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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 31 August 1795.

Ich danke Ihnen herzlich, liebster Freund, für Ihren letzten interessanten Brief. Unser jetzt so lebhafter Briefwechsel macht mir eine unendliche Freude, und knüpft mich fast allein noch an eine intellectuelle Thätigkeit an.

Es hat uns sehr geschmerzt zu sehen, daß es mit Ihrer Gesundheit noch so gar nicht besser geht. Ich bewundere, daß es Ihnen möglich ist, dabei eine so schöne und fruchtbare Geistesstimmung zu bewahren, als Ihre Arbeiten durchaus verrathen. Auch die letzteren haben mich sehr angenehm beschäftigt, und wenn, wie Sie einmal äußern, die Freundschaft sich in mein Urtheil einmischt, so geschieht es, ohne daß ich es selbst weiß. Ich weiß zu gut, daß ich mich überall in der Kritik zu leicht zum Beifall hinreißen lasse, als daß ich mich nicht jedesmal mit Fleiß zu einer größeren Strenge stimmen sollte.

Die Ideale tragen das Gepräge der Stimmung an sich, in der sie, wie Sie mir schreiben, entstanden. Eine Wehmuth, die sich in Ruhe aufgelöst hat, ist über das Ganze verbreitet, und die glänzenden und lebendigen Gestalten, welche die erste Hälfte aufstellt, thun eine sehr gute Wirkung. Auch sind einzelne Stellen überaus glücklich. Dennoch hat dieß Gedicht, ich weiß noch selbst nicht recht warum, nicht ganz den Effect auf mich gemacht, als Ihre übrigen Stücke, und meine Frau hat mir dasselbe von sich gesagt. Ich bin es einzeln und sehr genau durchgegangen, und wüßte nichts, was ich, unbedeutende Kleinigkeiten abgerechnet, tadeln könnte. Auch die strengste Kritik muß gewiß gestehen, daß es ein sehr schönes Gedicht ist, und eben dieß auch sagt mir mein Gefühl. Nur vermisse ich die gedrängte Fülle, den Schwung, den raschen Gang, mit Einem Wort den eigenthümlichen Charakter, an dem ich, auch unter lauter Musterwerken, doch Ihre Arbeit leicht erkennen würde. Freilich rührt dieß wohl von dem Gegenstande selbst her, und insofern dieß ganz der Fall ist, entspringt der Eindruck, den es auf uns machte (wie auch sehr wohl möglich ist), aus einer einseitigen Beurtheilung. Nur ob jene Vorzüge nicht auch mit diesem Stoff zu vereinen waren, darüber bin ich zweifelhaft, und nur auf diese Möglichkeit gründet sich meine Kritik. Wie es da ist, scheint mir die Wirkung weniger auf seinen dichterischen Vorzügen, als auf dem Interesse zu beruhen, welches eine so menschliche und das Gefühl so stark ergreifende Stimmung nothwendig mit sich führt. Es hat unläugbar, wie auch der Eindruck auf Goethe beweist, etwas sehr Rührendes, ich zweifle nur, ob dieß Rührende nicht auf eine zu überwiegende Weise aus dem Stoff, und weniger aus der Form entspringt. Es hat einen so nahen Bezug auf Sie, die Empfindung ist so schön und natürlich, der Ausdruck so wahr, daß meinem Herzen kein anderes Stück Ihrer Hand eigentlich so werth ist. Auch unterscheidet es sich dadurch gar sehr von Ihren übrigen. Ueberall ist das Gefühl so viel sichtbarer, als die Phantasie. Nur ob dieser Eindruck ganz rein ist, ob das Gefühl, so wie es der Kunst eigen ist, durch die reine Form, oder auf einem unmittelbaren Wege zugleich rege gemacht wird? das ist die Frage; und wenn meine Kritik irgend gegründet ist, so glaube ich, muß es hierin liegen. Ueber keines Ihrer Gedichte ist mir das Urtheil so schwer geworden, und doch, wie ich selbst fühle, so mißrathen. Ich stehe in einem Streit mit mir selbst, aber ich wollte Ihnen den Eindruck auf mich doch wenigstens historisch erzählen, wenn ich auch nicht davon Rechenschaft zu geben wußte. Was Sie von Ihrem Aufenthalt in Stuttgart sagen, bestätigt meine eigene Erfahrung an Ihnen vollkommen, und hat mich darum doppelt gefreut. Gewiß ist Ihre Geistesform jetzt auf ewig bestimmt. Ich weiß Niemand, auf dessen Unveränderlichkeit ich so fest bauen möchte, als auf die Ihrige, aber es ist noch mehr, als das. Bei Jedem bringen Zeit und Umstände etwas Aehnliches hervor; bei Ihnen hat sich zu beiden der Wille gesellt, und darum ist diese Erscheinung in Ihnen so ganz aus Ihrem Charakter entstanden, und so ganz auf ihn zurückwirkend. Auch glaubte ich immer seit Ihrer Zurückkunft nach Jena eine gewisse Aenderung an Ihnen zu bemerken. Alles Beste von Sonst fand ich wieder, und erhöht, aber außerdem eine so gleichmäßige aus Ihrem ganzen Selbst entsprungene Ruhe und Milde, daß beide, abgerechnet, daß sie Ihre innere Zufriedenheit nothwendig erhöhen, einen unbeschreiblich wohlthätigen Einfluß auf den Umgang mit Ihnen verbreiten. Denn gerade das schätze ich so sehr, daß durch Ihre ernste Wahrheitsliebe weder die Milde, noch durch diese jene verliert.

