| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 909. 910. 911. 912. 913. 914. 915. 916. 917. 918. 919. 920. 921. 922. 923. 924. 925. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
917. NachtGeschichte von dem König und der Frau des Kammerherrn 1)Ein persischer König hatte die Gemahlin seines Kammerherrn, da er gehört hatte, dass sie sehr schön sei, lieb gewonnen. Dies veranlasste ihn denn, sich eines Tages zu ihr zu begeben. Als sie ihn erblickte und erkannte, sagte sie zu ihm: "Was bewegt den König zu diesem Schritt?" - "Die Liebe, die ich zu Dir habe," erwiderte er, "und ich erbitte mir von Dir Deine Gegenliebe." Diese Erklärung begleitete er mit bedeutenden Geschenken, wie sie manchen Frauen wohl angenehm gewesen sein würden. "Ich kann und darf Deine Wünsche nicht erfüllen, denn ich habe einen Gatten," erwiderte indessen die Frau, und Widerstand dem König auf alle mögliche Weise, weshalb dieser sie ergrimmt verließ, aber seinen Gürtel bei ihr vergaß. Ihr Mann, der kurz darauf zu ihr herein trat, erkannte sogleich den Gürtel, und da er des Königs Benehmen gegen die Frauen kannte, schöpfte er sogleich Verdacht und fragte seine Frau, was denn das, was er hier sähe, zu bedeuten habe? "Ich will Dir die Wahrheit sagen," erwiderte sie, und berichtete ihm genau den ganzen Hergang. Allein der Mann glaubte ihr nicht, und Zweifel bemächtigten sich seiner Seele. Der König dagegen brachte seinerseits die Nacht sehr unruhig und sorgenvoll zu. Als der Morgen anbrach, ließ er den Kammerherren rufen, übertrug ihm die Statthalterschaft einer entfernten Gegend, befahl ihm aber zugleich, auf der Stelle dahin abzureisen. Er hatte sich nämlich vorgenommen, in seiner Abwesenheit bei des Kammerherren Frau seine Wünsche durchzuführen. Dieser indessen durchschaute den Plan des Königs, und empfahl sich bei ihm, nachdem er von ihm noch einige Aufträge über die Verwaltung und Herstellung seiner Angelegenheit in jener Provinz erhalten hatte. Der Kammerherr versammelte noch schnell die Verwandten seiner Frau, und eröffnete ihnen mit wenigen Worten, dass er entschlossen sei, seine Frau zu verstoßen. Diese missbilligten seinen Vorsatz, und verklagten ihm auf der Stelle bei dem König. Der König, dem die Ursache hiervon unbekannt war, ließ sogleich den Kammerherrn vor sich fordern, und fragte ihn: "Warum willst Du Deine Frau verstoßen? Wie kannst Du Deine Hand gegen ein so gutes Land feindlich ausstrecken, und es verlassen?" Da antwortete er: "Gott beglücke den Herrn, meinen König! Aber wisse, dass ich in diesem Land die Fußtapfen eines Löwen sah, und ich befürchte, dass, wenn er nochmals dieses Land betritt, und ich es noch besitze, er mich zerreißen möchte. Denn was mir begegnet ist, gleicht sehr der Geschichte des alten Weibes und des Seidenhändlers." Nachdem er vom König die Erlaubnis erhalten, sie zu erzählen, fing er folgendermaßen an. Geschichte von dem alten Weib und dem SeidenhändlerEin Seidenhändler hatte eine sehr schöne und tugendhafte Frau. Diese sah ein junger Mann, als sie eben aus dem Bad kam, und wurde von Liebe zu ihr überwältigt. Schon hatte er vergebens alle mögliche Mittel versucht, aber es war ihm nicht gelungen, auch nur ein einziges Wort mit ihr sprechen zu können. In diesem für ihn so traurigen Zustand wandte er sich an ein altes Weib, die ihm auch sofort versprach, ihm zu seinen Wünschen behilflich zu sein. Er versprach ihr dafür die reichlichste Belohnung, und sie erteilte ihm nun folgenden Rat. "Gehe zu ihrem Mann, und kaufe von ihm ein Turbanbinde von dem kostbarsten Stoff." Der junge Mann befolgte dies, kaufte eine von dem feinsten Batist, und überbrachte sie der Alten. Diese verbrannte die Binde an zwei Orten, nahm sie mit sich, ging damit in das Haus des Seidenhändlers2), und klopfte an die Tür. Die Frau des Seidenhändlers, welche die Alte in der Kleidung, welche die büßenden Frommen anzulegen pflegten, dastehen sah, öffnete ihr sogleich, und empfing sie mit aller Auszeichnung. Sie hatte sich mit ihr bereits eine Weile unterhalten, als die Alte von ihr Wasser zu den gesetzlichen Abwaschungen verlangte, und sie bat, ihr doch einen Ort anzuweisen, an welchem sie ihr Gebet verrichten könnte. Sie überreichte ihr sogleich das Wasser, und nach der Waschung begab die Alte sich zum Gebet. Nachdem sie dieses beendigt hatte, ließ sie die Turbanbinde in dem Betstuhl liegen, nahm Abschied von der Frau, und entfernte sich. In demselben Augenblick trat der Seidenhändler in sein Haus, und da es die Gebetzeit war, so verrichtete er sein Gebet an demselben Ort, welchen die Alte soeben verlassen hatte. Hier sah er etwas in dem Bestuhl