Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 12 October. 1795.

Mit ungeduldigem Verlangen habe ich, liebster Freund, die beiden letzten Posttage Briefen von Ihnen und dem neunten Horenstück entgegen gesehen, und fast befürchte ich, daß ein neuer Anfall von Kränklichkeit die Ursache Ihres Stillschweigens ist. Reißen Sie mich bald aus dieser Besorgniß, und lassen Sie mich hören, daß Sie heiter und gesund sind. Mit meiner Frau geht es viel besser, ob sie gleich noch nicht ganz hergestellt ist; mit meiner Mutter wieder schlimmer, und so sit es ein ewiges Wechseln derselben unangenehmen Vorfälle. Ich selbst bin, bis auf einen starken Schnupfen, recht wohl und ziemlich fleißig beschäftiget. Ich lebe hier eigentlich in großer Einsamkeit, und beinahe in gleich großer mit Ihnen. Nur sehr selten bekomme ich einen Besuch, und dieß Alleinseyn ist mir sehr wohlthätig.

Von Körner habe ich seit dem Ihnen einmal mitgetheilten Briefe, keine Nachricht. Ich hoffe, er ist an seinem Horenbeitrag fleißig, und freue mich sehr auf seine Ansicht der lyrischen Poesie. Geßler ist im Begriff nach Italien zu gehen. Die große Sucht nach Italien zu reisen und der Wirbel, der gerade jetzt mehrere meiner Bekannten mit fortreißt, macht mich oft beinahe lachen. Bei so Vielen trifft es sehr ein, daß sie in der Ferne suchen, was sie so nahe finden könnten. Mir scheint fast unter allen Ländern Italien dasjenige zu seyn, was nur auf die WEnigsten recht wohltätig wirken kann. Die Hauptsache ist und bleibt doch da der Kunstgenuß, und wie Wenige sind hierin so weit, daß sie gerade die Antike brauchen, ja nur zu verstehen vermögen. Außerdem aber bietet dieß Land demjenigen, der nicht sehr viel aus sich selbst schöpfen kann, nur sehr wenig dar. England, Frankreich und jedes Land, in dem viel Industrie, ein mannichfaltiger Umtrieb der Dinge und Menschen, und ein hochcultivirtes bürgerliches Leben ist, gibt auch dem mittelmäßigen Kopf Stoff zum Nachdenken, und bereichert ihn wenigstens mit allerlei Kenntnissen. Italien hingegen muß Leute dieses Schlags sehr leer lassen, und gewöhnlich sieht man sie auch nur leere Bewunderung und eitles Geschwätz zurückbringen. Mich selbst, da in mir der Kunstsinn wenig geübt ist, würden diese Betrachtungen bedenklich machen, gerade zuerst diese Reise zu wählen. Aber außerdem, daß es mir in der That mehr um den Lebensgenuß in einem milden Klima, und einer schönen, reichen Natur zu thun ist, erwarte ich auch eine große Erweiterung meiner Menschenkenntniß aus dem Studium dieser Nation. Soviel ich sie jetzt kenne, muß sie mit und neben aller Cultur sehr viel ursprüngliche natürliche Menschheit zeigen, wenn gleich, da die sinnlichen triebe und Anlagen vorzüglich ausgebildet scheinen, keine sehr hohe. Sie muß formloser seyn, als irgend eine andere Nation und daher äußerst zweckmäßig gewisse Seiten der Menschheit aus ihr kennen zu lernen. Sie muß darin sehr mit den Alten übereinkommen, gleichsam ihr zurückgebliebener Schatten seyn. Von dieser Seite greift sie so in Alles ein, was mich interessirt, und beschäftigt, daß ich einer anschaulichen Kenntniß von ihr mit großem Verlangen entgegen sehe.

Leben Sie herzlich wohl, innigst geliebter Freund. Ihr

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.