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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 21 August 1795.

Wie soll ich Ihnen, liebster Freund, für den unbeschreiblich hohen Genuß danken, den mir Ihr Gedicht gegeben hat. Es hat mich seit dem Tage, an dem ich es empfing, im eigentlichsten Verstande ganz besessen, ich habe nichts Anderes gelesen, kaum etwas Anderes gedacht, ich habe es mir auf eine Weise zu eigen machen können, die mir noch mit keinem anderen Gedichte gelungen ist, und ich fühle es lebhaft, daß es mich noch sehr lang und anhaltend beschäftigen wird. Solch einen Umfang und solch eine Tiefe der Ideen enthält es, und so fruchtbar ist es, woran ich vorzüglich das Gepräge des Genie’s erkenne, selbst wieder neue Ideen zu wecken. Es zeichnet jeden Gedanken mit einer unübertrefflichen Klarheit hin, in dem Umriß eines jeden Bildes verräth sich die Meisterhand, und die Phantasie wird unwiderstehlich hingerissen, selbst aus ihrem Innern hervorzuschaffen, was Sie ihr vorzeichnen. Es ist ein Muster der didaktisch-lyrischen Gattung, und der beste Stoff die Erfordernisse dieser Dichtungsart und die Eigenschaften, die sie im Dichter voraussetzt, daran zu entwickeln. Ich habe an einzelnen Stellen studirt, zu finden, wie Sie es gemacht haben, um mit der vollkommenen Präcision der Begriffe die höchste poetische Individualität und die völlige sinnliche Klarheit in der Darstellung zu erreichen, und nie hat sich mir die Production des Genie’s so rein offenbart, als hier. Nachdem ich mir eine Zeit lang Gedanken und Ausdruck durch Raisonnement deutlich gemacht hatte, kam ein Moment, in dem ich es nahe empfand, wie es in Ihnen müßte emporgestiegen seyn. Es ist schlechterdings mit keiner Ihrer früheren poetischen arbeiten zu vergleichen. Die Künstler, so vortrefflich sie in sich sind, stehen ihm weit nach, und wenn auch in den Göttern Griechenlands, schon durch die Natur des Gegenstandes, eine blühendere und reichere Phantasie herrscht, so stehe ich nicht an, insofern sich beide Stücke, als poetische Productionen, überhaupt mit einander vergleichen lassen, auch hier diesem den Vorzug zu geben. Es trägt das volle Gepräge Ihres Genie’s und die höchste Reife, und ist ein treues Abbild Ihres Wesens. Jetzt, da ich vertraut mit ihm geworden bin, nahe ich mich ihm mit denselben Empfindungen, die Ihr Gespräch in Ihren geweihtesten Momenten in mir erweckt. Derselbe Ernst, dieselbe Würde, dieselbe aus einer Fülle der Kraft entsprungene Leichtigkeit, dieselbe Anmut, und vor Allem dieselbe Tendenz, dieß Alles, wie zu einer fremden überirdischen Natur, in Eins zu verbinden, leuchtet daraus hervor. Indeß habe ich mich nicht durch seine hohe, überraschende Schönheit zu einem Entzücken hinreißen lasen, das die Prüfung verwehrte. Auch ist es für einen solchen Eindruck nicht gemacht, und schwerlich ergründete er seinen tiefen Sinn, auf den es so wirkte. Man muß es erst durch eine gewisse Anstrengung verdienen, es bewundern zu dürfen; zwar wird jeder, der irgend dafür empfänglich ist, auch beim ersten aufmerksamen lesen den Gehalt und die Schönheit jeder Stelle empfinden, aber zugleich drängt sich das Gefühl auf, bei diesem Gedichte nicht anders, als in einer durchaus verstandenen Bewunderung ausruhen zu können. Ich habe es ganz zu vergessen gesucht, daß es ein Gedicht ist, ich habe den philosophischen Inhalt, den Zusammenhang der Gedanken, die Uebergänge von einem zum anderen, wie in einer Abhandlung zergliedert und geprüft, und ich fühle es deutlich, wie viel meine eigentliche Begeisterung dafür dadurch gewonnen hat. Ich bin allerdings auf Stellen gestoßen, von denen ich mir nicht sogleich deutliche Rechenschaft zu geben wußte. Aber bei wiederholtem Lesen und Nachdenken sind mir alle Zweifel verschwunden; ich glaube jetzt Alles zu verstehen, und nur ob Eine einzige Stelle nicht noch bestimmter ausgedrückt seyn sollte, will ich Ihnen zu bedenken geben. Daß dieß Gedicht nur für die Besten ist, und im Ganzen wenig verstanden werden wird, ist gewiß. Aber wie man es mit dieser Art Undeutlichkeit zu halten hat, darüber sind wir ja längst einig; und zu den Besten ist hier doch jeder zu rechnen, der einen guten gesunden Verstand mit einem offnen Sinn und einer reizbaren Phantasie verbindet. Zwar haben Sie recht, daß es Bekanntschaft mit Ihren Ideen, besonders mit Ihren Briefen brauchen kann, aber es bedarf ihrer nicht, und ruht in jedem Verstande auf sich selbst.

