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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 23 October 1795.

Ihre Elegie, liebster Freund, hat mich zu sehr gefesselt, als daß ich es mir nicht, da Sie mir kein baldiges Zurückschicken empfohlen hatten, hätte vergönnen sollen, sie länger zu behalten, um sie ganz zu studiren, und mich mit jedem einzelnen Theil genau bekannt zu machen. Wohin man sich wendet, wird man durch den Geist überrascht, der in diesem Stücke herrscht, aber vorzüglich stark wirkt das Leben, das dieß unbegreiflich schön organisirte Ganze beseelt. Ich gestehe offenherzig, daß unter allen Ihren Gedichten, ohne Ausnahme, dieß mich am meisten anzieht, und mein Inneres am lebendigsten und höchsten bewegt. es hat den reichsten Stoff, und überdieß gerade den, der mir, meiner Ansicht der Dinge nach, immer am nächsten liegt. Es stellt die veränderliche Strebsamkeit des Menschen der sicheren Unveränderlichkeit der Natur zur Seite, führt auf den wahren Gesichtspunkt, beide zu übersehen, und verknüpft somit alles Höchste, was ein Mensch zu denken vermag. Den ganzen großen Inhalt der Weltgeschichte, die Summe und den Gang alles menschlichen Beginnens, seine Erfolge, seine Gesetze und sein letztes Ziel, Alles umschließt es in wenigen, leicht zu übersehenden, und doch so wahren und erschöpfenden Bildern. Das eigentliche poetische Verdienst scheint mir in diesem Gedichte sehr groß; fast in keinem Ihrer übrigen sind Stoff und Form so mit einander amalgamirt, erscheint Alles so durchaus, als das freie Werk der Phantasie. Vorzüglich schön ist die Mannichfaltigkeit der verschiedenen Bilder, die es aufstellt. Im Anfang und am Schluß die reine und große Natur, in der Mitte die menschliche Kunst, erst an ihrer Hand, dann sich allein überlassen. Das Gemüth wird nach und nach durch alle Stimmungen geführt, deren es fähig ist. Die lichtvolle Heiterkeit des bloß malenden Anfangs ladet die Phantasie freundlich ein, und gibt ihr eine leichte, sinnlich angenehme Beschäftigung; das Schauervolle der darauf veränderten Naturscene bereitet zu größerem Ernst vor und macht die Folge noch überraschender. Mit dem Menschen tritt nun die Betrachtung ein. Aber da er noch in großer Einfachheit der Natur getreu bleibt, braucht sich der Blick nicht auf viele Gegenstände zu verbreiten. Allein der ersten Einfalt folgt nun die Cultur, und die Aufmerksamkeit muß sich auf einmal auf alle mannichfaltige Gegenstände des gebildeten Lebens und ihre vielfachen Wechselwirkungen zerstreuen. Der blick auf das letzte Ziel der Menschen, auf die Sittlichkeit, sammelt den herumschweifenden Geist wieder auf einen Punkt. Er kehrt bei der Verwilderung des Menschen zur rohen Natur wieder in sich zurük, und wird getrieben, die Auflösung des Widerstreites, den er vor Augen sieht, in einer Idee aufzusuchen. So entlassen Sie den Leser, wie Sie ihn am Anfang durch sinnliche Leichtigkeit einladen, am Schluß mit der erhabenen Sache der Vernunft.

Bei dem ersten Lesen ist es schwer, das Ganze zu übersehen. Sogar beim zweiten habe ich dieß noch gefunden, und leicht dürften einige auch bei noch öfterem Wiederholen dieß Urtheil fällen. Anfangs schien es mir wirklich, als läge hierin ein Fehler in Ihrer Arbeit, als wären Sie ununterbrochen mit Schilderungen fortgegangen, und hätten nicht genug dafür gesorgt die zerstreute Phantasie wieder zu sammeln, jedes einzelne Bild in wenig einzelnen Zügen zusammen zu stellen. Allein bei genauerer Untersuchung muß ich dieß Urtheil gänzlich zurücknehmen, das bloß subjectiv war. Alles ist im höchsten Grade klar, unglaublich schön, und freiwillig fließt eins aus dem anderen her, und mit der größten Deutlichkeit durchschaue ich jetzt die herrliche Organisation dieser eigenen Welt. Ich wähle diese beiden Ausdrüke hier nicht umsonst, ich weiß kein Gedicht, bei dem sie so an ihrem Orte ständen. Da, wo sich die Cultur an die erste Einfachheit anschließt, ist der Uebergang: „Aber wer raubt mir auf einmal“ u. s. f. allerdings abgebrochen, aber dieß vermehrt, dünkt mich, sehr die poetische Bewegung und die lyrische Wirkung. Jedes einzelne Bild für sich, ist äußerst charakteristisch. Nur einmal bin ich angestoßen. Es ist eine der schönsten Stellen des Gedichts, wo Sie der „länderverknüpfenden Straße“ gedenken. Auch bei mir haben sich von jeher an eine Landstraße so viele Ideen angereiht. Sie erinnern sich vielleicht, daß wir einmal auf einem Spaziergange weitläuftig davon redeten. Aber gehört die Straße wohl recht in dieß Zeitalter, zwar nicht ganz ursprünglicher, aber doch immer sehr früher Einfalt? und hätten Sie sie nicht besser in das Folgende gebracht, das erst den Handel und den Krieg kennt, die beiden vorzüglichsten Mittel der Länderverknüpfung? Mir ist es um so mehr aufgefallen, da Sie mir in dem gleich darauf folgenden Verse nicht ohne Absicht und mit großem Recht: „Flöße“ statt „Schiffe“ gewählt zu haben scheinen. Und doch ging die Seecommunication der Landcommunication voraus.

