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Früheste JugendgeschichteJohann Christoph Friedrich Schiller wurde den 10. Nov. 1759 zu Marbach, einem Würtembergischen Städtchen am Neckar, geboren. Schillers Vater, Johann Caspar, ging im Jahre 1745 als Wundarzt bei einem Bayrischen Husarenregiment nach den Niederlanden und wurde im Jahre 1757, bei seiner Rückkehr in das Herzogtum Württemberg, als Fähnrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis angestellt. Im Jahr 1759 erhielt er bei einem andern Württembergischen Regiment in Hessen und Thüringen eine Anstellung. Er hatte sich als ein besonnener, im praktischen Leben gewandter Mann, vorzüglich als Fähnrich bei dem Regiment Prinz Louis gezeigt, das als Teil eines Württembergischen Hilfskorps, in einigen Feldzügen des siebenjährigen Krieges einen Teil der österreichischen Armee ausmachte. Als dies Korps im Böhmen durch eine ansteckende Krankheit einen bedeutenden Verlust erlitt, übernahm Schillers Vater, der sich durch Mäßigkeit und Bewegung gesund erhielt, jedes Geschäft, das die Not erforderte. Er besorgte die Kranken, da es an Wundärzten fehlte, und vertrat die Stelle eines Feldpredigers bei der Armee, indem er einige Gebete vorlas und den Gesang leitete. In müßigen Stunden bemühte er sich mit vielem Eifer das zu erlernen, woran ihn ungünstige Umstände in seiner Jugend verhindert hatten. Mathematik und Philosophie waren die Wissenschaften, mit denen er sich vorzüglich beschäftigte. Außerdem gewährten ihm landwirtschaftliche Beschäftigungen viel Vergnügen. Die Anlegung einer Baumschule in Ludwigsburg, wo er nach Beendigung des Krieges als Hauptmann im Quartier lag, veranlasste den damaligen Herzog von Württemberg, ihm auf einem von seinen Lustschlössern, der Solitude, einen ähnlichen, doch erweiterten Wirkungskreis anzuweisen1). Er versah diese Stelle mit vielem Eifer und zur gänzlichen Zufriedenheit seines Landesherrn, bei dem er fortwährend in Gunst stand. In seinem hohen Alter war er noch so glücklich, den Ruhm seines Sohnes zu erleben. In einem noch vorhandenen eigenen Aufsatz äußert er sich darüber auf eine herzliche, rührend fromme Weise: „Und du Wesen aller Wesen! Dich hab’ ich nach der Geburt meines einzigen Sohnes2) gebeten, dass du demselben an Geistesstärke zulegen möchtest, was ich aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte, und du hast mich erhört! Dank dir, gütigstes Wesen, dass du auf die Bitten der Sterblichen achtest!“ – Schiller Mutter, die Tochter eines Bäckers, namens Kodweis3), wird von zuverlässigen Personen als eine verständige und gutmütige Hausfrau beschrieben, die mit vieler Innigkeit an ihrem Gatten und ihren Kindern hing. Eben diese Zartheit des Gefühls machte sie ihrem Sohn sehr wert. Sie hatte zwar keine vorzügliche Bildung erhalten, doch nutzte sie die wenige Zeit, die ihr die Besorgung des Haushalts vergönnte, zum Lesen einiger geistlicher Dichter, unter denen ihr Utz und Gellert vorzüglich lieb waren. Schiller erhielt den ersten Unterricht von dem Pfarrer Moser4) in Lorch, einem Württembergischen Grenzdorf, wo seine Eltern sich von 1765 an drei Jahre aufhielten. Im Jahr 1768 zog die Schillersche Familie wieder nach Ludwigsburg. Schiller, damals neun Jahre alt, sah hier zum ersten Mal ein Theater. Es war so glänzend, als es der Aufwand und die Pracht des Hofes unter Herzog Karls Regierung erforderte, und der Eindruck, den die Vorstellung auf Schiller machte, war tief und bleibend. Er lebte wie in einer neuen Welt, alle seine jugendlichen Spiele bezogen sich darauf; und Pläne zu Trauerspielen bildeten sich schon damals in dem Kopf des neunjährigen Knaben. Schiller erhielt in einer öffentlichen, größeren Schule zu Ludwigsburg bis zum Jahr 1773 vorzüglich in der lateinischen Sprache Unterricht5). Er musste hier Virgils Äneis, Ovids Tristia und Horazes Oden lesen und übersetzen. Er zeigte indes wenig Anteil an diesen Sängern, und tat sich überhaupt