Dasjenige, wodurch die Deutlichkeit außerordentlich befördert wird, ist die Exposition in den ersten vier Strophen, die in der That zum Bewundern einfach und lichtvoll ist. Von diese hängt doch alsdann alles Uebrige schlechterdings ab. Sobald einmal die Hauptidee echt gefaßt ist, und für diese haben Sie auf eine Weise gesorgt, die keinen Zweifel mehr übrig läßt, so muß es jedem leicht werden, sich an ihr durch den Gang des Ganzen durchzufinden. Denn überall ist hernach das Gebiet des Wirklichen dem Gebiet des Idealischen so bestimmt entgegengesetzt, daß bei hinlänglich verweilender Aufmerksamkeit kein Irrthum darüber statt finden kann. Dennoch sind gerade bei dieser Entgegensetzung die Stellen, bei denen der Ungeübte stehen bleiben wird, und die auch den Geübten verweilen können. Vorzüglich scheinen sie mir in der 8 - 10 und dann in der 13 bis 14ten Strophe vorzukommen. In der ersten Stelle bin ich überzeugt, dürfte kein Wort anders stehen, es ist eigentlich da gar keine Dunkelheit. Schwierigkeit kann wohl in Einem und dem Anderen gefunden werden, aber dieß konnte und durfte nicht vermieden werden. Nicht eben so gewiß aber möchte ich behaupten, daß dieß auch mit der letztern der Fall wäre. Mein ganzer Zweifel beruht nämlich darauf, ob in der 13ten Strophe das Gebiet der Schönheit, das ästhetische Reich bestimmt genug angedeutet ist? oder ob die Ausdrücke, vorzüglich der Vers: „In die Freiheit der Gedanken“ nicht ein wenig zu allgemein sey? Der Sinn nämlich, denke ich, kann kein anderer, als folgender seyn: der bloß moralisch ausgebildete Mensch geräth in eine ängstliche Verlegenheit, wenn er die unendliche Forderung des Gesetzes mit den Schranken seiner endlichen Kraft vergleicht. Wenn er sich aber zugleich ästhetisch ausbildet, wenn er sein Inneres, vermittelst der Idee der Schönheit, zu einer höheren Natur umschafft, so daß Harmonie in seine Triebe kommt, und was vorher ihm bloß Pflicht war, freiwillige Neigung wird, so hört jener Widerstreit in ihm auf. Diesen letzten Zustand, dünkt mich, haben Sie nicht bestimmt genug bezeichnet. Zwar sichert theils der Geist des ganzen Gedichs, theils die Stelle: „Nehmt die Gottheit u. s. w.“ den sehr aufmerksamen Leser, nicht in ein Mißverständniß zu verfallen; aber, und dieß sollte doch seyn, er wird nicht genöthiget, nur allein den rechten Sinn aufzufassen, er kann sich doch bei dieser Stelle noch immer bloß das denken, was Kant in seiner Sprache „einen guten, reinen Willen erlangen“ nennt, und was Sie doch hier nicht meinen. Auch haben Sie in allen anderen Stellen, wo die ähnliche Gedankenfolge war (Str. 10, 12, 16) die Schönheit entweder selbst genannt, oder doch ganz bestimmt bezeichnet. Wie viel gäbe ich darum, wenn ich mit Ihnen hierüber, und über das Ganze reden, wenn ich es von Ihnen vorlesen hören könnte. Auf wie viel Stellen würden wir dann noch stoßen, die eine wirklich unnachahmliche Schönheit haben, und wo man es nicht satt wird zu bewundern, wie unendlich Eins der Ausdruck mit dem Gedanken ist. Gleich die schöne Kürze der Exposition in der ersten Strophe: Zwischen Sinnenglück u. s. w., die herrliche Anwendung der Fabel von der Proserpina, die göttliche Schilderung der Gestalt, die ganzen beiden Strophen „Wenn das todte u. s. w.“ und vor Allem die bewundernswürdige Leichtigkeit in den Versen: „Nicht der Masse u. s. w.“, die Erhabenheit in der Stelle: „Nehmt die Gottheit auf u. s. w.“, und endlich der prächtige Schluß, der den Eindruck, den das ganze Gedicht auf die Seele macht, noch einmal und doppelt stark wiedergibt. Bewundernswürdig ist es auch, wie Sie, ungeachtet des einfachen trochäischen Sylbenmaßes (was aber zu dieser Gattung überaus passend ist) doch den Gedanken auf eine so ausdrucksvolle Weise mit dem Sylbenfalle begleitet haben. Vorzüglich sichtbar ist dieß in dem Vers: „Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt“ und in der ganzen Strophe: „Wenn es gilt zu herrschen u. s. w.“ Auch auf kleinere Flecken habe ich Acht gegeben, aber doch nur wenige und unbedeutende gefundne, deren ich indeß doch erwähnen will, weil Sie es zu wünschen scheinen. Str. 2 Strahlenscheibe ist wohl nicht eigentlich gebraucht. So viel ich glaube, gebraucht man es nur für Flächen, und der Vollmond ist allerdings eine vollkommen erleuchtete Strahlenscheibe, wenn auch die andere Hälfte des ganzen Mondkörpers dunkel bleibt. Str. 4 eignet absolut und ohne Accusativ des Objects ist zwar schwerlich dem Sprachgebrauch gemäß, scheint mir aber eine sehr zweckmäßige Spracherweiterung. Die Angst des Irdischen ist ein prächtig gewählter Ausdruck, kein anderes Wort könnte Alles, was Sie hier sagen wollen, so treu und unmittelbar ans Gefühl legen. Str. 6 Sclave, schlafe. Str. 7 styg’schen. St.r 8, 16 duft’gem. Str. 11 Nerve unterwerfe. Str. 13 traur’ger. Str. 17 umarmt die Acheront’schen. Daß Sie dieß Gedicht den Horen geben, ist sehr gerecht. Es schickte sich nicht einmal für einen Almanach. Freilich aber ist die Armseligkeit so groß, daß, wenn man nicht auf Nachbeterei, auf den Eindruck, den der Gebrauch einiger mythologischer Figuren macht, und auf die Wirkung des so wohlklingenden Rhythmus rechnen will, man sich keine außerordentliche Aufnahme eines solchen Gedichts versprechen darf. Aber auch nur auf die äußern Umstände Rücksicht zu nehmen, zeigen sie wenigstens, daß Sie für die Horen thun, was nur irgend ein Schriftsteller leisten kann. In drei verschiedenen Gestalten treten Sie nun schon im ersten Jahre auf, und mit welchen Producten! Bleiben Sie aber ja bei dem Entschluß, in den nächsten Monaten bloß zu dichten. Es gibt doch nichts so Bezauberndes, als die Werke des dichterischen Genie’s. Nur sie scheinen eigentliche Productionen, nur sie Werke, die für sich bestehend, auf die Nachwelt gelangen können. Alles Philosophirende scheint man sich eher als auf eine mechanische Weise (durch Entwickelung, Trennung, Verbindung) entstanden denken zu können, es gleicht mehr einer bloßen Uebung, einer Vorbereitung des Kopfs, es ist mit Einem Wort nicht so in sich vollendet, nicht so ein eigenes Individuum, wie ein Kunstwerk.

