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Wilhelm von Humboldt an Friedrich SchillerRom, den 22 October 1803. Ich habe Ihre beiden Briefe erhalten, lieber Freund, den vom 18 August und den vom 12 September, und Sie müssen es nur auf die unglücklichen Umstände, unter welchen wir noch nach des armen Wilhelms Tode gelebt haben, schieben, daß ich weder den einen noch den andern früher beantwortete; denn ich weiß nicht, ob meine Frau vielleicht schon schrieb, daß auch Theodor von derselben Krankheit, nur mit weniger plötzlich gefährlichen Symptomen, von dem ärgsten Nervenfieber, das man sich denken kann, befallen wurde. Drei Tage lang verzweifelten wir Alle an seinem Aufkommen, und noch zwei- oder dreimal sank er, nach schon sichtbarer Besserung, in das Uebel zurück. Mit unendlicher Mühe und durch die unglaubliche Sorgfalt Kohlrauschens, des deutschen Arztes, von dem ich Ihnen schrieb, wurde er dem fast gewissen Tode entrissen; er geht jetzt wieder aus, Alles ist wieder wohl im Hause. Aber der erlittene Verlust ist unersetzlich; er steht fest und unbeweglich vor der Phantasie da, und nichts kann dafür Ersatz geben. Mir hat selbst in den ersten Augenblicken, liebster Freund, der Schmerz die innere Klarheit, sogar eine gewisse Ruhe nicht geraubt. Aber eine Wehmuth und eine Sehnsucht begleitet mich seit jener unglücklichen Epoche, von der ich Ihnen keine Schilderung zu machen im Stande bin. Es ist mir, als hätte der Tod eines Kindes noch etwas Rührenderes als der eines Erwachsenen. Noch nicht seinem eignen Willen folgend, vertraut es dem fremden, und es ist, als hätte man sein sorgenloses Vertrauen betrogen, selbst wenn der Tod nur eine Folge des bloßen, blinden Geschicks ist. Für uns Andere sey es Ihnen übrigens nicht bange, theurer Freund. Italiens Himmel ist so schlimm nicht, als er in der Ferne scheint. Bei diesem Falle waren eigene Verbindungen von Umständen. Die Fieber sind bei Kindern gefährlicher. Der starke unverhältnißmäßige Wachsthum Wilhelms hatte seine Muskelkraft geschwächt, vielleicht hatte er sich auch einmal unvorsichtigerweise erhitzt. Daß das Klima hier überhaupt nicht ungünstig ist, zeigt die blühende Gesundheit der andern Kinder, die bei den Mädchen nie alterirt gewesen ist, und die bei Theodor wieder kömmt. Sie hätten den armen Wilhelm nur noch einen Tag vor seiner Krankheit sehen sollen, und die Fürstin von Rudolstadt kann es Ihnen sagen. Er blühte wie eine Rose, selbst der Tod hatte ihn nur wenig entstellt. Lieber Schiller, warum sind Sie jetzt nicht hier? denn daß ich wegginge, daran kann ich und mag ich nicht denken. Rom hat mich auf alle Weise gefesselt, und schon den Boden verlassen, dem man ein theures Pfand anvertraut hat, ist schwer. Sie können wohl denken, daß ich keinen Augenblick hier bleiben würde, wenn ich in der That nur die geringste Gefahr für die Meinigen ahnen müßte. Aber wir haben es auch mit dem Arzte vielfach überlegt, und er ist ganz derselben Meinung. Lassen Sie mich daher immer noch einige Jahre hier. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir dieser Aufenthalt wohl thut. Ich befand mich in keiner wünschenswürdigen Stimmung in Berlin, selbst in Paris fühlte ich mich gewissermaßen abgestumpft. Hier ist Alles, was mich umgibt, belebend und erwärmend; ich bin fruchtbarer in Ideen, und selbst die Wehmuth, selbst der bitterste Schmerz läßt noch eine Klarheit, eine Heiterkeit im Gemüthe bestehn, die doch offenbar von der Natur in den Menschen übergeht. Denn von dem stillen Genusse dieser Stadt und der Gebirge umher ist nun einmal jede Schilderung vergeblich. Auch meine arme gute Frau fühlt dieß. Ihre reine und edle Natur hat sich auch in dieser Lager trefflich bewährt. Es ist nichts dumpf und finster Schwermüthiges in ihr, wie Sie mit Rechst sagen, theurer Schiller, eine starke Seele, mit der feinsten, zartesten