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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 30 October 1795.

Ihre letzten Briefe und die Elegie hatten mir so viel Stoff zum Schreiben gegeben, liebster Freund, daß ich es bis heute aussetzen mußte, Ihnen über das 9te Horenstück zu reden, das ich doch mit so großer Begierde erwartet und mit so vielem Vergnügen genossen habe. Sie kennen meine Art mich ausführlich über jeden Gegenstand zu verbreiten, und Sie müssen mir daher schon verzeihen, wenn ich, sobald mehrere auf einmal da sind, sie theilweise vornehme.

Herder sagt ganz recht, aß mit diesem Stücke eine andere Hore angeht; wie in der früheren die Philosophie, so hat in dieser die Dichtung das Uebergewicht. Es ist bewundernswürdig, wie reich an Gehalt und Mannichfaltigkeit diese Bogen sind, und noch bewundernswürdiger, daß wieder nicht bloß der beste, sondern auch der bei Weitem größte Theil von Ihnen herrührt.

Daß das Reich der Schatten nicht würde verstanden werden, ließ sich leicht voraussehen.

Unter den mir schon bekannten kleineren Gedichten habe ich keine beträchtliche Aenderung bemerkt, außer dem Schluß von Natur und Schule und ja auch wohl des verschleierten Bildes. In Natur und Schule hat mir das Hinzugekommene sehr gefallen. Vorzüglich schön ist der Vers: „Einfach gehst du und still durch die eroberte Welt!“ Die deutsche Treue macht sich sehr gut. Vorzüglich erscheint der Pontifex am Ende auf einer sehr charakteristische Weise. Am meisten aber hat mich der prosaische Aufsatz von den Gränzen des Schönen überrascht. Da Sie mir gar nichts davon geschrieben hatten, heilt ich ihn wirklich, dem Verfasser und dem Inhalte nach, für unbedeutend und als ihn zuletzt. Wie erstaunte ich aber, als ich Sie und eine so schön gelungene Arbeit fand. Wenn ich mich nicht irre, so ist er auch ein Stück Ihres Briefwechsels mit dem Prinzen. Was diesen Aufsatz, nach meinem Urtheile, auszeichnet, und ihm wahrscheinlich auch mehr Gunst als den Briefen mit denen er doch, in Rücksicht auf die Schwierigkeit des Stoffs und die genievolle Behandlung in jenen, nicht einmal verglichen werden kann, zuwenden wird, ist die große Bestimmtheit und Klarheit, mit der die Untersuchung, besonders im Anfange, fortgeht. Da hier die Materie so viel leichter ist, und Sie mit gedrängter Kürze, ohne alle Abwege, zum Resultat forteilen, so will ich den sehen, dem es auch hier noch schwer wird, am Ende den Inhalt bestimmt aufzählen zu können. Nur wer selbst den philosophischen und schönen Styl so in seiner Gewalt hat, konnte beide so trefflich charakterisiren, und jedem seien Gränzen anweisen, was Sie besonders in dem Absatze thun, wo Sie die philosophische, populäre und schöne Schreibart, als die Darstellung des Nothwendigen, Wirklichen und Möglichen bezeichnen, und durch diese Stellung zugleich das ganze Gebiet des Styls systematisch erschöpfen. Gegen das Ende hin erscheint endlich der Styl, der Ihnen nun ganz und allein eigenthümlich ist, und ich höre Sie nie so gern, als wenn Sie mit strenger Wegwerfung des gemeinen Begriffs von Schönheit auf das wahrhaft Schöne dringen. nebenher dient auch dieser Schluß zur Abfertigung unberufener Kritiker, und die, welche es besser meinen, und doch mit dem Styl Ihrer Briefe nicht auf’s Reine kommen können, mögen nun selbst klar einsehen, worin der Fehler liegt. Wenn ich mich nicht irre, haben Sie die ganze Arbeit oder Umarbeitung mit einer gewissen Rapidität gemacht, die ihr sehr wohlthätig gewesen ist.

