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1. Periode: 1781 bis 1785.Mit den Räubern, die schon auf der Karlsschule begonnen, im Jahr 1781 im Druck erschienen, „diesem Produkt genialer jugendlicher Ungeduld und Unwillens über einen harten Erziehungsdruck“, beginnt die erste Periode der Schillerschen Geistestätigkeit. Ein seltsamer Missverstand der Natur“, sagt er selbst1), „hatte mich in meinem Geburtsort zum Dichter verurteilt. Neigung für Poesie beleidigte die Gesetze des Institutes, in welchem ich erzogen wurde, und widersprach dem Plan seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel, aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an. Verhältnissen zu entfliehen, die mir eine Folter ware, schweifte mein Herz in eine Ideenwelt aus, aber unbekannt mit der wirklichen, von welcher mich eiserne Stäbe schieden – unbekannt mit den Menschen – denn die vierhundert, die mich umgaben, waren ein einziges Geschöpf, der getreue Abguss eines und eben dieses Modells, von welchem die plastische Natur sich feierlich lossagte – unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst überlassener Wesen – denn hier kam nur eine zur Reife, die ich jetzt nicht nennen will! – Jede übrige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich konvulsivisch spannte, jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der herrschenden Ordnung verloren; – unbekannt mit dem schönen Geschlecht – die Tore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu sein – unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal, musste mein Pinsel notwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, musste er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war, und dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte. – Ich meine die Räuber. Dies Stück ist erschienen. Die ganz sittliche Welt hat den Verfasser als einen Beleidiger der Majestät vorgefordert. Seine ganze Verantwortung sei das Klima, unter dem es geboren wurde. Wenn von allen den unzähligen Klageschriften gegen die Räuber nur eine einzige mich trifft, so ist es diese, dass ich zwei Jahre vorher mir anmaßte, Menschen zu schildern, ehe mir noch einer begegnet war.“ – „Das Laster“, sagt Schiller in der Vorrede zu den Räubern, „wird hier samt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in Franz all’ die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktion auf, skelettisiert die richtende Empfindung und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden) seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr – dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts – beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Missmenschen dieser Art ein treffendes, lebendiges Konterfei hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinanderzugliedern – und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. – Nächst an diesem steht ein anderer – ein Geist, den das äußerste Laster nur reizt, um der Größe willen, die ihm anhängt, um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger, wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekommt, notwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Unglückliche Konjekturen entschieden für das zweite, und erst am Ende einer unglücklichen Verirrung gelangt er zu dem ersten. Falsche Begriffe von Tätigkeit und Einfluss, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mussten sich natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealistische Welt gesellen, so war der seltsame Don Quixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern.“ – Auch eine kurze charakteristische Übersicht der Räuber, wie sie sich als Beilage eines Schillerschen Briefs an den Freiherrn von Dalberg2) vorfindet, dürfte wohl hier eine Stelle verdienen: „Das Gemälde einer verirrten großen Seele – ausgerüstet mit allen Gaben zum Vortrefflichen und mit allen Gaben verloren. Zügelloses Feuer und schlechte Kameradschaft verdarben sein Herz – rissen ihn von Laster zu Laster – bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Gräuel auf Gräuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte, in alle Tiefen der Verzweiflung. – Groß und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebessert, zurückgeführt zum Vortrefflichen. Einen solchen Mann wird man im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben3). – Einen heuchlerischen, heimtückischen Schleicher wird man entlarvt erblicken und gesprengt sehen in seinen eigenen Minen. – Einen allzu schwachen, nachgiebigen Verzärtler und Vater. – Die Schmerzen schwärmerischer Liebe und die Folter herrschender Leidenschaft. Hier wird man auch nicht ohne Entsetzen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen, und aus der Bühne unterrichtet werden, wie alle Vergoldungen des Glücks den innern Wurm nicht töten, und Schrecken, Angst, Reue, Verzweiflung hart hinter seinen Fersen sind. Der Zuschauer weine heute vor unserer Bühne – und schaudere – und lerne seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion und des Verstandes beugen. Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und auch der Mann gehe nicht ohne den Unterricht aus dem Schauspiel, dass die unsichtbare Hand der Vorsicht auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absichten und Gerichte brauche, und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne.“ – Schiller hatte für die Räuber keinen Verleger finden können, und den Druck auf eigene Kosten veranstalten müssen. Doch forderte ihn schon im Jahr 1781, der Hofkammerrat und Buchhändler Schwan in Mannheim zu einer Umarbeitung seines Schauspiels für die dortige Bühne auf. „Bei meiner Freundschaft“, schrieb Schwan bei dieser Gelegenheit4), „denke ich nie an den Kaufmann. Ich liebe und ehre den Mann um des Mannes und der Sache willen, ohne die mindeste Absicht auf Interesse. Dies ist nun auch der Fall zwischen uns beiden. Hören Sie deshalb, was ich Ihnen als Freund rate. Ohne sich gleich anfangs die Hände zu binden, lassen Sie sich einmal Vorschläge von dem Herrn v. Dalberg5) tun. Sie können ihm dabei nicht undeutlich zu verstehen geben, wie Sie gegen mich gesinnt sind. Vielleicht macht man Ihnen Vorteile, die ich Ihnen nicht machen könnte, und dann würde ich Ihnen selbst raten, dort zu entrieren. – Ich war der erste, der den Herrn v. Dalberg mit den Räubern bekannt machte. Voller Enthusiasmus lief ich gleich zu ihm, als ich von Ihnen die ersten sieben Bogen erhielt und las sie ihm vor. Es freut mich nicht, Sie mit diesem Mann bekannt gemacht zu haben, der eben so viel durch seine eignen Verdienste, als durch seinen Stand der pfälzischen Literatur Ehre gemacht. – Ohne ihn würde unser hiesiges Theater schon längst nicht mehr sein, was es ist. – Dass Ihre Arbeiten nicht bekannt werden sollten, weil Sie keinen Buchhändler zum Verleger haben, daran zweifeln Sie nicht. Es wird gleich aller Orten Nachdrücke genug geben. – Das Ihnen durch den Postwagen übersandte durchschossene Exemplar der Räuber, nebst meinen Anmerkungen, werden Sie erhalten haben. Ich bitte Sie nochmals, es für nichts, als Anmerkungen anzusehen. – Gestern erhielt ich eine Brief vom Direktor der Regensburger Schaubühne: er hat auch schon angefangen, das Stück fürs Regensburger Theater zu bearbeiten. Ich werde aber, schreibt er, warten, bis Sie mir die veränderte Ausgabe, wozu, wie Sie mir schreiben, der Verfasser selbst Hoffnung macht, schicken, um zu sehen, wie weit ich von der Meinung des Verfassers abgewichen oder entfernt bin. – Ich hielt mich im vorigen Monate bei meinem alten Freunde, dem Reichshofrat von Berberich auf seinem Landhause in Dieburg auf. Er ist Intendant der Regensburger Schaubühne. Auch da las ich die Räuber vor, und die ganze Gesellschaft wünschte das Stück aufgeführt zu sehen.