Die beiden letzten Strophen, und vorzüglich die letzte, schildern auf eine überaus eigenthümliche Art Ihr Leben und Ihre Individualität, diese fortwährende Geistesthätigkeit, die keiner Schwierigkeit erliegt, nie ermüdet, wie langsam auch der Fortschritt sey, und endlich immer zum Ziele gelangt. Zu den schönsten und in der That ganz gelungenen Stellen Ihres Gedichtes möchte ich die beiden Strophen von: „Wie einst mit flehendem Verlangen“ u. s. w. an, und besonders die letzte Hälfte der hernach folgenden rechnen. Sehr dichterisch und malerisch ist auch die: „Wie leicht ward er dahin getragen“ u. s. w. Ein wenig hart ist mir der Vers: „Ein reißend bergab rollend Rad“ vorgekommen; statt Minne hätte ich Liebe gewählt, das erstere scheint mir mehr spielend als ernst, und dem Geiste dieses Stücks weniger angemessen; für Beschäftigung hätte ich ein anderes Wort gewünscht. Ist es nicht zu prosaisch, und schon Thätigkeit lebendiger und mehr poetisch? Freilich drückt das erstere Ihren Gedanken passender aus.

Natur und Schule liebe ich sehr. Da die so natürliche Frage schon an sich so oft aufgeworfen wird, und die Lage der Zeit selbst die Beantwortung noch nothwendiger macht, so kann es ihr auch an allgemeinem Interesse nicht fehlen, und die Antwort ist zu einfach, um nicht ohne Mühe verstanden zu werden. Es lag wahrscheinlich nicht in Ihrem Plan, sonst hätte ich gewünscht, Sie hätten die Idee weiter verfolgt und wären auf die Frage gekommen, ob die Dauer einer solchen natürlichen, zweifellosen Unschuld wahrscheinlich oder nur möglich ist? was sie verbürgt? wozu eigentlich der Mensch als Mensch bestimmt ist? Die Behandlung wäre in einem Gedicht nicht leicht gewesen, hätte aber doch zu sehr poetischen und schön gegen einander contrastirenden Gemälden Anlaß gegeben. Die Idee zu meinem kleinen Aufsatz über die Luise hat mich dieser Materie näher geführt. Die Trockenheit, die allerdings, wie Sie sagen, dem Stoff Ihres Gedichtes eigen seyn mag, haben Sie ihm durch die Behandlung gänzlich genommen. Die Schilderung der Natur ist sehr schön und anziehend, und auch die finstere Schule malt Ihre Hand der Phantasie in großen und prächtigen Bildern. Das Ganze paßt aber allerdings mehr für die Horen, als für den Almanach.

