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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 987. 988. 989. 990. 991. 992. 993. 994. 995. 996. 997. 998. 999. 1000. 1001. Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
995. NachtDer Prinz pries ihm nun umso mehr seine Geschicklichkeit im Umpflanzen der Bäume, im Pfropfen, im Senken der Weinstöcke und dem Pflegen der Pflanzen und Blumen, und sagte ihm zugleich, er verstehe sehr vorteilhafte Wassermaschinen zu bauen. Dieses freute den Gärtner so, dass er ihm sogleich die Sorgfalt für den Garten übertrug und allen seinen Gehilfen befahl, seine Anordnungen auszuführen. Der Prinz, der einen sehr durchdringenden Verstand hatte, sah gleich beim ersten Anblick, dass dieser Garten vieler Verschönerungen fähig sei. Er entwarf sogleich einen Plan, an dessen Ausführung sofort gearbeitet wurde, und in wenigen Tagen konnte man schon sehen, dass dieser Garten der schönste werden würde, den man je in diesen Gegenden gesehen hatte. Nach einigen Wochen kam eine Menge Sklaven in den Garten, welche Teppiche und eine Menge von Geschirren hervorbrachten. Als er nun nach der Ursache dieser Vorkehrungen fragte, sagte man ihm, dass die Prinzessin den Garten besehen wollte, um sich zu zerstreuen. Auf diese Nachricht ging der Prinz schnell zu dem Ort, wo er seine Kostbarkeiten aufbewahrt hatte, nahm einiges davon an sich, und kehrte dann in den Garten zurück. Hier setzte er sich und tat, als wenn er vor Alter und Schwäche zitterte. Nach einer Weile traten Sklavinnen und Dienerinnen in den Garten, und in ihrer Mitte die Prinzessin, wie der Mond unter den Sternen. Sie fingen sogleich an, den Garten in allen Richtungen zu durchgehen, und bewunderten die schönen Anlagen desselben. Endlich kamen sie auch zu dem als Greis verkleideten Prinzen, der eine Menge von Kostbarkeiten neben sich liegen hatte. Erstaunt über diesen Anblick, fragten sie ihn, was er mit diesem Schmuck machen wolle? - "Ich will eine unter Euch heiraten," sagte er, "und es ihr zum Brautschmuck geben." Da lachten sie über ihn und scherzten. Er aber sprach: "Meine Heirat besteht bloß aus einem Kuss, und dann verstoße ich meine Frau wieder." Da sprach die Prinzessin, die den Scherz sehr liebte, zu ihm, indem sie auf ein sehr schönes Mädchen zeigte: "Diese da gebe ich Dir zur Frau." Da stand er auf, indem er sich gleich einem schwachen Mann auf seinen Stab stützte, küsste sie zitternd, gleich einem hinfälligen Greis, und gab ihr den Schmuck. Diese freute sich außerordentlich darüber, und alle verließen ihn hierauf schäkernd und lachend. Am andern Tag kam die Prinzessin wiederum mit ihrer Dienerschaft in den Garten. Sie trafen den Prinzen, wie den Tag vorher, als Greis angetan, und bei noch mehreren Kostbarkeiten, als den Tag vorher, da sitzend. "Was willst Du denn mit diesen Kostbarkeiten machen?", fragte sie ihn wieder. Hierauf führte ihm die Prinzessin ein anderes Mädchen zu, und sprach: "Mit dieser vermähle ich Dich heute." Er stand sofort auf, küsste sie, und überreichte ihr den schmuck. Sie nahm ihn in Empfang, und freudig und lachend verließen sie abermals den Greis. Dasselbe geschah auch den dritten und vierten Tag. Als aber die Prinzessin diese Kostbarkeiten in den Händen ihrer Sklavinnen sah, und zugleich erwog, dass der