Fühlbarkeit. Daher hat auch dieser Schmerz weniger nachtheilig auf ihre Gesundheit gewirkt, als wir fürchteten. Sie ist in der That recht leidlich, und man darf auch nicht jetzt, wie ich Anfangs that, für die Folge eines plötzlichen Ausbruch des nur verhaltenen Uebels besorgen. Ihre Braut von Messina haben wir gelesen. Cotta schrieb mir erst, wie er sie mir schicken sollte. Indeß hatten wir sie schon früher aus der Schweiz bestellt und bekommen. Sie sind ein unendlich glücklicher Mensch, lieber Schiller, diese Productionskraft ewig in sich rege zu erhalten, und nie, glaube ich, ist es einem Dichter gelungen, so bestimmt einen selbst gezeichneten Weg zu verfolgen. In Ihnen kann das Niemand verkennen, wenn man Ihre Stücke, wie sie nach einander gefolgt sind, vergleicht. In Rücksicht der strengen Form kann keines sich mit der Braut messen. In ihr ist Alles poetisch, Alles folgt streng auf einander, und es ist überall Handlung. Auch über den Chor bin ich einstimmig mit Ihnen. Er ist die letzte Höhe, auf der man die Tragödie dem prosaischen Leben entreißt, und vollendet die reine Symbolik des Kunstwerks. Niemand hat noch bisher seine Idee so rein aufgefaßt, als Sie in Ihrer zugleich unübertrefflich geschriebenen Einleitung. Euripides schon, möchte ich sagen, hatte keinen Begriff mehr von ihm, und seitdem hat man sich kaum mehr, als die Einwebung lyrischer Stücke in das Gespräch gedacht. Der Begriff der Musik, falsch verstanden, hat Alles zuletzt noch mehr in Verwirrung gebracht. Nur über den Gebrauch, den Sie in Ihrem Stücke von dem Chor gemacht haben, müssen Sie mir eine Bemerkung erlauben. Wenn ich Sie recht verstehe, und wenn das, was ich mir immer schon selbst beim Chor dachte, mit Ihren Ideen übereinstimmt, so ist der Chor dazu da, die gleichsam physische Gewalt der Empfindung des Zuschauers, da wo sie eben zur bloßen Theilnahme an den handelnden Personen, als wirklichen Wesen, herabsinken will, auf einmal zu brechen, und sie, auf ein unermeßliches Feld geschleudert, mit künstlerischer und daher doppelt ergreifender Stärke zu der in dem Kunstwerk symbolisirten Idee zurückzuführen. Sein erster Zweck ist also, den Stoff zu intellectualisiren. Weil aber der Verstand so gut, als das Gefühl, beide ohne Phantasie, dem Kunstwerk fremd sind, so verlangt auch das intellectualisirende Organ der Tragödie eine Darstellung von der Einbildungskraft, und gerade, damit dieß Organ, als seiner Natur nach ruhig betrachtend und für die Handlung gleichgültig, nicht das Gleichgewicht gegen die handelnden Personen und ihr leidenschaftlich rasches Fortschritten verliere, so muß es in der Phantasie-Darstellung einen Zuwachse an sinnlichem Gehalt, Musik und Tanz bekommen. Kürzer könnte man sagen, daß der Chor das einzige Mittel wäre, durch das es einem an sich rein naiven Volke gelang, eine an sich sentimentale Dichtungsart, wie die Tragödie ist, auszuführen. Denn in Shakespeare, selbst in Goethe, z. B. im Egmont, vor Allem aber in Ihren letzten Stücken, im Wallenstein und der Jungfrau, die ich gerade zu diesem Behuf wieder gelesen, ist es mir jetzt ganz deutlich, daß, weil Sie das Bedürfniß fühlten, die Prosa des Lebens in der Poesie der Tragödie auszutilgen, und Sie daher immer jenen ersten Zweck des künstlerischen Symbolisirens auf andere Weise zu erfüllen suchten, Sie sentimentaler betrachtender, philosophischer geworden sind, als sonst je geschehen wäre. Wenn bei diesen Stücken etwas Dumpfes und Schweres in der Empfindung des Lesers zurückbleibt, so liegt es daran, daß ihnen für diesen intelectuellen Zweck ein sinnliches Organ fehlte. Die Anstrengung, welche die handelnden Personen machen müssen, um ihre wirkliche Individualität an etwas Größeres zu verlieren, theilt der Zuschauer mit Ihnen, da der Chor hingegen dasselbe leicht und klar zuspricht. Was aber dem Kunstwerk an Leichtigkeit