Der spielende Knabe ist überaus schön, so lieblich und zart, und so charakteristisch. In der Ilias ist ein großer, und sogar so historisch wahrer Gedanke sehr glücklich ausgedrückt, und ein sehr schönes Epigramm im griechischen Sinn ist das Wiegenlied. Bei diesen Ihren Kleinigkeiten ist mir die Vergleichung mit den ähnlichen Herderschen auffallend. So trefflich die letzteren auch größtentheils sind, so vermisse ich doch etwas, das die Ihrigen auszeichnet. Fast nirgends ist der Gehalt so gediegen, die Diction so rund und kurz, das Ganze so stark und vollendet.

Heliopolis hat mir viel Vergnügen gemacht, und ich begreife nicht, wie Herder den Sinn so mißverstehen konnte. Für mich liegt eine große und wichtige Wahrheit darin. Die Erfindung paßt sehr gut dazu, und die Erzählung ist sehr poetisch. Hätten Sie ihr, ohne zu großen Aufwand von Zeit und Mühe, noch den Reiz des Reims geben können, so hätte ich es freilich noch vorgezogen. Indeß dient selbst dieß zur Mannichfaltigkeit, die jetzt dem Gehalt und der Form nach unter Ihren Beiträgen sehr groß ist.

Was Sie über das elegische Sylbenmaß sagen, finde ich vollkommen wahr, auch bin ich sehr zufrieden, daß es Sie so anzieht, da diese Liebe solche Früchte trägt. Der Reim wird darum sein Recht an Ihnen nicht verlieren. Auch bei Ihnen liebe ich ihn doch nur vorzüglich in der lyrischen Gattung, und zu dieser ist die Stimmung, die ihn dann auch gewiß herbeiführt, doch seltener. Fast möchte ich, Sie machten auch einmal einen Versuch in den eigentlich lyrischen Sylbenmaßen, wie die Klopstockischen und Horazischen sind. Zwar lieb’ ich sie im Deutschen gar nicht, aber nur um Sie in allen Gattungen zu sehen.

Die Herderschen letzten Beiträge sind wieder recht sehr gut. Am besten gefallt mir die Harmonie der Welt, und Nacht und Tag.

Kosegartens Schön Sidselil hat mich wegen der beiden ersten Verse laut auflachen gemacht. Das Ganze ist eine furchtbare Composition. Aber in der Voraussetzung, daß in diesen Dingen, als in fremden Volksliedern, etwas historisch Wahres liegt, lesen sie sich doch mit Interesse und dienen dem Almanach zur Mannichfaltigkeit.

Die Farbengebung von Herder ist sehr zart und schön.

Meyer hat ja ordentlich viel geschickt.

Die Aenderungen habe ich gehörigen Orts vorgenommen; es hat mich sehr gefreut, daß Sie bei der dritten Stelle im Tanz meine Meinung gegründet gefunden haben. Alle Verbesserungen sind sehr gut, vorzüglich stehen die beiden neu hinzugekommenen Verse so an ihrer Stelle, daß ihnen gewiß Niemand ihre spätere Geburt ansieht. Für die Ausmerzung der Möven dankt meine Frau besonders. Die Aenderung ist freilich noch nicht ganz glücklich, indeß immer viel besser. Ich werde mit dem Einrücken dieses Stücks noch warten. Indeß kann ich mich noch nicht entschließen, es von der Spitze wegzunehmen, und gegen die mystische Parthenope (die gar nicht so sehr meine Liebschaft ist) auszutauschen; und Sie müssen mir dießmal meinen Ungehorsam schon nachsehen. Es ist wirklich weder Grille, noch bloße Vorliebe für dieß Stück. Schon sein Gegenstand führt es natürlich an die Spitze, und da jeder doch, ehe er blättert, das erste Stück liest, so ist es gar nicht gleichgültig. Ich werde daher, wenn es möglich ist (sonst folge ich Ihrem Auftrag) mit dem Bogen B anfangen lassen. Da Alles arrangirt ist und seyn muß, so wird das wohl füglich angehen. Indeß ersuche ich Sie doch um baldige Nachricht, ob es so bleiben soll, oder wie ich ändern soll?

