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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 22 Septbr. 1795.

Der erste Bogen des Almanachs ist glücklich gedruckt, liebster Freund, und Unger wird ihn Ihnen selbst unmittelbar schicken. Ich habe ihn vor dem Abdruck, aber nur einen Augenblick gesehen. Indeß konnte ich doch ein Paar kleine Uebelstände schnell abändern. Durchgelesen habe ich ihn nicht, indeß kann ich mich, denke ich, auf die Correctheit verlassen. Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Correctur nicht selbst habe. Theils war es zu weitläuftig, da Berlin 1 1/2 Meile von hier ist, theils habe ich diese Sache nie geübt, und hätte gewiß mehr, als ein Anderer, stehen lassen.

Ihre Antwort auf meine Urtheile über Ihre neuesten Gedichte, und die Vergleichung der Herderschen, Körnerschen und Goethe’schen hat uns sehr viel Freue gemacht. Es muß Ihnen doch ein großer Spaß seyn, jedem von uns einen eigenen Liebling geschenkt zu haben. Daß auf Goethen die Ideale am tiefsten wirkten, begreife ich sehr. Niemand unter uns übrigen kann sich des Besitzes, dessen Verlust Sie beklagen, so rühmen als er. Auch Herders Wahl ist sehr charakteristisch. Die Harmonie in scheinbarer Verwirrung, vorzüglich auf das Weltall bezogen, ist eine bei ihm oft wiederkehrende Idee, und auch der Vortrag, ein Gleichniß, das zu einer kurzen Anwendung führt, ist ganz in seiner Manier. Hätte das Gedicht nicht eine Klarheit, eine Kraft und eine Grazie, die es nur Ihnen eigen macht, so hätte ich es ohne Anstoß für ein Herdersches nehmen können. Auch kann ich nicht läugnen, daß ich ihm den zweiten Platz unter den vieren anweise, doch mag dieß nur subjectiv seyn. Denn gewiß fordert und beweist Natur und Schule mehr dichterisches Genie. Sehr gut begreife ich daher auch den Vorzug, den Sie und Körner ihm geben. Außerdem aber kann ich mich mit einigen Körnerschen Urtheilen nicht einigen. So über den Schluß der Ideale, deren zwei letzte Strophen unübertrefflich und über Alles ergreifend sind, und über den Anfang der Macht des Gesanges, vorzüglich über die dritte Strophe. Hierüber, so wie über den Vorzug überhaupt, den ich diesem ganzen Stücke gebe, habe ich viel nachgedacht. Es ist dem nicht ganz gereinigten Geschmack wohl eigen, sich durch ein großes Bild eine ergreifende Idee fesseln zu lassen und sein Urtheil darnach zu bestimmen, und gerade so etwas kommt in diesem Stücke vor. Allein auch bei der kältesten Prüfung komme ich immer auf dasselbe Urtheil zurück. Unter allen ihren Gedichten, vielleicht einige frühere, die hier nicht in Vergleichung kommen können, ausgenommen, ist schwerlich noch eines so im höchsten Verstande lyrisch, und dieß wirkt um so stärker, als hier schlechterdings nicht (wie in den Idealen, der Resignation) eine Empfindung des Individuums, sondern der reine Dichtergeist vorwaltet. Sollte ich Ihre vier Stücke objectiv würdigen, so würde ich schwerlich einem einzigen den Vorzug geben können. Auch sind es eigentlich vier, wenigstens drei Gattungen, und jedes läßt sich nur mit seinem Ideal, keines mit dem anderen vergleichen. Unsere aus einander gehenden Urtheile beweisen, dünkt mich, nur, daß jeder Geschmack doch, wie auch so natürlich ist, eine gewisse Einseitigkeit hat. Unter dem gleich Guten gefällt uns das am meisten, was das Homogenste mit uns selbst ist. Mir z. B. sind die Ideale zu sehr auf die wirkliche Empfindung gerichtet, Natur und Schule zu scharf auf den Gedanken. Ich fühle darum recht gut, und ein neulicher Brief hat es Ihnen ausführlicher gesagt, das Dichterische darin, und bin weit entfernt, ihm daraus den mindesten Vorwurf zu machen. Aber die Macht des Gesanges berührt gerade die Seite, auf die es mir immer eigen ist, vorzüglich gerichtet zu seyn. Sie berührt die innerste und unergründlichste Natur des Menschen, den unbegreiflichen Uebergang und Zusammenhang des Gedanken und der Empfindung, und versetzt das Gemüth in eine gewisse unruhige Spannung. Insofern es, nach Ihrer trefflichen Bestimmung, der Charakter des Dichterischen ist, auf die Einbildungskraft zu wirken, und dieselbe in ihrer Freiheit zu bestimmen, so sind gewiß alle drei Stücke gleich dichterisch. Alle bestimmen sie mit Nothwendigkeit, und bei allen behält sie ihre Freiheit. Aber scheinbar ist vielleicht diese Freiheit mehr und minder groß. In Natur und schule wird die Einbidlungskraft bestimmt, auf eine dem Verstand ähnliche Art zu wirken, in den Idealen auf eine der wirklichen Empfindung ähnliche, in der Macht des Gesanges aber in einem Grade, wie vielleicht der Gegenstand keines andern Gedichtes erlauben würde, allein auf die ihn ausschließend eigenthümliche. Denn darin besteht ja das eigentliche Wesen der Einbildungskraft, noch das Unvorstellbare vorstellen, das Incompatible zugleich festhalten, das Unmögliche möglich machen zu wollen. Je mehr sie Gedanken und Empfindungen produciren soll, je leichter kann sie wieder frei scheinen, weil Verstand und Empfindung es sind, die ihr sonst Fesseln anlegen, und ihren Flug hemmen. Sie sehen, lieber Freund, daß ich unsere Briefe, wie unsere Gespräche behandle. Ich schreibe hin, was mir gerade einkommt. Sehen Sie zu, ob sich aus diesen Gedanken etwas machen läßt, mir kommt es vor, als ließe sich aus einem solchen Schein die verschiedene Wirkung desselben Kunstwerks besser erklären.