Wert derselben so bedeutend sei, dass eine Königstocher sich damit schmücken könnte, dachte sie bei sich selbst: "Wie kommen denn diese Diener dazu, solche Kostbarkeiten zu besitzen? Dergleichen gebührt mir eher, als ihnen, und die Art, sie zu erlangen, ist ja so leicht." Sie fasste daher den Entschluss, machte sich eines Morgens früh ganz allein auf, verkleidete sich als eine Sklavin, ging in den Garten, suchte den Greis auf, und sprach zu ihm: "Die Prinzessin schickt mich, dass Du mich heiraten sollst." Da sah er sie an und erkannte sie. "Sehr gern gehorche ich der Prinzessin," antwortete er, stand zitternd auf, und suchte, was er nur Kostbares finden konnte, von Schmuck aus, und übergab es ihr. Darauf näherte er sich ihr, um den Kuss zu empfangen, und die Prinzessin, unbesorgt und in völliger Sicherheit, ließ ihn ganz nahe kommen. Der Prinz aber ergriff sie, warf sie auf die Erde nieder, kniete auf sie, riss sich den falschen Bart ab, öffnete seinen Greisenmantel, und sprach: "Nun habe ich Dich überwunden. Kennst Du mich nun? Ich bin Bachram, der Sohn des Königs Taag. Ich habe mich bis jetzt bloß um deinetwillen verkleidet, bloß deinetwillen bin ich aus meiner Familie und aus meinem Lande gegangen. Aber nun habe ich meinen Zweck erreicht, und Dich überwunden." - Sie stand beschämt und schweigend auf, ging, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Schloss, und überließ sich ihrem Ärger und ihrer Betrübnis. Die Scham, sich überlistet zu sehen, war so groß, dass sie sich das Leben rauben, oder versuchen wollte, ihn umzubringen. Doch sah sie alle diese Vorsätze als nutzlos an, und beschloss endlich, mit ihm die Flucht zu ergreifen, da sie nicht haben wollte, dass man in ihrem Land sagen solle, sie sei überwältigt worden. Sie teilte ihm also ihren Entschluss mit, bestimmte ihm die Zeit und Stunde ihrer Abreise, und packte ihm alle Kostbarkeiten zusammen. Er tat ein gleiches. Als nun die zur Abreise bestimmte Nacht angebrochen war, begab sie sich zu ihm. Sie bestiegen dann schnelle Rosse, und entkamen unbemerkt unter den Fittichen der Nacht. Am andern Morgen hatten sie schon eine große Strecke zurückgelegt. Sie verfolgten indessen immerfort eifrig ihren Weg, bis sie endlich glücklich in Persien anlangten. Der Vater war über die Rückkehr seines Sohnes außerordentlich erfreut, und empfing ihn nebst seiner schönen leibenswürdigen Gattin auf eine ausgezeichnete Art. Er fertigte zugleich eine Gesandtschaft mit den auserlesensten Geschenken and en Vater der Prinzessin ab, um die Erlaubnis zur Heirat seines Sohnes mit der Prinzessin zu erhalten. Als diese Gesandtschaft dort angekommen war, und der König die Briefe gelesen, und die Geschenke in Empfang genommen hatte, war er außerordentlich erfreut über die Nachrichten von seiner Tochter, deren Entweichung ihn sehr betrübt hatte. Er verordnete Freudenfeste, und befahl, dass der Großrichter und die Zeugen in Gegenwart der fremden gesandten erscheinen möchten. Seiner Tochter ernannte er einen Anwalt, und so wurde der Heiratsvertrag aufgesetzt. Nachdem er die Gesandten reichlich beschenkt und mit Ehrenpelzen bekleidet hatte, ließ er sie wieder abreisen, und übersandte seiner Tochter eine kostbare Ausstattung, nebst allen ihren Sklavinnen. Bei der Rückkehr der Gesandten in ihr Vaterland