“ – Bald darauf erhielt Schiller einen ähnlichen Antrag zur Umarbeitung seines Schauspiels von dem Direktor des Mannheimers Theaters, dem Freiherrn von Dalberg. Was Schiller hierauf entgegnete, ist noch vorhanden. Man sieht daraus sehr deutlich, wie streng er sich selbst beurteilte und in jede Abänderung willigte, von der man ihn überzeugte, doch wie nachdrücklich er auch in wesentlichen Punkten, selbst gegen einen Mann, den er hochschätzte, die Rechte seines Werkes verteidigte. Der erwähnte Briefwechsel mit den Freiherrn von Dalberg ist so reich an charakteristischen Bemerkungen, vorzüglich in Hinsicht auf die Räuber, dass wir nicht umhin können, einige jener Briefe, zum teil auszugsweise, hier einzuschalten6). „Hier erscheint endlich“, schrieb Schiller den 6. October 1781, „der verlorene Sohn oder die umgeschmolzenen Räuber. Freilich habe ich nicht auf den Termin, den ich selbst festsetzte, Wort gehalten, aber es bedarf nur eines flüchtigen Blicks auf die Menge und Wichtigkeit der Veränderungen, mich gänzlich zu entschuldigen. Dazu kommt noch, dass eine Ruhrepidemie in meinem Regiments-Lazarett mich von meinen otiis poeticis sehr oft abrief. Nach vollendeter Arbeit darf ich Sie versichern, dass ich mit weniger Anstrengung des Geistes und gewiss mit noch weit mehr Vergnügen ein neues Stück schaffen wollte, als mich der nun getanen Arbeit nochmals unterziehen. – Hier musste ich Fehlern abhelfen, die in der Grundlage des Stücks schon notwendig wurzeln; musste an sich gute Züge den Grenzen der Bühne, dem Eigensinn des Parterre, dem Unverstand der Galerie, oder sonst leidigen Konventionen aufopfern; und es wird Ihnen nicht unbekannt sein, dass es, wie in der Natur, so auf der Bühne für eine Idee, eine Empfindung auch nur einen Ausdruck, ein Colorit gibt. Eine Veränderung, die ich in einem Charakterzug vornehme, gibt oft dem ganzen Charakter, und folglich auch seinen Handlungen und der darauf ruhenden Mechanik des Stücks eine andere Wendung.“ – „Die Räuber stehen im Original unter sich in lebhaftem Kontrast und gewiss wird ein jeder Mühe haben, vier oder fünf Räuber kontrastieren zu lassen, ohne in einem von ihnen gegen die Delikatesse des Schauplatzes zu verstoßen. Als ich es anfangs dachte und den Plan davon bei mir entwarf, dacht’ ich mir die theatralische Darstellung hinweg. Daher kam’s, dass Franz als ein räsonierender Bösewicht angelegt worden; eine Anlage, die, so gewiss sie den denkenden Leser befriedigen wird, den Zuschauer, der für sich nicht philosophiert, sondern gehandelt haben will, ermüden und verdrießen muss.“ – „In der veränderten Auflage konnte ich diesen Grundriss nicht übern Haufen werfen, ohne dadurch der ganzen Ökonomie des Stücks einen Stoß zu geben. Ich sehe also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraus, dass Franz, wenn er nun auf der Bühne erscheinen wird, die Rolle nicht spielen werde, die er beim Lesen gespielt hat. Dazu kommt noch, dass der hinreißende Strom der Handlung den Zuschauer an den feinen Nuancen vorüber reißt und ihn also um wenigstens den dritten Teil des ganzen Charakters bringt.“ – „Der Räuber Moor dürfte auf dem Schauplatz Epoche machen; einige wenige Spekulationen, die aber auch als unentbehrliche Farben in dem ganzen Gemälde spielen, weggerechnet, ist er ganz Handlung, ganz anschauliches Leben.“ – „Spiegelberg, Schweizer, Hermann etc. sind im eigentlichen Verstande Menschen für den Schauplatz, weniger Amalia und der Vater.“ – „Ich habe schriftliche, mündliche und gedruckte Rezensionen zu benutzen gesucht. Die Verbesserungen sind wichtig, verschiedene Szenen ganz neu. Darunter gehören Hermanns Gegenintrigen, die Franzens Plan untergraben, seine Szene mit diesem, die in der ersten Ausarbeitung gänzlich und sehr unglücklich vergessen worden. Seine Szene mit Amalia im Garten ist um einen Akt zurückgesetzt worden, und meine Freunde sagen, daß ich im ganzen Stück keinen bessern Akt dazu hätte wählen können, als diesen; keine bessere Zeit, als einige Augenblicke vor Moors Szene mit Amalia. – Franz ist der Menschheit näher gebracht, aber der Weg dazu ist etwas seltsam. Eine Szene, wie seine Verurteilung im fünften Akt, ist, meines Wissens, auf keinem Schauplatz erlebt, eben so wenig als Amalias Aufopferung durch ihren Geliebten.“ – „Wenn das Stück zu groß sein sollte7) so steht es in der Willkür des Theaters, Räsonnements abzukürzen, oder hie und da etwas, unbeschadet des ganzen Eindrucks hinweg zu tun. Aber dawider protestiere ich höflich, dass beim Drucken etwas hinweg gelassen wird; denn ich hatte meine guten Gründe zu allem, was ich stehen ließ, und so weit geht meine Nachgiebigkeit gegen die Bühne nicht, dass ich Lücken lasse, und Charaktere der Menschheit für die Bequemlichkeit der Spieler verstümmele.“ – „In Absicht auf die Wahl der Kleidung erlauben Sie mir nur die unmaßgebliche Bemerkung: Sie ist in der Natur eine Kleinigkeit, niemals auf der Bühne. Meines Räubers Moor Geschmack wird darin nicht schwer zu treffen sein. Einen Busch trägt er auf dem Hut, denn dies kommt namentlich im Stück vor, zu der Zeit, da er sein Amt niederlegt8). Ich gebe ihm auch einen Stock dazu. Seine Kleidung müßte immer edel, ohne Zierung, nachlässig, doch nicht leichtsinnig sein.“ – „Ein vortrefflicher junger Komponist9) arbeitet an einer Symphonie für meinen verlornen Sohn; ich weiß, dass sie meisterlich wird.“ – „Ich gestehe Ihnen aufrichtig“, schrieb Schiller den 12. Dezember 1781 an den vorhin erwähnten Freiherrn von Dalberg, „dass ich die Zurücksetzung der Geschichte meines Stücks in die Epoche des gestifteten Landfriedens und unterdrückten Faustrechts – die ganze dadurch wohl errungene Anlage des Schauspiels für unendlich besser, als die meinige, halte und halten muss, wenn ich vielleicht dadurch mein ganzes Schauspiel verlieren sollte. Allerdings ist der Einwurf, dass schwerlich in unserm hellen Jahrhundert, bei unserer abgeschliffenen Polizei und Bestimmtheit der Gesetze, eine solche meisterlose Rotte gleichsam im Schoß der Gesetze entstehen, noch viel weniger einwurzeln und einige Jahre aufrecht stehen konnte – allerdings ist dieser Einwurf gegründet, und ich wüsste nichts dagegen zu sagen, als die Freiheit der Dichtkunst, die Wahrscheinlichkeiten der wirklichen Welt in den Rang der Wahrheit, und die Möglichkeit derselben in den Rang der Wahrscheinlichkeiten erheben zu dürfen.“ – „Diese Entschuldigung befriedigt allerdings die Größe des Gegenteils nicht. Wenn ich aber E. E. dies zugebe – und ich gebe es mit Wahrheit und vollkommener Überzeugung zu – was wird folgen? Gewiss nichts anderes, als dass mein Schauspiel einen großen Fehler bei der Geburt bekommen, einen Fehler, den es, wenn ich so sagen darf, ins Grab mitnehmen muss, weil er in sein Grundwesen verflochten ist, und nicht ohne Destruktion des Ganzen aufgehoben werden kann.“ – „Erstens sprechen alle meine Personen zu modern, zu aufgeklärt für die damalige Zeit. Der Dialog ist gar nicht derselbe. Die Simplizität, die uns der Verfasser des Götz von Berlichingen so lebhaft gezeichnet hat, fehlt ganz. Viele Tiraden, große und kleine Züge, Charaktere sogar, sind aus dem Schoß unserer gegenwärtigen Welt herausgehoben, und taugten nicht in dem Maximilianischen Zeitalter. Es ginge, mit einem Wort, dem Stück, wie einem Holzstich, den ich in einer Ausgabe des Virgil gefunden. Die Trojaner hatten Husarenstiefel, und der König Agamemnon führt eine Paar Pistolen in seinem Halfter. Ich beginge ein Verbrechen gegen die Zeiten Maximilians, um einem Fehler gegen die Zeiten Friedrich des Zweiten auszuweichen.“ – „Zweitens: meine ganze Episode mit Amalias Liebe spielte gegen die einfache Ritterliebe der damaligen Zeit einen abscheulichen Kontrast. Amalia müsste schlechterdings in ein Ritterfräulein umgeschmolzen werden, und Sie sehen von selbst, dieser Charakter, diese Gattung liebe, die in meiner Arbeit herrscht, ist in das ganze Gemälde des Räuber Moors, ja in das ganze Stück so tief und allgemein hinein koloriert, dass man das ganze Gemälde übermalen muss, um es auszulöschen. So verhält es sich auch mit dem Charakter Franzens, diesem spekulativen, diesem metaphysisch-spitzfindigen Schurken.“ – „Ich glaube mit einem Wort sagen zu können: Diese Versetzung meines Stücks, welche ihm vor der Ausarbeitung den größten Glanz und die höchste Vollkommenheit würde gegeben haben, machte es nun, da es schon angelegt und vollendet ist, zu einem fehlerhaften Quodlibet, zu einer Krähe mit Pfauenfedern.“ – „Verzeihen E. E. dem Vater diese eifrige Fürsprache für sein Kind. – Dieses einzige werde ich mir von Herrn Schwan ausbedingen, dass er es wenigstens nach der ersten Anlage druckt. Auf dem Theater prätendiere ich keine Stimme.“ – „Die zweite Hauptveränderung mit der Ermordung Amalias war der Teil meines Schauspiels, der mir am meisten Anstrengung und Überlegung gekostet hat, wovon das Resultat kein anderes war, als dass Moor seine Amalie ermorden muss, und dass dies eine positive Schönheit seines Charakters ist, die einerseits den feurigen Liebhaber, anderseits den Banditenführer mit dem lebhaftesten Kolorit auszeichnet.“ – „Wenn es möglich wäre, dass Ew. Excellenz die Generalprobe des Stücks wenigstens zwischen dem 20sten und 30sten dieses Monats zu Stande brächten, und mir die wichtigsten Unkosten einer Reise zu Ihnen vergüteten, so hofft’ ich in etlichen Tagen das Interesse des Theaters und das meinige zu vereinigen, und dem Stück die theatralische Rundung geben zu können, die sich, ohne wirkliche Gegenwart bei der Aufführung, nicht geben lässt.