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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 14 September 1795.

Den letzten Sonnabend, an dem ich Ihnen schrieb, lieber Freund, habe ich noch eigne Schicksale gehabt. Gleich nachdem ich Ihr Geschäft bei Unger abgemacht hatte, eilte ich fort. Aber unterweges begegnete mir ein Bote meiner Frau. Unser kleiner Junge war den Morgen sehr krank geworden, und sein Zustand schien in der That einen Augenblick sehr bedenklich. Ich kehrte also wieder um, und sprach mit dem Arzt, und ritt dann hier heraus. Bei meiner Ankunft fand ich das Kind zwar besser und außer Gefahr, aber meine Mutter abermals krank, und so ist der Sonnabend, wie der gestrige Tag, mit vielen durch diese Umstände verursachten Störungen verstrichen. Der Junge leidet zugleich an starkem Husten und Zähnen, jedoch glaubt der Arzt nicht, daß es von Dauer seyn wird. Mit meiner Mutter steht es noch ebenso, und es ist nichts zu thun als abzuwarten.

Möchten nur Sie, lieber theurer Freund, recht wohl und heiter seyn, das denke ich so oft hier, wenn ich mich mit ihnen und Ihren Arbeiten beschäftigte. Ich meine, der hier ungewöhnlich gute September soll Ihnen heilsam seyn, und wahrscheinlich besucht auch Goethe Sie jetzt bald auf längere Zeit.

Ich habe seit neulichem Posttag die beiden Horenstücke durchgelesen, und einige Sachen haben mir viel Vergnügen gemacht. Der Erhardische Aufsatz ist zwar, als Fragment, am wenigsten befriedigend, es ist nicht leicht, das Resultat recht rein aufzufassen, und für die Kürze, welche die Abhandlung nun hat, beschäftigt sie sich zu viel von Anfang herein mit der Republik, die noch dazu ziemlich bekannt ist. Indeß ist die Idee, die im Ganzen herrscht, sehr richtig und mit vielem Scharfsinn auseinander gesetzt. Selbst der Vortrag hat mir stellenweise sehr gut gefallen. Ich wünschte sehr die Folge seiner Gedanken zu kennen, vorzüglich ums eine Meinung über die Platonische Schrift genauer zu prüfen. Diese ist in der That in Ansehung ihres Zwecks und Plans eine Art von Räthsel, von dem es mehrere Auflösungen geben kann, und mehrere versucht worden sind. Die Erhardische hat viel für sich, und könnte, ganz ausgeführt, leicht mehr leisten als Morgensterns Buch, das Sie ja selbst besitzen. So gut ich aber mit diesem Aufsatz zufrieden bin (da das, was ich vermisse, nur darum fehlt, weil er Fragment ist), so wenig kann ich es mit Erhards Recension der Fichte’schen Vorlesungen seyn. Nie hätte ich mir einfallen lassen, daß er der Verfasser derselben wäre. Denn wenn ich auch annehmen könnte, daß die offenbaren Sprachfehler, mit denen sie gleich anhebt, bloße Druckfehler, mit denen sie gleich anhebt, bloße Druckfehler wären, so ist die Vergleichung mit Raphael, die Aufwerfung der Fragen, vorzüglich die Verschiebung ihrer Antworten und der Auszug selbst, Alles von der Art, daß ich nicht einmal einen gewöhnlich guten philosophischen Kopf vermuthet hätte. In dem Auszuge vermisse ich z. B. ganz, daß die wesentlichen Dinge recht herausgestellt, und durch die Stellung selbst gewürdigt wären, was doch unumgänglich nöthig ist, wenn der Leser einen wahren Begriff von einer philosophischen Schrift bekommen soll. Vermuthlich aber hat E. die Anzeige nicht abschlagen und doch hier seine wahre Meinung nicht äußern wollen. daher mag Aengstlichkeit und Verdrießlichkeit gekommen seyn. Die der Beiträge las ich noch nicht.

Schlegels Arbeit in beiden Heften hat mich wieder sehr interessirt, besonders der Ugolino. Indeß prophezeye ich ihm kein sonderliches Glück. Die übersetzte Stelle dürfte man doch, und ich weiß nicht, ob mit Unrecht, mehr gräßlich, als schön und erhaben finden. In der Note zum Tydeus und Menalippus hat sich Schlegel wohl geirrt. Dante dachte vermuthlich an eine Mythe, die mir immer sehr merkwürdig gewesen ist. Tydeus verschlang nämlich vor Theben das Gehirn eines erschlagenen Feindes, und Minerva, die ihn vorher hatte unsterblich machen wollen, überließ ihn nun wegen dieser Barbarei seiner Sterblichkeit.

In Voß Dichtkunst sind mir die Härten des Inhalts und der Sprache mehr im Druck, als sonst im Manuscript aufgefallen. Ich habe neuerlich einige Gesänge seiner neuen Odyssee mit prüfender Aufmerksamkeit auf die Sprachneuerungen durchgelesen. Es ist wirklich kein Capitel der Grammatik, aus dem man nicht, wenn man den gewöhnlichen Gebrauch zur Regel nimmt, eine Menge Solöcismen sammeln könnte. Da es gewiß sogar nothwendig ist, die Sprache zu verbessern, aber eben so gewiß nicht gut, in dem Neuern keine Gränze zu finden, so habe ich jetzt viel über die Auffindung dieser Gränzen nachgedacht. Viel glaube ich kommt darauf an, nicht Alles für Verbesserungen zu halten, was an sich in einer Sprache überhaupt ein Vorzug ist, sondern sehr genau auf die Eigenthümlichkeit der Sprache, die man vor sich hat, zu sehen. Nicht bloß, daß die Sprache selbst ein organisches Ganzes ist, so hängt sie auch mit der Individualität derer, die sie sprechen, so genau zusammen, daß dieser Zusammenhang schlechterdings nicht vernachlässigt werden darf. Darum dünkt mich, sollte Niemand so sparsam mit Sprachverbesserungen seyn, als gerade der Uebersetzer, da dieser seine Sprache nicht einmal nach einem allgemeinen Ideal, sondern nach einer bestimmten anderen Sprache umändert. Um aber freilich hier nur irgend feste Regeln zu bestimmen, müßte es möglich seyn, die Eigenthümlichkeiten einer bestimmten Sprache genau charakteristisch und zugleich so ausführlich anzugeben, daß es möglich wäre, darnach einzelne empirische Regeln für die Sprachverbesserung herzuleiten, und hierzu sehe ich noch das Mittel nicht ein. Bis dahin aber werden immer diejenigen, die für und wider Voß streiten, bald beide Recht, bald Unrecht haben.

Von wem ist denn Kirchhof und Lethe? Letzteres hat mir nicht recht gefallen wollen, das erstere mehr, wenn ich auch schon die Gattung nicht liebe.

Aber Sie werden Sich gewundert haben, daß ich noch nicht früher des Jacobi’schen Aufsatzes gedachte. Sehr richtig sagen Sie, daß nichts charakteristischer seyn kann. Ideen, Sprache, die guten wie die geschmacklosen Stellen und alles Er und nur Er. Auch hat ihn hier Jedermann, so viel ich hörte, erkannt, und mit Vergnügen gelesen.

H.

 
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