Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 16 October 1795.

Es ist eine schwierige Aufgabe, liebster Freund, bei sich selbst zu entscheiden, ob der eigenthümliche Charakter Ihres Dichtungsvermögens mehr der dramatischen, oder mehr der epischen Poesie angemessen ist? Zu allen Schwierigkeiten, die der Beantwortung jeder Frage dieser Art im Wege stehen, gesellt sich bei Ihnen noch die reiche Mannichfaltigkeit Ihres Genie’s, dem Alles in so eminentem Grade zu gelingen scheint, und der zufällige Umstand, daß Ihre dramatischen Producte aus einer so viel früheren und verschiedenen Periode Ihres Lebens sind. Da Sie es indeß verlangen, so will ich dreist ein Urtheil auszusprechen versuchen. Nur müssen Sie es mir zu Gute halten, wenn ich mehr einer gewissen Divinationsgabe, als einem sicheren Raisonnement folge.

Am schwersten ist es, dasjenige auszusprechen, was Sie als Dichter charakterisirt, obgleich jeder es gewiß bei Ihnen genauer, als bei irgend einem anderen deutschen Dichter, fühlt. Man kann Goethe z. B. bis auf einen hohen Grad der Wahrheit in seinen letzteren Producten mit den Griechen, in seinen früheren mit Shakespeare vergleichen; man hat das letzte auch mit Ihren früheren Stücken gethan. Da mir diese jetzt leider nicht genug gegenwärtig sind, so kann ich die Richtigkeit hiervon nicht beurtheilen, indeß bin ich für mich a priori überzeugt, daß dieß Urtheil zu denjenigen gehört, die gewiß durchaus falsch sind, die aber ein mittelmäßiger Beurtheiler nothwendig fällen muß. Aber vorzüglich klar ist mir Ihr Dichtercharakter, wenn ich Sei gegen die Griechen halte. Unter allem mir bekannten Griechischen ist keine Zeile, von der ich mir Sie, als den Verfasser denken könnte, und zwar liegt der auffallende Unterschied nicht in dem Grade erreichter Vollendung, sondern man möchte auch hierüber, wie man wollte, urtheilen, wieder offenbar in der Gattung. Dennoch finden sich alle wesentlichen Schönheiten der griechischen Poesie innerhalb des Kreises nicht bloß dessen, was Sie von Ihren Arbeiten fordern, sondern auch dessen, was Sie einzeln und bei Einzelnem in so hohem Grade geleistet haben. Was Sie unterscheidet, kann auch nicht irgend einem Einfluß des Nationalcharakters, oder der zufälligen Lage der Literatur, es kann nur den Fortschritten des Zeitalters beigemessen werden. Es ist Ihnen und nur Ihnen eigen, und ist so innig mit den Forderungen des poetischen Genie’s verbunden, daß es sogar eine wesentliche Erweiterung desselben ausmacht. Sie fühlen, was ich sagen will; alle Ihre dichterischen Producte zeigen einen stärkeren Antheil des Ideenvermögens, als man sonst in irgend einem Dichter antrifft, und als man, ohne die Erfahrung, mit der Poesie für verträglich halten sollte. Ich verstehe aber hierunter ganz und gar nicht bloß das, wodurch Ihre Poesie eigentlich philosophisch wird, sondern finde eben diesen Zug auch in der Eigenthümlichkeit, mit der Sie das behandeln, was rein dichterisch, also Künstlererfindung ist. Es schwebt mir hierbei jetzt vorzüglich z. B. die Behandlung des Erhabenen, des Furchtbaren, des Geheimnißvollen im Geisterseher vor. Um es daher in seiner ganzen Allgemeinheit auszudrücken, muß ich es lieber gleichsam einen Ueberschuß von Selbstthätigkeit nennen; eine solche, die sich auch den Stoff, den sie bloß empfangen könnte, ncoh selbst schafft, aber sich hernach mit ihm, wie mit einem bloß gegebenen verbindet; die, der Materie und der That nach, fast bloß alleinwirkend, aber der Form und dem Schein nach (worauf das Wesen der genialischen Production beruht9 nur durch Wechselwirkung thätig ist. Dieß nun drückt Allem, was Ihnen angehört, ein ganz eigenes Gepräge von Hoheit, Würde und Freiheit auf, führt ganz eigentlich in ein überirdisches Gebiet über, und stellt die höchste Gattung des Erhabenen, die durch die Idee wirkt, auf. Darum besitzen Sie einen so intensiv großen Reichthum, bieten dem Leser, wenn ich so sagen darf, überall mehr Tiefe als Fläche, und machen sich mit Einem Wort alle Vortheile zu eigen, welche die innige und durchgehende Verbindung von Ideen mit dem Gefühle, wenn dieß nicht dadurch an seiner Wärme verliert, gewährt. Eben daher wird es aber auch entspringen, wenn man an Ihren Charakteren und Schilderungen, ungeachtet der größesten Wahrheit und Consequenz, doch oft wenigstens die Farbe der Natur selbst vermißt hat.

