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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 20 November 1795.

Ich bin wieder hergestellt, liebster Freund, und nachdem ich ein paar Tage in Berlin zugebracht habe, wieder in meiner gewöhnlichen Einsamkeit und Ruhe. Das zehnte Horenstück ist, seit mein Auge besser ist, meine erste Lecture gewesen, und hat mich sehr ergötzt. Ihre Elegie abgerechnet, mit der freilich nichts streiten darf, ist das Mährchen, meinem Urtheil nach, das Vorzüglichste. Es strahlt ordentlich hervor. Es hat alle Eigenschaften, die ich von dieser Gattung erwartete, es deutet auf einen gedankenvollen Inhalt hin, ist behend und artig gewandt, und versetzt die Phantasie in eine so bewegliche, so oft, wechselnde Scene, in einen so bunten, schimmernden und magischen Kreis, daß ich mich nicht erinnere, in einem deutschen Schriftsteller sonst etwas gelesen zu haben, das dem auch nur von fern ähnlich käme.

Herders Homer und Ossian ist sehr schön, und übertrifft, dünkt mich, den ersten Aufsatz im neunten Stück. Es ist ihm sehr gut gelungen, die Nebelgestalt des caledonischen Lyrikers gegen das heitere Licht der jonischen Epopöe zu stellen, und ich wüßte nichts, was über eine solche Vergleichung noch zu sagen übrig bliebe. die Diction ist höchst angemessen, lebendig und an einigen Stellen außerordentlich schön. Selbst die kleinen subjectiven Züge, die einem Herderschen Aufsatz selten mangeln, findet man hier doch nur sparsam, und sie stören wenigstens nicht den Eindruck des Ganzen.

Auch Engels Aufsatz hat mir gefallen. Er ist freilich etwas altmodisch und von einer Gattung, der ich nicht viel abgewinnen kann. Charaktere zu schildern, die, wie der des alten Stark, so wenig Interessantes in sich haben, so ganz durch die Einwirkung gewöhnlicher Lagen und Umstände auf gute, aber höchst mittelmäßige Anlagen gebildet sind, kann, so viel ich absehe, keinen großen Gewinn bringen. Versöhnt man sich indeß einmal mit der Gattung, so ist das Stück recht gut, und zeigt kein kleines Talent zu unserer gewöhnlichen Art der Komödie, bei welcher die Schilderung solcher Arten von Charakteren und ein leichter ungezwungener Dialog die Haupterfordernisse ausmachen. Auch glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich das Ganze als einen schon längst für die künftige Ausarbeitung angelegten Plan zu einem Lustspiele ansehe, dem Engel jetzt diese Bestimmung gegeben hat. Gegen den Alten ist, glaube ich, nicht viel zu sagen. Nach ihm macht, dünkt mich, die Tochter die am besten gezeichnete Figur. Der Sohn sollte wohl anders gewandt und besser gehalten seyn. Der Doctor ist mir bei Weitem zu langweilig und die Mutter zu unbedeutend. Da ich Engel so genau persönlich kenne, so ist es mir merkwürdig gewesen, in dieser Schilderung den Kreis und die Welt wiederzufinden, worin seine Phantasie sich herum zu drehen pflegte.

Die beiden kleinen Epigrammen füllen ihren Platz gut aus. Vorzüglich hat mir Leukothea’s Binde gefallen. Beide sind wohl von Ihnen, oder wenigstens doch das letztere.

Ungeachtet meines Aufenthaltes in Berlin habe ich doch, da ich sehr viel auf der Bibliothek war, von Urtheilen über die Horen nichts Besonderes gehört. An der Elegie hörte ich Jemand tadeln, daß dieß elegische Sylbenmaß für so lange Stücke zu eintönig sey. Der Aufsatz im neunten Stück über die Gränzen des Schönen scheint Glück zu machen. Herz sagte mir, es sey der erste in den Horen gewesen, den er mit recht großem Vergnügen gelesen, und ganz verstanden ahbe. ER setzte hinzu, er habe in ihm die Art zu philosophiren wieder gefunden, an die man sonst durch Lessing, Mendelssohn u. s. f. gewöhnt gewesen sey. Sie ahben mir noch nie Ein Wort über diesen Aufsatz gesagt. Haben Sie doch die Güte, mir auch einmal historisch zu bestätigen, daß er von Ihnen ist. Einen zwar sehr platten, aber doch immer sehr amüsanten Spaß, die Horen betreffend, lege ich aus dem niedrigsten in Berlin erscheinenden Blatte: die Camera obscura in B. bei. Die Recension in den Annalen müssen Sie schlechterdings lesen, sie übertrifft an Unverschämtheit und Plattheit Alles, was man je gesehen hat. Indeß sind einige Einfälle nicht übel, und die Wendung des Ganzen hämisch genug. Nicht M. Mereau allein schreibt Ihre Belagerung Woltmann zu. Hier stritt sich neulich Jemand auf das hartnäckigste darüber, und setzte hinzu, Sie könnten jetzt etwas so Leichtes und Verständliches nicht mehr machen.

