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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 14 December 1795.

Mein Auge ist zwar ziemlich wieder hergestellt, liebster Freund, aber ich muß heute einiger Geschäfte wegen zu meiner Mutter nach Berlin und habe also nicht Zeit, mich auf Ihre beiden schönen Aufsätze, die ich nun ganz gelesen, einzulassen. Sie haben mir einen unglaublichen Genuß erschafft, und ich bin überzeugt, daß sie in jeder Rücksicht ein entschiedenes Glück machen werden. Zwar wird sich gewiß Geschrei genug dagegen erheben. Aber – und darauf kommt es doch eigentlich an – Interesse werden sie sicherlich überall erwecken, und es ist sehr möglich, daß sie noch den Horen am Ende dieses Jahres einen Schwung geben. In allen Urtheilen, die Sie fällen, stimme ich gänzlich mit Ihnen überein, und einige sind Ihnen in der That außerordentlich gut gelungen, vor allen Klopstock und Goethe. Bei Wieland war der Gegenstand etwas delicat, doch haben Sie sich sehr gut herausgezogen. Herder wird Ihnen reichlich zürnen, daß Sie ihn nur so im Haufen erwähnen, aber es wäre auch schwer gewesen, ihn eigen und ganz zu seiner Zufriedenheit mit unparteiischer Gerechtigkeit aufzustellen. Das Wichtigste an dieser Arbeit ist unstreitig, daß Sie der Kritik eine ganz neue, bisher unbekannte Bahn bricht; daß sie da Gesetze aufstellt, wo man bisher nur nach subjectiven Gefühlen geurtheilt hat, die wirklich bisher ein Jeder sich gleich ungerecht bald ausschließend für die naiven, bald für die sentimentalischen Dichter erklärte, und daß sie zugleich so viele Beispiele an so verschiedenen Dichtern aufführt. Es kann nicht fehlen, daß nicht dieser Weg sollte auch bald weiter betreten werden, und diese neue Ansicht macht eine Revision beinahe aller bisherigen Urtheile nöthig. Auch in der Idee komme ich ganz mit Ihnen überein, doch darüber nächsten Freitag mehr, da es mir heute an Muße fehlt. Ueber Dunkelheit wird, hoffe ich, bei diesem Aufsatz Niemand klagen, die Hauptidee ist so einfach, und Sie haben ihr so viel Klarheit gegeben, sie auch so oft wiedergebracht, daß ich kaum die Möglichkeit eines Mißverständnisses sehe, wenn gleich der neue Gebrauch älterer Namen hier und da Einige verwirren wird. Die Entgegenstellung der Ausdrücke naiv und sentimentalisch scheint mir auch sehr richtig. Das Einzige, was Sie vielleicht noch mehr hätten, der Deutlichkeit wegen, herausheben sollen, ist, daß nicht bloß (wie Sie auch ausdrücklich sagen) immer von beiden Ingredienzen etwas in jedem Dichter sich befindet, sondern daß auch, wie es mir scheint, die naiven schon immer in ziemlich hohem Grade sentimentalisch sind. Selbst Homer erinnert schon häufig, daß die bessere und größere Natur, die er in seiner Schilderung hinzustellen sucht, nicht mehr da ist, und die übrigen alten Dichter thun dieß noch mehr. Doch muß ich hierüber, da es mir bloß während des Lesens eingefallen ist, noch erst genauer nachdenken. Die Note gegen die Bibliothek, Annalen u. s. f. ist das Einzige, was ich weggewünscht hätte. So gerecht diese Züchtigung ist, so hätte ich es Ihnen angemessener gehalten zu schweigen. Auch dem Halbverständigen zeigt Ihr Aufsatz selbst, und Ihr Urtheil über so manchen Dichter und Schriftsteller genug, was Sie eigentlich für eine würdige und unwürdige Beurtheilung halten, und auf die Bibliothek enthielt sogar das Ende des Aufsatzes im 9ten Stück eine zwar indirecte, aber sehr deutliche Antwort. Wen meinen Sie mit den Reisebeschreibungen? Für Ihren letzten Brief, und Ihr Urtheil über meine Arbeiten meinen herzlichsten Dank. Ich will suchen Ihre Rathschläge wie ich kann zu benutzen, um auch die Last der Horen, Ihnen, soviel ich kann, zu erleichtern. Was Plane betrifft, bin ich jetzt ziemlich reich, nur mit der Ausführung steht es immer schlecht. Was Sie mir über die Vertheilung meines jetzigen Stoffs sagen, hat sehr meinen Beifall. Nur dürfte es freilich viele Schwierigkeiten finden, auch auf diese Weise gleich das Ganze anzugreifen. Für mich ist offenbar der Weg durch einzelne Schriftsteller leichter. Ich habe seit meinem letzten Briefe an Sie, eine Schilderung Pindars angefangen, und um wenigstens nicht müßig zu werden, will ich damit fortfahren, bis ich dahin komme, mir nach Ihrem jetzigen Vorschlag eine bestimmte Idee von einem einzelnen Aufsatz zu bilden. Was hielten Sie z. B. davon, eine Abhandlung über die Art der Charaktere zu schreiben, welche die alten Dichter aufstellen, und dieß mit einigen Neuern zu vergleichen? Man käme dadurch auf einen Hauptzug der Alten, große Figuren in einfachen Umrissen darzustellen, die mit einander in großer Mannichfaltigkeit contrastiren, aber in sich selbst und durch besondere Züge nicht mannichfaltig charakterisirt sind, zwar einen großen Inhalt, aber nicht einen so verschiedenartig specificirten Reichthum als die Charaktere der neuern Dichter, besitzen? Auch bildeten die Hauptcharaktere der Tragiker vielleicht einen ähnlichen an sich geschlossenen Kreis, als die Gestalten der Götter, und noch mehr die Charaktere Homers, von denen wir manchmal sprachen. – Sowohl diesem Gedanken, als allen übrigen will ich ferner nachgehen. Auch will ich suchen eine Uebersicht dessen zu machen, was im Ganzen berührt werden müßte.

In der Allg. Lit. Zeit. ist eine sehr lange und, wie es scheint, gründliche Recsion von Pauw Recherches sur les Grecs, von wem mag diese wohl seyn? Es läge mir daran, es zu wissen. Ich dachte vielleicht von Schlegel in Dresden. Doch war er ja sonst nicht Mitarbeiter.

Ich muß hier schließen, weil es Zeit ist, fortzureiten. Leben Sie herzlich wohl, und nehmen Sie diese flüchtigen Zeilen wenigstens als einen Beweis meines Wunsches, och sogleich Etwas auf Ihren herrlichen Brief zu erwidern. Freitag schreibe ich recht ausführlich über Ihre Aufsätze und Ihren göttlichen Plan zur Idylle. Ihr

H.

 
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