Friedrich
Schiller

www.wissen-im-Netz.info

Briefe von Wilhelm von Humboldt

Homepage
   Literatur
      Friedrich Schiller
         Beziehungen
            H
               W.v. Humboldt
                  Briefe
                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 4 August 1795.

Sie haben mir eine innige Freude gemacht, lieber theurer Freund, durch Ihren ausführlichen liebevollen Brief. Abgrechnet, daß ich gesunder bin, als Sie leider zu seyn scheinen, geht es mir in noch viel höherem Grade ebenso, wie Ihnen. Ich habe im genauesten Verstande gar keine gesellschaftliche Existenz, auch sehe ich, außer den Leuten, die gewöhnlich ins Haus kommen, Niemand, und bin seit beinahe 14 Tagen nicht in der Stadt gewesen. Ich vermisse es unglaublich, nicht noch bei Ihnen zu seyn, und habe mich so sehr an das gesellschaftliche Denken gewöhnt, daß mir bei längerer Entfernung für meinen Ideenvorrath bang werden würde. Desto mehr nehme ich meine Zuflucht zu Erinnerungen und ich bringe den besten Theil meiner Zeit in Gedanken bei Ihnen zu. In den ersten Wochen meines Hierseyns war ich in der That besorgt, wir möchten länger als ich dachte, getrennt bleiben müssen. Meine Mutter war so krank, daß ich nicht glaubte, sie im Herbst verlassen zu können. Jetzt aber geht es besser, und die ganze Aenderung, die ich in meinem Plan gemacht, besteht einzig darin, daß ich den September nicht bei meinem Schwiegervater, sondern hier zubringen, und alsdann unmittelbar von hier nach Jena zurückkehren werde.

Ich freue mich sehr auf Ihren Beitrag zum Musenalmanach, und meine Ungeduld wird noch durch eine Nebenursache vermehrt. Ich bin begierig zu sehen, wie Sie den Uebergang von der Metaphysik zur Poesie gemacht haben. Das wunderbare Phänomen, daß Ihrem Kopfe beide Richtungen in einem so eminenten Grade eigenthümlich sind, ist an sich nicht leicht zu fassen, und gibt bei genauer Untersuchung gewiß nicht geringe Aufschlüsse über die innere Verwandtschaft des dichterischen und des philosophischen Genies. Da Sie jetzt in der doppelten rolle vor dem Publicum aufgetreten sind, so ist es natürlich, daß man oft darüber urtheilen hört, welche Ihnen eigenthümlicher seyn möchte? und so wenig Werth auch meistentheils diese Urtheile haben, so zeigt doch das Zufällige und Schwankende in denselben, daß in der Sache selbst nichts liegt, das ein wahres Moment zur Entscheidung an die Hand gibt. Und so ist es auch, wie es mir scheint. Beide so verschiedene Richtungen entspringen aus Einer Quelle in Ihnen, und das Charakteristische Ihres Geistes ist es gerade, daß er beide besitzt, aber auch schlechterdings nicht Eine allein besitzen könnte. Wo ich sonst etwas Aehnliches kenne, ist es der Dichter, der philosophirt, oder der Philosoph, der dichtet. In Ihnen ist es schlechterdings Eins, darum ist aber freilich Ihre Poesie und Ihre Philosophie etwas Anderes, als was man gewöhnlich antrifft, und die letztere dürfte besonders die einseitigen Köpfe nach lange irren. Man könnte sagen, daß in beiden mehr und eine höhere Wahrheit sey, als wofür man gewöhnlich Sinn hat, in der Poesie mehr Nothwendigkeit des Ideals, in der Philosophie mehr Natur und Wesen, insofern es der bloßen Form, dem System, entgegensteht. Wenigstens ist es gewiß nichts Anderes, was den Urtheilern darüber zum Grunde liegt, die sich in Beides weniger finden können. Was den Dichter und Philosophen sonst so gänzlich von einander trennt, der große Unterschied zwischen der Wahrheit der Wirklichkeit, der vollständigen Individualität, und der Wahrheit der Idee, der einfachen Notwendigkeit: dieser Unterschied ist gleichsam für Sie aufgehoben, und ich kann es mir nicht anders als aus einer solchen Fülle der geistigen Kraft erklären, daß dieselbe vom Mangel an Wesenheit in der Wirklichkeit zur Idee, und von der Armuth der Idee zur Wirklichkeit zurückgetrieben wird. daraus erklärt sich auch diese rastlose geistige Thätigkeit in Ihnen, die Jedem, der sie zuerst näher sieht, am meisten auffällt. Daher genießen Sie den doppelten Vortheil, zugleich das Nothwendige rein und abgesondert, aber doch auch nicht bloß so, sondern in das Individuelle verwandelt zu sehen, oder eigentlicher zu reden, unaufhörlich in sich darzustellen. Denn je eminenter die Geisteskraft ist, desto mehr muß sie auf das Nothwendige gerichtet seyn, und wenn das, was ich im Vorigen sagte, wahr seyn soll, so muß die Ihrige eine so große Selbstständigkeit besitzen, daß sie durch die äußere Beobachtung nur im Allgemeinen auf die Wirklichkeit gestimmt wird, nichts aber eigentlich aus ihr annimmt, sondern in sich, nur harmonisch mit dem wirklichen Gange innerhalb der Erfahrung, fortwirkt. Denn nothwendig muß diese ganze Geisteseigenthümlichkeit zuletzt auf einem gegenseitigen Zusammenwirken der Vernunft und der Einbildungskraft, die durch das Übergewicht der erstern mehr producirend, als reproducirend wird, beruhen. Darum glaube ich auch so fest an den Wallenstein und an das vollkommenste Gelingen der höchsten poetischen Versuche, es müßten denn zufällige Nebenumstände im Wege seyn, da freilich die Ausübung des dichterischen Talents schon andere körperliche Dispositionen voraussetzt, als die Ausübung des philosophischen. – Aber verzeihen Sie, daß ich in eine ordentliche psychologische Auseinandersetzung gerathen bin, ich rechne auf Ihre liebevolle Nachsicht, und besonders wünsche ich, daß auch für diesen Brief Ihr prächtiger Ausspruch gelten möge, daß wir uns verstehen, wo uns sonst Niemand versteht.