Das Decemberstück wird doch amusiren. Daß in den Horen auf keinen Angriff auch nicht am Ende des Jahres geantwortet werde, darin bin ich schlechterdings Körners Meinung. Selbst außer den Horen sehe ich für jetzt wenigstens keine Veranlassung.

Reichardt, der jetzt wieder in Giebichenstein lebt, sah ich neulich bei Herz. Er spielte und sang uns die Meeresstille und die Würde der Frauen vor. Die Musik von beiden kann ich Ihnen nach dem Urtheile meiner Frau höchlichst empfehlen.

Wie gern hätte ich mit Ihnen Ihren Geburtstag gefeiert! Immer mehr und mehr fühle ich, liebster Schiller, wieviel ich getrennt von Ihnen entbehre, und was ich auch beginnen mag, so gibt es mir keinen Ersatz. Ich lasse zwar auch hier meine Tage in einer fortdauernden Beschäftigung fortfließen, aber es fehlt ihr, möchte ich sagen, an Leben und Kraft. das Ende Ihrer Ideale, obgleich ich es in ganz anderem Sinn aussprechen muß, als Sie es können, ist mir unglaublich oft gegenwärtig. Meine Hoffnung eilt dem Sommer entgegen, wo ich Sie gewiß noch früher allein aufsuche, als ich mit den Meinigen zurückkehren kann.

Was Sie von der Baukunst sagen, leuchtet mir außerordentlich ein. Indeß dünkt mich immer, trägt diese Kunst ganz ausschließlich von allen andern etwas ins ich, was sie hindert, eigentlich Kunst und mehr als bloße Verzierung nur im höchsten Geschmacke zu seyn. Utner allen Künsten hat sie allein kein von der Natur gegebenes Object. Warum auch das schönste Gebäude, wenn es nicht zu einem Gebrauch zugleich ein Bedürfniß wäre? Wie man sich daher auch wenden mag, der Begriff des Gebrauchs im ganz allgemeinen Sinn ist von dieser Kunst unzertrennlich, und ist doch der Kunst so sehr zuwider. Auf der andern Seite geben Gebäude einen Genuß, den man sonst vergebens sucht.

Als kolossale Menschenwerke, deren ungeheure Masse sich doch in einer schönen, leicht zu übersehenden Form darstellt, stehen sie zwischen den Producten der Natur (Gebirge, Felsen) und der ganz eigenthümlichen Geburt der menschlichen Phantasie, der Statuen, in der Mitte, und vereinigen gleichsam die Vorzüge beider. Selbst der Begriff fes Gebrauchs, der gleich wieder en Menschen herbeiführt, wirkt hier vielleicht mit. So gemischt ist, dünkt mich, der gewöhnliche Eindruck, den ein Gebäude macht. Sehr viel anders ist freilich der künstlerische, aber ganz rein kann er auch nicht seyn, und es fragt sich nun, ob man die Baukunst als ganz reine Kunst behandeln, und den Gebrauch zu sehr aufopfern soll? Ich glaube kaum, Alles, was sich erreichen läßt, ist, dünkt mich, nicht mehr als ästhetische Behandlung eines an sich in ein ganz anderes Gebiet gehörenden Gegenstandes. Doch gilt dieß freilich bloß von der eigentlich schönen Baukunst. Von Goethe’s Manier in solchen Dingen läßt sich gewiß sehr viel hoffen. Ueber Goethe’s Idee, wie ein Mensch mit verbundenen Augen einen Begriff von einem schönen Gebäude bekommen soll, wünschte ich wohl mehr zu wissen. Es ist mir nicht recht klar.