“ – „Eine verdrießliche Sache“, heißt es in einem Brief Schillers an Schwan vom 30. Dezember 1781, „scheint zwischen meine Hoffnung, die Räuber aufführen zu sehen, zu treten, Herr v. Dalberg schreibt, dass solche den 10ten oder 12ten, und Sie, dass sie den 3ten schon können gegeben werden. Nun ist den 10. Januar das Geburtsfest der Gräfin von Hohenheim, von welchem niemand, der vom Militärstand ist, oder sonstige Verhältnisse gegen den Herzog hat, wegbleiben darf, da es in aller Solennität vollzogen werden soll. Würden die Räuber den 12ten oder noch später aufgeführt, so hätt’ ich die beste Hoffnung. Ich würde Sie also bitten, mich bei Zeiten bestimmt zu benachrichtigen, sonst aber in Mannheim selbst so viel als möglich von meiner Dahinreise zu schweigen, weil ich vielleicht genötigt sein könnte, von diesem Stillschweigen Gebrauch zu machen.“ – „Wir mir Hr. Schwan schreibt, so hat ein Baron von Gemmingen meinem Stücke die Ehre angetan, es vorzulesen. Ich höre, dass dieser Hr. v. Gemmingen Verfasser des deutschen Hausvaters ist10). Ich wünschte die Ehre zu haben, ihm zu versichern, dass ich eben diesen Hausvater ungemein gut gefunden, usw.“ – Die schriftlichen Verhandlungen zwischen Schiller und Dalberg hatten sich zu beiderseitiger Zufriedenheit geendigt, und die Räuber11) wurden im Januar 1782 in Mannheim aufgeführt. Schiller wünschte sehnlich bei dieser Aufführung zugegen zu sein, doch wurde ihm der Urlaub zur Reise nach Mannheim von seinen Vorgesetzten verweigert. Er reiste indes heimlich dahin ab, nachdem er seinem Freund, Hrn. M… in Ludwigsburg verschiedene erhaltene Aufträge zur Besorgung übergeben hatte. „Darüber dürfen Sie nichts Arges haben!“, schrieb er an diesen, „welcher kräftige Jüngling würde nicht wünschen, das Kind seiner ersten Liebe zu sehen? Und wünsche ich denn etwas andres zu sehen, als jenes jugendliche erste Kind, welches sein Dasein, wo nicht einem kräftigen Jünglinge, so doch einer jugendlichen ernsten Beschäftigung eines Jünglings zu danken hat?“ – Die Mannheimer Bühne gehörte damals zu den vorzüglichsten Deutschlands. Das kunstvolle Spiel eines Beil, Beck und vorzüglich Ifflands als Franz Moor12) hatte auf Schiller so begeistert gewirkt, dass er wirklich den Wunsch äußerste, Mitglied des dortigen Theaters zu werden. Diesem Wunsche soll indes Beil sehr ernstlich entgegengetreten sein und prophetisch geäußert haben, „nicht als Schauspieler sondern als Schauspieldichter werden Sie der Stolz der deutschen Bühnen werden!“ – Kurze Zeit nach jener Aufführung schrieb Schiller d. 17. Januar 1782 an Dalberg: „Ich wiederhole hier die wärmsten Danksagungen für die Ehre und den Pomp, dessen sie mein Stück gewürdigt haben. – Mein kurzer Aufenthalt in Mannheim gestattete mir nicht ins Detail meines Stückes und seiner Vorstellung zu gehen; und weil ich nicht alles sagen konnte, weil mir die Zeit zu sparsam dazu abgewogen, und mein Inkognito zu streng war, so hielt ich es für besser, noch gar nichts zu sagen. Beobachtet habe ich vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muss ich die Epoche von der vorigen Woche zählen.“ – „Ich gestehe, dass die Rolle Franzens, die ich für die schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche nicht gering war) in den wichtigsten Punkten vortrefflich gelang. Auch die Rolle der Amalia gewann durch die Vorstellung mehr als beim Lesen.“ – „Ich bin Willens, die Vorstellung der Räuber zu Mannheim nach meinen dabei angestellten Beobachtungen weitläufig zu zergliedern, und in einer Abhandlung über das Schauspiel bekannt zu machen. Ich werde darin die drei trefflichen Schauspieler, Herrn Iffland, Beck und Beil vorzüglich zu charakterisieren suchen, und mir zugleich die Freiheit nehmen, über die Grenzen des Dichters und Schauspielers zu reden13).“ Schillers Entfernung von Stuttgart war nicht verborgen geblieben, und er musste dies Vergehen gegen seine Vorgesetzten hart büßen. „Sie werden sich nicht wenig wundern“, schrieb er an Dalberg, „wenn ich Ihnen sage, dass ich wegen meiner letzten Hinreise zu Ihnen vierzehn Tage in Arrest gesetzt wurde. Alles ward meinem Landesherrn haarklein berichtet. Ich habe deshalb eine persönliche Unterredung mit ihm gehabt.“ – Schiller erwarteten indes noch widrigere Schicksale. Die Räuber waren in Mannheim sowohl, als an mehreren Orten, selbst in Stuttgart begierig gelesen worden. Schiller hatte sich nicht lange vorher durch das Tyrannenlied, das er in Schubarts Chronik14) einrücken lassen, als exzentrischen Kopf gezeigt. Die Erscheinung der Räuber vermehrte und unterhielt die allgemeine Sensation. Man soll indes mehrere Stellen, wie: „Blut säufst du wie Wasser – Menschen wägen auf deinem mörderischen Dolche keine Luftblase – der Günstling, der sich aus dem Pöbelstand emporgehoben, dessen Hoheit Schemel der Fall seines Nachbarn war – ein Minister jenes Gelichters, der Ehrenstellen und Ämter an die Meistbietenden verkaufte, und den trauernden Patrioten von der Türe stieß – usw.“ als gehässige Anspielungen Schiller damals sehr übel gedeutet haben. „Ich muss eilen“, schrieb er, „dass ich von hier wegkomme, man möchte mir am Ende gar in Hohenasperg, wie dem ehrlichen Schubart15) ein Logis anweisen. – Man redet von besserer Ausbildung, die ich bedürfen soll. Es kann sein, dass man mich in Hohenasperg anders bilden würde; allein man lasse mich bei meiner jetzigen Ausbildung, die ich gern in geringerem, aber mir wohlgefälligerem Grad besitzen will – denn so verdanke ich sie doch meinem freien Willen und der Zwang verachtenden Freiheit.“ – „Ich denke längst“, heißt es in einer andern Stelle seiner damaligen Briefe, „in den Angelegenheiten, wobei man mich jetzt unter eine, den Geist fesselnde Kuratel setzen möchte, mündig gewesen zu sein. Das Beste ist, dass man solchen plumpen Fesseln ausweichen kann; mich wenigstens sollen sie nie drücken.“ – Die Gefahr, die Schiller bedrohte, war wohl so groß nicht, als er sie sich, den hier mitgeteilten Briefen zufolge, dachte, allein sein Aufenthalt in Stuttgart wurde ihm durch einen andern Umstand noch mehr verbittert. Von Graubünden aus beschwerte man sich im Hamburger Korrespondenten über eine Stelle in den Räubern, in welcher von den Einwohnern jenes Landes als von gemeinen Straßenräubern gesprochen wurde (eine in Schwaben nicht ungewöhnliche Art von den Graubündnern zu sprechen16)). Dies veranlasste einen gewissen Garteninspektor Walter in Ludwigsburg, den Dichter beim Herzog von Württemberg anzugeben, und dieser verbot Schiller, außer dem medizinischen Fach irgendetwas drucken zu lassen17). „Die Räuber“, sagt Schiller18), „kosteten mir Familie und Vaterland. Mitten im Genuss des ersten verführerischen Lobes, das unverhofft und unverdient mir entgegenkam, untersagte man mir in meinem Geburtsort, bei Strafe der Festung, zu schreiben. Mein Entschluss ist bekannt – ich verschweige das Übrige.“ – Ein solches Verbot musste Schiller um so drückender sein, da er sich mit dem Professor Abel und dem unlängst verstorbenen Bibliothekar Petersen in Stuttgart zur Herausgabe einer Zeitschrift, unter dem Titel: Württembergisches Repertorium der Literatur19) vereinigt hatte. In diese Zeit fällt auch die Herausgabe der Anthologie20) in Verbindung mit Stäudlin21) worin Schiller mehrere seiner früheren Gedichte, unter andern die an Laura22) so wie Poesien von seinen Freunden, die mit ihm auf der Karlsschule studierten, dem Grafen von Zucrato aus Parenzo, Ferd. Friedr. Pfeiffer aus Pfullingen, dem vorhin erwähnten Bibliothekar Petersen u. a. m. aufnahm. Diese Anthologie ist gänzlich aus den Augen des Publikums verschwunden, und verdient als eine literarische Seltenheit wohl eine nähere Beschreibung. Das Werk beginnt mit einer Zueignung Schillers, der sich mit Y unterzeichnet hat, an seinen Prinzipal den Tod, und zwar folgendermaßen:
Mit untertänigstem Hautschauern unterfange ich mich, deiner gefräßigen Majestät klappernde Phalanges zu küssen, und dieses Büchlein vor deinem dürren Kalkaneus in Demut niederzulegen. Meine Vorgänger haben immer die Weise gehabt, ihre Sächlein und Päcklein, dir gleichsam recht vorsätzlich zum Ärger, hart an deiner Nase vorbei, in’s Archiv der Ewigkeit transportieren zu lassen, und nicht gedacht, dass sie dir eben dadurch um so mehr das Maul darnach wässern machten; denn auch an dir wird das Sprichwort nicht zum Lügner: Gestohlen Brot schmeckt gut. Nein, dedizieren will ich Dir’s lieber, so bin ich doch gewiss, dass Du’s – weit weglegen werdest. Doch Spaß beiseite! – Ich denke, wir zwei kennen uns genauer, denn nur vom Hörensagen. Einverleibt dem äskulapschen Orden, dem Erstgebornen aus der Büchse der Pandora, der so alt ist, als der Sündenfall, bin ich gestanden an deinem Altare, habe, wie der Sohn Hamilkars den sieben Hügeln, geschworen unsterbliche Fehde deiner Erbfeindin Natur, sie zu belagern mit Medikamenten Heereskraft, eine Wagenburg zu schlagen um die Stahlsche Seele, aus dem Feld zu schlagen mit Sturm die Trotzige, die Deine Sporteln schmälert, und deine Finanzen schwächt, und auf dem Wahlplatz des Archäus hoch zu bäumen Deine mitternächtliche Kreuzstandarte. – Dafür nun (denn eine Ehre ist wert der andern) wirst Du mir auswirken den köstlichen Talisman, der mich mit heiler Haut und ganzer Wolle an Galgen und Rade vorübergeleitet. –