Ich schäme mich doppelt, Ihnen nichts für das 9te Stück schicken zu können, da ich sehe, daß es Ihnen mangelt. Aber es tröstet mich, daß ich denke, Sie werden wohl etwas bekommen haben. Körner, Archenholz, Jacobi, Herder haben ja versprochen, und dann verlieren Sie wenigstens für die Horen nicht viel. Man wird meinen Productionen schwerlich zu viel Geschmack abgewinnen, und dieß macht mich auch kälter für Dinge, die doch am Ende mehr schriftstellerische Ausführungen als große wissenschaftliche Erweiterungen sind. Indeß denke ich doch sehr ernsthaft an die Louise. Nur bin ich in einer sehr gestörten Lage gewesen. Ich wünschte herzlich, ich wäre wieder bei Ihnen. Da sich meine Gesundheit hier sehr gebessert hat, hoffe ich dann viel zu thun, und habe allerlei Plane.

Ist Schlegel in Braunschweig? Ihr Brief scheint es zu sagen.

Leben Sie wohl, lieber theurer Freund. Meine Frau grüßt Sie und Lolo herzlich. Sie wird das Reich der Schatten bald auswendig wissen. Sie glauben nicht, welchen Genuß Sie uns geschenkt haben.

H.


Es ist ein ordentlicher Courierwechsel von Gedichten zwischen uns. So eben erhalte ich Ihren letzten Brief, den ich mit nächster Post beantworte.

Sagen Sie mir doch, wie Körner über die Klarheit Ihres Gedichts urtheilt? Es wäre mir sehr erklärlich, wenn er in Gedichten weniger bedenklich wäre, so wie ich in philosophischen Arbeiten.

 
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