Es ist ein schöner Entschluß, liebster Schiller, daß Sie griechisch lernen wollen, und es hat mich oft gerührt zu sehen, mit wie vieler Mühe Sie aus Uebersetzungen schöpfen müssen, was Andere, die unmittelbar an der Quelle sind, nicht zu fassen vermögen. Auch ist mir Ihr Vorsatz ein neuer Beweis gewesen, wie gründlich Sie Alles anfassen, womit Sie sich beschäftigen. Aber freilich werden Sie der Schwierigkeiten viele erfahren, und kaum weiß ich, ob ich Ihnen bei der Menge von Störungen, welche Ihre Kränklichkeit schon verursacht, noch rathen soll, eine Sprache zu lernen, die an sich immer mühsam ist, und immer erst später die Mühe und Zeit belohnt, die man ihr Anfangs aufopfern muß. Es wird Ihnen viel Zeit kosten, und bei Ihnen, da Sie Ihre Zeit so trefflich nutzen können, ist das sehr viel. Nur eigentlich in dem Fall, daß Sie Ihre verlornen Stunden, wo Sie ganz unbedeutende Dinge lesen, dazu brauchen können, scheint mir Ihr Plan ausführbar. Ich wünschte unendlich, daß Sie griechisch wüßten, ich bin auch überzeugt, daß Sie unglaublich schnell lernen werden. Allein ich kann es dennoch nicht über mich gewinnen, nicht die Stunden zu bedauern, die Sie beim ersten Anfang rein verlieren. Wäre ich jetzt in Jena, wie vorigen Winter, so wäre die Bedenklichkeit bald gehoben. Mit einem Andern lernt es sich leichter, und wir verplauderten so immer einige Stunden. Vorausgesetzt indeß, Sie blieben Ihrem Plan getreu, so ist allerdings Homer der einzig schickliche Anfang. Zum Xenophon rathe ich nicht zugleich. Wollten Sie ja etwas Anderes zugleich nehmen, so dächte ich, wäre es Herodot oder Hesiodus.

Das Buch über die Methode beim Studium und das Eigenthümliche der Sprache weiß ich Ihnen, trotz alles Nachdenkens, nicht nachzuweisen. Mancherlei fidnen Sie in Harris Hermes, von dem eine gute deutsche Uebersetzung unter meinen Büchern steht. Aber das Eigentliche und wahre müßte erst geschrieben werden. Ich gehe lange darauf aus, um die Kategorien zu finden, unter welche man die Eigenthümlichkeiten einer Sprache bringen könnte, und die Art aufzusuchen, einen bestimmten Charakter irgend einer Sprache zu schildern. Aber noch will es mir nicht gelingen, und es hat sicher große Schwierigkeiten. Wie viel gäbe ich darum, Ihr griechisches Studium selbst persönlich leiten zu können. Wie viel Aufschlüsse würd’ ich durch Sie über die Sprache, die ich nun schon genau kenne, und wo ich Ihnen die ata suppeditiren könnte, erhalten. So erlauben Sie mir wohl, wenn Sie noch beim Griechischen bleiben, diesen Gegenstand manchmal zum Thema unserer Briefe zu machen. Im Homer wird Ihnen Anfangs die Auflösung der Formen die meiste Schwierigkeit machen, ich weiß nicht, ob Sie sich die Mühe geben sollen, dieß wieder recht methodisch in Ihr Gedächtniß zurückzurufen. Sollte nicht folgende Methode gut seyn? Die neue Voßische Uebersetzung ist erstaunlich treu. Wenn Sie erst in dieser fünfzig Verse etwa genau läsen, dann es weglegten, und das Griechische vornähmen, erst durch bloße Erinnerung, Divination u. s. w. sich hineinstudirten und hernach, was Sie interessirte, durch Nachschlagen bestätigten. So würde Ihr Nachdenken mehr mit ins Spiel gezogen, und Sie drängen so tiefer ein, als bei dem gewöhnlichen mechanischen Wege. schreiben Sie mir ja weiter von Ihren Fortschritten.

Ueber meine Unfruchtbarkeit in Absicht der Horen schäme ich mich oft, lieber Schiller. Aber Sie kennen meine Dürftigkeit, und leider ist auch das einzige Fach, in dem ich thätig seyn kann, gerade das am meisten besetzte.

H.

 
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