Nehme ich nun die dramatische (hier doch eigentlich die tragische oder besser heroische) Poesie nach dem Begriff, der mir neuerlich durch die Goethe’schen Ideen am geläufigsten geworden ist, als die lebendige Darstellung einer Handlung und eines Charakters, als eine Schilderung des Menschen in einem einzelnen Kampf mit dem Schicksal, so finde ich die Eigenthümlichkeit, die Sie charakterisirt, hier in ihrem wahren Gebiete, da hier die Hauptwirkung durch das Gefühl des Erhabenen geschieht. Alles drängt sich hier dem Moment der Entscheidung entgegen, die Kraft des Geistes und des Charakters muß sich bis zur höchsten Anspannung sammeln, um die Macht des Schicksals zu überwinden, und sich ganz in sich selbst zurückziehen, um ihr nicht zu unterliegen. Diesen Zustand in seiner ganzen Größe zu schildern, fordert die höchste und reinste Energie des Genie’s. Das Verhältnis des Menschen zum Schicksal darzustellen, ist eigentlich die Darstellung einer Idee; je selbstthätiger und freier hier das Genie wirkt, je größeren Ideengehalt es ind as Gefühl zu verweben weiß, desto größer ist die Wirkung. Diese hervorzubringen, halte ich Sie geschaffen, wenn Sie hier Ihren Gegenstand glücklich wählen, so wird Sie hier Keiner erreichen. Die bewundernswürdige Tiefe Ihres Geistes steht hier an ihrer Stelle; es wird eine lyrische Stimmung erfordert, die Ihnen, im Ganzen genommen, mehr, als eine epische, eigenthümlich ist, wenn ich jene auf die Darstellung der Gedanken und Empfindungen, diese auf die Darstellung der Formen, unter welchen beide erscheinen, beziehe. Auf der anderen Seite aber setzt auch das Dramatische gerade Ihnen große Schwierigkeiten entgegen. Neben dem Erhabenen beruht seine Wirkung auch größtentheils auf dem Rührenden, es fordert mannichfaltig bewegte Leidenscahften und fein nuancirte Empfindungen. Wie viel Sie auch hier durchaus vermögen, haben Sie zur Genüge gezeigt, und in keinem mir bekannten Theaterstück ist gerade das feine Spiel der Empfindungen so schön und zart aufgedeckt, als im Carlos. Nur ist aber hier die Frage, nicht sowohl, ob Sie hier der Natur wirklich treu sind, sondern mehr, ob Sie ihr treu zu seyn scheinen? denn darin, dünkt mich, liegt gerade der Unterschied. Ich habe im vergangenen Winter einmal die weiblichen Charaktere des Carlos sehr genau untersucht, und bin nirgends auf etwas gestoßen, was ich nicht wahr nennen möchte, aber es bleibt Ihnen ein schwer zu bestimmendes Etwas, ein gewisser Glanz, der sie von eigentlichen Naturwesen unterscheidet. Soll ich mich einmal nicht fürchten in subtile Hypothesen zu verfallen, so kann ich mir diese Erscheinung auch nach meinen Voraussetzungen sehr wohl erklären. Wenn es richtig ist, daß Sie der Natur, gleichsam ehe sie vollkommen auf Sie einwirken kann, schon selbstthätig entgegeneilen, wenn Sie nicht sowohl aus ihr schöpfen, als nur, durch sie begeistert, ihr Bild in sich durch eigene Kraft schaffen, so muß dieß da am meisten sichtbar seyn, wo die Natur selbst, wenn ich so sagen darf, am meisten Natur, am wenigsten auseinander gewickelt ist, wo sie mehr durch Materie auf das Gefühl, und nur wenig durch Form auf den Verstand wirkt. Charaktere, die Goethen unglaublich gelingen, Götzens Frau, Götz selbst, Klärchen, Gretchen, würden Ihnen große Schwierigkeiten machen. Dennoch aber, so fest ich auch glaube, daß Ihre Stärke nicht in dieser Gattung der Tragödien, sondern nur in jenen einfachen und heroischen ganz sichtbar seyn würde, so sehr wünschte ich doch, daß es Ihnen möglich wäre, den Versuch durch alle Gattugnen durchzumachen. Es ist das anziehendste Schauspiel, das ich mir denken kann, zu sehen, wie sich die Welt in einer Seele, wie die Ihrige ist, spiegelt, zu sehen, wie Sie Ihre Charaktere aus einem idealischen Kreise herbeiführen, und ihnen doch eine so lebendige Wirklichkeit geben. Indeß gestehe ich gern, daß dieser Reiz fremdartig ist, und nicht eigentlich als ein Vorzug der Kunst angesehen werden kann. Ueberhaupt verdient es noch erwogen zu werden, ob nicht die dramatische Poesie, noch mehr als jede andere, verlangt, daß der Dichter unmittelbar aus der Natur schöpfe. Wenigstens lehrt mich meine Erfahrung, daß nirgends das Gegentheil, auch nur im kleinsten Grade, so sichtbar ist. Nirgends, scheint es, will man so unmittelbar durch die Wirklichkeit gerührt seyn. Vielleicht aber geht man auch hierin zu weit, und vielleicht rührt dieß aus einer nciht ganz rein ästhetischen Stimmung her, die unter dem Namen der Natur nur etwas Materielles sucht, und für die Einwirkung der Kunstform nicht hinlänglich empfänglich ist.

