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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 4 December 1795.

Ich habe, seitdem ich Ihnen neulich schrieb, liebster Freund, keinen Brief von Ihnen erhalten, und da Paquete länger als einfache Briefe unterwegs bleiben, so erwarte ich das eilfte Horenstück, auf das ich mich wegen Ihrer Abhandlung unendlich freue. Ich habe die letzten acht Tage recht gesund und fleißig verlebt. Ich suche mich immer mehr in meine neue Arbeit hineinzudenken, die mich mit jedem Tage mehr interessirt, und die nächste Vorarbeit dazu, die mich jetzt beschäftigt, das bloß ruhige Lesen einiger lyrischen Stücke, bei denen ich alleina uf den Geist und die Manier des Dichters und auf die Wirkung des Products achte, und mich von allem Wuste der Sprach- und Alterthumsgelehrsamkeit (mit denen man sich bei dem ersten Studiren eines alten Schriftstellers doch immer herumzuschlagen hat) los mache, gewährt mir einen großen Genuß. Freilich fühle ich auch bei jedem Schritt, den ich weiter vorwärts thue, die Schwierigkeiten lebhafter. Aber es läßt sich ja Vieles überwinden, und man leistet wenigstens, so viel man vermag.

Ich habe jetzt den Meister von Neuem gelesen. Der so schwierige Gegenstand des sechsten Buchs ist vortrefflich behandelt. Mit dem Oheim verwandelt sich auf einmal die Scene, und besonders an dieser Stelle sind einige sehr feine Bemerkungen. Ueber die Haltung und selbst über die Wahl es Charakters, an dem die Wirkungen einer solchen schwärmerischen Stimmung gezeigt werden sollten, ließe sich allerlei sagen. Offenbar hat Goethe wohl mit Fleiß eine, nur sehr uneigentlich schön genannte und mehr kleinliche, eitle und beschränkte Seele die nur einige größere Seiten hat, gewählt. Ein mehr gehaltvoller Charakter hätte diese ihm eingepflanzte Religiösität zu eigenmächtig behandelt, und ihm zu viel von dem seinigen beigemischt. Es gehörte ein gewisser Grad der Passivität dazu, sobald es darauf ankam, wie es doch Goethe’s Zweck gewesen zu seyn scheint, mehr eine einzelne Gemüthsstimmung und ihren Einfluß im Ganzen, als einen einzelnen Charakter zu zeichnen. Allein freilich kommt es auch daher, daß die Heilige dadurch zu einer gewissen Trockenheit herabsinkt. Ob ich gleich die Bekenntnisse immer mit großem Interesse lesen werde, und es mich nicht verdrießen lasse, dem Gange des Charakters auch mit Mühe nachzugehen, so ist mir das Individuum doch immer eine Gestalt, die mir in allen ihren Metamorphosen gleich stark und (was mir ein Beweis der großen Kunst ist, mit der Goethe den Charakter soutenirt hat) immer auf gleiche Weise mißfällt. Eine gänzlich isolirte, ewig krankende Einbildungskraft, die mit Kälte und gänzlichem Mangel an wahrem und tiefem Gefühl begleitet ist, nicht Stärke genug besitzt, um auf eine kühne und große Weise zu schwärmen, und nicht Leichtigkeit und Anmuth genug, um schöne Bilder hervorzubringen, ist das Unfruchtbarste, was man sich denken kann, und ein Charakter, der allein auf einer solchen Phantasie beruht, muß nothwendig unangenehm und trocken seyn. Freilich aber war er eben so der beste für diesen Stoff, und es scheint mir ein eigenthümliches Verdienst des Meister, daß die Charaktere so ganz nach den Forderungen des Romans gebildet sind. Vorzüglich ist dieß am Meister sichtbar, der mir wie ein Ideal eines Romanencharakters vorkommt, immer so geneigt ist, sich zu verwickeln, und so nie Kraft hat die geschürzten Knoten wieder zu lösen, und sich daher unaufhörlich dem Zufall in die Hände gibt. Die Stelle über den Unterschied des Romans und Drama’s wird hier, wie ich höre, auch von Mehreren und auch von solchen, die Willen haben zu verstehen, doch mißverstanden. Und wahr ist es, daß Goethe sich entweder ausführlicher hätte verbreiten, oder bestimmter ausdrücken sollen. Gesinnungen und Charaktere, Begebenheiten und Handlungen, Zufall und Schicksal sind nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch gar nicht so contrastirend von einander geschieden, daß sie, ohne eigenes und schon für diese Gegenstände geübtes Nachdenken, nicht noch selten leicht verwechselt werden können.

Ueber das zehnte Horenstück habe ich zwar kein bedeutendes Urtheil bis jetzt gehört. Indeß hat doch die Elegie auf einige, auch sonst ganz gewöhnliche Menschen großen Eindruck gemacht. Dagegen habe ich das Mährchen schon mehrmals tadeln hören. Die Leute klagen, daß es nichts sage, keine Bedeutung habe, nicht witzig sey u. s. w., kurz es ist nicht pikant, und für ein leichtes, schönes Spiel der Phantasie haben die Menschen keinen Sinn. Im Ganzen finde ich auch hier unser altes Urtheil bestätigt. es wird entsetzlich wenig gelesen. Das meiste nur angegafft und durchblättert. Eigentlich lesen thut jeder fast nur das, was er selbst eben zu seinem eigenem Geschreibsel braucht.

Alexander ist jetzt von seiner Reise zurückgekommen, und wieder in Bayreuth. Er wird mich im Februar hier besuchen. Ich hoffe Sie sehen ihn dann in Jena. Er hat seine Reise trefflich benutzt. Ich beschäftige mich noch immer nebenher, und ohne daß es mich gerade Zeit kostet, mit physiologischer und naturhistorischer Lecture. Jetzt besonders bei dem Schreiben über die Lebenskraft ist es interessant zu sehen, welche Art Philosophie in den Köpfen der Aerzte herrscht. Ich möchte Ihnen auch rathen, etwas dergleichen in verlorenen Stunden anzusehen. Dann möchte ich Ihnen als nicht unmerkwürdige Antipoden: Hufelands Pathogorie und Reils Archiv für Physiologie, erstes Stück, empfehlen. Leben Sie recht herzlich wohl. Ich habe heute noch mehrere Briefe abzumachen. Adieu! Ihr

H.

 
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