Körners Urtheil über die Elegien begreife ich nicht genug, weil ich ihn doch nicht genau genug kenne, und er sich übermäßig lakonisch ausdrückt. Indeß ist es ihm sehr eigenthümlich lange und vielleicht immer zu zweifeln. Es ist dieß um so interessanter, als er gar nicht, weder an gewissen Sätzen, noch an gewissen Methoden hängt, da er dem Gefühle, dem bloßen Tact viel Raum verstattet, meistentheils in einem Gebiete lebt, in welchem derselbe vorzüglich herrscht, und auch in einem andern das eigentliche Abstracte, selbst den strengen metaphysischen Beweis zu fliehen scheint. Ich freue mich ihn au feinem so guten Wege zum Arbeiten für die Horen zu sehen. Ich lege Ihnen einen Brief von ihm bei, bei dem es aber meine Absicht nicht ist, Sie in Ansehung Wolfs zu bekehren.

Das Gedicht hat mir viel Freude gemacht. Es ist ordentlich Schade, daß es an Sie ist, es wäre ein hübscher Beitrag zum Almanach.

Mit meinen Arbeiten steht es schlecht. Ich habe keine Zeile geschrieben. Sie wissen, wie schwer es mit mir hält. Indeß liegt es nicht am Willen, und ich danke vorläufig immer für den schönen offenen Platz im 9ten Stück. Nur versprechen kann ich nichts. Was ich hier noch gethan habe, ist die Übersetzung von einigen hundert Versen aus einem Stück des Aristophanes. Die Stelle zog mich an, weil sie viel ächten Witz hat und die Gattung mir ganz neu war. Ueberhaupt sitze ich jetzt tief im Aristophanes. Sie fanden auch einmal viel Geschmack an ihm.

Ramlern habe ich, da ich ihn abermals nicht gefunden, geschrieben, und erwarte seine Antwort.

Alexander ist auf dem Wege nach Venedig. Er geht von da über Mailand nach der Schweiz. Ich habe ihn ermuntert, die Reise für die Horen zu benutzen.

Wir sind alle recht wohl und genießen sehr viel die Luft. Möchten Sie doch auch heiterer seyn, und Ihre gute Stimmung bald wieder gewinnen.

Leben Sie herzlich wohl, tausend Grüße an Lolo.

H.

 
Google
© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.