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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 25 August 1795.

Ich weiß nicht, lieber Freund, ob ich Ihnen werde viel schreiben können. Ich eile daher zuerst Einiges über den Musenalmanach abzumachen. Auch die jetzige Lieferung hat gar sehr meinen Beifall.

Herders Parthenope ist ganz Herderisch, voll seiner Vorzüge, aber, wie es mir wenigstens scheint, auch seiner Unarten. Das Stück hat im Ganzen einen schönen, ergreifenden Gang, und einzelne unendlich liebliche Stellen, aber auch so viel Mystisches und ein so durchaus verbreitetes Halbdunkel, daß Mancher leicht daran irre werden kann. Einiges ist mir in der That unverständlich, so folgende Stelle, die ich Sie doch noch einmal anzusehen bitte:

                                                                Der Baum,
Der rein geläutert von der Erde Düften,
   Ein himmlisches Gewächs, den runden Saum
Umschreibet mit der Sonne goldnen Schriften.

Heißt das: die Sonne beschiene die Spitzen der Blätter, so ist es doch beinahe schwülstig ausgedrückt. Die beiden kleineren Stücke mit D. unterzeichnet, sind doch wohl auch von ihm; sie sind sehr schön; sehr zart und griechisch ist sein kleines mit E. unterzeichnetes Epigramm. Die beiden Aenderungen in der Entfernten und Madera habe ich gemacht. In dem letzteren aber heißt der Vers

Ihr Gebet und einen Tempel.

wofür ich nun

Ein Gebet u. s. f.

wie Sie schrieben, gesetzt habe.

Meyer hat Ihnen gewiß noch immer sein Bestes geschickt, ob ich gleich die Biondina nicht recht verstehe. Die Boten sind recht artig. Wie kommt Ihnen sein Brief vor?

Haben Sie noch mehr, als dieß eine recht hübsche Ding von Kosegarten?

Wer ist der Y. mit dem närrischen Herzenswechsel? In dem Gedicht der Mereau, glaube ich, werden Sie eine kleine Aenderung machen müssen. Es heißt:

Es rauschen die Wellchen – – – –
Und reißen manch Blümchen vom Ufer in Quell.

Der Artikel kann hier nicht fehlen. Sey’n Sie so gütig, mir hierauf zu antworten, ich will lieber das Gedicht so lange zurückbehalten. Ueberhaupt wünschte ich, daß Sie mir mit nächster Post nun schreiben könnten, was Ihnen noch etwa über den druck des Almanachs einfällt. Denn ich denke, er soll mit künftiger Woche angehen.

Goethe’s Reise und wahrscheinlicher längerer Aufenthalt thut mir für Sie, der Sie einen so sicheren Nachbar an ihm hatten, doppelt leid, ob ich ihn gleich gern in Italien, wohin ich noch ganz gewiß 1797 zu gehen denke, und mit großem Verlangen steuere, fände. Von seinem Werke, wenn es auch freilich bei einem solchen Umfange, in einigen Stücken wird mangelhaft seyn müssen, verspreche ich mir sehr viel.

Daß mein Bruder den Weg in die Schweiz über Venedig und Mailand genommen, schrieb ich Ihnen wohl schon. Sein letzter Brief ist aus Venedig, wo ihn die Schönheit und Neuheit der Gegenstände bezaubert.

Woltmanns Recension der Musenalmanache will ich zwar nicht naiv und höflich nennen; aber ganz so arg, als sie Ihnen Schreyvogel geschildert hat, ist sie doch auch nicht. Ich habe sie vor Ihrem Briefe gelesen, und da Woltmann wenig bisher recensirt hat, so ist er mir gar nicht eingefallen. Sie zeichnet sich doch immer vor den übrigen belletristischen Recensionen der A. L. Z. aus, wie außer mir auch Mehrere urtheilen. Daß das Tadelnswerthe getadelt worden sey, ist mir darin nicht aufgefallen, wohl aber war das Mittelmäßige zu sehr gelobt. Unverzeihliche Fehler dieser Recension waren, daß sie äußerst wortreich (z. B. über den Nutzen der Almanache) und ziemlich gedankenleer war, daß sie schlecht und affectirt geschrieben war (Blumen und Blüthen kam auf zwanzigmal vor), und daß der Recensent auf eine unausstehliche prätensionsvolle Weise einem Herrn T. einen Kranz ertheilte, von dem dieser nun wieder einzelne Blumen an, ich weiß nicht wen, abgeben sollte.

Ich sehne mich unglaublich wieder zu Ihnen, liebster Freund, es fehlt mir nicht, wie Ihnen, an Zerstreuung, aber die brauche ich wenig, ganz aber an einem solchen Ideenwechsel und einem solchen freundschaftlichen Genuß. Ueberhaupt sagt mir doch unsere Trennung aufs Neue, daß Sei nicht in Jena leben sollten. Wenn ich bedenke, daß meine Abwesenheit Sie, Goethen der noch bei Weitem nicht immer da ist abgerechnet, in eine wahre Einsamkeit versetzt, so könnte mir bange werden. Ich würde nirgends, wo ich auch lebte, für Ihren Umgang einen Ersatz finden, das fühle ich sehr lebhaft. Aber Ihnen würde eine große, lebendigere Stadt doch mehr Stoff von Außen zuführen, dessen Sie zwar nicht zum besseren Gelingen Ihrer Arbeiten (denn es ist wunderbar, wie selbstständig und selbstgenügsam Sie von dieser Seite sind), aber doch zur minderen Anspannung in einem arbeitsvollen Leben, und zu einer froheren mannichfaltigeren Existenz bedürfen. Auch wünschte ich Sie noch unabhängiger, selbst die Horen ärgern mich manchmal. Sie beschränken doch wohl hie und da Ihre Freiheit und Ihre Wahl in der Arbeit. – Herzlich freu eich mich, in fünf Wochen wieder bei Ihnen zu seyn, und mich für die lange saure Entbehrung zu entschädigen.

Leben Sie herzlich wohl. Tausend Grüße an Lolo von mir und von meiner Frau an Sie beide. Adieu. Ihr

H.

 
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