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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 6 November 1795.

Was Sie mir, lieber Freund, in Ihrem letzten Briefe über den Unterschied der griechischen und modernen Dichter sagen, hat mir einen reichen Stoff zum Nachdenken gegeben, und ich habe es unendlich wahr gefunden. Mein eigenes Gefühl hat immer den von Ihnen angegebenen Unterschied zwischen den Griechen auf der einen, und den Römern nebst allen Modernen auf der anderen Seite gemacht, und insofern finden mich Ihre Ideen sehr vorbereitet. Ich hätte noch sehr Vieles über dieselben zu sagen, aber ich verspare es mit Fleiß, bis ich Ihren Aufsatz gelesen haben. Heute nur noch ein paar Worte über diese Materie, um Ihnen den Gesichtspunkt deutlicher zu machen, aus dem ich, unabhängig von fremden Ideen, die Sache ansah, und von dem ich in meinem Briefe über Ihre Dichterbestimmung neulich ausging.

Sie scheinen mich in meiner Vergleichung Ihrer und der griechischen Eigenthümlichkeit nicht ganz richtig verstanden zu haben. Sie scheinen zu glauben, daß ich Sie von den Griechen sehr weit entfernt, und diese Entfernung für einen Mangel an ächtem Dichtergeist halte, und keines von beiden ist meine Meinung. Die Gründe, die Sie anführen, beweisen allerdings eine überaus große Verwandtschaft Ihres Geistes zu dem griechischen, und ich denke, wir haben auch schon sonst mit einander davon gesprochen, daß Sie vielleicht weniger fein und richtig über die Griechen denken würden, wenn Sie sie selbst griechisch zu lesen gewohnt wären. So weit bin ich entfernt, die eigentliche Sprachkenntniß auch nur zu einem sehr wichtigen Maßstab der Vertraulichkeit mit dem Geiste der Griechen zu machen, und Goethe und Herder, die beide vielleicht nur mäßig Griechisch wissen, sidn hier redende Beweise. Das aber, wodurch Sie den Griechen so verwandt sind, ist die reine Genialität, der ächte Dichtergeist. Diese ist – dafür bedarf es keiner weiteren Zeugnisse – in Ihnen, wie in den Griechen, nur freilich auf eine ganz andere Weise und durch andere Nahrung gestärkt. In Ihnen nämlich ist, außer diesem ersten und wesentlichen Bestandtheil des Dichterberufs noch ein anderer mehr, den ich am kürzesten mit Ihnen Geist nennen kann, der Sie aber (wenigstens nicht nothwendig, wenn auch hier und da zufällig) ganz und gar nicht hindert, zugleich ganz, nur nicht bloß Natur zu seyn. Diesen Charakters, agen Sie, theilen Sie mit allen Modernen, und hierin bin ich ganz und gar Ihrer Meinung, nur ist diese Eigenthümlichkeit in Ihnen 1) stärker, als irgendwo, darum sind Sie, wenn ich so sagen darf, der modernste, 2) reiner (vom Zufälligen am meisten gesondert), und darum nähern Sie allein unter allen mir bekannten Dichtern sich den Griechen, ohne doch, um wieder mit Ihnen zu reden, um einen Schritt aus dem den Neuern eigenthümlichen Gebiete hinauszugehen. – Dieß deutlicher zu machen, müssen Sie mir erlauben, mich von Ihren Ausdrücken jetzt zu entfernen.

In allen griechischen Gedichten, ohne Unterschied der Gattung und der Zeit, herrscht Ein Geist. Die Abweichungen davon sind nicht bedeutend, und wir rechnen sie nicht mit, wenn wir nicht in historischer, sondern in kritischer und ästhetischer Hinsicht vom griechischen Charakter reden. Diesen glaube ich vollkommen erschöpfend ausdrücken zu können, wenn ich sage: alle griechischen Dichterproducte tragen, unbeschadet dessen, daß sie ächte Früchte des Genie’s sind, das Gepräge und den Charakter der Empfänglichkeit an sich, wenn Sie mir erlauben, mich auf eine noch so dunkle, nur Ihnen verständliche Weise auszudrücken. Bei jeder Production des Genie’s muß die Selbstthätigkeit die Empfänglichkeit überwiegen. Es ist sonst keine Bearbeitung des Stoffes möglich, und daher leite ich es ab, daß der eigentliche weibliche Charakter, so sehr er auch vorzugsweise Genialität besitzt, doch schlechterdings, seiner Natur nach, das ächte productive Genie ausschließt. Dieß nothwendige Uebergewicht der Selbstthätigkeit ist daher auch in den Griechen in einem sehr  hohen Grade sichtbar. Allein außer diesem Uebergewicht lassen sich mannichfaltige Modificationen des Verhältnisses der Empfänglichkeit zur Selbstthätigkeit denken, und auf diese glaube ich, müssen die wesentlichsten Verschiedenheiten des Dichter- und des Künstlergenie’s zurückgeführt werden, wenn man erschöpfend verfahren will.