Ich billige es gar sehr, daß Sie auf den Almanach bedacht sind, und Ihrer poetischen Stimmung folgen. Aber werden Sie doch ja für die Horen nicht muthlos. Vermeiden Sie Aufsätze im Schlage der meinigen und des Fichtischen, sorgen Sie, so viel es geht, für leichte (wäre es auch manchmal lose) Waare, und die Horen gehen gewiß recht gut. Trotz aller widersprechenden Urtheile, höre ich doch allgemein, daß die letzteren Stücke mit größerem Vergnügen gelesen worden sind, und was wird mehr erfordert? Goethe’s noch in diesem Jahre zu erwartende Beiträge sind, den Titeln nach zu urtheilen, auch wenn der Faust nicht kömmt, doch immer sehr brauchbar. Der Herdersche jetzige wird auch interessiren, und ganz müßig für die Horen sind Sie ja gewiß eben so wenig im Rest des Jahres, als jetzt, wo Sie das treffliche Reich der Schatten und Natur und Schule geliefert haben. Ist Ihnen schon die Recension der 4 ersten Horenstücke im neuesten Bande der Bibliothek der schönen Wissenschaften zu Gesicht gekommen? Ich dächte doch, sonst lieferte ich Ihnen Auszüge. Aber man muß es ganz lesen. von wem auch dieß saubere Product herrühren mag, so ist es immer ein elendes Machwerk ohne Philosophie und mit einem kleinlichen einseitigen Geschmack, nüchtern wie die ganze Bibliothek und, wie Jacobi sagen würde, recht philistermäßig. Ich bin indeß sehr gut davon gekommen. Denn außerdem, daß ich durch eine ordentliche Assignation an alle Duretacten angewiesen werde, die Ihnen gesagt sind, so ist doch eben keine eigene Zugabe für mich dabei. Von Manchem begreift man gar nicht, ob es Ironie oder was sonst ist?

Den Meister (das Ende des 5ten Buchs und das 6te bis auf ein noch fehlendes Stück) hat mir Unger mitgetheilt, aber leider nur auf so kurze Zeit, wegen der Eile mit dem Drucke, daß ich es bloß einmal und flüchtig habe lesen können. Das 5te Buch ist sehr interessant und ganz im Geiste seiner Vorgänger. Indeß ist der Knoten mit der Person, in deren Armen Meister sich fühlte, doch noch mehr bloß zerhauen, als es, dünkt mich, sogar für’s erste noch erlaubt war. Meisters Einschlafen ist nicht natürlich. Das 6te Buch hat mich sehr interessirt. Der Gang der religiösen Meinungen in dieser Person ist mit großer Treue und Natur geschildert, und Goethe hat eine große Bekanntschaft auch mit dieser Seite der menschlichen Seele darin bewiesen. Vorzüglich ist die Wahrheit, daß die Empfindungsweise überhaupt die Religiosität und ihre Modificationen, und nicht diese jene bestimmt, auf eine im ganzen Gange der Geschichte doch sehr einleuchtende, und auf eine so individuelle Art gezeigt, daß sie dadurch gewissermaßen neu erscheint. Einige Stellen scheinen mir tiefe psychologische Blicke zu verrathen, und ich hätte sie gern genauer untersucht, so z. B. den Uebergang zu einer größeren religiösen Aengstlichkeit, durch den ernsten Umgang mit Philo, gleichsam die Offenbarung dessen, was Glaube sey, beim Knieen am Crucifix u. s. w.

H.

 
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