Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 15 August 1795.

Ich mußte den vorigen Posttag überschlagen, liebster Freund, weil ich auf dem anderen Gute meiner Mutter war, und dort einige dringende Geschäfte hatte. Seitdem habe ich nun auch das 7te Horenstück und Ihren Brief erhalten, für den ich Ihnen herzlich danke.

Vom Las Casas sagte mir gestern Einer, es sey eine verunglückte Nachahmung von Engels Traum des Galilei, und war äußerst verwundert zu hören, daß Engel sich selbst nachgeahmt habe. Andere aber, um ihren Apostel nicht fallen zu lassen, sagen, man sehe, wie das Beispiel wirke. Selbst Engel habe sich hinreißen lassen, Sie nachzuahmen und blumenreich zu schreiben!!

Von den Elegien höre ich doch durchaus mit großer Achtung sprechen.

Über Ihre Briefe ist tiefes Stillschweigen, wie natürlich. Jemand sagte mir, nach dem gewöhnlichen Tribut des Lobes, er verstehe sie nicht, und es sey eine schlimmere Undeutlichkeit als z. B. in Kant. In diesem läse man mit großer Schwierigkeit und bleibe bei jedem Satze zweifelhaft stehen. Aber wenn man sich durchschlüge, nun so wisse man deutlich, was man gelesen habe. Bei Ihnen empfinge man sehr leicht jeden einzelnen Satz und glaube Alles gleich zu fassen; aber fragte man sich hernach, was man gelesen habe, so wisse man es nicht auszudrücken. Im Grunde halte ich dieses Urteil für sehr wahr, nur daß es mehr ein Urtheil über den Leser, als über Sie ist. Der Kantische Vortrag läßt sich, wie natürlich jeder rein dogmatische, nachplappern, der Ihrige läßt sich nur nachdenken. Unter Allen, die ich sprach, ist Gentz der einzige, in dem Ihre Briefe einen wahren und rechtverstandenen Enthusiasmus bewirkt haben, so wie er überhaupt genommen, hier gewiß der denkendste Kopf ist. Die letzte Lieferung fand er stellenweis zu gedehnt. Die Recension des Posseltschen Journals ist ihm jetzt aufgetragen.

Unger’n habe ich auch gesprochen. Er ist ein vernünftiger solider Mann. Zwar spricht er auch wohl vom Handel mit Geistesproducten, als einer abscheulichen Sache, indeß betrachtet er diese Empfindung doch selbst als eine Jugendsünde. Ueber die Horen hat er ein strenges Urtheil gefällt.  „Sie müßten mit diesem Jahre aufhören, weil, die Schuld liege an wem sie wolle, alle Welt damit unzufrieden sey.“ Absit omen!

Man macht hier viel Lärm von Klingers Raphael, Faust und Giaffar. Haben Sie sie gelesen? Woltmanns Herodot, fürchte ich, möchte kein günstiges Urtheil von Ihnen empfangen. Es ist sicherlich eine Vorlesung. Er hat in seinem Collegium: Quellen der Geschichte, über die Alten mit vieler moderner Selbstgefälligkeit gesprochen.

Auf Ihre Gedichte bin ich unendlich begierig, und ich möchte Ihnen böse werden, daß Sie sich nicht der Erfindung überlassen haben. Daß Sie das beste Gedicht den Horen bestimmen, halte ich für gut. Es ist doch die sicherste Entreprise, und der Almanach geht auch mit den übrigen und den Epigrammen. Schicken Sie mir nur ja bald, was Sie haben. Ueber das Horenstück nächstens.

Wie sehne ich mich, Sie wieder zu sehen, lieber theurer Freund. Es hat mich innig gerührt, daß auch Sie mich so vermissen. Wohl will auch ich mich entschädigen. Ich habe in dieser Woche sehr viel über unseren Umgang nachgedacht, über Ihre Fähigkeit zum Umgange überhaupt und unser Verhältniß zu einander. Ich könnte allerlei darüber sagen, wenn es nicht fatal wäre, so etwas zu schreiben und zu lesen.

Ich bin ziemlich wohl. Möchte ich bald dasselbe von Ihnen hören.

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.