wurde die Hochzeit durch die glänzendsten Feste gefeiert und der Prinz lebte mit ihr im höchsten Grad glücklich. "Du siehst also, o König," fuhr die Frau fort, "wie groß die List der Männer ist. Was euch aber betrifft, so werde ich, so lange ich lebe, auf meiner gerechten Forderung nach Genugtuung bestehen." Als der siebente Tag anbrach, trat der siebente Wesir herein, küsste die Erde vor dem König, und sprach: "O König, noch nie hat jemand den Aufschub einer Sache bereut. Dagegen sit derjenige, der sich übereitle, fast stets mit Scham und Reue bedeckt worden. Mit Kummer sehe ich die Anstrengungen dieser Frau, Dich zu einer übereilten Handlung zu bewegen, die Dir eine reuevolle Zukunft bereiten würde. Doch ich, Dein treuer Diener, kenne die List der Weiber genauer, als jeder andere und die 'Geschichte der alten Frau mit dem Sohn des Kaufmanns' enthält in dieser Hinsicht ein zu warnendes Beispiel, als dass ich sie Dir nicht mitteilen sollte." - "Was ist das für eine Geschichte?", fragte der König, und der Wesir begann also: Geschichte der alten Frau mit dem Sohn des KaufmannsEin sehr reicher Kaufmann hatte einen Sohn, Namens Gadryf, den er sehr zärtlich liebte. Seine Neigung zu ihm ging so weit, dass er ihm öfters sagte: "Welches auch immer Deine Wünsche sein mögen, so teile sie mir mit, es wird mich freuen, sie Dir zu erfüllen." Eines Tages sagte sein Sohn zu ihm, dass er sich sehr sehne, nach Bagdad, diesem Wohnort des Glücks und des Friedens, zu reisen. "Ich will," sagte er, "diese merkwürdige Stadt besuchen, ihre Schönheiten bewundern, das Schloss des Kalifen betrachten, auf dem Tigris Luftfahrten machen und andere Ergötzlichkeiten dort genießen, welche mir die Kaufleute und die Reisenden beschrieben haben." - "Mein Sohn," erwiderte der Vater, "dieses ist ein Wunsch, den ich nicht erfüllen kann. Du bist zu jung und es fällt mir zu schwer, Dich von mir zu lassen." - "Du hast mich so oft gebeten," erwiderte der Sohn, "ich möchte Dir meine Wünsche anzeigen, nunmehr, da ich's getan habe, verweigerst du mir die Erfüllung. Ich lasse indessen nicht ab, Dich darum zu bitten, denn meine Sehnsucht ist zu groß, als dass ich sie überwinden könnte. Nur durch die Reise kann sie gehoben werden." Als nun der Vater den festen Entschluss seines Sohnes wahrnahm, so traf er die nötigen Anstalten, besorgte kostbare Waren, an Wert von dreißigtausend Goldstücken und empfahl ihn einigen Kaufleuten, die eben dahin abreisten. Gadryf reiste ab. Der Vater begleitete ihn mit einem frommen Gebet und die Reise selbst wurde glücklich vollbracht, denn schon nach zwei Monaten waren sie in Bagdad angelangt. Sein erster Gang war nach dem Marktplatz, wo er ein sehr schönes Haus mieten wollte. Eins derselben, das von seltner Pracht und Schönheit war, reizte ihn und er beschloss, es näher anzusehen. Er fand darin so viel Aufwand und Glanz, dass er sich nicht genug darüber verwundern konnte. Doch als er in den Garten trat, die reichlich hervorströmenden Springbrunnen darin betrachtete, die Bäche, die im Garten flossen, und die seltenen Bäume darin erblickte, so stieg sein Erstaunen noch höher. Darauf trat er in einen Gartensaal, dessen Fußboden mit Marmor so ausgetäfel war, dass er Figuren bildete, und dessen Decke Goldmalereien schmückten. Er wagte kaum nach dem Mietzins