liegen, betrachtete es genau, und erkannte die Turbanbinde, die er selbst verkauft hatte. Dies befremdete ihn und erweckte seinen Argwohn. Er vermochte seinen Zorn vor seiner Frau nicht zu verbergen, sondern behandelte sie von nun an sehr hart, und sprach kein Wort mehr mit ihr. Die Frau wusste sich die Ursache dieses Benehmens gar nicht zu erklären. Sie bemerkte bloß in seinen Händen eine Turbanbinde, welche Brandlöcher hatte, und vermutete, dass daher sein Zorn rühren könnte. Als der Seidenhändler am anderen Morgen, immer noch erzürnt, ausgegangen war, kam die alte Frau zu seiner Gattin, und fand dieselbe ganz niedergeschlagen und höchst betrübt. Nachdem sie die Ursache ihrer Traurigkeit erfahren hatte, sagte sie zu ihr: "Meine Tochter, sei unbesorgt. Ich habe einen Sohn, der ist so geschickt im Ausbessern und Zuflicken, dass es nicht möglich ist, die Stelle zu erkennen, wo ein Fehler war. Dieser wird Dir Deine Turbanbinde schon wieder ganz herstellen." - "Wenn wirst Du mir ihn herschicken?", fragte die Frau sehr erfreut. "Morgen, wenn's Gott beliebt," sagte die Alte, "werde ich ihn Dir selbst herbringen und zwar, wenn Dein Mann Dich verlassen haben wird. Er wird sie auf der Stelle ausbessern, und dann weggehen." Sie fügte noch einige Trostformeln hinzu, entfernte sich, und begab sich zu dem jungen Mann, und benachrichtigte ihn, dass sie ihn morgen abholen werde. Am anderen Morgen begab sie sich auch wirklich zu ihm, und brachte ihn bis an die Türe des Seidenhändlers, welcher, seitdem er den Turban bei seiner Frau gefunden hatte, entschlossen war, seine Frau zu verstoßen, wenn er gehörige Beweise haben würde, weil er sich vor ihren Verwandten scheute, es ohne Grund zu tun. Die Frau öffnete der schändlichen Alten, welche den jungen Mann an ihrer Hand führte, und ihr sagte, sie möchte das herbeibringen, was auszubessern wäre, und es ihrem Sohn übergeben. In dem Augenblick aber entfernte sich die Alte, und schloss die Türe hinter sich zu. Diese Zeit benutzte der junge Mann, um seine Liebe zu erklären. Er wurde günstig aufgenommen, und als er sie verließ, trat die Alte herein, und sagte zu ihr: "Wisse, dass dieser mein Sohn Dich unaussprechlich liebt, und aus Sehnsucht nach Dir beinahe gestorben wäre. Ich wusste kein anderes Mittel, ihn zu retten, als diese List, denn der Turban gehört nicht Deinem Mann, sondern meinem Sohn. Ich habe nun meinen Zweck erreicht. Lass Du mich jetzt noch eine List ausführen, um Deinen Mann wieder mit Dir auszusöhnen: Doch mit der Bedingung, dass Du uns stets ergeben bleibst." - "Es sei!", entgegnete die Frau, "tue was Dir beliebt!" Die Alte begab sich hierauf zu dem jungen Mann, und sagte zu ihm: "Deine Sachen mit der Frau habe ich in Ordnung gebracht: Indessen mir liegt jetzt noch etwas anderes ob. Gehe Du sogleich fort zu dem Seidenhändler, und erzähle ihm das Unglück, das Du gehabt hast, Dir nämlich Deinen Turban zu verbrennen. Ich werde dann bei Euch vorbeigehen und sobald Du mich erblicken wirst, so springe Du auf, und halte mich fest. Ich will nämlich die Frau mit ihrem Mann wieder aussöhnen, und zwar so, dass Du dessen ungeachtet bei seiner Frau Zutritt behalten sollst." Der junge Mann verfügte sich hierauf zu dem Seidenhändler, setzte sich zu ihm, und sprach: "Du erinnerst Dich an den Turban, den ich bei Dir gekauft habe." - "Ja wohl," antwortete jener. "Weißt Du, was mir damit begegnet ist?" - "Nein," war die Antwort. "Als ich ihn von Dir kaufte," fuhr der junge Mann fort, "band ich ihn um, und wollte mich räuchern3). Da trug es sich zu, dass ich ihn an zwei Orten verbrannte. Um ihn auszubessern, gab ich ihn einer alten Frau, deren Sohn, wie man sagte, sehr auszubessern verstand. Seit der Zeit habe ich sie nicht mehr wieder gesehen, und weiß nicht, wo sie wohnt." Als der Seidenhändler dies hörte, wunderte er sich, und fing an, seinen Argwohn gegen seine Frau zu bereuen. Es dauerte nicht lange, so ging die Alte vorbei, und sogleich stürzte sich der junge Mann auf sie los, hielt sie fest, und verlangte von ihr die Turbanbinde. "Ach, lieber Herr," sagte sie, "als Du mir sie gabst, bin ich in ein Haus eingetreten, um zu beten, und mir Waschwasser geben zu lassen, und dort habe ich sie im Betstuhl vergessen. Nun aber kann ich mich nicht mehr besinnen, in welchem Haus es war. Vergebens suche ich es schon mehrere Tage auf." Als der Seidenhändler diese Erzählung der Alten hörte, sprach er: "Du bist zur glücklichen Stunde gekommen. In meinem Haus hast Du die Binde vergessen. Ich habe sie hier und hier hast Du sie wieder." 1)
Vierundzwanzigste Nacht des Wesirs.
|
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|