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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 5 October 1795.

Wir empfingen vorgestern Ihren letzten Brief, wo uns das, was Sie usn von Ihrer Lage und Ihren Aussichten für den Winter sage, recht herzlich geschmerzt hat. Nur zu sehr freilich fühle ich es, daß Sie in Jena in einer absoluten Einsamkeit leben, und daß sogar Goethens Hin- und Wiedergehen kein voller Ersatz ist, da auf die tägliche Stimmung doch nur das gut wirkt, was auch täglich wenigstens wiederkehren kann, und dieß besonders bei Ihnen der Fall ist. Ich habe schon darauf gedacht, ob Sie nicht einen Plan wieder hervorsuchen sollten, der Ihnen einmal recht sehr am Herzen zu liegen schien, den Plan nach Weimar zu kommen. Ich würde außer Goethe, dort auf Herder und auf die wenigstens zerstreuende masse aller Uebrigen rechnen. Aber freilich würde sich ein völliges Hingehen nicht in so kurzer Zeit arrangiren lassen, und ein temporäres ist mehr Störung als Gewinn. Ihre dauernde Rückkehr zur Poesie macht mir eine unendlich große Freude. Sie wird auch gut auf Sie zurückwirken, und diese Beschäftigung der Phantasie Ihre Einsamkeit beleben und erheitern. Sie sind doch unendlich glücklich, theurer Freund, einen solchen Reichtum in Sich zu bewahren, bloß aus sich selbst so viel schöpfen zu können, als genug ist, ein ganzes Leben mit schöner Mannichfaltigkeit auszustatten. Es wurde mir dieß bei der Stelle Ihres Briefes auf’s Neue so lebhaft, wo Sie selbst sagen, daß Sie so schwer an das Lesen gehen. Wenn ich bedenke, wie viel Sie schon leisteten, und wie viel mehr Sie in sich tragen, als Sie je zu leisten im Stande seyn werden, und damit vergliche, wie wenig Sie eigentlich in jedem Verstande von außen nehmen; so erfüllt es mich immer auf’s Neue mit Bewunderung. Denn auch das Gespräch ist und muß Ihnen doch immer vorzüglich nur leichterer Anstoß zur eigenen Production seyn. Darum weiß ich auch Niemand, in dem ein gewisser Widerwille gegen die eigentliche sogenannte Gelehrsamkeit so gut begründet wäre, als in Ihnen. Aber darum wundere ich mich auch immer, daß Ihre Geistesthätigkeit nicht noch zerstörender auf Ihren Körper zurückwirkt, und bitte Sie recht herzlich, ja bei dem Entschluß zu bleiben, sie zu vermindern, um ihr nicht zu erliegen.

Ich sprach neulich einen Professor aus Erlangen, er heißt Memel. Er kam eben von Königsberg und wußte viel von Kant zu erzählen. Unter andern sagte er, daß Kant noch eine ungeheure große Menge unbearbeiteter Ideen im Kopf habe, die er nicht allein noch alle bearbeiten, sondern auch alle in einer gewissen Reihe bearbeiten wolle, und daß ihn die Wärme für diesen intellectuellen Reichthum zu der Täuschung verleite, die Länge seines noch übrigen Lebens mehr nach der Menge jenes Vorraths, als nach der gewöhnlichen Wahrscheinlichkeit zu berechnen. In der That aber muß eine solche Lage eine eigene Disproportion zwischen dem moralischen und physischen Können hervorbringen, und schön wäre es doch, wenn der Geist eine solchen Aufschub der körperlichen Zerstörung bewirken könnte, bis er sich hier in dem Kreise seines Wirkens ein Genüge geleistet hätte, oder wenigstens an ein Ziel gekommen wäre, wo es ihm nun selbst zu eng würde. des Menschen natürliches Ende wäre doch nur Erfüllung seines Kreises. Er müßte hier nichts mehr zu schöpfen, nichts mehr zu thun finden, wodurch er noch Fortschritte machen könnte. Dann könnte und müßte er gehen; eher ist man doch immer noch unreif. – Das erste, was Kant schreiben will, soll ein Naturrecht seyn.

Leben Sie herzlich wohl. An Ihre liebe Frau tausend innige Grüße von uns beiden.

H.

 
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