so wenig in irgendeinem wissenschaftlichen Fach, die lateinische Sprache etwa ausgenommen, unter seinen Mitschülern hervor, dass wohl niemand die seltenen Anlagen ahnen konnte, die in ihm schlummerten. Auch gab ihm die Behandlung eines seiner Lehrer, Joh. Fried. Jahn, der ein zwar wissenschaftlich gebildeter, doch zugleich mürrischer und jähzorniger Mann war, etwas Schüchternes und Ängstliches in seinem Wesen, das umso mehr zunahm, als er späterhin bei Jahn Wohnung und Kost hatte. Die Gelegenheit, bei der Schillers Dichtergeist erwachte, war folgende. Er hatte im Jahr 1768 mit dem noch lebenden Physikus Elwert in Canstadt den Katechismus in der Kirche zu sprechen. Die beiden Knaben, welche den Lehrer als einen sehr strengen Mann kannten, waren nicht wenig besorgt, wie sie die Prüfung überstehen würden. Glücklicherweise ging sie zu gänzlicher Zufriedenheit des Lehrers vonstatten, der jedem zur Belohnung ein paar Kreuzer schenkte. Schiller schlug vor, auf dem Hartenecker Schlösschen eine kalte Milch zu essen. Sein Freund willigte ein, doch war das Gewünschte dort leider nicht zu bekommen. Sie wanderten missmutig nach Neckarweihingen, und erhielten hier nach langem Herumfragen die Milch, welche zu ihrer Freude nur drei Kreuzer kostete. Überdies für sie höchst köstliche Mahl geriet Schiller in eine dichterische Begeisterung. Als er mit seinem Freund das Dorf verlassen hatte, bestieg er den Hügel, von dem man Harteneck und Neckarweihingen übersehen kann, und erteilte mit dichterischem Pathos dem von Milch entblößten Ort seinen Fluch, dem aber, der sie gelabt hatte, seinen gefühltesten Segen. Im Jahr 1772 entstand Schillers erstes Gedicht und zwar am Tag seiner Konfirmation. Seine Mutter, die ihn auf der Straße umherschlendern sah, machte ihm Vorwürfe über seine Gleichgültigkeit gegen die wichtige Handlung des kommenden Tages und regte so sein religiöses und poetisches Gefühl zugleich auf. Dass er an diesem Tag auch ein Gedicht an seinen Vater, und zwar in lateinischen Doppelversen geschrieben habe, ist nicht völlig erwiesen. Schiller hatte schon früh Neigung zum geistlichen Stand gezeigt, die vielleicht durch die jugendliche Freundschaft mit dem Sohn des Pfarrers Moser in Lorch, einem nachherigen Prediger, zuerst geweckt worden war. Seine Eltern billigten diese Wahl, und Schiller war, seiner künftigen Bestimmung als Geistlicher gemäß, mehrere Male im Stuttgarter Landesexamen geprüft worden. Allein das damalige Konsistorium solle, heißt es, Schillers Eltern die Weisung gegeben haben, ihren Sohn, wegen mangelhafter Talente für die theologische Laufbahn, einem andern Fach zu widmen. Dass diese Nachricht indes gänzlich ungegründet sei, erhellt sehr deutlich aus den Zeugnissen, die der Prälat und Rektor des Stuttgarter Gymnasiums, M. Knaus6), bei seiner viermaligen Prüfung im Landesexamen Schiller beilegte. Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Der Herzog von Württemberg war durch die guten Zeugnisse, die Schillers Lehrer ihm beilegten, auf diesen aufmerksam gemacht, und da er gerade damals eine neue Erziehungsanstalt, die militärische Pflanzschule auf der Solitude und nachherige Karlsschule zu Stuttgart errichtete, so machte er Schillers Vater den Antrag, seinen Sohn in dieses neue Institut aufnehmen zu lassen. Dieser Antrag war umso ehrenvoller, als der Herzog die Zöglinge unter den Söhnen seiner Offiziere sich aussuchte. Schillers Vater gestand indes freimütig: Er wolle seinen Sohn einem andern Stand widmen, zu welchem er in der neuen Bildungsanstalt nicht vorbereitet werden könne. Der Herzog fand sich zwar durch diese Äußerung nicht beleidigt, verlangte indes, dass Schiller sich ein anderes Studium wählen solle. Dieser opferte, wiewohl mit schwerem Herzen, seine Neigung den Verhältnissen seines Vaters auf, und entschied sich für das juristische Fach. Im Jahr 1773 wurde er in das neue Institut aufgenommen. Wie viel Überwindung es ihm aber gekostet, dem geistlichen Stande zu entsagen, erhellt aus einem Geständnis, das er im folgenden Jahr, als jeder Zögling seine eigene Charakterschilderung aufsetzen musste, ablegte. „Er würde sich, heißt es darin, weit glücklicher schätzen, wenn er dem Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.