderung zur Überzeugung und zu fester Gewissheit.“ – Dem Katholizismus war Schiller unstreitig nie ergeben, wenn er gleich das Feierliche, das in dem Ritual der katholischen Kirche herrscht, in seinen dramatischen Werken öfters anbrachte. Die Tage widmete Schiller in Dresden größtenteils den Freuden der Natur, die ihm die schönen Gegenden an der Elbe reichlich darboten. Eine seiner liebsten Vergnügungen war es, auf einer Gondel den Strom hinab zu fahren, und es verdient als ein charakteristischer Zug bemerkt zu werden, dass er es gerade bei einem Gewitter, wenn der Strom sich schäumend erhob und die ganze Natur im Kampf schien, am liebsten tat. Die übrige Zeit des Tages gehörte dem geselligen Leben an, und erst, wenn die Nacht einbrach, setzte er sich an seinen Pult und schrieb. Die schlaflosen Nächte machten indes seinen Körper siech, und seine Kränklichkeit nahm in Dresden ihren Anfang. Die seltsamen Gerüchte von dem Grafen Cagliostro, der sich damals in Frankreich aufhielt, machten wahrscheinlich bei Schiller die Idee zum Geisterseher16) rege. Es lag durchaus keine wahre Geschichte dabei zum Grunde. Schiller, der nie einer geheimen Gesellschaft angehörte, wollte wohl nur auch in dieser Gattung seine Kräfte versuchen. Wäre das Werk vollendet, so hätte es wahrscheinlich die Vorzüge des Märchens und des psychologischen Romans in sich vereinigt. Die wahrscheinlichste Ursache, warum es unbeendigt blieb, ist wohl diese. Aus den Anfragen, die Schiller von mehreren Seiten erhielt, schien hervorzugehen, als habe er bloß die Neugierde des Publikums auf den Gegenstand lenken wollen. Sein Zweck scheint indes, wie man sehr deutlich im Fortgang der Geschichte sieht, eine höhere Wirkung gewesen zu sein. Es ist hier vielleicht der Ort, einiger bisher noch nicht gedruckten Gedichte Schillers zu erwähnen, die während seines Aufenthalts in Dresden entstanden sein sollen, und neuerlich mitgeteilt worden sind17). Das erste darunter, ein eigentliches Gelegenheitsgedicht, ohne Überschrift, trägt noch am meisten Schillersches Gepräge, wie unter andern gleich in der ersten Strophe:
Das zweite: Gesang der Heloise und ihrer Nonnen am Grabe Abälards hat einen ganz eigenen mystischen Anstrich, der Schiller nicht eigen war: Heloise singt unter andern:
Die beiden folgenden Gedichte: Der verlorne Abend und Andenken an Seifersdorf18) sind Sonette, eine Form, in der sich Schiller sonst nie versucht, und deren Fesseln ihn eingeengt zu haben scheinen. Das letztgenannte Sonett möge hier eine Stelle finden:
Wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit ein Gedicht Schillers mitzuteilen, das ebenfalls während seines Aufenthalts zu Dresden entstanden, und an die früher erwähnten Gräfin von K. geb. von A. gerichtet ist19). Hier erkennt man Schiller ganz wieder. Am 2. Mai 1787.
