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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 11 September 1795.

Ihre beiden letzten Briefe, theurer Freund, so liebevoll sie auch für mich waren, schienen mir in einer mißmuthigen Stimmung geschrieben, und es hat mir innig weh gethan, daß Sie in Ihrem innern, ruhigen und frohen Daseyn doch so manchmal gestört werden müssen.

Möcht’ ich nur erst wieder bei Ihnen seyn, mein liebster Freund. Mündlich und gesellschaftlich macht sich so Vieles leicht ab, das allein einem schwer und verdrießlich aufliegt. Ich rechne noch immer, den 1sten October von hier abzugehen, und rechne es jetzt fast gewisser, als vor einigen Wochen, obgleich ich Ihnen nicht von meinen Besorgnissen schreiben mochte.

Ihre Briefe sind mir eine große Erquickung gewesen, und sind es noch jedesmal. Sie haben mit den kleinen Aufträgen, die sie enthielten, und Ihren Gedichten, den größten Theil meiner sparsamen Muße ausgefüllt. Die Würde der Frauen hat einen sehr schönen Eindruck auf uns beide gemacht. Mir war es ein in der That unbeschreibliches Gefühl, Dinge, über die ich so oft gedacht habe, die vielleicht noch mehr, als Sie bemerkt haben, mit mir und meinem ganzen Wesen verwebt sind, in einer so schönen und angemessenen Diction ausgeprägt zu finden. Was man so denkt und prosaisch hinschreibt, ist doch nur so ein Hin- und Herschwatzen, etwas so Todtes und Kraftloses, vorzüglich etwas so Unbestimmtes und Ungeschlossenes; Vollendung, Leben, eigene Organisation erhält es nur in dem Munde des Dichters, und dieß habe ich lange nicht so sehr, als hier, gefühlt. Die Zeichnung jedes der beiden Charaktere ist Ihnen gleich gut, als die Entgegenstellung beider gelungen, das Sylbenmaß ist äußerst glücklich gewählt, und es wird nur sehr wenig Gedichte geben, die so sicher rechnen können, ihre Wirkung so voll, als dieses, zu thun. Meine Frau meint, ob es nicht vielleicht gut gewesen wäre, wenn Sie den Anfang: Ehret die Frauen! noch einmal am Schlusse zurückgebracht hätten. An einen philosophischen Egoisten ist von einer sehr eigenen und hohen Schönheit. Die Beschreibung der Mutter und des Säuglings ist überaus zart und lieblich und die Wendung des Ganzen schön und überraschend. Unter den übrigen hat mir Weisheit und Klugheit und Odysseus am meisten gefallen. In dem Odysseus liegt ein großer und tiefer Sinn. Die Ritter sin ja recht fromm geworden und machen niedliche bunte Reihe gegen das Ende des Alamanchs hin mit den Epigrammen. Diese habe ich empfangen, und sie haben mich aufs Neue sehr gefreut. Sie zeichnen den Goethe’schen Charakter sehr in seinen wesentlichsten und gefälligsten Zügen.

So viel für heute, liebster Freund!

H.

 
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