Ei ja doch! Tue das, goldiger Mäcenas! Denn siehst du, ich möchte doch nicht gern, dass mirs ginge, wie meinen tollkühnen Kollegen und Vettern, die mit Stillet und Sackpuffern bewaffnet, in finstern Hohlwegen Hof halten, oder im unterirdischen Laboratorium das Wunderpolychrest mischen, das, wenn’s hübsch fleißig genommen wird, unsere politische Nasen, über kurz oder lang mit Thronvakaturen und Staatsfiebern kitzelt. – D’Amiens und Ravaillac! – Hu! Hu! Hu! – Es ist ein gut Ding um gerade Glieder! Ob du auch deinen Zahn auf Ostern oder Michaelis gewetzt hast? – Die große Bücherepidemie in Leipzig und Frankfurt – Juchheisa, Dürrer! – wird ein königlich Fressen geben. Deine fertigen Mäkler, Völlerei und Brunst, liefern dir ganze Frachten aus dem Jahrmarkt des Lebens. – Selbst der Ehrgeiz, dein Großpapa, Krieg, Hunger, Feuer und Pest, deine gewaltigen Jäger haben Dir schon so machen fette Menschenkopfjagd gehalten – Geiz und Golddurst, Deine mächtigen Kellermeister, trinken dir ganze schwimmende Städte im sprudelnden Kelch des Weltmeers zu. – Ich weiß in Europa eine Küche, wo man dir die raresten Gerichte mit Festtagsgepränge auf die Tafel gesetzt hat. – Und doch – wer hat dich je satt gesehen, oder über Indigestion klagen gehört? – Eisern ist deine Verdauung, grundlos deine Gedärme! Puh! – Ich hätte Dir noch so manches zu sagen, aber ich tummel mich, dass ich wegkomme – du bist ein garstiger Schwager – Geh – du machst dir Rechnung, hör’ ich, eine Generalkollation zu erleben, wo dir Groß und Klein, Weltkugeln und Lexika, Philosophien und Putzwerk in den Rachen fliegen sollen. – Guten Appetit, wenn’s so weit kommt! – Doch Hungerwolf, der du bist, siehe zu, dass du dich da nicht überessest, und deinen ganzen Fraß haarklein wiedergeben müssest, wie dir’s ein gewisser Athenienser, der dir gar nicht wohl will, prophezeit hat. Nun folgt die Vorrede Schillers, ebenfalls mit Y unterzeichnet. Tobolsko den 2. Februar. – Tum primum radiis gelidi incaluere Triones. – Blumen in Sibirien? – Dahinter steckt eine Schelmerei, oder die Sonne muss Front gegen Mitternacht machen. – Und doch – wenn Ihr Euch auf den Kopf stelltet! Es ist nicht anders; – wir haben lange genug Zobel gefangen, lasst’s uns einmal auch mit Blumen versuchen. Sind nicht schon Europäer genug zu uns Stiefsöhnen der Sonne gekommen, und durch unsern hundertjährigen Schnee gewatet, irgend ein bescheidenes Blümchen zu pflücken? Schande unsern Ahnen – wir wollen sie selbst sammeln, und einen ganzen Korb voll nach Europa frankieren. – Zertretet sie nicht, ihr Söhne des milderen Himmels! Aber im Ernst zu reden – das eiserne Gewicht des Vorurteils, das schwer über dem Norden brütet, von der Stelle zu räumen, fordert einen stärkern Hebel, als den Enthusiasmus einiger wenigen, und auch ein festeres Hypomochlion, als die Schultern von zwei oder drei Patrioten. Doch wenn schon auch diese Anthologie Euch leckerhafte Europäer, so wenig, als – wenn ich den Fall setze – unser Musenalmanach, den wir – wenn ich je den Fall setzen wollte – hätten können geschrieben haben, mit uns Schneemännern versöhnen wird, so bleibt ihr doch mindestens das Verdienst, Hand in Hand mit ihren Kameradinnen im weit entlegenen Deutschland dem ausröchelnden Geschmack den Genickfang geben zu helfen, wie wir Tobolskianer zu sprechen belieben. Wenn Eure Homere im Schlafe reden, und Eure Herkules Mücken mit ihren Keulen erschlagen – wenn jeder, der seinen bezahlten Schmerz in Leichenalexandriner auszutropfen versteht, das für eine Vokazion auf den Helikon auslegt – wird man uns Nordländern verdenken, mitunter auch in den Leierklang der Musen zu klimpern? – Eure Matadore wollen Silbergeld gemünzt haben, wenn sie ihr Brustbild auf elendes Messing prägten; – und zu Tobolsko werden die Falschmünzer aufgehängt. Zwar mögt Ihr oft auch bei uns Papiergeld statt russischer Rubels finden, aber Krieg und teure Zeit entschuldigen alles. So geh’ denn hin, Sibirische Anthologie – Geh – du wirst manchen Süßling beseeligen, wirst von ihm auf den Nachtisch seiner Herzeinzigen gelegt werden, und zum Dank ihre alabasterne Lilienschneehand seinem zärtlichen Kuss verraten. – Geh – du wirst in den Assembleen und Stadtvisiten manchen gähnenden Schlund der Langeweile ausfüllen, und vielleicht eine Circasienne ablösen, die sich im Platzregen der Lästerung müde gestanden hat. – Geh – du wirst die Küche mancher Kritiker beraten; sie werden dein Licht fliehen, und sich gleich den Käuzlein in deinen Schatten zurückziehen. – Hu! Hu! Hu! – Schon hör’ ich das ohrzerfetzende Geheul im unwirtbaren Forst, und hülle mich angstvoll in meinen Zobel. Was nun die Gedichte betrifft, so sind folgende von Schiller, in der Anthologie sämtlich mit Y unterzeichnet, zum Teil mit bedeutenden Abänderungen in seine Werke aufgenommen wurden: Phantasie an Laura, S. 7, Laura am Klavier, S. 19, Elegie auf den Tod eines Jünglings, S. 26, Die seligen Augenblicke. An Laura (S. 38, in d. Werk. Die Entzückung an Laura überschrieben), Die Kindesmörderin, S. 42. Der Triumph der Liebe. Eine Hymne, S. 58. Eine Leichenphantasie, S. 82, die Größe der Welt, S. 128, Meine Blumen, S. 132. Das Geheimnis der Reminiszenz. An Laura, S. 137, Gruppe aus dem Tartarus, S. 147, Die Freundschaft, S. 148, Melancholie an Laura, S. 166, Morgenphantasie (S. 184, in d. Werk. Der Flüchtling überschrieben), Semele. Eine lyrische Operette in zwei Szenen, S. 199. Außerdem befinden sich noch folgende Gedichte in Schillers Werken, die in der Anthologie mit verschiedenen Buchstaben bezeichnet sind: Das Glück und die Weisheit, S. 76, Rr.; In einer Bataille von einem Offizier (S. 49, v. R.; in d. Werk. Mit d. Überschrift: die Schlacht), Graf Eberhard der Greiner von Württemberg, S. 251, W. D.; Rousseau, S. 33. In d. Werken sind von den 14 Strophen dieses Gedichts nur die erste und siebente aufgenommen worden. Es ist mit M. unterzeichnet. Dieselbe Chiffer haben folgende Gedichte: An einen Moralisten, S. 78, An den Frühling, S. 123, An Mina, S. 190, Elysium. Eine Kantate, S. 196. Zu den Gedichten, die nicht in die Werke aufgenommen worden, aber offenbar von Schiller herrühren, gehören folgende, mit Y unterzeichnet: An die Parzen, S. 54, Vorwurf an Laura, S. 101, Hymne an den Unendlichen, S. 126, Die Pest, S. 173, Die schlimmen Monarchen, S. 244, das Gedicht Kastraten und Männer, S. 115, ist mit O unterzeichnet, und befindet sich sehr abgekürzt in d. Sammlung von Schillers Gedichten unter dem Titel Männerwürde, und das Monument Moors des Räubers, S. 177, führt die Unterschrift: Vom Verfasser der Räuber. Die übrigen nicht von Schiller herrührenden Gedichte sind folgende: Die Journalisten und Minos (S. 1, zwar mit Y unterzeichnet, doch nicht von Schiller, sondern von F. Fr. Pfeiffer), Bacchus im Triller, S. 12 W. D., An die Sonne, S. 16 W., Die Herrlichkeit der Schöpfung. Eine Phantasie, S. 22 W., Der wirtschaftliche Tod, S. 32 Z., An den Galgen zu schreiben, S. 37 C., Spinoza, S. 41 O. Aufschrift einer Fürstengruft, S. 48 T., Grabschrift S. 53 P., Klopstock und Wieland, als ihre Silhouetten nebeneinander hingen, S. 68 A., Gespräch, S. 69 O., Vergleichung S. 70 O., Die Rache der Musen. Eine Anekdote vom Helikon, S. 72 *, Rätsel, S. 77 T., Grabschrift eines gewissen Physiognomen, S. 81 O., Äschylus, S. 87 T., Der hypochondrische Pluto. Romanze in 3 Büchern, S. 88 P., Die Buße S. 99 T., Actäon, S. 100 O., Zuversicht der Unsterblichkeit, S. 100 O., Die Alten und Neuen, S. 105 C., Der einfältige Bauer, S. 106 P., Edgar an Psyche, S. 107 Ha., Sitten und Zeiten, S. 109 Bn., Ein Vater an seinen Sohn, S. 110 W., Die Messiade, S. 111 Kr., Ossians Sonnengesang. Aus dem Gedichte Karthon, S. 112 H…, In Fulda’s Wurzellexikon, S. 114 L., Doktor Pandolff, S. 122 U., Polizeiordnung, S. 124 Hr., Die alten und neuen Helden, S. 125 L., Unterschied der Zeiten, S. 125. H…, Auf den Hrn. R., S. 127 H…, Gegründete Furcht, S. 130 Hr., Passanten-Zettel am Tor der Hölle. Item: am Tor des Himmels, S. 131 Z., Fluch eines Eifersüchtigen, S. 134 X., An Fanny, 152 X., Gefühl am 1. Oktober 1781, S. 156 B., Peter, S. 162 U., Der Württemberger, S. 162 O., An mein Täubchen, S. 163 X., Das Muttermal, S. 174 Rr., Die Spinne und der Seidenwurm, S. 175 H…, Auf Chloe’s Geburtstag d. 4. Januar, S. 181 G., Lied eines abwesenden Bräutigams, S. 187 G., Der Unterschied, S. 193 G., Quirl, S. 198 O., Die Büchse der Pandora, S. 243 Z., Alte Jungfern, S. 257 Z., An Gott, S. 258 X., Bauernständchen, S. 260 W. D., Der Satyr und meine Muse, S. 263 P., Die Winternacht, S. 268, mit einem + unterzeichnet, und vielleicht von Schiller, wie man aus den beiden letzten Strophen schließen könnte.