und Klarheit abgeht, das entbehrt es auch an Größe. Dieß nun vorausgesetzt, habe ich an Ihrem Chor zweierlei zu tadeln. Er ist den handelnden Personen zu nah, und hat in sich nicht den Reichthum, den er haben könnte. Es fehlt ihm also, Sie sehen, wir rasch ich anklage, zugleich an Ruhe und an Bewegung. Ich glaube nicht, daß Sie hätten den Ihrigen zu Begleitern der beiden Brüder machen sollen. Da sie dem Zwiespalt der Feindlichgesinnten folgen, sind sie nicht mehr reine Bürger von Messina, und da ihr eigner Ehrgeiz ins Spiel kommt, ist ihr Urtheil nicht das unparteiische des Schicksals, so wie es sich im Menschen ausspricht. Sie sagen einmal in Ihrer Vorerinnerung, welch ein schlechter Ersatz für den Chor in der französischen Tragödie ein Vertrauter sey. Das aber scheint mir die gefährlichste Klippe, daß der Chor immer in unsrer Art der Tragödie, einen Anstrich davon bekommen kann, und damit ist augenblicklich Alles verloren. Denn der Chor muß unmächtig, dienend und schwach seyn, aber frei, und nicht einmal durch Neigung gefesselt. Hier aber tritt freilich eine ungeheure Schwierigkeit ein. Bei uns soll Alles motivirt seyn, und wie motivirt man den Chor, ohne seinem reinen Begriff zu schaden? Wenn das, woran ich mich bei dem Ihrigen stoße, Grund hat, so legt es, dünkt mich, eben in dieser Schwierigkeit. Denn sonst haben Sie mit großer und bewundernswürdiger Kunst diese, meinem Begriff nach, fehlerhafte Anlage gut zu machen gesucht. Allein, und hier wäre mir Ihr Urtheil wichtig, muß denn die Strenge des Motivirens auch in diesem Stück beobachtet werden? Daß die Handlung selbst mit vollkommener Nothwendigkeit auseinander herfließe, hat siegen natürlichen Grund. Allein der Chor ist wie der Himmel in einer Landschaft. Es versteht sich von selbst, daß er da sey, denn jede Handlung geht durchs Gerücht mehr oder minder schneller oder langsamer ins Volk aus, und prosaisch ausgedrückt ist der Chor nur immer das urtheilende Volk, es sind die Achiver, die immer leiden, wenn die Könige rasen. Auch hier noch mehr Strenge zu fordern, scheint mir moderne Unart, die wieder aus dem leidigen Begriff von Illusion herstammt. Den Chor, nicht auf die unbedeutende Art, wie die Alten es hier und da thun, sondern auf eine für die ganze Oekonomie des Stücks wichtige und geltende, in zwei Hälften zu theilen, halte ich für vortrefflich. Wie unsere Poesie überhaupt weniger sinnlich ist, wie wir minder auf Musik und Tanz zählen können, seit Musik und Tanz nicht mehr bloß der Dichtkunst dienen, und das Publicum sie nicht mehr in dieser Dienstbarkeit liebt: so muß man eine andre Mannichfaltigkeit, ein andres Leben für die Phantasie suchen, welches die sinnliche Darstellung des Chors mehr heraushebe. allein Ihre Theilung hat mich nicht ganz befriedigt. An sich wäre das Alter gewiß ein ganz schicklicher Theilungsgrund. Allein da beide Theile Ihres Chores noch jetzt dienende und mitwirkende Ritter sind, so wird schon einmal die Theilung nicht rein genug. es ist nur ein Mehr und ein Weniger, nur Jüngling und Mann, und da dieser Unterschied nun noch zu dem Umstand, daß beide Theile verschiedenen Parteien dienen, hinzu kommt, so gibt er eigentlichen Zwiespalt, da er nur Contrast zeigen sollte. Denn in Allem, was auf die Handlung Bezug hat, muß der Chor, wie ich mir ihn denke, mit sich selbst vollkommen übereinstimmend seyn; er kann aber verschiedene Ansichten haben, verschiedene Empfindungen können durch dasselbe Interesse gerührt werden. Endlich fragt man sich auch, warum ein Bruder gerade nur ältere, der andere jüngere Ritter hat? Und hier dürfte die Forderung des Motivirens mit mehr Grund gemacht werden können. Niemand kann zwar läugnen, daß gerade, wie Sie ihn behandelt haben, der Chor eine ungeheure Wirkung thut, er verdoppelt das Leben und die Poesie Ihres Stücks, weil er an die handelnden