Im Jahr 1787 ging Schiller nach Weimar und schrieb von da an einen seiner Jugendfreunde, Hrn. M… in Ludwigsburg: „Ich bin nun, wonach ich mich so oft gesehnt habe, in Weimar, und wähne in Griechenlands Ebenen zu wandeln. Der Herzog ist ein vortrefflicher Fürst, ein wahrer Vater der Künste und Wissenschaften. – Du kennst die Männer, auf welche Deutschland stolz sein kann – einen Herder, Wieland und andere, und eine Mauer umschließt mich jetzt mit ihnen. Wie vieles Treffliche hat nicht Weimar! – Ich denke hier, wenigstens im Weimarschen, mein Leben zu beschließen, und endlich einmal ein Vaterland wieder zu erhalten.“ – Von Wieland und Herder (Goethe war damals in Italien) wurde Schiller mit vielem Wohlwollen und herzlicher Teilnahme empfangen. Vorzüglich wirkte Wielands väterliche Zuneigung auf Schillers Empfänglichkeit. „Wir werden schöne Stunden haben“, heißt es in einer Stelle seiner damaligen Briefe, „Wieland ist jung, wenn er liebt.“ – „Horazens Briefe von Wieland“, schrieb Schiller damals, „habe ich mit wahrem Vergnügen gelesen. Welche helle und reine Philosophie in die feinste Sprache und witzigste, delikateste Satire gekleidet! Die Übersetzung ist vortrefflich, und, was nicht wenig ist, deutsch, wie eine nationale Schrift.“ – Von Weimar aus schrieb Schiller an den Hofkammerrat Schwan in Mannheim d. 2. Mai. 1788. „Sie entschuldigen sich wegen Ihres langen Stillschweigens, um mir diese Entschuldigung zu ersparen. Ich fühle diese Güte, und danke Ihnen dafür. Sie rechnen dies Stillschwiegen der Freundschaft nicht an; das beweißt, dass Sie besser, als mein schlimmes Gewissen mich hoffen ließ, in meinem Herzen gelesen haben. Glauben Sie aber, dass Ihr Gedächtnis auch in meinem Gemüt unauslöschlich lebt, und nicht nötig hat, durch den Schlendrian des Umgangs, durch Versicherungsbriefe aufgefrischt zu werden. Also nichts mehr davon. Die Ruhe und Leichtigkeit ihrer Existenz, die aus Ihrem Brief atmet, hat mir sehr viele Freude gemacht, und ich, der ich noch im ungewissen Meer, zwischen Wind und Wellen, umgetrieben werde, beneide Ihnen diese Gleichförmigkeit, diese Gesundheit des Liebes und der Seele. Mir wird sie erst später, als eine Belohnung für noch zu überstehende Arbeit zuteil werden. Ich bin nun fast drei Vierteljahre hier. Nach Vollendung meines Carlos hab’ ich endlich diese längst projektierte Reise ausführen können. Wenn ich aufrichtig sein soll, so kann ich nicht anders sagen, als dass es mir hier ungemein wohl gefällt, und der Grund davon ist leicht einzusehen. Die möglichste bürgerliche Unangefochtenheit und Freiheit, eine leidliche Menschenart, wenig Zwang im Umgang, ein ausgesuchter Zirkel interessanter Menschen und denkender Köpfe, die Achtung, die auf literarische Tätigkeit gelegt wird; rechnen Sie dazu noch den wenigen Aufwand, den ich an einem Ort, wie Weimar zu machen habe – warum sollt’ ich nicht zufrieden sein? Mit Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer Anteil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache habe zu glauben, dass er mich wieder liebt. Weniger Umgang hab’ ich mit Herder, ob ich ihn gleich als Menschen, wie als Schriftsteller, hoch verehre. Der Eigensinn des Zufalls trägt eigentlich die Schuld; denn wir haben unsre Bekanntschaft ziemlich glücklich eröffnet. Auch fehlt es mir an Zeit, immer nach meiner Neigung zu handeln. Mit Boden kann man nicht genau Freund sein. Ich weiß nicht, ob Sie hierin denken, wie ich. Goethe wird erst aus Italien erwartet. Die verwitwete Herzogin ist eine Dame von Sinn und Geist, in deren Gesellschaft man nicht gedrückt ist. Ich danke Ihnen für die Nachrichten, die Sie mir von dem Schicksal des Carlos auf Ihrer Bühne gegeben haben. Aufrichtig zu sprechen, große Erwartungen hab’ ich mir überhaupt von keiner Vorstellung des Carlos gemacht, und ich weiß auch warum. – Es ist nicht mehr als billig, dass sich die theatralische Göttin für die wenige Galanterie, die mich beim Schreiben für sie beseelte, an mir gerächt hat. Indessen, wenn mein Carlos auch ein so verfehltes Theaterstück ist, so halt’ ich doch dafür, dass unser Publikum ihn noch zehnmal wird aufführen sehen können, eh’ es das Gute begriffen und ausgeschöpft hat, was seine Fehler aufwiegen