Die Herdersche Arbeit habe ich mit vielem Vergnügen gelesen. Sie ist zierlich und hie und da genialisch geschrieben, läßt viele Gedanken und noch mehr Bilder an dem Leser vorüberschweben, und ist ein sehr guter Horenaufsatz. Aber übrigens kehren meine alten Klagen hier verdoppelt zurück. Nirgends ist Bestimmtheit, und so wenig ich doch in dieser Sache ein Fremdling bin, so kann ich mir, aller Mühe ungeachtet, noch keinen klaren Begriff machen, ob denn nach ihm nun die Ilias auch nur Einen Verfasser hat, wie er doch zu meinen scheint, und was eigentlich ein Rhapsode und noch mehr eine Rhapsodenschule war. Im Ganzen ist mir der Eindruck geblieben, daß Herder noch mit viel zu modernen Ideen zum Homer geht. Gegen das Einzelne, z. B. gegen die mir gar nicht deutliche Unterscheidung eines Ost- und West-Homers (m. 1.) gegen die Universalität von Gegenständen im Homer, die er wohl zu gewiß annimmt, und zu absichtlich macht (m. 2.), das Extemporiren der Rhapsoden, das er sicherlich zu weit ausdehnt (m. 3.) u. s. w. ließe sich Vieles erinnern, das aber auch Sie schwerlich interessirt. Was mich am meisten zum Nachdenken gereizt, und mir den Aufsatz ordentlich werth gemacht hat, ist das, was er (m. 7) über den Geschmack der Griechen in der Zusammenordnung sagt. Unstreitig legt viel Wahrheit darin, und es läßt sich sehr schön aus der Eigenthümlichkeit des griechischen Geistes erklären, so wie es auch wieder diese selbst noch deutlicher macht. Schade ist es, daß Herder nur so kurz dabei verweilt. Wie es da steht, kommt es ungefähr darauf hinaus, daß sie keine objective, sondern mehr eine subjective Einheit suchten, daß aber ihr Subject, ihre Phantasie, so harmonisch mit der wirklichen Natur gestimmt war, daß sie dadurch Allgemeinheit und ein Analogon der Nothwendigkeit (des Objectiven) hervorbrachten. Bei ihnen war es Einheit des Bildes und der Natur; bei uns der Gedanke. Sie rechneten zum Ganzen, was die Natur gewöhnlich an einander reiht, und die Phantasie auf einmal bequem umfaßt. Wir schieden ab, was mit dem Hauptbegriff nicht streng zusammenhängt. Auch in den Trauerspielen, die doch noch mehr Strenge hierin fordern, findet sich dieß. Auf den Tod des Ajax läßt auch Sophokles noch das Begräbniß folgen. Ueber den Hesiodus muß der unkundige Leser sehr irre werden. Herder spricht manchmal und meistentheils von ihm, als einem früheren Dichter, dessen Manier Homer veredelt hat. Dennoch merkt er selbst an, daß er später war. Wenn dieß letztere von allen Stücken Hesiods wahr ist, so lag der Unterschied in dem Vaterlande beider Dichter. Das neblichte, noch wenig cultivirte Böotien mußte andere Früchte tragen, als das lichte Jonien. Von Hesiodischen Rhapsoden und Schulen zu reden, ist auch sehr gewagt, da die Geschichte dieß nicht einmal vermuthen läßt. Daß Herder Wolfs nur so gedenkt, daß Niemand sehen kann, wie wichtig sein Verdienst um diese Sache ist, bleibt doch ungerecht. Ohne Wolf, den Herder sehr benutzt hat, würden diese Herderschen Ideen doch nur Vermuthungen und weiter nichts seyn. Durch Wolfs Bemühungen kommt man doch auf wirkliche historische Wahrscheinlichkeit.

Goethe’s Hymnus ist stellenweis sehr schön übersetzt, und es ist artig, eine von der Voß’schen so ganz abgehende Manier zu sehen. Im Ganzen aber hat es mir doch geschienen, als wenn der Gang der Sprache nicht rasch genug wäre, und dadurch Manches matt würde. Auch wünschte ich im Versbau mehr Sorgfalt.

Meyers Künstler sind außerordentlich gut und artig geschrieben. Wenn Tizian, Raphael und Correggio ebenso folgen, als hier ihre Meister stehen, so wird es noch, da hier nun der Stoff noch mehr gibt, sehr interessant werden.

Schwarzburg ist unstreitig das Beste, was ich je von der Mereau gelesen. Es hat sehr poetische Stellen, nur kommt es mir im Ganzen zu lang, und gegen das Ende matt vor.

Vom Almanach habe ich jetzt den Bogen K., der schon den Anfang der Epigramme enthält, revidirt, und nun auch das Register gemacht. Je mehr ich den Almanach jetzt lese, je mehr überzeuge ich mich von seinem Werthe. Auch einige Stücke, über die ich Ihnen sehr kalt schrieb, gefallen mir jetzt mehr. So bin ich gegen Herders Parthenope in der That nicht gerecht genug gewesen.

Kants ewigen Frieden habe ich nun gelesen. Für die Horen wäre er doch nur in sofern gewesen, als es eine Arbeit von Kant ist. Im Ganzen kann ich die Schrift nicht sehr wichtig nennen. Es ist mir keine einzige Idee aufgestoßen, selbst den Grundsatz der Politik a priori nicht ausgenommen, welche nicht schon durch seine früheren Schriften gegeben wäre. Aber sehr leib ist mir diese kleine Schrift doch wegen des treuen und interessanten Bildes, das sie von der Individualität ihres Verfassers gibt. Stellenweis ist sie auch, dünkt mich, sehr genialisch und mit vieler Phantasie und Wärme geschrieben. Ein manchmal wirklich zu grell durchblickender Demokratismus ist nun meinem Geschmack nicht recht gemäß, so wenig als gewiß auch dem Ihrigen.

Das neunte Horenstück habe ich allerdings später, als ich sollte, bekommen. Auch ich schreibe gewöhnlich unsere Briefe auf, schreibe gewiß regelmäßig alle acht Tage, und bitte Sie herzlich auch so fortzufahren. Ich werde künftig immer wie heute, über jeden Brief schreiben, welchen der Ihrigen ich zuletzt empfangen habe.

Von Schlegels Diolima wollte ich Ihnen schon schreiben. Ich habe zwar nur den Anfang gelesen, allein dieser hat mir schon gut gefallen. Ich sage Ihnen nächstens mehr davon.

Sobald Sie den Meister für mich bekommen, schicken Sie ihn mir doch ja.

Urtheile über die Horen kann ich für jetzt Ihnen gar nicht schicken. Ich bin in sechs Wochen etwa nur einmal in Berlin gewesen, und sehe auch hier nur äußerst selten Jemanden.

Ich wüßte für heute weiter nichts mehr, liebster Freund. Leben Sie recht wohl, und grüßen Sie Lolo recht herzlich von uns. Ihr

H.

 
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