Die Schönheiten der Diction im Einzelnen erreichen ganz und gar die Größe der Anlage des Ganzen. Jeder Ausdruck gibt ein schönes Bild, und die meisten einzelnen Distichen laden zu einem eigenen Studium ein. Vorzüglich sind mir einige Bilder und Beiwörter aufgefallen, die zugleich Neuheit und Schönheit auszeichnet, das „energische Licht“, des Schmetterlings „zweifelndem Flügel“, die Vergleichung der begränzten Aecker mit einem Teppich Demeters, die Beschreibung der Spindel, des Brückenbogens. Andere Stellen zeichnen sich durch Tiefe des Sinns und die Wahrheit der Empfindung, zu welchen beiden der Ausdruck so herrlich paßt, aus. So „Enger wird um ihn u. s. w. Welt.“ „Sucht das vertraute Gesetz in den Erscheinungen Flucht“ „es irrt selbst in dem Busen der Gott.“ „Weit von dem Menschen fliehe der Mensch.“ Dann die Kühnheit des Verses: „Hängt nun der Adler, und knüpft an das Gewölke der Welt“ und die unnachahmliche Kürze dieses: „und in der Asche der Stadt sucht die verlorne Natur.“

Herzlich danke ich Ihnen für die mitgetheilten Briefe. Es muß Ihnen viel Freude machen, unsere Urtheile zu vergleichen. Körners Brief besonders hat mich sehr interessirt. Sein eigentliches Urtheil über Ihre Eigenthümlichkeit stimmt sehr mit dem meinigen in meinem letzten Briefe überein. Nur scheint er mir Manches in Ihnen mit Unrecht, als einen Mangel anzusehen, und eine Aenderung zu hoffen oder zu wünschen, und überhaupt einen Uebergang aus dieser Eigenthümlichkeit gleichsam in die allgemeine classische Bahn zu wollen. So kann ich es nicht ansehen. Es streitet gegen meine Theorie der Bildung überhaupt. Jeder muß seine Eigenthümlichkeit aufsuchen und diese reinigen, das Zufällige absondern. Es bleibt dennoch immer Eigenthümlichkeit; denn ein Theil des Zufälligen ist an das Individuum unauflöslich gebunden, und dieß kann und darf man nicht entfernen. Nur dadurch ist eigentlich Charakter möglich, und durch Charakter allein Größe. Ihr Dichtercharakter aber ist gerade Erweiterung des Dichtercharakters überhaupt. Was daher Körner von einer Gewöhnung ruhiger zu empfangen sagt, kann ich nicht ganz unterschreiben, obgleich allerdings Wahrheit darin liegt. Seine Ideen über das Charakteristische und über die Schönheit sind mir noch nicht klar. Er scheint mir immer die letztere zu sehr in Eine Reihe mit der Vollkommenheit des Ganzen spricht. Auch das Charakteristische und dieß vorzüglich ist darauf gerichtet und doch wesentlich vom Schönen verschieden.

Die Vergleichung zwischen Ihnen und Goethe hat auch mich oft beschäftigt. Gerade Sie beide können das Höchste erreichen, ohne einander zu schaden. Das fühle ich jetzt sehr deutlich.

Herders Brief bezieht sich meist auf Stücke, die ich noch nicht kenne, und auf die meine Erwartung sehr gespannt ist. Sein Urtheil über die Elegie ist sehr treffend. Daß der durchs Ganze laufende Faden zu lose gesponnen sey, wie er doch zu meinen scheint, kann ich nicht finden. Wer Sinn hat, und aufmerksam ist, kann nicht irren.

Ein Aufenthalt in Dresden würde Ihnen allerdings in mehr als einer Rücksicht wohl thun. Nur freilich die Unruhe es Deplacements.

Mein Plan ist jetzt so. Im Frühjahr gehe ich hier weg. Dann muß ich aber freilich meinen Schwiegervater auf ein paar Monate besuchen. Indeß denke ich, komme ich doch gleich in aller Eile auf einige Wochen nach Jena, um diese ganze mit Ihnen zu verleben. Nach diesem Aufenthalt komme ich mit meiner Familie nach Jena zurück und bleibe bis zum Frühjahr 1797, wo ich nach Italien gehe. Indeß hänge ich gar sehr vom Zufall ab, und ich kann nichts, selbst die so fest beschlossene italienische Reise nicht unwiderruflich fest bestimmen. Es ist immer möglich, daß ich länger, als ich denke, in Jena seyn kann, freilich aber auch das Gegentheil. Nur das ist gewiß, daß ich Ihnen von überall her immer zueile, und daß Sie jede Aenderung meiner Plane gleich, sobald ich sie selbst weiß, erfahren. Ich darf Sie daher nicht bitten, bei Ihren Planen auf uns Rücksicht zu nehemn. Aber finden wollen wir uns gewiß überall, und gern wollen auch wir Sie aufsuchen. Es ist mein Plan, nie einen festen Wohnort zu haben, sondern zwischen diesem und eigentlichen Reisen ein Mittel zu halten. Wohin Sie sich also wenden möchten, wird es uns nie so schwierig seyn, wieder länger mit einander zu seyn. So lange Sie jetzt nicht Jena zu verlassen gedenken, bin ich auch mein Quartier dort auf jeden Fall zu behalten gesonnen.

Meine Frau grüßt Sie und Lolo herzlich. Wir freuen uns, daß es, nach Ihrem letzten Briefe, besser mit Ihrer Gesundheit geht. Wir sind alle recht wohl.

Ich habe wieder so lange geschrieben. Diese meine Ausführlichkeit sticht sehr gegen Körners große Kürze ab. Wenn sie mein Charakter seyn sollte, so wünsche ich nur, daß er Ihnen nicht lästig werden mag. Von ganzem Herzen Ihr

H.

 
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