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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 11 December 1795.

Ich bin wieder so schlimm mit meinen Augen daran, liebster Schiller, daß Sie heute noch keine Antwort auf Ihr schönes Manuscript von mir erwarten dürfen. Ich habe es zwar heute, da es doch ein wenig besser geht, angefangen zu lesen, aber die Hand hat, so deutlich sie auch ist, etwas so Spitziges, daß sie den Augen sehr wehe thut, und ich nur sehr kurze Zeit fortlesen darf. Ans Vorlesen aber bin ich zu wenig gewöhnt, um etwas, das mir wichtig ist, ordentlich, wie ich wollte, genießen und beurtheilen zu können. Ich verschiebe also die Antwort hierauf bis zum nächsten Posttag, wo das Uebel ja wohl vorüber gegangen seyn wird. Es liegt eigentlich bloß im Augenliede, wie Herz sagt, an einem Fehler in der Absonderung der dort befindlichen Drüsen. aber sobald das Augenlied schwillt, entzündet sich das Auge, und Herz hat mir die Schonung desselben sehr ernstlich empfohlen. Wenn das Uebel oft wiederkommen sollte, wäre es eine liebliche Aussicht für die Wintertage.

Auf alle Fälle, liebster Freund, bleibt es dabei, daß ich Sie noch vor unserer gänzlichen Zurückkunft nach Jena dort besuche. So früh aber, als ich wünschte, wird es nicht seyn können. Wir gehen nämlich Anfangs Sommers etwa, oder etwas früher von hier nach Burgoerner zu meinem Schwiegervater, und erst von da aus kann ich zu Ihnen kommen. Indeß ist die italienische Reise auch nicht so nah, als Sie in Ihrem vorletzten Briefe meinen. Schon im Herbst 1796 könnten wir nur bei gänzlicher Umänderung unserer Plane abgehen; unser Entschluß geht bloß auf das Frühjahr 1797. wie viel gäben wir darum, wenn sie uns, Lieber, begleiten könnten! Auch Ihnen würde eine Veränderung, und ein Reichthum äußerer, nicht zu schnell und nicht zu langsam wechselnder Gegenstände, so wohl thun.

Ob Sie es gleich in Ihrem Briefe gänzlich absagen, so ist mir erst durch diesen doch ein Gedanke einer Möglichkeit gekommen. Aber man muß die Zukunft erwarten, und die Gegenwart genießen oder ertragen.

Für die Beilagen Ihres vorletzten Briefes, die hier zurückerfolgen, unsern herzlichsten Dank. Sie haben uns sehr viel Freude und Manches darin viel Spaß gemacht. Goethe, der mir auch vorgestern geschrieben hat, leibt und lebt in seinen Briefen, so wie man ihn im Gespräche sieht. Manchmal ist mir das schon äußerst frappant gewesen.

Kants Urtheil über Reinhold ist prächtig. Möchte er Ihnen doch noch sein „Ueberlegtes“ über Ihre Briefe vor seinem Hintritt schreiben. Sein Friede wird Sie schwerlich sehr befriedigt haben. Wenigstens hat er auf mich keinen großen Eindruck gemacht. Neue Ideen sind fast keine, und Mehreres scheint mir auch ganz willkürlich und gewagt. Allein ein großes Vergnügen hat mir die Schrift doch durch viele originale, witzige und charakteristische Wendungen gemacht.

Gegen Ihren Vorschlag, etwas über das Reich der Schatten aufzusetzen, habe ich gar keine Abneigung. Nur, da es Ihnen nicht sehr wichtig scheint, muß ich sehen, ob ich es jetzt mit meinen Arbeiten, die viel Zeit brauchen, vereinigen kann. Auch wünschte ich eine Idee von der aus ich auf das Gedicht käme. Es hat mir etwas Sonderbares, vor dem Publicum, wenn auch (wie sich von selbst versteht) namenlos, als Commentator aufzutreten, und selbst das Mißverständniß mit dem Schattenreich müßte ich doch leise anbringen, weil es doch nur hie und da vorgegangen ist. Indeß denke ich gewiß noch daran, und dann wird sich ja wohl eine andere Einkleidung, oder eine Manier finden lassen.

Ihr Entschluß mit den Alten zu leben, ist trefflich, obgleich ich die Philosophie deßhalb bedaure. Indeß kommt doch auch die Reihe wieder an sie.

Es thut mir in der Seele weh, daß ich auf einen so langen und göttlichen Brief, als Ihr letzter war, diese unbedeutenden Zeilen abgehen lassen muß. Aber ich hätte mir und Ihnen selbst die Freude verdorben, wenn ich heute hätte Materien berühren wollen, die mir weder mein Auge, noch das Gewirr im Hause, da meine Mutter morgen in die Stadt zeiht, auszuführen erlaubt hätte. Ihr

H.

 
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