Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 27 November 1795.

Wie herzlich freue ich mich, liebster Freund, mit jedem neuen Brief von Ihnen auch neue Nachrichten von Ihrem besseren Befinden, Ihrer heiteren Stimmung und Ihrer unbegreiflichen Thätigkeit zu bekommen. Der gegenwärtige Winter beginnt weit günstiger für Sie, als der vergangene, und schon in den letzten Wochen unserer Anwesenheit in Jena bemerkte ich eine große und heilsame Umänderung Ihrer Stimmung. Die körperlichen Ursachen, die daran Schuld seyn mögen, und einige Veränderungen Ihrer äußeren Lage, selbst Ihre nun freundlichere Wohnung abgerechnet, liegt doch der Grund gewiß vorzüglich in der verschiedenen Art der Beschäftigung, die Sie jetzt und damals trieben. Wohl haben Sie, wie Sie selbst bemerken, einen guten und festen Grund gelegt, der Ihnen die jetzige Leichtigkeit in jeder Art der Arbeit möglich macht. Diesen Grund verdanken Sie doch größtentheils der Ausarbeitung Ihrer Briefe und den Zurüstungen dazu, und natürlich mußte diese Periode sich weniger mit unmittelbarem Genuß, als mit späteren Früchten belohnen. In jedem Menschen, der sich vorzugsweise mit philosophischem Nachdenken beschäftiget, muß es eine Epoche geben, in welcher die Summe seiner Gedanken Festigkeit und systematischen Zusammenhang gewinnt, und die es ihm möglich macht, sich, indem er sicher und fest aufsteht, nach jeder Seite mit Leichtigkeit hinzubewegen. Es scheint mir ein vorzüglich schwieriges Kunststück der Bildung seiner selbst und Anderer, diesen Zeitpunkt gehörig zur Reife zu bringen, und es ist schon immer viel, sich nur von dem Wege nicht ablenken zu lassen, die Ernte nicht anticipiren zu wollen, und sich nicht durch zu frühzeitige, kleinliche, zerstückelte Unternehmungen zu zerstreuen, da alle Werke, die dem eigenen Geist zu genügen im Stande sind, erst jenseits dieser Gränze liegen können. Bei Wenigen ist dieß so offenbar, als bei Kant, wenn man seien früheren Schriften mit den späteren, von der Kritik an, vergleicht. Jener Zeitpunkt ist in ihm eigentlich sehr spät erschienen, aber aus den Bruchstücken seiner frühern Producte bemerkt man hier und da Spuren seines Ganges. Ihnen ist es früh gelungen, die Ideen auszubilden, um welche sich Ihre intellectuelle Thätigkeit dreht, und in Allem, was ich jetzt von Ihnen lese, selbst in der flüchtigsten Bemerkung in einem Briefe, herrscht eine durchgängige und bewundernswürdige Einheit. Auf diese gründe ich auch meine Hoffnung, daß, ungeachtet der unseligen Lage, in welcher selbst der bessere Theil des Publicums sich in Rücksicht auf Ihre philosophischen Arbeiten befindet, diese doch nach und nach durchdringen und sich Ihre Leser selbst zubereiten werden. Nach dem, was Sie mir von Ihren neuesten beiden Abhandlungen sagen, darf ich hierbei vorzüglich auf diese rechnen. Wenn immerfort in verschiedenen Gestalten und mannichfaltigen Anwendungen dieselbe Vorstellungsweise wiederkehrt, so muß sie doch endlich, auch bei dem am wenigsten vorbereiteten Leser Eingang finden, und es muß sich dann durch die That selbst bewähren, daß, was in jeder Anwendung die Probe besteht, in sich zusammenhängend und wahr seyn muß.