zu fragen. Indessen tat er es doch und äußerte, dass er wissen wünsche, wie viel man den Monat dafür zahlen müsse? "Zehn Goldstücke," antwortete sein Führer. - "Ist das wahr, was Du sagst?" - "Ja," erwiderte jener, "denn kaum ist es möglich, dass jemand länger, als höchstens eine oder zwei Wochen darin wohnen kann." - "Warum das?", fragte Gadryf. - "Weil derjenige, der es bewohnt, entweder krank wird oder stirbt. Das ist nun bereits in Bagdad bekannt, darum kommt niemand, es zu mieten, und eben deshalb ist der Preis so sehr gesunken." Gadryf wunderte sich darüber außerordentlich, und dachte ei sich selbst: "Ich möchte doch gern die Ursache ergründen, warum jedem Bewohner Tod oder Krankheit droht." Er mietete also das Haus, bewohnte es, und enthielt sich alles Kummers wegen des bekannten Umstandes. Zugleich beschäftigte er sich mit Kaufen und Verkaufen eine geraume Zeit hindurch, und war in seinen Geschäften sehr glücklich. Eines Tages ging ein altes Weib bei ihm vorbei, deren Aussehen nichts Gutes versprach. sie betete unaufhörlich den Rosenkranz1) ab. Als sie aber den jungen Mann auf einer Bank, die vor seinem Haus stand, sitzen sah, war sie über seinen Anblick sehr erstaunt. "Du fromme Frau," sagte Gadryf zu ihr, "kennst Du mich, oder hältst Du mich für einen anderen?" Da grüßte sie ihn sehr freundlich, und sprach: "Wie lange wohnst Du in diesem Haus?" - "Zwei Monate," antwortete er. - "Darüber eben bin ich erstaunt, denn vor Dir hat niemand dasselbe länger als eine Woche bewohnt, und hat es nur krank oder tot verlassen. Aber ich weiß schon, Du hast gewiss die Tür des Belvedere auf dem obersten Teil nicht geöffnet." Mit diesen Worten setzte sie ihren Weg, immerfort betend, weiter fort. Dieser war ganz verwundert über die Äußerung der Alten, und sagte bei sich selbst: "In diesem Haus sollte ein Belvedere sein, und ich hätte es noch nicht gesehen!" Und sogleich ging er hin, um den Eingang zu demselben zu suchen. Er ließ keinen Winkel dieses großen Hauses ununtersucht, bis er endlich hinter einem Haufen Mauersteine eine kleine Tür erblickte, die von Spinnenweben schon ganz bedeckt war. "Wie," rief er lächelnd aus, "hinter dieser kleinen Tür sollte der Tod mich erwarten? Nein, das kann nicht sein! Steht nicht im Koran, in diesem heiligen Buch: Nur was uns bestimmt ist, wird uns begegnen. Daher kann ich ganz unbesorgt hineingehen. Es kann mich nur, hier oder dort, mein bestimmtes Schicksal treffen." Mit Mühe kletterte er über die Haufen der davor liegenden Steine, und öffnete die Tür, hinter welcher er sogleich eine Treppe erblickte, die er sofort hinan stieg. Nachdem er lange so fort gestiegen war, gelangte er endlich an das gesuchte Belvedere. Dort sah er einen Sessel, worauf ein sehr schönes Mädchen saß, die alle Herzen bezaubern musste. Kaum hatte er sie gesehen, als er in seinem Herzen die heftigste Liebe gegen sei empfand. "Ach, wenn das wahr ist," dachte er, "was die Leute sagen, dass jeder, der dies Haus bewohnt, stirbt oder krank wird, so ist dieses Mädchen die Ursache daran. Wehe mir: Wie wird es mit mir enden, da jetzt schon gleichsam mein Verstand mir geraubt, und mein Herz betört ist!" 1) Auch die Mohammedaner bedienen sich der Rosenkränze bei ihren Andachtsübungen. |
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