Verglichen mit der dramatischen, halte ich die epische Poesie nicht so fähig, Ihre ganze Stärke zu entwickeln. Ueberhaupt scheint mir die dramatische die höchste Frucht des Dichtergenie’s, und ich halte Sie einmal für diese völlig geboren, in sofern Sie sich nur auf eine gewisse Gattung beschränken. An sich braucht auch das eigentlich Epische überhaupt (nicht aber die große Epopöe) eine leichtere, lachendere, mehr malende Phantasie, als Ihnen, in Vergleichung mit der Tiefe der Ihrigen, eigen scheint. Gewiß würden sie auch hier mit großer Würde auftreten, aber Sie würden eine Ihnen selbst nachtheilige Wahl treffen. Indeß ist das Gebiet des Epischen vorzüglich in den weiten Gränzen, die wir ihm hier geben, so groß, daß es eine zahlreiche Menge von Formen einschließt, und das Lyrische, wie das Didaktische, in sich aufnimmt. Vorzüglich nach Ihren neueren Gedichten von den Göttern Griechenlands an, läßt sich eine Gattung zeigen, die Sie allein sich gestempelt haben, und die mit allem Reichthum epischer Schilderungen den höchsten lyrischen Schwung vereinigt, und durch diesen gedoppelten Eindruck auf die Phantasie und die Empfindung den Geist zu tiefen und überraschenden Wahrheiten führt. Diese Gattung, und mithin das Epische, ist Ihnen vollkommen eigen, sie paßt Ihnen genauer an, als irgend eine andere, aber ich würde Ihnen Unrecht zu thun glauben, wenn ich Sie darauf beschränken wollte, wie shcön und fruchtbar an großen Wirkungen auf das Gemüth des Lesers sie auch ist, und einen wie großen Umfang sie auch selbst noch in sich erlaubt.

Jetzt kann ich ein Resultat ziehen: den schönsten und Ihrer am meisten würdigen Kranz bietet Ihnen die dramatische Poesie, aber nur innerhalb gewisser Gränzen, vorzüglich in der einfachen heroischen Gattung, einen leichteren und in einem weiteren Umfange die epische dar.

Mein Wunsch kann jetzt hiernach nur die Malteser treffen. Sie sind eine sehr glückliche Wahl für die Gattung überhaupt, besonders aber für den Moment. Denn sonst ist der Wallenstein freilich an sich bei Weitem größer und tragischer, und auch gewiß in demjenigen Kreise, für den Sie bestimmt sind. Etwas Dramatischem jetzt vor der romantischen Erzählung den Vorzug zu geben, muß ich darum rathen, weil ich überzeugt bin, daß die letztere doch immer gewiß ist, und uns nicht entgeht, da hingegen der erste Versuch, den Sie wieder im Dramatischen wagen, mehr Hindernisse finden muß. Im Philosophischen und im Poetischen der Gattung, in der Sie jetzt arbeiten, haben Sie nun auf eine bewundernswürdige Weise gezeigt, daß Sie die Vollendung jeder Arbeit, wie ein Maler jede Zeichnung, in Ihrer Gewalt haben. Zeigen Sie es auch hier. Ihr Genie scheint Ihnen, auch den ungünstigsten Umständen zum Trotz, einmal keinen Dienst zu versagen, eine Betrachtung, die mich oft rührt. Wer ein so reges geistiges Leben hat, scheint der Erde wenig mehr schuldig zu seyn.

Allein freilich muß auch eben diese größere Schwierigkeit der Malteser sehr sorgfältig mit auf die Wagschaale gelegt werden. Sie müssen genau prüfen, ob sie hoffen dürfen, genug innere Stimmung und äußere Muße zu haben, um ein Werk, wie ein solches Schauspiel ist, zu vollenden. Unterbrochen dürfte es nicht werden. Wäre dieß zu fürchten, so wählte ich an Ihrer Stelle die Erzählung. Diese empfähle sich allerdings gar sehr dadurch, daß Sie damit einen gewissen Kreis vollendeten, Universalität erreichten. Aber die Erzählung bleibt Ihnen gewiß, und jener Rücksicht, die mehr für das Publicum ist (denn wer Sie kennt, weiß auch, daß Sie jener Universalität fähig sind), läßt sich auch die andere entgegensetzen, daß es des Spaßes werth wäre, durch ein neues Schauspiel die Menschen, die über Ihren dramatischen Charakter so bestimmt scheinen, ein wenig confus zu machen.

Wir umarmen Sie von ganzem Herzen

Ihr                             

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.