Glaubwürdigen Zeugnissen zufolge war es nicht Schillers Beschäftigung mit Poesie überhaupt, was die Unzufriedenheit des Herzogs erregte. Er achtete, als ein vielseitig gebildeter Fürst, jede Gattung von Kunst; doch schienen ihm Schillers Produkte von häufigen Verstößen gegen den bessern Geschmack zu zeugen. Er ließ ihn daher zu sich kommen, warnte ihn auf väterliche Weise und verlangte von ihm, dass er ihm alle seine poetischen Produkte zeigen solle. Diesen Antrag einzugehen war Schiller unmöglich, und seine Weigerung wurde natürlich nicht gut aufgenommen. Es scheint indes, als habe der Herzog dem ungeachtet stets ein gewisses Interesse für Schiller gefühlt. Seine spätere heimliche Entfernung von Stuttgart wurde nicht geahndet, und hatte auch für seinen Vater keine nachteilige Folgen. Auch wurde, als Schiller im Jahr 1793, noch bei Lebzeiten des Herzogs, sein Vaterland und seine Eltern besuchte, diese Zusammenkunft auf keine Weise gestört. Schiller hatte den festen Entschluss gefasst, Stuttgart zu verlassen, doch wünschte er es nicht ohne Erlaubnis des Herzogs zu tun. Er hoffte diese durch den Freiherrn von Dalberg auszuwirken, und seine damaligen Briefe an ihn enthalten mehrmalige dringende Bitten um eine solche Verwendung. „Ich bin so dreist“, schrieb Schiller den 24. Mai 1782 an Dalberg, „Ew. Exzellenz um die Erfüllung eines Wunsches zu ersuchen. – Das ungeduldige Verlangen, mein Schauspiel zum zweiten Mal aufführen zu sehen, und die dazu kommende Abwesenheit meines Herrn, veranlasst mich und einige Freunde, die ebenso voll Begierde sind, als ich, die Räuber auf Dalbergs Bühne zu sehen, eine Reise nach Mannheim zu unternehmen, die Morgen schon vor sich gehen wird. Da das nun der Hauptzweck unserer Reise ist, so wäre meine sehnlichste Bitte an Ew. Exzellenz, mir bis Dienstag, den 28. dieses Monats, zu dieser Freude zu verhelfen. Da ein Wort von Ihnen das ganze Rad treibt, und ich übrigens von der Gefälligkeit der Herrn Schauspieler diese Freundschaft für mich erwarten kann, so schmeichle ich mir, nicht umsonst zu reisen; denn ich reise doch nur deswegen. Jetzt erst würd’ ich mich mit ganzer Seele in die Vorstellung verlieren, und mit vollen Zügen an diesem Anblick mich weiden können. – Ich kann mich nicht länger als bis Dienstagnacht in Mannheim verweilen; werde also im ganzen zwei Schauspiele beiwohnen können. Wie glücklich wär’ ich, wenn meine Räuber eins davon sein könnten.“ – „Ich bereue“, schrieb er den 4. Juni 1782, „beinahe die glücklichste Reise23) meines Lebens, die mir durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so verleidet worden ist, dass mir Stuttgart und alle schwäbische Szenen unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann niemand sein, als ich. Ich habe Gefühl genug für die traurige Situation, vielleicht auch selbst Gefühl genug für das Verdienst eines bessern Schicksals, und für beides nur eine Aussicht. – Darf ich mich Ihnen in die Arme werfen, vortrefflicher Mann? Ich weiß, wie schnell sich ihr edelmütiges Herz entzündet, wenn Mitleid und Menschenliebe es auffordern. Dies macht mich so dreist, mich Ihnen ganz zu geben, mein ganzes Schicksal in Ihre Hände zu liefern und von Ihnen das Glück meines Lebens zu erwarten.“ – „Noch bin ich wenig oder nichts. In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glücklichere Sterne und ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwärmen würden. – Brauch’ ich mehr zu sagen, um von Dalberg alle Unterstützung zu erwarten?“ – „Die Aufmunterung, womit Ew. Exzellenz meine dramatische Muse zu erwecken suchen, ist im höchsten Grade schmeichelhaft für mich, und ist mir einigermaßen Bürge, dass die erste Probe, die ich Ihnen gegeben, Ihren Beifall hat. Ich würde die Unwahrheit reden, wenn ich meine immer wachsende Neigung zum Drama verleugnete, die einen großen Teil meiner Glückseligkeit auf dieser Welt ausmachen soll, und doch hab’ ich vor Verfluss eines halben Jahres wenig Hoffnung, sie befriedigen zu können. Meine gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin in der hiesigen Karlsuniversität anzunehmen, und zu diesem Ende muss ich eine medizinische Dissertation schreiben, und das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch einmal durchstreifen.“ – „Könnten Sie in das Innere meines Gemütes sehen, welche Empfindungen es druchwühlen; könnte ich Ihnen mit Farben schildern, wie sehr mein Geist unter dem verdrießlichen meiner Lage sich sträubt – Sie würden – ich weiß es gewiss – eine Hilfe nicht verzgöern, die durch einen oder zwei Briefe an den Herzog geschehen kann24).“ – „Wenn E. E. glauben“, schrieb er den 15. Juli 1782, „dass sich meine Aussichten, zu Ihnen zu kommen, möglich machen lassen, so wäre meine einzige Bitte, solche zu beschleunigen. Warum ich dieses jetzt doppelt wünsche, hat eine Ursache, die ich keinem Briefe anvertrauen darf. Dies einzige kann ich Ihnen für gewiss sagen, dass in etlichen Monaten, wenn ich in dieser Zeit das Glück nicht habe, zu Ihnen zu kommen, keine Aussicht mehr da ist, dass ich jemals bei Ihnen leben kann. Ich werde alsdann gezwungen sein, einen Schritt zu tun, der mir’s unmöglich machen würde, zu Mannheim zu bleiben.“ – Es mochten indes Schwierigkeiten eingetreten sein, Schillers Bitte zu erfüllen; seine Ungeduld wuchs und er entschloss sich im Oktober 1782 zur Flucht. Sie mochte umso leichter gelingen, als in Stuttgart alles mit den Feierlichkeiten beschäftigt war, die durch die Ankunft des damaligen Großfürsten Paul veranlasst wurden. „Sobald ich Ihnen sage“, schrieb Schiller an Dalberg, „ich bin auf der Flucht, so hab’ ich auch mein ganzes Schicksal geschildert. – Aber noch kommt das Schlimmste hinzu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Missgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart, meiner Sicherheit wegen, schnell, und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch hab’ ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen, und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt, dort hofft’ ich von Ew. Exzellenz unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies wurde durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer weg, leer an Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, dass ich Ihnen solche Geständnisse tun muss, aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, dass auch ich an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muss, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.“ – Unter den Namen Schmidt25) ging er nach Franken, hielt sich anfangs zu Oggersheim auf, und lebte dann beinahe ein Jahr in der Nähe von Meinungen, zu Bauerbach, einem Gut der Frau Geheimenrätin von Wolzogen. Die freundliche Aufnahme, die er hier fand, verdankte er seiner Bekanntschaft mit ihren Söhnen, die mit ihm in Stuttgart studiert hatten. Sorglos und ungestört widmete er sich hier seinen poetischen Arbeiten. Die Verschwörung des Fiesko, ein schon in Stuttgart während seines Arrests begonnenes Werk, Kabale und Liebe und die ersten Ideen zum Don Carlos gehören in diese Zeit. „Jetzt erst“, heißt es in einem Briefe Schillers aus Bauerbach an den Hofkammerrat Schwan zu Mannheim, vom 8. Dezember 1782, „kann ich Ihnen mit aufgeheitertem Gemüt schreiben; denn ich bin an Ort und Stelle, wie ein Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat. Nunmehr bin ich in der Verfassung, ganz meiner Seele zu leben, und ich werde sie sehr benutzen. Da ich die notwendige Bequemlichkeit habe, so brauch’ ich eine Zeitlang für nichts zu sorgen, als mich zu einem großen Plan vollends auszubilden. Diesen Winter seh’ ich mich genötigt, nur Dichter zu sein, weil ich auf diesem Wege meine Umstände schneller zu arrangieren hoffe. Sobald ich aber von dieser Seite fertig bin, will ich ganz in mein Handwerk versinken.“ „Bei meiner neulichen, schnellen und heimlichen Abreise war es mir unmöglich, von Ihnen, mein bester Freund Abschied zu nehmen zu können. Ich tue es jetzt, und sag’ Ihnen für Ihre zärtliche Teilnahme an meinen Schicksalen meinen aufrichtigsten Dank. Meine damalige Verfassung gab mir Gelegenheit genug, meine Freunde auf die Probe zu stellen, und so unangenehme Erfahrungen mir auch dabei aufstießen, so bin ich doch durch die Bewährung einiger weniger genug schadlos gehalten. Geben Sie mir einmal Gelegenheit, Ihnen zu bewiesen, dass Sie sich für keinen Alltagsmenschen interessieren.