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Briefe von Wilhelm von Humboldt

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                     1795

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

Tegel, den 17 Julius 1795.

Ihr Brief ist, und zwar bis Berlin (denn von dort habe ich ihn unmittelbar erhalten) unbegreiflich lange unterwegs gewesen. Ich bekam ihn erst den 15ten, also 9 Tage, nachdem Sie ihn abgeschickt hatten. Je größer indeß meine Sehnsucht war, wieder etwas von Ihnen zu hören, desto innigere Freude hat er mir auch gemacht. Meine beiden haben Sie nun wohl schon erhalten.

Nach Lottchens Brief an meine Frau, die Sie beide herzlich grüßt, aber schwerlich selbst wird schreiben können, da sie ein Gerstenkorn am Auge hat, müßte ich beinahe fürchten, Sie litten wieder an Ihrem gewöhnlichen Uebel, liebster Freund, und wenn das Wetter bei Ihnen, wie hier ist, sollte es mich wenig wundern. Möge doch der Himmel Ihnen bald wieder recht heitere Stunden und völlig freie Stimmung geben.

Für die ausführliche Nachricht von Goethe’s Faust meinen herzlichen Dank. Der Plan ist ungeheuer; schade nur, daß er eben darum wohl nur Plan bleiben wird. An dem Hymnus haben Sie gewiß eine gute Acquisition gemacht, und es ist recht gut, daß es nicht der ganze ist. Denn dieser Hymnus besteht offenbar, obgleich Goethe es nicht finden will, aus zwei ganz verschiedenen Stücken, einem an den Delischen, und einem an den Pythischen Apoll. Wahrscheinlich hat doch Goethe das ganze erste Stück übersetzt, und nur dieß ist sehr schön, das andere ist wirklich mittelmäßig.

Woltmann ist doch immer noch brauchbar, wie ich sehe. Bei Gelegenheit seines Romans fällt mir ein, daß er den der Mereau neuerlich recensirt hat, und daß Sie die Recension lesen müssen. Sie steht im 180sten Stück der A. L. Z. Sie werden einige Ideen aus der Matthissonschen Recension und ein Stück aus einer Theorie der Idylle, das mich sehr erbaut hat, darin finden. Aus dem Buche selbst ist eine philosophische Stelle angeführt, die in der That sublim ist und in der das Ich göttlich prangt.

Wegen Gros habe ich mit Hardenberg gesprochen. Er ist noch immer der Meinung, ihn anzustellen.

Ich war indeß einen Tag in Berlin und melde Ihnen doch einige possierliche Dinge.

Zuerst über die Horen. Nichts als was wir längst hörten. Die Unterhaltungen mißfallen durchaus und total, auch der Procurator. Man klagt im Ganzen über Mangel an Leichtigkeit. Selbst die Epistel ist nicht verstanden worden. (!!) Der Dante gefällt nur mittelmäßig, Herder gar nicht. Entschiedenes und allgemeines Glück hat bloß Ihre Belagerung gemacht. Doch scheint auch Körner und überhaupt das 5te Stück gefallen zu haben. Der Nationalcharakter soll recht hübsch seyn, einige treffliche Ideen haben, und nur hier und da ungleich geschrieben seyn. Ueber die Verfasser ist man in der größten Verwirrung gewesen. Die Unterhaltungen hat man Goethe, den Fichtischen und Woltmannschen Aufsatz mir, meinen zweiten einem Unbekannten, der einige Ideen aus meinem ersten weiter ausgesponnen habe, die Belagerung Woltmann (!) zugeschrieben. Eine Dame hat Ihre Belagerung zu tactisch gefunden.

Hennings hat schon vor Monaten, ich glaube im Archiv der Zeit, eine Recension der Schützischen Recension der Horen abdrucken lassen, die mit den Horen ganz honnet, aber mit dem Recensenten desto ärger umgehen soll.

Göckingk empfiehlt sich Ihnen, und findet sich durch Ihre Bitte um Beiträge zum Almanach sehr geehrt. Reinhard ist aber eben auf einer eigentlichen Reise um Beiträge in Berlin gewesen, und hat ihn ganz erschöpft. Ramler und Meyer fand ich noch nicht, allein wahrscheinlich gehören sie auch zu den Ausgesogenen.

Klopstock hat, ich denke auch im Archiv der Zeit, wieder ein grammatisches Gespräch erscheinen lassen, in welchem er die Kantische Terminologie durchzieht. Teleologische Urtheilskraft sey nach dem Object gemacht. Man wird bald sagen: das Baumische Auge.

H.

 
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