Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 28 September 1795.

Mit dem Almanach, liebster Freund, habe ich neulich noch viel Gram gehabt, und mit der Correctur eine Aenderung vorgenommen. Stellen Sie sich nur vor, was ich im zweiten Bogen für einen Druckfehler fand. Statt:

Ist es Elysiums ... umfängt

stand in Ihrem Tanz - umsaugt - das war doch zu arg.

Die empfangenen Gedichte werde ich besorgen. Ich habe mich gefreut, di Ideale wieder zu sehen. Sie werden leicht unter allen Ihren Beiträgen den meisten und allgemeinsten Eindruck machen, da sie am allgemeinsten verständlich sind. Das Mereausche Gedicht liest sich, Einiges abgerechnet, echt gut, und das Hölderlinsche hat ein sehr angenehmes Sylbenmaß.

Goethe’s Prolog kenne ich schon aus der ehemaligen deutschen Monatsschrift.

Sömmering läßt hier eine Schrift: über das Organ der Seele drucken, die ich Gelegenheit gehabt habe, im Manuscript zu lesen, und die ich Ihnen als eine interessante Curiosität empfehle. Er hat nämlich die anatomische Entdeckung gemacht, daß die meisten Nervenursprünge sich bis in die Hirnhöhlen verfolgen lassen, und von dem Wasser der Hirnhöhlen gebadet werden. Er macht daher dieß Wasser zum Organ der Seele. Er hat die Schrift, die höchst sonderbar geschrieben ist, an Kant dedicirt, und die Antwort von Kant an Sömmering ist vorn abgedruckt. Dieser Brief ist äußerst originell und enthält, außer einer sehr gut gewandten Zurechtweisung über die Sonderbarkeit, einen Sitz der Seele zu suchen, eine Hypothese, wie jenes Wasser auf die Nerven wirken könne, in der Kant ganz so, wie in seiner Theorie des Himmels erscheint, und wie man ihn seit vielen Jahren nicht wieder auftreten sah. In der Sömmeringschen Schrift selbst sind Sie (Ihre ästhetischen Briefe) zweimal ausführlich citirt, einmal die weitläuftig gedruckte Note, sehr passend, das anderemal die Stelle vom Welt er- und begreifen, völlig unpassend. Ich muß Sie bitten, dieser Schrift noch gegen Niemand zu erwähnen.

In Ludwigs Naturgeschichte des Menschen fand ich angeführt: Schiller über die Verbindung des physischen und geistigen Kräfte des Menschen. Stuttgart. Unstreitig ist dieß doch von Ihnen. Sie sprachen mir ja nie davon. Wenn Sie es nicht ganz desavouiren, thäten Sie mir einen großen Gefallen, es mir zu verschaffen.

In der deutschen Monatschrift gedenkt Ihrer Briefe Gentz in einem Aufsatz, den ich nur erst durchblätterte, der aber zu verdienen scheint, von Ihnen gelesen zu werden, über den Einfluß der Entdeckung von America auf den Wohlstand und die Cultur es menschlichen Geschlechts. Er spricht in jener Stelle von den schädlichen Folgen, die es hat, wenn man, statt Schritte, Sprünge thun, und die Reife übereilen will. In einer Anmerkung citirt er Ihre Briefe, die 1ste Lieferung S. 23 und setzt hinzu: „diese erhobenen Aufsätze liefern, obgleich der politische Gesichtspunkt ihnen nur Nebensache war, den Text zu Allem, was sich Großes und Treffliches über diesen Gegenstand sagen läßt.“

Ich bin in den letzten Wochen sehr fleißig gewesen, und habe viel studirt. Sie können sich mich den größten Theil des Tages über an meinem Schreibtisch denken. Ich weiß nicht, durch welche Verbindung von Umständen ein großer Durst des Wissens plötzlich, wie von Neuem, in mir erwacht ist, aber sehr lange habe ich ihn nicht in gleichem Grade gefühlt. Ich überlasse mich dieser Neigung um so mehr, als ich gar keinen Muth habe, so lange ich von Ihnen abwesend bin, etwas nur irgend Würdiges hervorzubringen. Und überhaupt sind doch meine Gesichtspunkte jetzt zu fest, als daß ich fürchten dürfte, in eine vage Gelehrsamkeit auszuschweifen, die ich gewiß am meisten geringschätze. Alles, was ich anfange, ergreife ich doch aus Einem Gesichtspunkte, und niemals unterlasse ich, aus allem Gesammelten die Resultate zu ziehen, die diesen Gesichtspunkt angehen. Dieß vorausgesetzt, kann ich kaum der Begierde widerstehen, so viel als nur immer und irgend möglich ist, sehen, wissen, prüfen zu wollen. Der Mensch scheint doch einmal dazu da zu seyn, Alles, was ihn umgibt, in sein Eigenthum, in das Eigenthum seines Verstandes zu verwandeln, und das Leben ist kurz. Ich möchte, wenn ich gehen muß, so wenig als möglich hinterlassen, as ich nicht mit mir in Berührung gesetzt hätte. Diese Begierde ist mir immer eigen gewesen, und hat mich nur oft leider irre geführt, so daß sie sich selbst ihren Zweck vereitelte. Im Wissen und im Leben habe ich mich immer selbst durch zu große Verbreitung bestraft. Ich habe nach Allem gegriffen und vergessen, daß Jedes festhält, und Manches die Kraft verzehrt. Mit dem Leben bin ich nun zu großer Ruhe gekommen, und mit dem Wissen ist der Kampf, Gottlob! gefahrloser.

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.