Individuen handelnde Massen anknüpft. Allein ich vergleiche ihn mit der Idee, welche Sie selbst aufgestellt haben. In dieser, als wahren Chor, spricht er sich in Ihrer Braut, dünkt mich, mehr durch seine Gesänge, als durch seine Gestalt und sein Daseyn aus, und darum finde ich von dieser Seite die Symbolik nicht rein und nicht vollkommen. Ich habe geglaubt, bei diesem Punkt verweilen zu müssen, theurer Freund, weil die Einführung des Chors auf die Bühne eine zu wichtige Sache ist, um nicht von allen Seiten überlegt zu werden; und ich schmeichle mir, daß meine Bemerkungen Ihnen selbst darum nicht unlieb seyn werden, wenn Sie dieselben auch ungegründet finden sollten. Sie werden Ihnen die warme Theilnahme zeigen, die ich nie aufhören werde, an Ihren Beschäftigungen zu nehmen; sie werden Ihnen beweisen, wie gern ich mich in die Zeit zurücksetze, wo wir diese Dinge gemeinschaftlich besprachen, und über die Grundsätze können wir nicht uneins seyn. Ich sehe eben, da ich noch einmal Ihre Vorerinnerung durchgehe, daß Sie die Theilung des Chors entschuldigen, und darauf aufmerksam machen, daß sie nur da angebracht sey, wo der Chor selbsthandelnde Person ist; allein ich glaube in der That, seine Theilung, auch als reiner Chor, müßte große Vorzüge haben. Er ist einmal der Repräsentant der Menschheit, und müßte sie, dächte ich, voller und reicher darstellen, wenn ihre verschiedenen Classen sich einzeln und geschiedne aussprächen. Über die Höhe, in der Sie Ihr Stück gehalten haben, geht nichts. Das hohe künstlerische Verdienst, die reine Kunstform werden nur Wenige fühlen; aber der Schwung der Gedanken, die Erhabenheit der lyrischen Partieen, dieß innige Verweben Ihres Stoffs in alle größten Ideen aller Zeiten kann Niemand entgehen, selbst die Einfachheit der Behandlung muß wenigstens Vielen fühlbar seyn. Was ich indeß wünschte, wäre, daß Sie mit diesen neuen Forderungen, die Sie, nach dem Gelingen dieses Stücks, mit Recht an Sich machen können, bald wieder einen in sich mächtigen, schon durch seinen Umfang mühsam zu bändigenden Stoff, wenn nicht so groß, wie Wallenstein, doch wie die Jungfrau behandelten. Der unkünstlerische Theil des Publicums wird zwischen der Braut und diesen Stücken, das läßt sich voraussehen, Vergleichungen anstellen, und den letzteren in jeder Rücksicht den Vorzug geben, schon darum, weil sie, neben der künstlerischen Wirkung, auch einer anderen durch ihren bloßen Stoff fähig sind. Eine gewisse Wahrheit liegt aber diesen Urtheilen, wenn man sie wirklich fällt, zum Grunde. Es ist noch ein anderer Unterschied zwischen der alten und neuen Tragödie, als der der bloßen Kusntform, und es gibt hier eine Verbindung, die ich im hohen Grade für möglich halte. In jeder Scene Ihres neuen Stücks ist das schon sichtbar. Ueberall geht Reflexion und Empfindung in Tiefen ein, welche die Alten in ihrem heiteren Sonenlichte zu verschmähen scheinen, die sie aber, unparteiisch gestanden, auf diese Weise nicht kannten. Es ist wirklich auch noch mehr. Freilich scheint es an sich einerlei, wenn man nur den letzten Zweck, die Darstellung der reinen Kunstform an seinem Gegenstande erreicht, wie viel oder wenig man an Stoff in das Gemälde aufnimmt, und wie weit man den Gegenstand auszeichnet. Aber es versetzt das Gemüth in eine andere Stimmung, wenn eine reichere Welt sich bewegt, und wenn nicht bloß die großen Partieen der Menschheit, wenn auch feine Charakternüancen erscheinen. Es ist unendlich bewundernswürdig, und ich habe es eigen studirt, mit wie wenig Zügen Sie die beiden Brüder so fest charakterisirt haben, daß jeder nur auf seine Weise die Zuschauer afficiren kann, ebenso die Mutter und Beatrice. Es ist das der höchste Gipfel der Kunst und die höchste Weisheit des Künstlers, nicht über die Forderungen seines Zweckes hinauszugehen; und wer, wie Sie, auch gezeigt hat, daß er