Bei den Griechen fällt es zuerst ins Auge, daß sie ganz und unaufhörlich den Eindrucken der äußeren Natur auf sie offen waren, daß Alles, was sie empfanden, sie lebendig bewegte, daß sie es aber nicht bloß zuerst reut aufnahmen, sondern auch, ungeachtet der Stärke ihrer Rührung, dennoch so angemessen darauf zurückwirkten, daß sie die eigenthümliche Gestalt desselben nur sehr wenig veränderten. Ueberhaupt hatte die Einwirkung der Natur um sie her sie gänzlich gebildet, ihre Phantasie, ihr Geist, ihre Empfindung verrieth diesen Einfluß, ihr ganzes Innere war ein treuer Spiegel der Natur und wie diese daher auf sie einwirkte, so wirkte ihre Selbstthätigkeit wieder zurück. Hieraus, vorzüglich wenn Sie zugleich an die milde und lichte, reiche und große Natur denken, die sie umgab, entspringen alle ihre Vorzüge und Mängel. Unter die ersten lassen Sie mich jetzt, mit Uebergehung der allgemeinen, hier der Klarheit, der Ruhe und des würdigen Anstandes gedenken, die in allem ächt Griechischen überall vorwalten. Die Klarheit entfernt alles Finstre, Melancholische, Wilde, Verworrene daraus, und aus der Ruhe entspringt der Mangel alles eigentlich Schwermüthigen, die Festigkeit in der Betrachtung auch der fürchterlichsten Schläge des Schicksals und die milde Heiterkeit, die ihren epischen und lyrischen Stücken so eigen und selbst den tragischen nicht fremd ist. Den Anstand endlich gleichsam die Nemesis, halte ich für das am meisten Charakteristische, und auf alle diese Eigenschaften zugleich wird sich der currente Begriff griechischer Größe, Einfalt und Würde zurückführen lassen. Diese Eigenschaften nun erkläre ich nicht gerade aus eben diesen Eigenschaften in der Natur, da diese vielmehr jede Gestalt annimmt, welche ihr die Empfindung gibt; aber sie erklären sich, dünkt mich, von selbst aus einer Geistesstimmung, in welcher das Anschauungsvermögen und die productive Einbildungskraft herrschen, aber gegenseitig dergestalt auf einander einwirken, daß das erstere den Stoff schon, indem es ihn aufnimmt, für die letztere vorbereitet, diese ihn aber nicht willkürlich, sondern auf eine dem erstern angemessene Weise bearbeitet, in welcher daher Wahrheit und Dichtung sich immer das Gleichgewicht halten, und wenn auch die letztere die Oberhand behält, doch immer die erstere mit ausgezeichneter Schonung behandelt. Weil aber diese Wahrheit doch nur eine sinnliche und äußere ist, und weil die Form des Geistes selbst weit mehr durch äußere Einwirkung von selbst gebildet, als durch innere Thätigkeit ausgearbeitet ist, so entsteht daher unläugbar eine gewisse Dürftigkeit, der einzige, aber auch ein wesentlicher Mangel der Griechen. Sie haben Größe und Tiefe der Ideen, in späteren Zeiten (Euripides) auch Scharfsinn und Feinheit des Raisonnements, aber nicht den fruchtbaren Geistesgehalt, in dem Mannichfaltigkeit sich mit Tiefe gattet; sie haben starke und erhaben, und sanfte und zarte Empfindungen, aber nicht die fein und mannichfaltig ausgebildete, die von Selbstbeschäftigung zeugt, sie haben fest gezeichnete und trefflich gehaltene Charaktere, aber lauter einfache, keine von großer Individualität. Daher thun sie auch mehr in Gruppen, als einzeln betrachtet, Wirkung, indem bei den Griechen sich eben so wie in der Natur alles augenblicklich gruppirt. Ueberhaupt ist die griechische Poesie in einem noch ganz anderen Sinn, als wir es gewöhnlich nehmen, sinnlich. Jedes poetische Stück muß Eine Empfindung, Ein Bild geben. Daher sind die noch übrigen griechischen Romane, möchten sie auch eben so vortrefflich seyn, als sie mittelmäßig sind, mit ihrer poetischen Prose in hohem Grade ungriechisch. So viel von den Alten. Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, müssen unsere Ideen sehr übereinstimmend seyn. Einen wesentlichen Dienst erzeigten Sie mir aber, wenn sie auch das Einzelne prüften. Ich setze in dieser Absicht nur noch hinzu, daß ich als Quellen und Muster des griechischen Geistes eigentlich und im strengsten Verstande nur den Homer, Sophokles, Aristophanes und Pindar anerkenne. Alle übrigen (Hauptdichter versteht sich) zeigen ihn minder einfach und rein.