soll. Ich glaube, erst alsdann, wenn man das Gute eines Dinges eingesehen hat, ist man berechtigt, das Urteil über das Schlimme zu sprechen. – Indessen hör’ ich, dass die zweite Vorstellung besser ausgefallen sei, als die erste. Entweder rührt das von den Veränderungen her, die Dalberg in dem Stück gemacht hat, oder es kommt daher, dass das Publikum beim zweiten Mal Dinge verstehen lernte, die es bei der ersten Vorstellung nicht verstand. – Übrigens kann niemand mehr überzeugt sein, als ich, dass der Carlos, aus Ursachen sowohl, die ihm Ehre, als die ihm Unehre bringen, keine Spekulation für die Schaubühne ist. Schon allein seine Länge könnt’ ihn davon verbannen. Ich hab’ ihn wahrlich auch nicht aus Zuversichtlichkeit oder Eigenliebe auf die Bühne genötigt, aus Eigennutz vielleicht eher. – Wenn bei der ganzen Sache meine Eitelkeit eine Rolle spielte, so war es darin, dass ich dem Stücke innern Gehalt genug zutraute, um sein schlechtes Glück auf den Bühnen nieder zu wägen. Mit dem Geschenk Ihres Bildes haben Sie mir eine große Freude gemacht. Ich find’ es treffend ähnlich; Schubart etwas weniger, wiewohl dies sowohl an meinem schlechten Gedächtnis, als an der Lohbauerschen Zeichnung liegen kann. Der Kupferstecher verdient Aufmerksamkeit und alle Ermunterung, und was ich zur Ausbreitung seines Verdienstes beitragen kann, soll redlich geschehen. Ihre lieben Kinder grüßen Sie von mir recht sehr. Im Wielandschen Hause wird mir noch oft und viel von Ihrer ältesten Tochter erzählt; sie hat sich da in wenigen Tagen sehr lieb und wert gemacht. Also steh’ ich doch noch bei ihr in einigem Andenken? In der Tat, ich muss erröten, dass ich es durch mein langes Stillschweigen so wenig verdiene. Dass Sie in mein liebes Vaterland reisen, und dort meinen Vater nicht vorbeigehen wollen, war mir eine sehr willkommene Nachricht. Die Schwaben sind ein liebes Volk, das erfahr’ ich je mehr und mehr, seitdem ich andere Provinzen Deutschlands kennen lernte. Meiner Familie werden Sie sehr wert und willkommen sein. Wollen Sie sich mit einem Pack Komplimente von mir dahin beladen? Küssen Sie meinen Vater von mir, und Ihre Tochter soll meiner Mutter und meinen Schwestern meinen Gruß bringen.“ – Wieland forderte Schiller zu einer fortgesetzten Teilnahme am deutschen Merkur auf, und zwar umso lieber, weil er dadurch seiner Zeitschrift eine frischere und jugendlichere Gestalt zu geben hoffte. Schiller lieferte die Götter Griechenlands20) , die Künstler21), ein Fragment der Niederländischen Geschichte, die Briefe über Don Carlos, und einige andere prosaische Aufsätze für die Jahrgänge des Merkur von 1788 und 1789, die durch Beiträge von Goethe, Herder, Kant, Reinhold u. a. m. unstreitig zu den reichhaltigsten gehörten. Ganz verschieden war Schillers Lebensweise in Weimar, von der, welche er, wie früher erwähnt worden, in Dresden führte. Er ging nicht viel aus, und arbeitete nie bis in die späte Nacht. Regelmäßig legte er sich um zehn Uhr zu Bett. In freundschaftlichen Verhältnissen lebte er damals mit Hufeland, Ridel22) und Friedrich Schulz23), die sich alle vier Wochen Freitag abends bei ihm einfanden, wo bei einem fröhlichen Gespräch ein Sardellensalat und eine Bouteille Petit Burgunder eingenommen wurde. – Seine Mittagsmahlzeit, anfangs aus einem Privat- späterhin aus einem Gasthause war äußerst frugal; abends genoss er selten etwas anders, als ein Butterbrot und eine Flasche Bier. Noch im Jahr 1787 erhielt Schiller von der Frau Geheimrätin von Wolzogen zu Bauerbach, die ihn, nach seiner Entfernung von Stuttgart so gütig aufgenommen hatte, eine Einladung. Er ging dorthin, verweilte nebenbei in Rudolstadt und sah dort zuerst seine nachherige Gattin, Fräulein von Lengefeld. Einige Wochen nach der Zurückkunft von dieser Reise, schrieb Schiller an einen Freund: „Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die andern Freuden genieße. Freundschaft, Geschmack, Wahrheit und Schönheit werden mehr auf mich wirken, wenn eine ununterbrochene Reihe feiner wohltätiger Empfindungen, mich für die Freude stimmt, und mein erstarrtes Wesen wieder erwärmt. Ich bin bis jetzt ein isolierter, fremder Mensch in der Welt herumgeirrt, und habe nichts als Eigentum besessen. – Ich sehne mich nach einer bürgerlichen und häuslichen Existenz. – Ich habe seit vielen Jahren kein ganzes Glück gefühlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstände dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als genoss, weil es mir an immer gleicher und sanfter Empfänglichkeit mangelte, die nur die Ruhe des Familienlebens gibt.