“ – Das juristische Studium scheint wenig Anziehendes für ihn gehabt zu haben, weil er es schon im Jahr 1775 aufgab. Eine neue Lehranstalt für künftige Ärzte, die der Herzog bei dem Institut errichtete und jedem Zögling die Wahl ließ, davon Gebrauch zu machen, bestimmte Schiller, sich dem medizinischen Fach zu widmen. „Aus jener Periode“, schreibt ein Jugendfreund Schillers7), „erinnere ich mich sehr lebhaft, wie er mir öfters erzählte, er sei anfänglich dem geistlichen Stand gewidmet gewesen, es freu’ ihn aber, dass sein Schicksal diese Wendung genommen, er würde die langsame Klosterlaufbahn, wie die Württembergischen Theologen sie gewöhnlich machen, die in der Regel an die neun Jahre dauert, haben durchlaufen müssen, so sei er nun fertig, ausgerüstet für die Welt.“ – „Später“, fügt derselbe hinzu, „wo überhaupt Schillers ganze innere und äußere Natur eine durchgreifende Umwälzung erfahren hatte, wie ich zu meiner Verwunderung fand, als ich in Jena wieder die durch Schillers Flucht aus Stuttgart unterbrochene Bekanntschaft mit ihm erneuerte, äußerte er doch mehrere Male den rückkehrenden Wunsch, der Laufbahn eines Predigers nicht entzogen worden zu sein. Vor einer versammelten Gemeine über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens und der Menschheit zu reden, stelle er sich als etwas Großes und Erhebendes vor.“ Was Schillers Aufenthalt auf der Karlsschule betrifft, so konnte sich sein Geist unmöglich in einem Institut gefallen, zu dessen (damaligen“ Erziehungsmethoden die strengste Verleugnung seiner selbst, die Erstickung hervorstechender, nicht zum Erziehungsplan gehöriger oder passender Talente gehörte, ganz vorzüglich aber die Niederbeugung des freien Willens. Eine kurze Schilderung der Organisation der Karlsschule möge hier eine Stelle finden. Sie war in das große, aus vier Flügeln bestehende Kasernengebäude verlegt und ganz auf militärischen Fuß eingerichtet. Die Hauptabteilung der Zöglinge war in adelige, die ihre 16 Ahnen beweisen mussten, und in bürgerliche; die ersteren hießen Kavaliere, die letzteren Eleven. Eine jede dieser Abteilungen wurde von einem halben Jahr zum andern, meistens durch den Herzog selbst, unter das Maß gebracht und in dem so genannten Rangier-Saal geordnet. Die ersten 50 größten Köpfe bildeten die erste Abteilung, die darauf folgenden 50 die zweite, der Rest, oder die Kleinsten die dritte. Jede derselben war in einem besondern Schlafsaal einquartiert, und stand unter der Aufsicht eines Kapitäns und Leutnants, die aus den Regimentern dazu gewählt wurden. Außerdem gab es noch zwei Aufseher in jeder Abteilung, welche kommandierte Unteroffiziere waren, und von denen der eine die Rechnung über die Privatkassen führte, der andere die Wäsche usw. zu besorgen hatte. Über jede Abteilung (der Adeligen und Bürgerlichen) war ein Obristwachtmeister (Major) angestellt; das Ganze stand unter dem Obristen und Generaladjutanten von Seeger. In wissenschaftlicher Hinsicht waren die Zöglinge in 24 Divisionen abgeteilt, von denen die erste aus Juristen, die in ihrem dreijährigen Kursus begriffen waren, die zweite aus Militärpersonen, die dritte aus Cameralisten usw. bestand. Schiller gehörte als Mediziner zu der fünften. Fünfzig Professoren und Lehrer war der Unterricht vertraut. Ihr Verhältnis zu den Zuhörern war ordonanzmäßig, selten fand ein Anschließen statt, falls nicht der Lehrer einen besondern Beruf fühlte, sich dem einzelnen Zögling zu nähern, wie dies unter andern zwischen dem Professor Abel (nachherigen Prälaten zu Schönthal) und Schiller der Fall war. Das Kommando: „Marsch!“ führte die Zöglinge in den Speisesaal zum Frühstück; dort hieß es: „Halt!