“ Sie werden zu den großen Verbindlichkeiten, die Sie mir bis jetzo schon auflegten, noch die größeste hinzufügen, wenn Sie meinen zurückgelassenen Freund und Landsmann26) in Ihren Schutz nehmen. Ich weiß nicht, ob er in Mannheim zu bleiben gesonnen ist. Wenn Sie aber glauben, dass ihm solches angeraten werden kann, so unterstützen Sie ihn mit Ihrem Rat und mit Ihren Empfehlungen.“ „Sie waren so gütig, mich Ettingern zu empfehlen. Dadurch erweisen Sie mir einen wahren Dienst, den außerdem, dass ich zu meinen Produkten einen vorteilhaften Verleger wünsche, wird mit Ettinger auch mit Büchern versehen, welche selbst anzuschaffen, bei gegenwärtigen Umständen für mich unmöglich ist.“ – Wenn Sie den Druck meines Fiesko beschleunigen können, so verbinden Sie mich sehr. Sie wissen, dass nur das Verbot, Schriftsteller zu sein, mich aus Württembergischen Diensten getrieben hat. Wenn ich nun von dieser Seite nicht bald in meinem Vaterlande von mir hören lasse, so wird man meinen Schritt grundlos und unnütz finden. Befördern Sie’s, sobald Sie können. In vierzehn Tagen haben Sie Vorrede und Zuschrift.“ „Leben Sie wohl, und setzen Sie die freundschaftlichen Gesinnungen, die Sie mir zu Mannheim zeigten, auch abwesend fort. Empfehlen Sie mich Ihrer schätzbaren Mademoiselle Tochter usw.“ Möge nun hier ein Brief von Schillers Vater, ebenfalls an den Hofkammerrat Schwan gerichtet, auszugsweise eine Stelle finden, da er sowohl zur Aufklärung des vorigen als zur Bestätigung dessen dient, was wir unlängst in Betreff der Gesinnungen des Herzogs von Württemberg über Schillers Flucht gesagt haben. Solitude27) d. 8. Dezember 1782. Nach erhaltenem Schreiben meines Sohns vom 27. d. vorigen Monats, ist derselbe durch einen Offizier, der in Mannheim sich nach ihm erkundigte, sehr in Angst gesetzt worden. Es ist aber, Gottlob! an dem, was mein Sohn befürchtet, nicht das Geringste, und der sich nach ihm erkundigende Offizier war der Leutnant und Adjutant Kosewitz, ein Freund von ihm, gewesen, der auf einige Zeit in Urlaub gegangen, und sich exprès vorgenommen, meinen Sohn in Mannheim aufzusuchen und zu strafen. Ich habe hier noch nicht das Geringste gemerkt, dass Sr. Herzogl. Durchlaucht sich entschließen sollten, meinen Sohn aufsuchen und verfolgen zu lassen, und es ist auch dessen Posten längst wieder besetzt, ein Umstand, der merklich zu erkennen gibt, dass man meinen Sohn vermissen kann. Inzwischen ist es gleichwohl nötig, dass derselbe sich in der gehörigen Entfernung halte, und, wie er sich schon vorgenommen, in einem nochmaligen Schreiben an S. H. D. durch Bezeigung seiner untertänigsten Dankbarkeit für die in der Akademie genossene Gnade, durch den wahrhaften Vorsatz, das medizinische Studium wiederum zur Hand zu nehmen usw. trachten solle, die Gnade seines durchlauchtigsten Erziehers, Fürsten und Landesvaters wiederum zu erlangen.“ Am Schlusse des Briefes zeigt sich, bei allem Unwillen des Vaters, doch auch wieder sein zärtliches Gefühl. „Er hat sich selbst“, heißt es von Schiller, „durch sein unzeitiges Weggehen, wider seiner wahren Freunde Rat, in seine gegenwärtige Lage gesetzt, und es wird ihm an Leib und Seele gut sein, wenn er sie empfindet, und dadurch für die Zukunft klüger gemacht wird. Ich befürchte jedoch nicht, dass er Mangel am Notdürftigen leiden sollte; denn in solchem Fall würd’ ich ihn nicht lassen können. – Ich habe die Ehre usw. Hauptmann Schiller. Über Kabale und Liebe schrieb Schiller den 3. April 1783 an Dalberg: „Außer der Vielfältigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzu freien Satire und Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, hat dieses Trauerspiel auch den Mangel, dass Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselt, und, obschon, die Entwicklung tragisch genug ist, doch einige lustige Charaktere und Situationen hervorragen. Wenn diese Fehler für die Bühne nichts Anstößiges haben, so glaube ich, dass Sie mit dem Übrigen zufrieden sein werden28).“ – „Die Anmerkungen über meinen Fiesko“, schrieb er den 29. September 1783, „finde ich im Ganzen sehr wahr; vorzüglich stimme ich dem Tadel meiner Frauenzimmercharaktere bei. Ich muss bekennen, dass ich an den zwei ersten Szenen des ersten Akts mit einer Art von Widerwillen gearbeitet, der nunmehr dem feinern Leser nur zu sichtbar geworden ist. Zu gutem Glück fallen diese zwei Szenen, unbeschadet des Stücks, in der Umarbeitung ganz weg. – Die blühende Sprache ist auf der Bühne mehr als auffallend – sie ist lächerlich, und solche lange Monologe ermüden. Der fünfte Akt wird eine Hauptveränderung erleiden.“ – „Es sollte“, heißt es in einem spätern Briefe vom 16. November 1782, „ein ganzes großes Gemälde des wirkenden und gestürzten Ehrgeizes werden. Wenn es das wirklich ist, so zweifle ich keineswegs, dass es der Theaterdirektion, dem Schauspieler und Zuschauer ziemlich viel zumuten wird. – Ich erwarte übrigens den Rat Ew. Exzellenz, ob ich zuerst den Fiesko, oder die Louise Millerin endigen soll. Beides zusammen ist ein Geschäft von vier Wochen, und da der Fiesko ohne Zweifel für die Karnevalszeit bestimmt werden dürfte, meine Louise Millerin aber ein kleineres einfacheres Stück ist, so vermut’ ich, dass die Wahl Ew. Exzellenz auf die letztere fallen werde.“ – Über den Entwurf zum Don Carlos finden sich mehrere Äußerungen in Schillers damaligen Briefen. „Carlos ist ein herrliches Süjet“, schrieb Schiller, „vorzüglich für mich. Vier große Charaktere, beinahe von gleichem Umfang, Carlos, Philipp, die Königin und Alba öffnen mir ein unendliches Feld. Ich kann es mir jetzt nicht verbergen, dass ich so eigensinnig, vielleicht so eitel war, um in einer entgegen gesetzten Sphäre zu glänzen, meine Phantasie in die Schranken des bürgerlichen Cothurns einzäunen zu wollen, da die hohe Tragödie ein so fruchtbares Feld, und für mich möcht’ ich sagen, da ist; da ich in diesem Fache glänzender und größer erscheinen kann, als in irgend einem andern; da ich hier vielleicht nicht erreicht, in andern übertroffen werden könnte. Carlos würde nichts weniger sein, als ein politisches Stück, sondern eigentlich ein Familiengemälde in einem fürstlichen Haus, und die schreckliche Situation eines Vaters, der mit seinem eigenen Sohne so unglücklich eifert, die schrecklichere Situation eines Sohns, der, bei allen Ansprüchen auf das größte Königreich der Welt, ohne Hoffnung liebt, und endlich aufgeopfert wird, müssten, denk’ ich, höchst interessant ausfallen. Alles, was die Empfindung empört, würde ich ohnehin mit größter Sorgfalt vermeiden. Froh bin ich, dass ich nunmehr so ziemlich Meister über den Jamben bin29); es kann nicht fehlen, dass der Vers meinem Carlos sehr viel Würde und Glanz geben wird. Nach dem Carlos gehe ich an den zweiten Teil der Räuber, welcher eine völlige Apologie des Verfassers über den ersten Teil sein soll, und worin alle Immoralität in die erhabenste Moral sich auflösen muss. – Wagner’s Kindesmörderin30) hat rührende und interessante Züge; doch erhebt sie sich über den Grad der Mittelmäßigkeit nicht. Sie wirkt nicht sehr auf meine Empfindung, und hat zu viel Wasser. Um den Macbeth hat er nicht das geringste Verdienst.“ Im September 1783 ging Schiller nach Mannheim, und trat mit der dortigen Bühne in genauere Verbindung. Er hat seit seiner Entfernung von Stuttgart seine medizinischen Kenntnisse nie als Erwerbszweig betrachtet. Durch die Verwendung des Freiherrn von Dalberg wurde Schiller als Theaterdichter bei der Mannheimer Bühne angestellt. Er stand diesem Amt mit reiner Neigung und unermüdlichem Eifer vor, wie es denn überhaupt in Schillers Charakter lag, sich beim Eintritt in neue Verhältnisse, sogleich mit Plänen einer viel umfassenden Wirksamkeit zu beschäftigen. Wie ernst und anhaltend er schon früher seine dramatischen Studien getrieben, sieht man sehr deutlich aus der Vorrede zur ersten Ausgabe der Räuber, dem Aufsatz: Über das gegenwärtige deutsche Theater31), und einem andern: Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet32). Schon damals betrachtete er die Bühne als „eine Schule der praktischen Weisheit, als einen unfehlbaren Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele. – Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen!“ – In Mannheim wurde Schiller zum Mitglied der damaligen kurpfälzischen deutschen Gesellschaft aufgenommen. „Sehr angenehm“ (schrieb er den 8. Jan. 1784 an den Bayerischen Geheimen Rat und Ritter Anton von Klein) „war mir die Nachricht von meiner Aufnahme, welche ein so schöner Beweis Ihrer tätigen Freundschaft für mich ist, und es wäre meine erste Pflicht gewesen, Ihnen persönlich deshalb zu danken – doch verzeihen Sie es einer gewissen kranken Erschöpfung, welche mir die bisherigen vielen Proben meines Fiesko zugezogen haben, und einer Überhäufung von den unangenehmsten Geschäften, die durch meine bisherige Zerstreuung liegen geblieben sind. Sollten Sie nur noch heute in Mannheim verweilen, so habe ich vielleicht doch noch die Freude, Sie zu sehen. – Wie Ihnen der Fiesko gefallen hat, wäre ich zu wissen sehr begierig.“ – „Kurpfalz“, schrieb er darüber an seinen Freund Zumsteeg33), „ist mein Vaterland, denn durch meine Aufnahme in die gelehrte Gesellschaft, deren Protektor der Kurfürst ist, bin ich nationalisiert, und kurfürstlicher pfalzbayrischer Untertan. – Mein Klima ist das Theater, in dem ich leb’ und webe, und meine Leidenschaft ist glücklicherweise mein Amt.“ – Die Verbindung mit Männern, von denen Schiller kräftige Mitwirkung erwartete, weckten in ihm den Gedanken, der Mannheimer Bühne durch eine dramaturgische Gesellschaft und Monatsschrift mehr Vollkommenheit zu geben. „Ich weiß nicht“, schrieb Schiller an Dalberg, „welchem politischen Raffinement ich es eigentlich zuschreiben soll, dass unsere Herren Schauspieler – doch meine ich nicht alle – die Konvenienz bei sich getroffen haben, schlechten Dialog durch gutes Spiel zu heben, und guten durch schlechtes zu verderben. – Es ist das kleinste Merkmal der Achtung, das der Schauspieler dem Dichter geben kann, wenn er seinen Text memoriert. Auch diese kleine Zumutung ist mir nicht erfüllt worden. Es kann mir Stunden kosten, bis ich einem Perioden die bestmöglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist, so bin ich dem Verdruss ausgesetzt, dass der Schauspieler meinen mühsam vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt. – Seit wann ist es Mode, dass Schauspieler den Dichter hofmeistern? – Gestern hab’ ich das mehr, als sonst gefühlt. Kabale und Liebe war durch das nachlässige Einstudieren der meisten Rollen ganz in Lumpen zerrissen. Ich habe, statt meines Textes, nicht selten Unsinn hören müssen.“ – Über die dramatische Monatsschrift äußert sich Schiller folgendermaßen34): Meine Idee von diesem Journal wäre ungefähr diese: Voran ginge eine Geschichte des hiesigen Theaters, von seinem ersten Anfang bis auf die jetzige Zeit, mit seinen Hauptveränderungen, und dem Verdienst seiner Unternehmer. Dann folgte eine Generalübersicht von Direktion, Ökonomie, Polizei und dem gegenwärtigen herrschenden Geist bei derselben. 3) Das Personale der Schauspieler und Schauspielerinnen, ihre Geschichte, Rollenfach, Debüts, und die individuelle Kritik über einen jeden besonders. 4) Ein Verzeichnis der vorzüglichsten, auf dieser Bühne bisher gegebenen Stücke, mit kurzen Bemerkungen über das jedesmalige Spiel, und die Aufnahme vom Publikum. 5) Das fortlaufende Repertorium jedes Monats, und die Beschließungen des Ausschusses oder Theatersenats. 6) Aufsätze über dramatische Kunst, teils von Schauspielern, teils von dem Herausgeber des Journals. 7) Preisaufgaben von der Intendanz und deren Entscheidung. 8) Für Anekdoten, Gedichte, Auszüge und andere unbestimmte Punkte bleibe ein eigener Artikel, unter dem Namen Beilage oder Miscellanien, ausgesetzt35). Dieser Plan kam indes nicht zur Ausführung. „Dalbergs und meine Ideen“, schrieb er darüber den 9. Juni 1784 an den Ritter v. Klein, „die wir kürzlich der deutschen Gesellschaft vortrugen, oder vortragen ließen, sind sehr unter unsrem Wunsche aufgenommen worden, und mit Missvergnügen habe ich von Seiten einiger Mitglieder die Bemerkung gemacht, dass alle Institute zur Beförderung der schönen Literatur und Kunst wenig Eingang bei Männern finden, die es unter der Würde eines Mannes halten, sich laut für etwas in diesem Fache zu erklären.“ – „Ich bekenne aufrichtig“, (heißt es in einer Stelle eines Briefs an Dalberg vom 7. Juni 1784) „dass es mir leid tut, eine Anstalt die der hiesigen Bühne so glänzende Aussichten öffnete, durch geringe Hindernisse scheitern zu sehen. Doppelt wehe tut es mir, weil ich fühle was und wie viel ich zum Ruhm unsrer Bühne würde getan haben.“ – Um indes etwas für den erwähnten Zweck zu leisten, unternahm Schiller im Jahr 1784 die Herausgabe einer periodischen Schrift, unter dem Titel: Rheinische Thalia36). „Alle meine Verbindungen“, sagt er in der Ankündigung, „sind nunmehr aufgelöst. Das Publikum ist mir jetzt alles, mein Studium, mein Souverän, mein Vertrauter. Ihm allein gehöre ich jetzt an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur fürcht’ ich und verehr’ ich. Etwas Großes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andere Fessel zu tragen, als den Ausspruch der Welt – an keinen andern Thron mehr zu appellieren, als an die menschliche Seele. – Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war, als seine Werke – und gern gestehe ich, dass bei Herausgabe dieser Thalia meine vorzügliche Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu knüpfen.“ – Schillers Verschwörung des Fiesko37) war den 17. Januar 1784 auf dem Mannheimer Theater mit vieler Pracht und ausgezeichnetem Beifall gegeben worden. Eine auffallende Verschiedenheit zeigt sich zwischen diesem Trauerspiel und den Räubern. Schillers Eintritt in die wirkliche Welt musste, wie für seine Kenntnis der Natur, so für sein Kunststudium von wichtigen Folgen sein. Indessen war auch dies Trauerspiel mit den Räubern wieder in mancher Hinsicht sehr verwandt. Schiller hatte sich selbst in die Welt, die er betrat, mitgebracht, und es ist ein charakteristischer Zug seiner dramatischen Jugendperiode, dass er am liebsten bei dem Kampfe der freien Menschheit bald mit dem Schicksale, bald mit dem Staat und seinen Konventionen verweilte. Dass er sich indes sowohl beim Fiesko, als auch bei seiner Kabale und Liebe38) mehr vom Nachdenken leiten ließ, und sich strenger an die Regeln der dramatischen Kunst hielt, erhellt aus folgender Stelle der Vorrede zum Fiesko: „Freiheiten, welche ich mir mit den Begebenheiten herausnahm, wird der Hamburgische Dramaturgist entschuldigen, wenn sie mir geglückt sind; sind sie das nicht, so will ich doch lieber meine Phantasien, als Fakta, verdorben haben. Die wahre Katastrophe des Stücks, worin der Graf durch einen unglücklichen Zufall am Ziel seiner Wünsche zu Grunde geht, musste durchaus verändert werden, denn die Natur des Dramas duldet den Finger des Ungefährs oder der unmittelbaren Vorsehung nicht. Es sollte mich sehr wundern, warum noch kein tragischer Dichter in diesem Stoffe gearbeitet hat, wenn ich nicht Grund genug in eben dieser undramatischen Wendung fände. Höhere Geister sehen die zarten Spinnenweben einer Tat durch die ganze Dehnung des Weltsystems laufen, und vielleicht an die entlegensten Grenzen der Zukunft und Vergangenheit anhängen, wo der Mensch nichts als das in freien Lüften schwebende fatum sieht. Aber der Künstler wählt für das kurze Gesicht der Menschheit, die er belehren will, nicht für die scharfsichtige Allmacht, von der er lernt. – Aber so merkwürdig sich auch das unglückliche Projekt des Fiesko in der Geschichte gemacht hat, so leicht kann es doch diese Wirkung auf dem Schauplatze verfehlen. Wenn es wahr ist, dass nur Empfindung Empfindung weckt, so müsste, deucht mich, der politische Held in eben dem Grade kein Subjekt für die Bühne sein, in welchem er den Menschen hintansetzen muss, um der politische Held zu sein. Es stand daher nicht bei mir, meiner Fabel jene lebendige Glut einzuhauchen, welche durch das lautere Produkt der Begeisterung herrscht, aber die kalte, unfruchtbare Staatsaktion aus dem menschlichen Herzen heraus zu spinnen, und eben dadurch an das menschliche Herz wieder anzuknüpfen – den Mann durch den staatsklugen Kopf zu verwickeln, und von der erfinderischen Intrige Situationen für die Menschheit zu entlehnen – das stand bei mir. Mein Verhältnis mit der bürgerlichen Welt machte mich auch mit dem Herzen bekannter, als mit dem Kabinett, und vielleicht ist eben diese politische Schwäche zu einer poetischen Tugend geworden.