Ich bin daher betroffen gewesen, als ich in Ihrem Briefe las, daß Sie für die Horen das philosophische und poetische Gebiet verlassen wollen. Es schiene mir durchaus nicht gut, daß Sie Ihre eigene Richtung so durch äußere Zwecke fesseln ließen. Meiner Meinung nach, sollten Sie sich, wenn Sie nicht zu dem Schauspiel kommen, ganz frei Ihrer Lust überlassen, zwischen philosophischen und poetischen Arbeiten abwechseln, und nur bei einer unbestimmten Neigung sich gerade für das Leichtere determiniren. Nichts was Sie machen, kann untauglich für die Horen seyn, und Sie werden, Ihrem jetzigen Gange nach, von selbst nicht einmal auf so schwierige Materien stoßen, als Ihre Briefe und das Reich der Schatten behandeln. Sie können, dünkt mich, schlechterdings nichts Anderes thun, als Ihren Gang fortgehen und für innern Werth und Mannichfaltigkeit des Journals sorgen; und für beides bürgt Ihnen bei Ihren eigenen Arbeiten Ihre Individualität. Nur bei fremden Beiträgen würde ich Ihnen freilich rathen, so wenig als möglich, Philosophisches und ästhetisch-Theoretisches aufzunehmen. Sie können hier, dünkt mich, um so eher ganz frei verfahren, wenn Sie darauf denken, die Horen mit dem nächsten Jahre zu schließen. Auf diese Weise aber glaube ich könnten sie auch fortgehen.

Die Abschrift Ihres zweyten Aufsatzes schicken Sie mir ja mit dem eilften Stück. Es ist jetzt schlechterdings meine liebste Beschäftigung Ihre Arbeiten zu lesen, und darüber mit Ihnen zu reden.

Auf Schlegels Aufsatz bin ich sehr begierig. Sie haben eine prächtige Acquisition an ihm gemacht.

Was betrifft denn der Archenholzische Aufsatz?

Neulich war des Coadjutors Bewußtseyn in der Lit. zeit. recensirt. War die Recension nicht von Erhard?

Ich erwarte morgen wieder Gentz, der mich immer noch von Zeit zu Zeit besucht, und mir ein angenehmer Umgang ist. Ueberhaupt kann ich nicht sagen, daß mich die Einsamkeit drückt, nur meine Trennung von Ihnen fällt mir in der Länge schwer auf. Allein bin ich sonst gern; da ich nicht schnell arbeite, nehme ich mir gern viel Zeit für meine Beschäftigungen und an lebendigem Umgang habe ich ganz soviel ich wünsche, an meiner Frau und den Kindern. Ich bin jetzt ganz in der Idee meiner neuen Arbeit. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mächtig ein aufmunterndes Wort aus Ihrem Munde wirkt. Auf jeden Fall bleibe ich bei diesem Entschluß und ich denke, er soll gelingen.

In den ersten Tagen habe ich bloß über die ungefähre Art nachgedacht. Das Thema im Ganzen ist, wie Sie es selbst bestimmen: eine Charakteristik des Griechischen Geistes. Es ist so der wichtigste Theil des Werks, was ich mir einmal zu liefern vorgesetzt hatte: eine mit ausführlichen historischen Beweisen belegte Schilderung des griechischen Charakters. Den griechischen Geist überhaupt aber zu charakterisiren, ist ein Gegenstand von sehr großem Umgang. um mich also nicht gleich in ein zu großes Ganzes zu verirren, nehme ich bloß für jetzt den dichterischen Geist. Allein auch hier muß ich noch kleinere Abschnitte machen.