In Ansehung des Schlusses des Pegasus bin ich Körners Meinung. Wie er da war, gefiel er mir außerordentlich. Aber ob er nicht in Rücksicht auf das Ganze besser wegbliebe, fiel auch mir schon ein. Wie Sie es jetzt gemacht haben, ist es sehr gut.

Ebenso ist auch Ihre Aenderung des Ansanges in der Würde der Frauen. Ich werde die erste abdrucken lassen, nicht die Variante, in der Eunomia und Cypria vorkommen. Sie scheinen mir die Wahl überlassen zu haben, aber ich wollte die Stelle:

was die Männer mit Leichtsinn verschwenden

nicht fahren lassen. Es ist ein zu charakteristischer Geschlechtsunterschied.

Wie freue ich mich auf Ihre Abhandlung über das Naive. Allerdings würden wir uns in der Materie kreuzen. Indeß sieht es auch mit meinen Arbeiten äußerst weitläuftig aus; es ist noch kein Buchstabe geschrieben. Fällt mir aber nichts Anderes ein, so werfe ich den Gegenstand darum nicht fort. Ich kann es ja vermeiden, deise Ideen gerade so breit zu behandeln, und mich mehr auf die Eigenthümlichkeit einlassen, welche dieser Stoff gerade der Idylle ausschließend vor allen anderen Gedichten gibt. auch dachte ich schon darauf, zugleich die Idyllendichter mehrerer Nationen hineinzuziehen; das Fach ist so klein, daß die Mühe nicht groß ist. Endlich kann ich mich auch auf die Empfänglichkeit verschiedener Nationen für diese Gattung einlassen, wobei ich Gelegenheit hätte, meine Grille von der Aehnlichkeit der Griechen und Deutschen ins Licht zu setzen. Sie sehen, daß es mir nicht an Planen fehlt. Möchte ich nur gleich viel Muth haben. Aber der, lieber theurer Freund, ist mir sehr gesunken, und wenn ich Ihnen die Ursache sage, werden Sie mich nicht tadeln. Denn ich muß es doch endlich sagen, es sieht äußerst mißlich um mein ganzes Zurückkommen im nächsten Winter aus. Die Abreise auf den 1sten October habe ich selbst schon aufgegeben.

Wie viel ich aufopfere, brauche ich Ihnen nicht zu sagen und muß es doch wieder, da Sie gerade selbst nicht ganz wissen können, was mir Ihr Umgang ist. Das Vergnügen, das die Freundschaft gewährt, gehört überhaupt nicht zu denjenigen, deren Entbehrung nur allein für den Genuß nicht gleichgültig ist, und das Vergnügen der Ihrigen und Ihres Umganges! Ich fühle es, daß vielleicht noch mehr, als billig ist, meine geistige Thätigkeit fremder Erweckung, Nahrung, Unterhaltung bedarf. Und Niemand kann gerade gleich vortheilhaft auf mich wirken, als Sie. Das hat mir die Erfahrung bewiesen, und sogar reifes Nachdenken über unsere beiderseitige Individualität bestätigt.

Aber auch für Sie thut mir unsere längere, oder gar gänzliche Abwesenheit diesen Winter leid. Ich darf Ihren Aeußerungen und unseren Erfahrungen nach glauben, daß Sie dabei verlieren. Ich rechne au Ihre große Selbstgenügsamkeit, auf Goethens Gegenwart, aber wie viel gäbe ich darum, wenn Alles anders wäre! Fahren Sie nur ja fort, so fleißig zu schreiben. Ich lasse es gewiß nicht am Antworten fehlen.

Ich habe auf den Fall, daß wir hier bleiben müßten, an Ilgen und Loder geschrieben, um einige kleine Geschäfte zu besorgen, und lege die Briefe hier bei. Haben Sie doch die Güte im Fall Loder verreist seyn sollte, sagen zu lassen, daß sein Hofmeister den Brief erbreche, und so gütig seyn möchte den Inhalt zu besorgen.

Meine Frau theilt meiner Empfindungen über unser langes Hierbleiben, und grüßt Sie und die Ihrige herzlich. Leben Sie beide innigst wohl. Unser Kleiner ist wieder hergestellt. Adieu!

H.

 
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