“ – Auf eine ähnliche Weise hatte sich Schiller schon einige Jahre früher in einem Brief an Zumsteeg, der ihm seine Vermählung angezeigt hatte, ausgesprochen: „An eine Person, die mit uns Freuden und Leiden teilt, die unsern Gefühlen entgegenkommt, und sich so innig, so biegsam in unsere Laune schmiegt, gekettet zu sein – an ihrer Brust unsern Geist von tausend Zerstreuungen, tausend wilden Wünschen, und unbändigen Leidenschaften abzuspannen – und alle Bitterkeiten des Glücks im Genusse der Familie zu verträumen, ist wahre Wonne des Lebens.“ – Schiller ging im folgenden Jahr wieder nach Rudolstadt zurück. Er wohnte von Mai bis zum November teils in dem genannten Ort, teils in dem nahe gelegenen Flecken Volksstädt. Er führte dort eine ebenso einfache Lebensweise als früherhin in Weimar. In Rudolstadt selbst war die Familie der Frau von Lengefeld fast sein täglicher Umgang. „Mein Abzug aus Rudolstadt“, schrieb er im November 1788, „ist mir in der Tat schwer geworden. Ich habe dort viele schöne Tage verlebt, und ein sehr wertes Band der Freundschaft gestiftet.“ – Während seines Aufenthalts in Rudolstadt besuchte Schiller auch das Stammhaus der Grafen von Schwarzburg und die Ruinen des Klosters Paulin Zelle. In das Buch, das den Fremden, die sich zur Zeit des Vogelschießens in Rudolstadt aufhalten und gewöhnlich im Gasthof unweit der Schwarzburg einkehren, zum Einzeichnen ihrer Namen präsentiert wird, schrieb auch Schiller den seinigen nebst folgenden Versen:
In Rudolstadt war es auch, wo Schiller zum ersten Mal Goethe sah. Seine Erwartung war aufs höchste gespannt, teils durch die frühern Eindrücke, die Goethes Werke auf ihn gemacht hatten, teils durch die Berichte, die er über seine Persönlichkeit in Weimar vernommen hatte. Goethe war eben von seiner Reise durch Italien zurückgekehrt, über die er sich in einer zahlreichen Gesellschaft heiter und mitteilend äußerte. Seine Ruhe und Unbefangenheit hatte indes für Schiller, der im Bewusstsein eines rastlosen, unbefriedigten Strebens ihm gegenüber saß, etwas Unbehagliches. „Im Ganzen genommen“, schrieb er bald darauf, „ist meine in der Tat große Idee von Goethe, nach dieser persönlichen Zusammenkunft nicht vermindert worden, aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schließt sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und gründlich. Die Zeit wird das weitere lehren24).“ Durch Goethe wurde Schiller auch der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt. Schiller fühlte sich von der huldreichen Aufnahme, die er hier fand, begeistert. „Unbeschreiblich glücklich bin ich“, schrieb er an einen Freund, „wenn anders die Bekanntschaft mit den Großen der Erde ein Glück zu nennen ist. Doch ich habe ja nicht große, ich habe weise und gute Menschen gesehen; ich habe gefunden, dass Künste und Wissenschaften, Weisheit und Tugend auch von den Thronen herab Kenner und Verehrer finden. Die Herzogin Amalia – du kennst sie gewiss, die geistvolle Dame und gepriesene Regentin – ich habe sie gesehen, habe mich mit ihr unterhalten dürfen, und rätst Du wohl, wer mir zu ihr den Zutritt verschaffte? – Goethe war es. Kopfschüttelnd stehst Du da, und ich gebe Deinem Kopfschütteln meinen Beifall; denn es lehrt mich, künftig nie über Menschen rasch und nach gefassten Vorurteilen zu richten. Goethe ist wahrlich ein guter Mensch, und mag er auch manches gegen sich haben, so kommt dieses doch nicht aus ihm selbst.