Ich füge von den Neuern nur noch zwei Worte hinzu. – In ihnen allen ist nicht jene Offenheit der Sinne, jenes ruhige Anschauen; die innere nach mannichfaltigen Richtungen ausgebildete Geistesform zeigt sich auf eine hervorstechende Weise. Daher ihr größerer Gehalt; daher aber auch ihre große Verschiedenheit unter einander, da diese Richtungen zufällige und nationale Gründe haben. So ist bei den Italienern und Engländern eine ausschweifende Phantasie, bei den ersteren eine mehr üppige und sinnliche, bei den letzteren eine mehr tiefe und schwärmende. Bei den Deutschen ist Geistes- und Empfindungsgehalt hervorstechend, und in Ansehung des letztern ist Goethe, vorzüglich in seinen Theaterstücken, die weder den Griechen, noch den Engländern nachgeahmt sind, in Egmont, Faust, Tasso vorzugsweise original. In Ihnen endlich, lieber Freund, ist freilich der Gedankengehalt überwiegend, aber mit Unrecht würde man Sie darauf einschränken. Wenn ich mir Ihre Eigenthümlichkeit, ohne alle die mannichfaltigen Hindernisse, welche Zeit, Gesundheit, Studium und Sprache Ihnen entgegensetzen, denke, so ist Ihre Geistesform reiner und nothwendiger, als irgend eine andere gestimmt, und dadurch glaube ich den paradox scheinenden Satz rechtfertigen zu können, daß auf der einen Seite Sie, da Ihre Producte gerade das Gepräge der Selbstthätigkeit an sich tragen, das directe Gegentheil der Griechen, und Ihnen doch unter allen Modernen wiederum am nächsten sind, da aus Ihren Producten, nächst den griechischen, am meisten die Nothwendigkeit der Form spricht, nur daß Sie dieselbe aus sich selbst schöpfen, indem die Griechen sie aus dem Anblick der gleichfalls in ihrer Form nothwendigen äußeren Form mehr dem Sinnenobject, die Ihrige mehr dem Vernunftobject ähnlich sieht, obgleich jene auch am Ende auf einer Vernunftnothwendigkeit beruht, und die Ihrige auch natürlich zu den Sinnen spricht. Allein sich diesem Ihrem Ideale zu nähern, muß Ihnen ungleich schwerer werden.

So viel über diesen Gegenstand bis zu Ihrem Aufsatze. Ich muß Ihnen nur gestehen, aß ich seit jenem Briefe an Sie mich mit der Idee herumtrage, in einem nicht sehr großen Aufsatze ein Bild des griechischen Dichtergeistes in wenigen charakteristischen Zügen und mit einigen hervorstechenden Beispielen zu entwerfen. Da ich jetzt fast sämmtliche griechische Dichter mehr als Einmal und mit großer Sorgfalt gelesen, so wurde ich dadurch auf diese Idee geführt. Auch trüge ich gern zu Ihrer Wintermuße bei. Aber auch dieser Entwurf wird wohl, wie so viele andere, durch Unentschlossenheit und Muthlosigkeit scheitern, und mir nur das unangenehme Gefühl verlorner Stunden zurücklassen. Der Vorfall mit Wolf ist mir äußerst unangenehm. Als ich Ihnen mein Urtheil über Herders Aufsatz schrieb, hatte ich in sechs Wochen nichts von Wolf gehört, ihm aber doch nicht, wenn ich mich recht besinne, über diesen Aufsatz geschrieben. Ich wusste also von nichts, und es freut mich, daß Sie ein Urtheil von mir haben, das von dieser Seite ganz unparteiisch ist. Wolfs Angriff ist mir unbegreiflich, je weniger Gewicht der Aufsatz, seiner Behauptung nach, hatte, desto geringer war die Gefahr. Freilich aber hat Herder viele Blößen gegeben. Denn ich kann nicht anders als Wolfs Meinung in folgenden Punkten beitreten: 1) Herder hat sich einige schlimme Unwissenheiten und oft solche Urtheile, die mit ziemlicher Gewißheit Unkenntniß verrathen, zu Schuld kommen lassen. 2) Er hat bei dem ganzen Gegenstand zu viel dem bloßen Gefühl eingeräumt, ist durchaus zu unbestimmt gewesen, und hat keinen festen, ernsten Gang genommen. Dagegen hätte Wolf die großen Vorzüge einer so geistvollen Arbeit nicht übersehen sollen. Allein Herder und Wolf sind einmal incompatible Naturen.

Wie geht es mit Ihrer Gesundheit, Lieber? Mit unserer nicht sonderlich. Sonst lebe ich ganz so vergnügt, als es in völliger Einsamkeit möglich ist. Ich habe den allergrößten Theil des Tages für mich und arbeite ununterbrochen. Das Griechische jetzt noch immer der Aristophanes, und einige naturhistorische Beschäftigungen, theilen meine Zeit, außer was Lectüre, Briefschreiben und eignes Nachdenken wegnimmt. Ich beschäftige mich unzähligemale in Gedanken mit Ihnen, und sehne mich unglaublich, Sie einmal wieder zu sehen. Adieu; viele Grüße an Lolo von uns beiden. Ihr

H.

 
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