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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 983. 984. 985. 986. 987. 988. 989. 990. 991. 992. 993. 994. 995. 996. 997. 998. 999. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
991. NachtGeschichte eines Mannes, der aus Reue sein Leben lang nicht mehr gelacht hatEin sehr angesehener und begüterter Mann hatte einen Sohn, den er sehr zeitig verlassen musste, denn ein schneller Tod nahm den Vater von der Welt. Er hinterließ seinem Sohn sehr viele Reichtümer, welche dieser aber, als er größer wurde, durch törichte Ausgaben sehr verminderte, indem er nicht das Glück genossen hatte, von seinem Vater hierüber besondere Lehren empfangen zu können. Diese Verschwendung ging so weit, dass er große Summen und Geschenke von beträchtlichem Wert an seine Freunde austeilte, bis endlich das ganze Vermögen seines Vaters verbraucht war. Dies brachte ihn indessen eben nicht auf den Weg der Besserung. Vielmehr fing er nun an, seine Sklavinnen, so wie auch seine Äcker und Landhäuser zu verkaufen. Das dafür erhaltene Geld verschwendete er dann ebenso töricht auf Spiel und alle Arten von Lustbarkeiten. Endlich trieb er seine Torheit so weit, dass er zuletzt seine Kleider verkaufte. Als auch dieses Mittel erschöpft war, und er nichts mehr hatte, und vom Hunger gequält wurde, während auch seine Freunde ihm nicht mehr beistehen wollten, beschloss er, sich für Lohn auf Tagearbeit zu vermieten. So schwer ihm dies auch anfangs wurde, so gelang es ihm doch, sich seinen Unterhalt zu verschaffen. Schon hatte er ein Jahr lang sich auf diese Art erhalten, als er eines Tages, da er sich wie gewöhnlich an einen Ort gesetzt hatte, um abzuwarten, ob ihn jemand mieten würde, von einem sehr ehrwürdigen Greis angesprochen wurde. Da der Alte ihn sehr genau ansah, so fragte ihn der junge Mann: "Kennst Du mich denn?" - "Das wohl nicht," erwiderte der Alte, "aber ich bemerke an Dir Spuren von Wohlstand, die mich befremden." Worauf ihm jener antwortete: "Gewohnheit lässt sich schwer vertilgen: Aber sage mir nur kurz, ob Du mich brauchen kannst?" - "Das könnte ich wohl," sagte der Greis, "wisse aber, dass wir eine Gesellschaft von zehn Greisen ausmachen, die in einem Haus wohnen. Wir haben niemanden, der unsere Ausgaben besorgte, und es wäre mir sehr angenehm, wenn Du die Verpflichtung über Dich nehmen wolltest, für unsere Kleidung, Speise und Trank zu sorgen. Auf diese Art könnte Dich Gott wieder in Deinen vorigen Wohlstand versetzen." - "Das würde ich sehr gern übernehmen," erwiderte er - "Nun wohl," erwiderte der Greis, "doch habe ich noch folgende Bedingung, nämlich die, dass Du das tiefste Stillschweigen über das alles beobachtest, was Du bei uns sehen wirst, und dass Du, wenn Du uns weinen siehst, nie um die Ursache unserer Betrübnis fragst." - "Diese Bedingungen gehe ich ein, ehrwürdiger Vater." - "Nun gut," sagte jener, "schicke Dich in Gottes Namen an." Der junge Mann stand nun auf und folgte dem Greis. Dieser führte ihn zuerst in ein Bad, überreichte ihm dann ein sehr schönes Gewand, und so bekleidet führte er ihn hierauf in sein Haus, welches ein sehr hohes und geräumiges Gebäude war, und Überfluss an allen Bequemlichkeiten hatte. Nachdem er mit ihm durch mehrere Zimmer und Gemächer gegangen war, kamen sie in einen großen Saal, dessen Wände mit farbigem Marmor ausgetäfelt waren. Die Decke war himmelblau gemalt und der Fußboden mit den kostbarsten Teppichen belegt. In diesem Saal saßen zehn Greise, einer dem anderen gegenüber. Sie waren mit Trauerkleidern angetan, weinten, und kehrten sich an nichts, was um sie her vorging. Der junge Mann war darüber sehr erstaunt und eben im Begriff, seinem Gefährten darüber zu fragen, als er sich noch zu rechter Zeit an die Bedingung erinnerte und seine Neugier bezähmte. Sie gingen hierauf in ein anderes Gemach, und hier übergab ihm der Greis einen Kasten, in welchem sich dreißigtausend Goldstücke befanden, und sagte: "Mein Sohn, von diesem Gold hier bestreite unsere Ausgaben, bewahre aber wohl das Geheimnis, was ich Dir anvertraut habe." Drei Jahre hatte der junge Mann sein Amt treu verwaltet, als einer der Greise starb. Seien Gefährten nahmen ihn, wuschen ihn, wickelten ihn in ein Leichentuch und begruben ihn in einem Garten, der hinter dem Haus war. Nach Verlauf noch eines Jahres, in welchem der junge Mann seine Pflicht, wie gewöhnlich erfüllt hatte, starb ein anderer Greis, den sie ebenso behandelten und neben dem ersten begruben. Es hörte jedoch der Tod nicht auf, einen nach dem anderen hinwegzuraffen, bis nur noch derjenige übrig war, der den jungen Mann gemietet hatte. Mehrere Jahre bleiben sie nun in diesem Hause allein wohnen, bis auch dieser letzte Greis erkrankte. Darüber geriet jener in die tiefste Betrübnis, leistete ihm beständig Gesellschaft und teilte seine Schmerzen und sein Leiden. Eines Tages sprach er zu dem Greis: "Mein Herr, zwölf Jahre habe ich Euch bedient, nie habt ihr mich nachlässig gefunden, sondern alle meine Sorgfalt habe ich Euch gewidmet." - "Das ist alles wahr," sagte der Greis. "Ist Dir irgend etwas bekannt," fragte ihn hierauf jener, "worüber Du mir Vorwürfe machen könntest?" - "Nein." - "Nun wohl," fuhr jener fort, "ich kann also mit desto mehr Zutrauen die Bitte an Dich richten, mir die Ursache Deines Weinens und der Betrübnis Deiner anderen Freunde zu sagen." - "Mein Sohn," erwiderte jener, "das brauchst Du nicht zu wissen. Verlange nicht von mir etwas, was ich nicht tun kann, denn ich habe ein Gelübde getan, dieses niemandem zu sagen, damit er nicht in dieselbe Lage komme, in welche wir versetzt worden sind. Wenn Du also von unserem harten Schicksal befreit bleiben willst, so hüte dich, jemals jene Türe, (die er ihm mit der Hand zeigte), zu öffnen. Kannst Du aber Deiner Neugierde nicht widerstehen, und lässt Du Dich durch Deinen Vorwitz hinreißen, sie zu öffnen, dann wirst Du zwar die Ursache unseres Betragens erfahren, aber Du wirst Deinen Schritt tief und lebenslang bereuen." Die Krankheit des Greises nahm unterdessen täglich zu und endlich starb er. Da wusch ihn sein Pfleger, besorgte alles nötige und begrub ihn neben seinen Freunden. |
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