“ – Schiller hatte sich in seiner guten Meinung, die er von Goethe hatte, nicht geirrt. Denn dieser zeigte sehr bald, dass er keine Gelegenheit versäumte, sich für Schiller tätig zu verwenden und ihm einen seines würdigen Wirkungskreises anzuweisen. Schillers Abfall der Niederlande versprach viel von ihm für den Vortrag der Geschichte, und da der Professor Eichhorn damals Jena verließ, so rückte Schiller, durch Goethes und des verstorbenen Geheimrats von Voigt Verwendung, in dessen Stelle ein. Mit Schiller Aufenthalt in Jena, der größtenteils historischen und philosophischen Studien angehört, beginnt eine neue Periode seiner schriftstellerischen Tätigkeit, zu der die nachfolgenden Bemerkungen als Einleitung und nähere Bestimmung dienen mögen. Teilnahme an Menschen und Menschenschicksale ist das allgemeine Interesse, auf dem die Geschichte beruht. Wenn indes der gewöhnliche Mensch öfters nur eine müßige Neugier dadurch zu stillen wünscht, so hält dagegen der dramatische Dichter stets den Gesichtspunkt fest, jede Begebenheit in ihrem Zusammenhange mit den übrigen zu betrachten. Seine Ansicht wird dadurch nicht bloß historisch, sondern welthistorisch; er erhebt das Aggregat der Geschichte zu einem vernunftmäßigen Ganzen. Seine Beglaubigung dazu liegt in der Gleichförmigkeit und unveränderlichen Einheit der Naturgesetze und des menschlichen Gemütes, und diese Einheit ist die Ursache, dass die Ereignisse des entferntesten Altertums, bei dem Zusammentreffen ähnlicher Umstände von außen, in den neuesten Zeiten wiederkehren. Je öfter und mit je glücklicherem Erfolge er den Versuch erneuert, das Vergangene mit dem Gegenwärtigen zu verknüpfen, desto mehr wird er geneigt, was er als Ursache und Wirkung ineinander greifen sieht, als Mittel und Absicht zu verbinden. Eine Erscheinung nach der andern fängt an sich dem blinden Ungefähr, der gesetzlosen Freiheit zu entziehen, und sich einem übereinstimmenden Ganzen als passendes Glied anzureihen. Indem aber die Geschichte genau andeutet, wie sich die Kräfte des Menschen in jedem einzelnen Zeitraum entwickeln, stellt sie zugleich den wahren Maßstab für Glückseligkeit und Verdienst wieder her, den der herrschende Wahn in jedem Jahrhundert verfälschte. Durch dies alles bildet sich allmählich ein Ideal der Menschheit in seiner Seele aus, und hier haben wir den höhern Standpunkt, auf welchen Schiller sich stellte, und bei dem fast Zug für Zug die Charakterzeichnung seines Marquis Posa auf ihn selbst anwendbar ist. Mit offenen Sinnen, frischer Jugendkraft, mit dem Drang des Genius in das weite Universum hingestellt, sieht er den Menschen im Großen wie im Kleinen handeln. Er findet Gelegenheit, sein mitgebrachtes Ideal an den wirkenden Kräften der ganzen Gattung zu prüfen. Alles, was er hört, was er sieht, wird in Beziehung auf jenes Ideal empfunden, gedacht, verarbeitet. Er erblickt den Menschen unter verschiedenen Himmelsstrichen, in verschiedenen Verfassungen und Graden der Bildung, auf verschiednen Stufen des Glückes. So bildet sich in ihm allmählich eine zusammengesetzte und erhabene Vorstellung des Menschen im Großen und Ganzen, gegen die jedes einengende, kleinere Verhältnis verschwindet. An die Stelle eines Individuums (Raphael) tritt bei ihm nun das ganze Geschlecht, ein vorübergehender jugendlicher Affekt erweitert sich in eine allumfassende unendliche Philanthropie. Aus einem leidenschaftlichen Enthusiasten ist ein besonnener, tätig handelnder Mann geworden. Dunkle Träume und Ahnungen sind zu klaren Begriffen umgestaltet, ein allgemeiner unbestimmter Drang zu wirken hat sich in eine zweckmäßige Tätigkeit verwandelt. Der Geist der Völker wird von ihm erforscht, ihre Kräfte, ihre Hilfsmittel erwogen, ihre Verfassungen geprüft; im Umgang mit verwandten Geistern gewinnen seine Ideen Vielseitigkeit und Form. Beschäftigt mit kühnen und weit umfassenden Entwürfen, durchdrungen von den großen begeisternden Ideen menschlicher Kraft und Würde, und feuriger für das Wohl dieses großen Ganzen entzündet, das sich ihm in so vielen Individuen vergegenwärtigt hatte – so kommt er jetzt von der großen Ernte zurück, glühend vor Sehnsucht, einen Platz zu finden, wo er diese Ideale realisieren, und von seinen gesammelten Schätzen einen würdigen Gebrauch machen könne. Eine solche Laufbahn eröffnete sich Schiller in Jena, und sie möge einen neuen Abschnitt in des Dichters Leben bilden. 1) (K.
Ph. Moritz) Anton Reiser, ein psychologischer Roman. Berlin 1785-90. 4 Teile.
Einen fünften Band, als Beitrag zu Moritzes Lebensgeschichte, gab K. F.
Klischnig heraus. (Berlin 1794).
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