“ Bei dem Ruf: „Fronte!“ wandten sie sich gegen den Tisch, hoben auf das Kommando: „Zum Gebet!“ die gefalteten Hände bis zum Mund empor und rückten, auf ein gegebenes Zeichen, die Stühle mit einem donnerähnlichen Geräusch zum Tisch. Auf ähnliche Weise ging es, in gleichmäßigem Tempo von da in den Hörsaal – mit einem Wort: Den Musen wurde überall das Gewehr präsentiert. Ein charakteristischer Zug dieser Erziehungsanstalt war demzufolge die oben erwähnte Niederbeugung des freien Willens. Niemand durfte sich’s unterfangen „warum?“ zu fragen; der kategorische Imperativ: „Du musst!“ war vorherrschend, selbst in Fällen, wo die Zweckmäßigkeit des Befehls problematisch schien. Freundschaftliche Mitteilung unter den Zöglingen war sehr erschwert. Sie durften sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern begeben, ohne einen, den Inspektoren genügenden Grund für einen solchen Besuch anzuführen. Auch auf Spaziergängen wurden die Zöglinge in einzelnen Abteilungen von Offizieren und Aufsehern begleitet. Geld war die höchste Contrebande; auch Bücher, außer den Kompendien, waren verboten oder schwer zu erhalten. Jungen Frauenzimmern wurde der Zutritt in die Karlsschule nur mit großen Vorsichtsmaßregeln gestattet, und die Zöglinge durften sich ihnen kaum nähern. Zwar pflegte man sie auf Redouten, zu denen sie ebenfalls kommandiert wurden, mit jungen Mädchen aus dem Erziehungsinstitut der Gräfin von Hohenheim (nachherigen Gemahlin des Herzogs) zu paaren; allein diese Schönen benahmen sich womöglich noch schüchterner als die Eleven, so dass man wohl diesen Mönch- und Nonnenaufzug das Interessanteste auf der ganzen Redoute nennen konnte. Auf Schiller, bei seiner feurigen Phantasie, seinem lebhaften Gefühl für alles Große und Schöne, musste natürlich der Druck dieser beschränkten Lage einen tiefen Eindruck machen. Jeden Augenblick stieß er auf die kalte Wirklichkeit, die sein Liebstes in Träume auflöste, und nicht selten sein gefühlvolles Herz verletzte. Es mag ihm schwer geworden sein, Trost zu finden in freundschaftlicher Mitteilung. Nicht immer hatte der Zufall ihm gleich gestimmte Seelen zur Seite gestellt. Es vergingen vielleicht Tage, eh’ er das Ideal, das so glühend in seinem Herzen lebte, einem Freund mitteilen konnte und war endlich ein verwandter Geist gefunden, so vereitelte nicht selten eine Störung von außen den gegenseitigen Austausch der Gefühle. Aus einem Schlafsaal in den andern sich zu begeben, war, wie früher erwähnt worden, nicht leicht; wer keinen Grund seiner einsamen Wanderung anzugeben wusste, war verdächtig und fiel in Untersuchung. Sich gruppenweise zu versammeln, erregte Aufsehen und so musste denn öfters das Puder- und Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Garten, ein Durchgang im Hof usw. ein Lokal darbieten, wo Schiller einzelnen Vertrauten Szenen aus seinen Räubern mitteilte, doch nicht selten darin unterbrochen wurde, wenn der ausgestellte Vorposten ein verabredetes Zeichen gab. Ein günstiger Umstand war es indes für Schiller, dass er unter der Oberaufsicht des Majors von Wolf stand, eines höchst gebildeten und gefühlvollen Mannes, der, ohne sich von der Würde des Vorgesetzten etwas zu vergeben, das aufkeimende Talent pflegte und demselben durch die Bekanntschaft mit ausgezeichneten Geisteswerken neue Nahrung zu geben wusste. Wie sehr sich indes Schillers Geist gegen den Zwang empörte, der dem ungeachtet seiner Bildung und Menschenkenntnis überall Schranken setzte, sieht man sehr deutlich aus mehreren Stellen seiner damaligen Briefe. „Ich habe nicht Wort gehalten“, schrieb Schiller ein halbes Jahr nach seiner Aufnahme in das neue Institut, an einen seiner Jugendfreunde M… in Ludwigsburg: „Ich sollte Dir schon vor sechs Monaten schreiben. – Zürne nicht! Mein Wille hatte an der Verzögerung keine Schuld. Ich liebe es nicht, viel Worte zu machen; komme selbst, sieh’, prüfe und urteile! Dein Friedrich ist nie sich selbst überlassen, den einmal festgesetzten Unterricht muss er anhören, prüfen und repetieren, und Briefe an Freunde zu schreiben steht nicht in unserem Schulreglement. Sähst Du mich, wie ich neben mir Kirschs Lexikon liegen habe, und vor mir das Dir bestimmte Blatt beschreibe, Du würdest auf den ersten Blick den ängstlichen Briefsteller entdecken, der für dieses geliebte Blatt eventualiter einen nie gesehenen Schlupfwinkel in einem geistesarmen Wörterbuch sucht.