“ – Von Frankfurt am Main, wohin Schiller damals auf einige Tage gereist war, schrieb er den 1. Mai 1784 an Dalberg: „Noch voll und warm von der Geschichte des gestrigen Abends, eil’ ich Ew. Exzellenz den Triumph zu benachrichtigen, den die Mannheimer Bühne feierlich in Frankfurt erhielt. Gestern, Freitags, wurde Ifflands Stück (Albert von Thurneisen39) bei vollem Hause und ungewöhnlicher Stille mit außerordentlichem Beifalle gegeben. Iffland als Verfasser und Schauspieler, und Hr. Beil wurden mit lärmendem Händeklatschen herausgerufen, und alles bewies die äußerste Achtung gegen die trefflichen Abgesandten der Mannheimer Bühne. – Nie hab’ ich lebendiger gefühlt, wie sehr jedes andere Theater gegen das unsrige zurückstehen müsse, als hier, und Großmann wird Mühe haben, nach der Abreise unsrer Schauspielergesellschaft zu Frankfurt in seinem Wert zu bleiben. – Wo wir hinkommen, beweist man dem Mannheimer Theater die entschiedenste Achtung; Ifflands und Beils Spiel haben eine Reputation unter dem Frankfurter Publikum veranlasst. Man ist warm für die Bühne geworden. Jedermann sagt auch, dass Großmanns Schauspieler noch nie so gut als gestern Abend gespielt haben; ein Beispiel, wie groß Muster und Mitschauspieler zu wirken im Stande sind. – Heute ist die väterliche Rache, und Montag Kabale und Liebe. Ich gestehe, dass mir bei den schrecklichen Aussichten auf meine Lady u. dergl. bange ist, konvulsivische Bewegungen auszustehen, wie ein Verurteilter, und dass ich gern auf die Ehre Verzicht täte, eins meiner Stücke hier vorgestellt zu sehen, wenn ich Großmann mit guter Art davon zurückbringen könnte. Indes hoff’ ich, dass meine Gegenwart, verbunden mit Ifflands und Beils Spiel, mehr bewirken soll, als Frankfurt von Großmanns Gesellschaft erwartet. Iffland wird den Kammerdiener spielen, den ich mit Weglassung aller amerikanischen Beziehungen40) wieder ins Stück hinein geschoben habe.“ – „Julius von Tarent41)“, heißt es in einem Brief Schillers vom 4. Juni 1784, „ist vortrefflich, beinahe besser als das erste Mal ausgefallen. Auch der verdächtige Freund42) ging sehr gut, und das Publikum hat Ursache mit beiden Stücken sehr zufrieden zu sein.“ – „Gestern“, schrieb Schiller drei Tage später, „ist endlich die lang im Werk gewesene Dido gegeben worden; ich zweifle aber beinahe, ob sie den Beifall des Publikums haben wird. Meinen, ich gesteh’ es, hat sie nicht; Poesie und Musik rührten mich gleich wenig, und ich glaube, dass mein Urteil so ziemlich das allgemeine ist. Doch bin ich schlechterdings kein Kenner, und auch als Liebhaber maße ich mir nicht an, darüber zu sprechen.“ – Nach der Vorstellung der Oper Günther von Schwarzburg43) schrieb Schiller an den Verfasser derselben, den Ritter Anton von Klein: „Nun, liebster Freund, wie haben Sie denn auf Ihren Günther geschlafen? Mir hat er einen sehr angenehmen Eindruck gemacht. Wollte nur Gott, unsre Phantasie müsste sich nicht so armselig an die Bleifedern unserer Sänger und Sängerinnen anschmiegen. Übrigens ließen es die armen Schelme an Fleiß nicht fehlen. Meinem Versprechen gemäß, schick’ ich Ihnen hier eine Partie aus der Thalia, und bitte mir Ihre Meinung darüber aus, vorzüglich über Carlos44). „Man erzählt mir“, heißt es in einem spätern Briefe Schillers an Dalberg vom 19. Mai 1785, „dass die Erscheinung der Rheinischen Thalia unter einigen Mitgliedern des hiesigen Theaters Bewegungen hervorgebracht habe, die mir auf einem Kurfürstlichen Theater fast unerwartet sind. Wenn ich bei Beurteilung des Herrn Rennschübs und seine Frau, meinem bessern Gefühl und der vereinigten Stimme des bessern Publikums hätte folgen sollen, so wäre Mord und Totschlag zu befürchten gewesen. – Wie sehr bewundere ich bei dieser Gelegenheit, Ew. Exzellenz, dass Sie fünf Jahre fähig waren, einer so reizbaren Menschenklasse vorzustehen, ohne die Liebe eines einzigen Individuums zu verlieren.“ – „Ich glaube behaupten zu dürfen, dass bis jetzt das Theater mehr durch meine Stücke gewonnen hat, als meine Stücke durch das Theater. Niemals werd’ ich mich in den Fall setzen, den Wert meiner Arbeit von diesem abhängig zu machen. – Ich bin entschlossen, in der Rheinischen Thalia weitläufiger über diesen Punkt zu reden. Ich glaub’ und hoffe, dass ein Dichter, der drei Stücke auf die Schaubühne brachte, worunter die Räuber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rügen.“ – Schiller beschäftigte sich in jener Periode auch mit dem Lesen ausländischer Klassiker. „Ich habe“, schreibt er, „meine Zeit zwischen eigenen Arbeiten und französischer Lektüre geteilt. Fürs erste erweitert dies überhaupt meine dramatische Kenntnis und bereichert meine Phantasie; fürs andere hoffe ich dadurch zwischen zwei Extremen, englischem und französischem Geschmack, in ein heilsames Gleichgewicht zu kommen. – Auch nähre ich insgeheim eine kleine Hoffnung, der deutschen Bühne durch Versetzung der klassischen Stücke Cornelius, Racines, Crebillions und Voltaires auf unserm Boden eine wichtige Eroberung zu verschaffen.“ – „Ihre Abwesenheit von Mannheim“, schrieb Schiller den 24. August 1784 an Dalberg, „hat meinem Genius einen leidigen Zwang auferlegt, und ich verwünsche den Sommer, der Sie aus meiner Sphäre gezogen hat. Auch der feurigsten Phantasie und der tätigsten Schöpfungskraft ist eine elastische Feder nötig, die sie in Schwung bringen und erhalten muss, und die Maschine wird noch erwartet, die sich ewig selbst treibt, ohne aufgezogen zu werden. Mit Vergnügen seh’ ich die Blätter fallen, und die Vorboten des Herbstes erscheinen; denn das gibt mir Hoffnung, dass sie bald wieder hier bleiben werden. – Auf diesen Winter freu’ ich mich. Ich bin ganz wieder in Tätigkeit, und ich glaube gewiss, dass ich in dieser Zeit hier einbringen werde, was mich meine, beinahe jahrelange Unpässlichkeit, die meinen ganzen Kopf verwüstete, hat versäumen lassen.“ – Zu den dramatischen Plänen, die Schiller damals beschäftigten, gehörte die Geschichte Conradins von Schwaben und ein zweiter Teil der Räuber. Die Idee, Shakespeares Macbeth und Timon für die Bühne zu bearbeiten, kam nicht zur Ausführung45), weil er sich für den Carlos bestimmte, und einige Szenen davon im ersten Hefte der Thalia einrücken ließ. Durch die Vorlesung dieser Szenen an dem Landgräflich Hessen-Darmstädtischen Hof, wurde Schiller mit dem dabei gegenwärtigen, regierenden Großherzog von Sachsen-Weimar bekannt, und der Titel eines Rats, den Schiller von ihm empfing, war gewiss eine hohe Auszeichnung von einem mit den Musen innigst vertrauten Fürsten.“ Unter mehreren kleinern Aufsätzen Schillers, teils dem Gebiet der Geschichte, teils dem der Philosophie angehörend, welche in diese Zeit fallen, verdient die in psychologischer Hinsicht musterhafte Erzählung: der Verbrecher aus verlorener Ehre wohl eine besondere Erwähnung. Die Veranlassung dazu war folgende: Schillers früher erwähnter Lehrer und Freund, der Prälat Abel, der sich gerade mit einer, auf Aktenstücke sich gründenden, psychologisch historischen Bearbeitung der Geschichte des schwäbischen Sonnenwirts beschäftigte, die sich auch in einer Sammlung kleiner psychologischer Schriften von Abel befindet, besuchte den Dichter in Mannheim. Abel erzählte Schiller die Hauptmomente aus dem Leben des Sonnenwirts, den dieser nur dem Namen nach, und seine Geschichte kaum oder höchst unvollständig kannte. Die Schilderung, der ursprünglichen Anlagen und der Charakter des Räubers zog Schiller so an, dass er in wenigen Wochen, ehe noch Abel seine Beschreibung dem Publikum mitgeteilt hatte, Schillers Erzählung in der Rheinischen Thalia46) erschien, worin freilich die Farben mehr von der Einbildungskraft entlehnt, als nach der Wahrheit aufgetragen waren47). In den um diese Zeit geschriebenen philosophischen Briefen von Julius und Raphael48) spricht sich das ganze Verhältnis von Schillers innerem Leben aus, sein heißer, ungestillter Drang, den Unterschied zwischen Stoff und Geist, Sinnlichem und Übersinnlichem, folglich auch zwischen Innen- und Außenwelt aufzuheben. Je quälender der Zweifel, desto größer die Aufforderung zu Überzeugung und Gewissheit. Von jenem werden wir zu diesen geführt, und folgen dem Forscher von den ersten Momenten einer kindlich dumpfen Betäubung, bis zu dem wankenden Glauben, von diesem bis zur Überzeugung: „Glaube niemand als deiner eigenen Vernunft; es gibt nichts Heiliges als die Wahrheit.“ Wir sehen, wie er anfangs die Wahrheit durch Gefühl zu fesseln meint, und endlich keine Rettung und keinen Trost findet, als in sich selbst und seiner Vernunft – sehen, wie er aus dem Dogmatismus in den Materialismus geworfen wird, wie er sich sträubt gegen den Gedanken: „dass seine Glückseligkeit dem harmonischen Takt seines Sensoriums anvertraut sei, dass seine Überzeugung mit seinem Aderschlage wanken könne“, wie er durch alle Irrgewinde des Spinozismus sich ängstet, wie sein Herz die trostlose Lehre aufgibt, schwärmerisch lieber in die Arme des Supernaturalismus flüchtet, und nur beruhigt wird, wo – Vernunft und Glaube sich umarmen, wie sich aus Fingerzeigen schließen lässt, da diese Briefe leider Fragment geblieben sind. 1) In
der Ankündigung der Rheinischen Thalia, im deutsch. Museum v. Ja. 1784. Bd. 2.
Dezember. S. 564. u. f.
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