zugleich in der ganz entgegengesetzten Gattung Meister ist, in dem, sieht man, ist das, was er dießmal unterläßt, nicht Schranke. Es ist vielmehr nur Mangel an ächtem und großem Kunstsinn, der Charakterschilderung einen viel wichtigeren Antheil an der tragischen Wirkung beizumessen, als ihr, eigentlich genommen, gebührt. Eins indeß verdient doch in Betrachtung zu kommen. wir sind einmal ein reflectirendes und sentimentales Geschlecht, und wer unter uns nicht reflectirt, genießt darum nicht unbefangener; wir beschäftigen einmal die Sinne minder als den Verstand, das Gefühl mehr als die Einbildungskraft; wir brauchen, um auf unsere Weise gerührt zu werden, einen durch Verstand und Gefühl mannichfaltiger ausgearbeiteten Stoff. Insofern läßt sich alles sogenannte Romantische, glaube ich in Wahrheit, vertheidigen. Die Kunst ist allerdings nur Eine, keiner Zeit, keiner Nation ausschließend angehörig. Allein die Kunst ist auch nur eine Art, in der der Mensch sich und die Welt sinnlich idealisirt, sie ist mehr als Einer Ausführung fähig, und das Verschiedenartigste kann sich in ihr, wie in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte begegnen. Sollte daher nicht auch, wenn Sie den paradoxen Ausdruck verzeihen, das Romantische einer Ausführung in ächt antiker Kunstform fähig seyn? und sollte darin nicht für uns das Höchste bestehen? Wenigstens scheint unläugbar, daß man dadurch auch etwas gewinnt, was der ächtesten Kunst keinesweges gleichgültig ist, das Ideale, dessen, im Gegensatz gegen das Chimärische und Fantastische, auch Sie in Ihrer Einleitung erwähenn. Sie werden finden, daß ich zu sehr dem Stoff das Wort rede, aber einer nicht künstlerischen Natur ist das zu verzeihen, und nur durch Hinüber- und Herüberschwanken kommt man zur Wahrheit. Doch müssen Sie nicht glauben, daß ich meinte, es fehle Ihrem Stücke an der Realität, die ein Kunstwerk haben muß. Vielmehr habe ich bewundert, wie unbegreiflich gut es Ihnen gelungen ist, einem Stoff, für den nichts im Gemüth des Lesers vorbereitet ist, der nicht einmal auf einem schon die Seele füllenden Grunde erscheint, der ferner an sich sogar künstlich ist und bei minder guter Behandlung hätte spielend aussehen können, von der Einbildungskraft volle Geltung zu verschaffen. Alles in diesem Werk besteht nur durch die dichterische Form, und bedarf nichts außer ihr. Goethe’s Eugenia bin ich sehr neugierig zu sehen. Ich höre aber, Sie soll noch noch gedruckt seyn. Es gibt hier doch noch immer Wege, Bücher für nicht gar zu ungeheure Kosten hieher zu bekommen, und ich werde gewiß dafür sorgen, deutscher Kunst und Wissenschaft nicht fremd zu werden. Aus einer Stelle Ihres Briefes, liebster Freund, muß ich schließen, daß Sie meine Lage für anders halten, als sie ist. Sie schienen zu glauben, daß Sie mich sehr au smeinem ehemaligen gewohnten Kreise herauszieht. Das ist aber nicht der Fall, und wenn Sie einige Wochen lang hier seyn könnten, würden Sie finden, daß ich ziemlich wie ehemals lebe. Sie müssen nur bedenken, daß mein Geschäft hier, der Natur der Sache nach, die Politik nur wenig angeht. Es verbindet mich daher nicht, mich, wie ich an anderen Orten mußte, beständig in Gesellschaften herumzutreiben, und noch weniger macht mich Sorge oder große Verantwortlichkeit anderen Beschäftigungen fremd. Der wichtigste Theil desselben besteht in einzelnen Besorgungen; diese gehen, dem eigentlichen Interesse nach, fast immer Privatleute an, und haben nur insofern für mich eine höhere Wichtigkeit, als man verlangt, daß ich sie gerade auf diese oder jene Weise betreiben soll, und als es einen selbst interessirt, dem Zwange, den man von Rom aus sogar auch in den entferntesten Gegenden noch ausüben möchte, so viel es angeht, zu steuern. Zeit kosten diese Dinge freilich, sie nehmen mir mehrere Tage der Woche, wenn ich die weitläuftige