“ – „Dass Du eher zum Zweck kommen würdest“, heißt es in einem andern Brief an denselben Freund (vom 18. Oktober 1774), „das ahnte ich jetzt erst, da ich durch Erfahrung einsehen lernte, dass Dir, einem freien Menschen, ein freies Feld der Wissenschaften geöffnet war. Dem Himmel sei es gedankt, dass in unsern Kriminal-Gesetzbüchern nicht auch neben der Strafe des Felddiebstahls, eine Pön auf Diebstähle in entlegenen wissenschaftlichen Feldern gesetzt ist, denn sonst würde ich Armer, der ganz heterogene Wissenschaften treibt und im Graten der Pieriden manche verbotene Frucht nascht, längst mit Pranger und Halseisen belohnt worden sein!“ – „Du wähnst“, schrieb er am 20. Februar 1775 an denselben; „ich soll mich gefangen geben, dem albernen, obgleich im Sinne der Inspektoren ehrwürdigen Schlendrian? Solange sich mein Geist frei erheben kann, wird er sich in keine Fesseln schmiegen. Dem freien Mann ist schon der Anblick der Sklaverei verhasst – und er sollte geduldig die Fesseln tragen, die man ihm schmiedet? O Karl! Wir haben eine ganz andere Welt in unserem Herzen, als die wirkliche Welt ist! – – Empörend kommt es mir oft vor, wenn ich einer Strafe entgegen gehen soll, wo mein inneres Bewusstsein für die Rechtlichkeit meiner Handlungen spricht. Die Lektüre einiger Schriften von Voltaire, hat mir gestern noch sehr vielen Verdruss gemacht.“ – Am 25. September 1776 schrieb Schiller an seinen Freund F. in Stuttgart, der die Karlsschule zu Ostern dieses Jahres verlassen hatte: „Sie stehen jetzt auf der Bühne der wirklichen Welt und werden – das traue ich dieser Bühne zu – ganz andere Dekorationen, Souffleure und Akteure gefunden haben als wir sie uns in unserer Ideenwelt dachten. Erzeigen Sie mir doch ja die freundschaftliche Gefälligkeit und teilen mir Ihre Ansicht der wirklichen Welt mit! Mich interessiert alles, was ich von freien, selbst denkenden Männern über eine Laufbahn erfahre, die ich bald selbst betreten werde. Nicht so ganz von wirklichen Erfahrungen entblößt, wünschte ich in die wirkliche Welt überzutreten. Denn alles, was ich bisher von ihr weiß, folgerte ich aus dem Handeln und wandeln in derselben, worüber mich die Geschichte, die treue Leiterin und Führerin auf meiner wissenschaftlichen Laufbahn mehr, als alles unsentimentale Geschwätz mancher Erzieher über Lebens- und Erfahrungsprinzipe belehrte.“ – Auf der Karlsschule entstanden Schillers früheste Gedichte. Er konnte sich freilich, nach den angegebenen beschränkten Verhältnissen, nur mit einem geringen Teil der vaterländischen Literatur bekannt machen, doch wurde er durch einige der vorzüglichsten Dichter, unter andern durch Klopstock sehr lebhaft angesprochen. Doch erinnert sich ein Jugendfreund des Dichters, dass Schiller in seinem Exemplar von Klopstocks Oden in der Ode: Mein Vaterland8) nach den Worten: „Ich liebe dich mein Vaterland!“ die übrigen Strophen hinweg gestrichen habe, weil sie den eigentlichen Eindruck nur schwächten. Die Genesung9) durchstrich er ganz, weil der Inhalt, trotz der pomphaften Worte doch nur sei: Wär’ ich nicht genesen, so wäre’ ich gestorben und hätte meine Messiade nicht vollenden können10). Unstreitig ging aus Klopstocks Dichtungen Schillers Empfänglichkeit für das Große und Erhabene, wie für das Weiche und Zarte hervor, dem wir in seinen gelungensten spätern Geisteswerken überall begegnen. „Auf dem deutschen Parnass“, sagt ein geistreicher Schriftsteller11), „begann damals ein neues Leben. Die