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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Berlin den 29 December 1795.

Es kommt mir heute so vielerlei zusammen, liebster Freund, daß ich Ihnen nur einige flüchtige Zeilen schreiben kann. Da ich so lange nicht auf einige Tage in Berlin gewesen bin, so drängen sich die Besuche auf eine unerhörte Weise, und erst gegen Ende dieser Woche, wenn ich noch länger hier bleiben sollte, sehe ich Ruhe ab.

Der Musenalamanach ist jetzt in allen Händen, und Michaelis hat auch mir meine Exemplare geschickt, wofür ich Ihnen sehr danke. Wie es scheint, wird er entsetzlich gekauft. Wenigstens findet man ihn in allen Häusern. Daß das Urtheil verschieden ausfallen würde, läßt sich denken. Die Vernünftigen sind natürlich ganz und entschieden für ihn, aber dieser gibt es nur wenige. Bei den übrigen muß man sich begnügen, wenn sie den offenbaren Vorzug des Almanachs über seine Brüder anerkennen, und dieß thun sie denn doch in der That.

Unter Ihren Stücken höre ich die Ideale am meisten, den Tanz am wenigsten loben. An der Würde der Frauen hörte ich Mangel an eigentlichem Plan, und Nothwendigkeit des Zusammenhanges tadeln, in der Macht des Gesanges die letzten Strophen den ersten schlechterdings nachsetzen, und was des Geschwätzes mehr ist. Bei allen diesen Urtheilen wird es mir immer lebhafter, welche Bewegungen Ihre sentimentalischen Dichter erregen werden. Ich freue mich in doppelter und ganz verschiedener Rücksicht darauf. Bei den Einen wird der Eindruck lächerliche Wirkungen hervorbringen, bei vielen anderen Besseren aber wird der Aufsatz die gute Folge haben, daß er ihren vorher unbestimmten Meinungen eine Sprache leihen, und vieles der gegenseitigen Beurtheilung im Gespräche fähig machen wird, worüber sich bis jetzt kaum mit den Eingeweihtesten reden ließ. Ich habe ihn gestern noch einmal ganz gelesen, und seitdem mir die Ideen nun ganz geläufig sind, habe ich die Diction genau studirt, und ich kann nicht genug bewundern, welches Gepräge der Vollendung oder vielmehr des im Kopfe vollendeten ganz geschlossenen Gedanken sie überall an sich trägt.

Ich werde jetzt sehr häufig aufgefordert zu erklären, warum die Schriften der früheren Philosophen in Deutschland (so um Lessing herum) wie man behauptet, gerade eben so leicht und faßlich, als die der jetzigen, wie man findet, dunkel und schwerfällig sind. Allein nirgends gelingt es mir, auch nur einigermaßen die Menschen zu überzeugen, daß die heutigen Philosophen in Rücksicht auf die Materie einen schwierigern Stoff behandeln, daß die heutige Philosophie mehr das Gepräge der Natur und der Wahrheit an sich trägt, und daher schwerer darzustellen ist, als die ehemalige, die fast bloß ein Werk des abstrahirenden Verstandes war, und den Gegenstand, ohne große Schonung gegen ihn, fast allein und ganz logisch behandelte, da es denn natürlich leichter ist, bloß scharfsinnig und spitzfindig, als tief zu schreiben; – und daß in Rücksicht auf die Form jene früheren Schriftsteller theils gar kein Ideal des Styls, sondern bloß wirkliche fremde Muster vor sich hatten, theils das Ideal aus Bequemlichkeit herabsetzten, wie sie z. B. statt ästhetisch zu schreiben, nur witzig zu schreiben suchten. Und doch scheint mir in diesen beiden Betrachtungen eigentlich die Erklärung des Phänomens zu liegen, das man an sich nicht bestreiten darf. Diese Gründe aber gelten bloß von unseren besten jetzigen Schriftstellern, meiner Herzensmeinung nach bloß von Ihnen. was alle übrigen betrifft, so glaube ich, sind sie zu sehr von ihrem Stoff erfüllt, und halten mehr Monologe über denselben mit sich, als Gespräche mit dem Publicum. Dieß ist an sich zwar unnatürlich, aber es beweist doch eine gute Tendenz der Gemüther auf wichtige und gehaltreiche Fülle der Ideen.

An einigen dichterishcen Stücken, und zum Theil an den besten, tadelt man, daß ihnen doch die letzte Vollendung fehlt, und dieß läßt sich in mehreren Fällen nicht läugnen. Doch kann man wieder nicht wünschen, daß solche Stücke wären ganz zurückgehalten worden. Der wahre Schriftsteller muß allerdings bloß Vollendetes hervorbringen wollen, aber es wäre Schade, glaube ich, wenn er zu keusch seyn wollte, das, was er einmal nicht weiter vollenden kann, ganz zu unterdrücken. Daß ein Dichter, besonders ein moderner und also sentimentalischer, etwas durchaus Vollendetes hervorbringe, etwas das sein Dichtergenie in seinem ganzen Umfange und seiner ganzen Größe ausdrücke, läßt sich, dünkt mich, auf keine Weise erwarten. Es bleibt ihm also kaum etwas Anderes zu thun übrig, als der Nachwelt dasjenige zu übergeben, was in dem jedesmaligen Moment das möglichst Höchste war. Freilich erhält nun die Kunst kein einzelnes vollendetes Kunstwerk, auf das sie mit völliger Zuversicht stolz seyn könnte, aber der Kunstsinn wird doch durch die ganze Summe der Producte des Dichters in Stand gesetzt den Umfang seines Genie’s gewissermaßen auszumessen, und sich zu den Ideen zu erheben, die er selbst von einem vollendeten Kunstwerke faßte.

H.

 
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