Ich habe überlegt, daß es nicht möglich ist, auch nur die Hauptzüge des griechischen Dichtergenie’s in Einem Aufsatz zu schildern, ohne entweder unbestimmt und unvollständig, oder zu abstract und dunkel zu werden. Es würde nur damit, wie mit dem Horenaufsatz gehen, der auch, statt die Reihe jener projectirten Aufsätze anzufangen, sie hätte beschließen sollen. Auch müßte ich, wenn ich nun, nach jenem Aufsatz, an das Einzelne gehen wollte, mich nur wiederholen, und würde in der ersten Abhandlung fast gar keine Beispiele bringen können, ohne der Allgemeinheit zu schaden. Ich denke also von dem Besondern anzufangen, zuerst bloß beschreibend zu Werke zu gehen, und die Resultate immer nach und nach zu einer größeren Allgemeinheit zusammenzuziehen. Die Hauptmasse, in welche das Ganze zerfällt ,sind ganz natürlich: die epische Dichtkunst mit Inbegriff der bukolischen, die tragische, komische und lyrische im weitesten Verstande. Am zweckmäßigsten würde man, glaube ich, mit der epischen anfangen, auf diese die lyrische folgen lassen, und mit der dramatischen den Beschluß machen. Denn wie Sie mir hoffentlich beistimmen werden, ist die Haupttendenz der ächt griechischen Stimmung episch, und die griechische dramatische Poesie eine, sogar nicht immer sehr künstliche, Zusammensetzung der epischen mit der lyrischen. Dennoch will ich mit der lyrischen den Anfang machen. Mein nächster Grund ist hier bloß der, daß von Homer (der die Epopöe doch fast allein ausmacht) schon gerade jetzt so viel gesprochen ist, und daß ich meinem Aufsatz über die minder bekannten lyrischen Dichter schon von selbst mehr Interesse geben kann. Auch habe ich in ihnen mehr vorgearbeitet. Ans ich aber ist es auch nicht übel, die griechische Individualität an ihnen zu zeigen, da sie in den lyrischen Stücken weit mehr als Eigenthümlichkeit, als in der epischen erscheint, und ich dadurch, daß die lyrische Poesie in so genauem Zusammenhange mit dem Charakter und der Empfindungsweise steht, mehr Veranlassung erhalte, die Seelenstimmung der Griechen überhaupt zu entwickeln. Bei den Lyrikern habe ich nun wieder drei Hauptmassen: 1) Pindar, 2) die Chöre, 3) die Fragmente der übrigen Dichter und die anderen Stücke der sogenannten Anthologie. Auch könnte ich es ja wohl auf diese Weise in drei Aufsätze theilen? Hätte ich erst einen oder ein Paar solcher Aufsätze fertig, so könnten sie einzeln für die Horen dienen. Was aber das Ganze betrifft, so werden mir die einzelnen Bearbeitungen selbst besser die Art in die Hand geben, wie ich diese zusammenordnen kann. Jetzt habe ich angefangen an den Pindar Hand anzulegen, der die Grundlage ausmachen soll. Indeß werde ich zugleich die Chöre vornehmen, um zu sehen, ob diese sich besser dazu schicken. Sie sehen, daß ich nun eile, mich an eine bestimmte und kleinere Arbeit zu binden. Ich kenne mich, wie leicht ich mich durch größere Plane zerstreue. Bin ich aber mit dieser Arbeit erst im Gange, so entwerfe ich doch vielleicht einen Plan des Ganzen, mich zu leiten und ihn Ihnen mitzutheilen. Bei den einzelnen Aufsätzen denke ich historische Details, die nicht ganz bekannt sind, und zur Sache dienen, nicht zurückzuweisen. Ich denke immer, die Klarheit gewinnt, wenn ich der Wirklichkeit oder der Thatsache nahe bleibe. Ich bitte Sie jetzt recht sehr um Ihre Meinung über diesen Plan. Ich könnte ihn sehr leicht umändern, wenn Sie es für nöthig fänden; denn da ich doch einmal das ganze Feld bearbeiten will, so ist nichts verloren, und was die Dichter betrifft, so bin ich in jede Gattung gut genug eingelesen. Daß ich zugleich die lateinischen und neuern Hauptdichter derselben Gattung für ich studire, und als, durch den Contrast oder die Aehnlichkeit, erläuternd, manchmal gebrauche, versteht sich von selbst.

Die Hauptschwierigkeit ist unstreitig die philosophische Theorie der Dichtungswerke, die zur Würdigung einer individuellen vorausgesetzt werden muß, und doch weder in den Köpfen der Leser, noch in einzelnen Büchern bestimmt vorhanden ist. Hier kostet es nun doppelte Mühe, sowohl die wahren Begriffe aufzufinden, als sie auf eine ungezwungene und präcise Weise einzuflechten. Der erste Theil der Arbeit ist mir indeß durch Sie schon unglaublich erleichtert. Sie sehen, lieber Freund, daß ich mit Eifer und Wärme ans Werk gehe. Auch am Ausharren soll es nicht liegen. Ueber das Uebrige mögen dann günstige Götter walten und vor allen Dingen Ihre Theilnahme, die eine ganz eigene Kraft für mich besitzt.

Ich muß hier schließen. Antworten Sie mir doch, liebster Freund, über Gros. Ich möchte ihm nicht gern eher schreiben, und meine Antwort doch auch nicht so lange aufschieben.

Von meiner Frau tausend herzliche Grüße an Sie und Lolo, der wir beide sehr für ihre Briefe und prächtigen Geschichten danken. Ihr

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.