besten Köpfe empörten sich gegen den Despotismus der Mode und gegen das Streben nach kalter Eleganz. Kräftige Darstellung der Leidenschaft und des Charakters, tiefe Blicke in das Innere der Seele, Reichtum der Phantasie und der Sprache, sollten allein den Wert des Dichters begründen. Unabhängig von allen äußern Umgebungen, sollte er als ein Wesen aus einer höhern Welt erscheinen, unbekümmert, ob er früher oder später bei seinen Zeitgenossen eine würdige Aufnahme finden werde. Nicht durch fremden Einfluss, sondern allein durch sich selbst sollte die deutsche Dichtkunst sich aus ihrem Innern entwickeln12).“ – Geistesprodukte, die von einem solchen Streben zeugten, mussten auf Schiller einen tiefen, bleibenden Eindruck machen. Dies war ganz vorzüglich der Fall, als ihm zu Ende des Jahrs 1773 ein Freund Gerstenbergs Ugolino13) lieh. Die rührenden, erhabenen und erschütternden Auftritte, an denen dies Trauerspiel vielleicht reicher als irgendein andres ist14), mussten in den damals vierzehnjährigen Jüngling die lebhafteste Wirkung hervorbringen. Schon zu Anfange des Jahrs 1773 hatte er ein episches Gedicht Moses geschrieben, bei dem sich freilich weniger eigenes Schaffen als mühvolles Nachstreben und Nachbilden zeigt. Allein Ugolino und Götz von Berlichingen gaben seinem dichterischen Geist eine neue Richtung, und die Bekanntschaft mit Lessings Schauspielen, sowie vorzüglich Leisewitzes Julius von Tarent forderte ihn mächtig auf, einen dramatischen Versuch zu wagen. So entstand sein erster dramatischer Versuch: der Student von Nassau, wozu der Selbstmord eines aus Nassau gebürtigen Studenten die nächste Veranlassung gab. Bald darauf schrieb er ein Trauerspiel Cosmus von Medicis, das dem Stoff nach viel Ähnlichkeit mit Leisewitzes Julius von Tarent hatte. Einzelne Stellen aus beiden Stücken wurden in der Folge in die Räuber aufgenommen15). Zum Geburtstag des Herzogs von Württemberg, hatte Schiller ein kleines Vorspiel: Der Jahrmarkt gedichtet, worin sich einige geniale Züge nicht verkennen ließen. Es wurde in dem akademischen Gebäude von Zöglingen aufgeführt. Eben dies war der Fall bei Goethes Clavigo, worin Schiller die Rolle des Clavigo übernahm. Er fühlte den Dichter ganz; aber die Deklamation war zu heftig, die Mimik zu sonderbar. In der Szene, wo Clavigo über Beaumarchais anspielende Erzählung unruhig zu werden beginnt, drehte sich Schiller so gewaltig hin und her, dass er beinahe mit seinem Sessel zu Boden stürzte. Fast zu gleicher Zeit mit Götz von Berlichingen lernte Schiller Shakespeare kennen16). Er hörte nämlich in einer Unterrichtsstunde eine Stelle aus dem Briten vorlesen. Dies veranlasste ihn, seinen würdigen Lehrer, den jetzigen Prälaten Abel in Schönthal, der sich mehrere Verdienste um Schiller erwarb, um den großen Dramatiker zu bitten. Er sagte indes seinen damaligen Gefühlen nicht ganz zu. „Als ich“, sagte Schiller17), „in einem sehr frühen Alter diesen Dichter zuerst kennen lernte, empörte mich seine Kälte, seine Unempfindlichkeit, die ihm erlaubte, im höchsten Pathos zu scherzen, die Herz zerschneidenden Auftritt im Hamlet, im König Lear, im Macbeth durch einen Narren zu stören; die ihn bald da festhielt, wo meine Empfindung forteilte, bald da kaltherzig fortriss, wo das Herz so gern stillgestanden wäre. Mehrere Jahre hatte er schon meine Verehrung und war mein Studium, ehe ich sein Individuum lieb gewinnen lernte. – Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der ersten Hand zu verstehen.“ – Von Schillers lyrischen Versuchen hat sich aus jenem Zeitraum nichts erhalten, als einige Gedichte, die sich im Schwäbischen Magazin befinden18). Sie lassen indes fast ohne Ausnahme nur schwach den Geist ahnen, der in seinen spätern Werken dieser Gattung weht. Sein erstes Gedicht dieser Art erschien im Jahr 177619). Es fehlt auch ihm an eigentümlichem, dichterischem Schwung und die Aneignung fremder Ideen, vorzüglich Klopstocks, Cramers und Uzes ist sehr sichtbar. Bemerkenswert sind indes die nachfolgenden Verse, weil sie uns das Innerste seines Gemütes enthüllen und uns sehen lassen, worauf sein letztes Sehnen und Streben in dieser Zeit sich beschränkte. Schiller spricht vom Gefühl für die mannigfachen Schönheiten der Natur, und bricht dann in die Worte aus:
Schiller beschäftigte sich damals aus eigenem Antriebe nicht bloß mit der Dichtkunst. Plutarchs Lebensbeschreibungen, Herders und Garves Schriften, vorzüglich die Anmerkungen des Letztern zu Fergusons Moralphilosophie hatten viel Anziehendes für ihn. Auch verdient es bemerkt zu werden, dass er damals oft und gern in der Bibel las, da die Einwirkung von Luthers kräftigem Stil, vorzüglich in seinen frühern dramatischen Werken unverkennbar ist20). Schiller beschäftigte sich umso mehr damals mit jenen historischen und philosophischen Studien, da sie als Hilfswissenschaften in sein eigentliches Fach eingriffen. Aus Sallust, seinem damaligen Lieblingsschriftsteller, schrieb er einem Jugendfreunde folgende merkwürdige Sentenz auf ein Stammbuchblatt:
Schiller hatte nämlich den Entschluss gefasst, sich zwei Jahre fast ausschließlich dem medizinischen Studium zu widmen, um sich dadurch eine sichere Existenz zu verschaffen. „Lange schon“, schrieb er darüber, „hab’ ich nicht ohne Ursache befürchtet, dass früher oder später mein Feuer für die Dichtkunst erlöschen würde, wenn sie meine Brotwissenschaft bliebe, und dass sie im Gegenteil neuen Reiz für mich haben müsste, sobald ich sie nur als Erholung gebrauchte, und nur meine reinsten Augenblicke ihr widmete. Dann nur kann ich mit ganzer Kraft und immer regem Enthusiasmus Dichter sein – dann nur hoffen, dass meine Leidenschaft und Fähigkeit für die Kunst durch mein ganzes Leben fortdauern werde.“ – Auf eine ähnliche Weise erklärt er sich an einer andern Stelle. „Ich sehe mich freilich genötigt, sagt er, von dem milden Himmelstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in den Norden einer trocknen terminologischen Kunst zu machen; allein was sein muss, zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse umso feuriger, je länger ich von ihr geschieden war, vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine süße Indemnisation für den fakultistischen Schweiß22).“ – Eine Abhandlung unter dem Titel: Philosophie der Physiologie, die Schiller im Jahr 1778 lateinisch ausarbeitete, und seinen Vorgesetzten überreichte, erschien nicht im Druck. Zwei Jahre später, verteidigte er, nach beendigtem Kursus auf der Karlsschule, eine andere Probeschrift: Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen23). Als Belege zu psychologischen Bemerkungen hatte er darin eine Stelle aus seinen damals noch unvollendeten Räubern angeführt, die er aber als Übersetzung eines englischen Trauerspiels24) zitierte. Er ward hierzu teils durch den Rat seiner Freunde bewogen, teils aber mochte er wohl auch Besorgnis hegen, sich als Verfasser einer, dem Schulreglement nach unerlaubten Arbeit zu bekennen. Gleichwohl äußerte er zu jener Zeit verschiedentlich, dass er sich bei seinem künftigen Tun und Streben sehr wenig um die Meinung der Welt kümmern würde. Nach Überreichung der erwähnten medizinischen Probeschrift, ward Schiller als Regimentsarzt bei dem Regiment Augé angestellt. Er soll, zuverlässigen Nachrichten zufolge, als praktischer Arzt, viel Geist und Kühnheit bewiesen, doch nicht in gleichem Grade Glück gehabt haben. Einige Vorfälle während seines Aufenthalts auf der Karlsschule, mögen als charakteristische Züge und zugleich als Abschluss seines Jugendlebens hier Platz finden, und den Übergang zur ersten Periode seiner schriftstellerischen Tätigkeit bilden. Schiller wurde einst von einem Lehrer überrascht, als er eine Szene aus seinen Räubern einigen von seinen vertrauten Jugendfreunden vordeklamierte. Bei dem Worten, die Franz Moor zu Moser sagt: „Ha was! Du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals! Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammnis schwebt auf dem Laute deines Mundes! – Keine einzige drüber25)“ – öffnete sich die Tür, und der herein tretende Aufseher sah Schiller, halb in Verzweiflung die Stube auf- und niedergehen. „Ei so schäme man sich doch“, sagte er zu ihm, „wer wird denn so entrüstet sein und fluchen.“ Die andern Zöglinge lachten hinter dem Inspektor ins Fäustchen und Schiller rief ihm bitter lächelnd nach: „ein konfiszierter Kerl!“ – Schiller wohnte eine Zeitlang in dem Hause des Professor Haug mit einem akademischen Freund und Jugendgenossen, dem Leutnant K… zusammen, einem jungen Mann von Talent, heftig und aufbrausend, wie Schiller selbst damals war. Einst, als der letztere einen Freund auf der Straße traf, und mit ihm nach seinem Logis ging, K… aber nicht zu Hause war, und Schiller seinen Schlüssel zu sich zu stecken vergessen hatte, stieß er in der Ungeduld, um die Mühe, beim Eigentümer des Hauses einen Schlüssel zu holen, sich zu ersparen, mit dem Fuß die Türe auf einen Ansprung ein26). Das unausgesetzte Besuchen der täglichen Unterrichtsstunden musste für einen Jüngling von Schillers Anlagen etwas Lästiges haben. Er schützte daher mitunter Krankheit vor, um auf seinem Zimmer bleiben zu können. Man merkte indes bald, dass Schillers Krankheit nicht anhaltend war und meistens nur an gewissen Tagen und Stunden sich wieder einstellte. Die Lehrer ließen sich’s zwar gefallen, dass er nicht persönlich erschien, schickten ihm aber Pensa und Ausarbeitungen zu, und zwar meistens in wissenschaftlichen Fächern, mit denen er sich eben nicht befreunden mochte. Dies empörte einst Schiller so sehr, dass er das ihm aufgedrungene Pensum dem Überbringer vor die Füße warf und zornig ausrief: „Ich muss bei der Wahl meiner Studien den freien Willen haben.“ – Diese Äußerung wurde freilich so übel genommen, dass man Schiller auf einige Zeit degradierte und ihm dadurch nicht undeutlich zu verstehen gab: Die Inspektoren reichten in dergleichen Fällen doch weiter mit ihrem freien Willen, als er mit dem seinigen. Vorfälle dieser Art konnten ihn nur augenblicklich aufregen, aber ein tiefer Unmut ergriff ihn, wenn er einen Blick auf das eingezogene, freudenlose Leben warf, das jeden jugendlichen Aufschwung des Geistes hemmte. Er entschlüpfte daher öfters mit einigen vertrauten Freunden abends oder in andern Freistunden seinem Kerker, um der Menschen Tun und Treiben von fern belauschen zu können. Diese Flucht ist Schiller öfters geglückt. Er unternahm sie vorzüglich in den letzten Jahren seines Aufenthalts auf der Karlsschule. Allein ein Plan, durch den er sich im Jahr 1775 mit einigen vertrauten Freunden für immer in Freiheit zu setzen glaubte, misslang, ohne jedoch verraten zu sein, völlig. Schiller erinnerte sich noch öfters daran und sagte einige Jahre später scherzend: Die Inspektoren würden von dieser Flucht keine neue Zeitrechnung eingeführt haben.“ – Eine sonderbare Auszeichnung mag hier noch erwähnt werden, die Schiller auf der Karlsschule zuteil wurde. Er hatte rötliches Haar, und trug dies, wie alle bürgerliche Eleven, ungepudert. Der Herzog Karl erlaubte ihm indes, da Schillers Vater als Hauptmann eine adelige Charge bekleidete, gepudert zu erscheinen. Der militärische Disziplin auf der Karlsschule verdankte er auch seinen im spätern Leben etwas auffallenden Gang „Ich bin noch immer an die Militärschule gewöhnt“, sagte er einst lächelnd, als das Gespräch sich zufällig auf den leichten und behänden Gang eines seiner Freunde lenkte. 1)
Schillers Vater hat sich durch ein Werk bekannt gemacht: Die Baumzucht im Großen
(Neusirelitz 1795. 8.), späterhin unter dem Titel: Die Baumzucht im Großen. Aus
zwanzigjährigen Erfahrungen in Rücksicht auf ihre Behandlung, Kosten, Nutzen und
ihren Ertrag. Mit zwei Plans. Neue unveränderte Ausgabe. (Gießen. 1806. 8.)
13)
Hamburg u. Bremen. 1768. 4.
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