Geschäftscorrespondenz mitrechne, ganz, und in den übrigen viele Stunden mit Schreiben, Besuchen u. s. f. Die politische Correspondenz, wenn sie auch nur ein Berichten von Neuigkeiten ist, will auch besorgt seyn, und da ich Alles selbst besorge, so gehört freilich eine gewisse Arbeitsamkeit und Ordnung dazu, um fertig zu werden und sich Freiheit nebenher zu verschaffen. Doch geht das schon gut. Wenn ich bisher noch nichts hier gearbeitet habe, so ist es mehr, weil Rom selbst ein eigenes und langwieriges Studium ist, weil eine so neue Natur – denn neu bleibt einem Rom, wenn man, möchte ich sagen, auch alles Andere gesehen hat – um im Gemüthe auszuwirken, Zeit braucht. Daher nennen wir uns oft im Scherz das Volk das mit Spazieren den Tag lebt. Dann ist auch gewiß wahr, daß, wenn alle Zeit nur Zeit der Muße ist, und gar kein Zwang eine bestimmte Zeitanwendung fordert, man manche Zeit verliert. Ich verzweifele also nicht, ich hoffe vielmehr gewiß, hier auch wissenschaftlich noch immer auf’s Mindeste gleich thätig zu seyn, als ehemals, und wenigstens, mein theurer Freund, sey’n Sie überzeugt, daß mein Interesse, meine Richtungen sich nie ändern werden. Der Maßstab der Dinge in mir bleibt fest und unerschüttert; das Höchste in der Welt bleiben und sind die – Ideen. Diesen hab’ ich ehemals gelebt, diesen werde ich jetzt und ewig getreu bleiben, und hätte ich einen Wirkungskreis, wie den, der jetzt eigentlich Europa beherrscht, so würde ich ihn doch immer nur als etwas jenem Höheren Untergeordnetes ansehen, und das ist meine wahre Meinung. Dennoch will ich nicht läugnen, daß man nicht durch eine Geschäftslage Einiges wirklich aufopfert. Allein auch da hat es mir, ehe ich sie einging, nicht an Ueberlegung gefehlt. Ich war einige Jahre vorher in einer nicht glücklichen Stimmung für die Production; ich wußte so vielerlei, ich kannte Manches besser, als viele Andere, und doch schloß sich nichts fest zu einem Resultate zusammen, ich konnte mit dem thätigen Theil meiner Existenz unmöglich zufrieden seyn. Es schien mir daher besser, meiner Thätigkeit einen bestimmten, wenn gleich gewöhnlichen Gang zu geben, und ich suchte nur die aus, die im Stande war, mich zugleich wieder an einen wichtigen Ort zu führen. Auch glaube ich mich in meiner Berechnung nicht geirrt zu haben. Rom aht schon erweckend und belebend auf mich gewirkt, und fährt fort es zu thun, ich fühle mich fruchtbarer, als sonst. Es ist nichts, das mich meinen Entschluß, meine Lage zu ändern, bereuen ließe. Das waren Selbstgeständnisse, theurer Freund, zu denen ich gegen Sie immer offen bin, die ich aber nicht gemacht haben würde, wenn mich nicht eine Stelle Ihres Briefes darauf geführt hätte. Denn auch gegen den vertrautesten Freund rede ich nicht gern über mich, weil man über sich immer leichter schief urtheilt als über einen andern. Bleiben Sie mir, mein Lieber, Guter, was Sie mir sind, und glauben Sie gewiß, daß, welche Entfernung uns auch immer trennen mag, mein Interesse Ihnen ewig gleich nah ist, und daß das Kleinste in Ihrer Beschäftigung mehr Wichtigkeit für mich hat, als Alles, was ich unternehmen könnte. Denn – ich muß shcließen, wie ich anfing – Sie sind der glücklichste Mensch. Sie haben das Höchste ergriffen, und besitzen Kraft es festzuhalten. Es ist Ihre Region geworden, und nicht genug, daß das gewöhnliche Leben sei darin nicht stört, so führen Sie aus jenem besseren eine Güte, eine Milde, eine Klarheit und Wärme in dieses hinüber, die unverkennbar ihre Abkunft verrathen. So wie Sie in Ideen fester, in der Production sicherer geworden sind, hat das zugenommen. Für Sie braucht man das Schicksal nur um Leben zu bitten. Die Kraft und die Jugend sind Ihnen von selbst gewiß. Leben Sie herzlich wohl. Mit inniger Freundschaft von ganzer Seele der Ihrige. H. |
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