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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 781. 782. 783. 784. 785. 786. 787. 788. 789. 790. 791. 792. 793. 794. 795. 796. 797. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
789. NachtAls Scheherasade diese Erzählung geendigt hatte, und sah, dass der Tag noch nicht anbrach, und der Sultan noch geneigt war, sie anzuhören, fing sie sogleich folgende Geschichte an: Der Arzt und der junge Speisewirt zu BagdadMan erzählt, dass ein von Land zu Land reisender persischer Arzt nach der Stadt Bagdad kam. Er nahm seine Herberge in einem der Kane, deren es dort so viele gibt, und blieb dort die Nacht. Am folgenden Morgen durchwanderte er die Straßen, besah die Plätze und Märkte. Er bewunderte die Größe der Stadt, die Pracht der Gebäude, und sprach oft bei sich selber, dass er niemals eine so schöne Stadt gesehen hätte. Vor allen zog der Tigris seine Aufmerksamkeit an, welcher, durch einen Kanal mit dem Euphrat verbunden, mitten durch die Stadt fließt, und sie in zwei Hälften teilt, eine gegen Morgen, die andere gegen Abend. Diese beiden Teile, oder vielmehr diese beiden Städte, sind durch sieben Brücken verbunden, welche aus Schiffen zusammengefügt sind, teils wegen der gewöhnlichen Breite des Stromes, teils wegen des wiederkehrenden Steigens desselben. Diese Brücken sind stets mit Leuten bedeckt, welche ihre Geschäfte hinüber und herüber fuhren. An mehreren Stellen der Stadt wandelt man unter Palmen und allerlei andern Bäumen und hört um sich eine Menge Vögel, deren vielstimmiger Chor ihren Schöpfer zu verherrlichen und dem Ewigen Lob zu singen scheint. Indem der persische Arzt so umher wanderte, kam er an den Laden eines Speisewirts, in welchem Speisen und Gerichte aller Art ausgestellt waren. Der Herr dieses Ladens war ein junger Mann von etwas 25 Jahren, dessen Gesicht von solcher Schönheit glänzte, wie der Mond, wenn er voll ist. Seine Tracht war einfach, aber gewählt. Er trug zierliche Ohrringe, und seine Kleidung war so sauber und so nett angelegt, als wenn sie eben erst aus der Hand des Schneiders käme. Als aber der Arzt ihn aufmerksamer betrachtete, war er verwundert, seine Gesichtsfarbe bleich, seine Augen erloschen und sein Antlitz blass und entstellt, und darauf den Ausdruck des Kummers und der Traurigkeit zu sehen: Er blieb stehen, und grüßte ihn. Der junge Mann erwiderte seinen Gruß auf die höflichste und ausgezeichneteste Weise, und lud ihn ein, bei ihm zu Mittag zu speisen. Als der persische Arzt in den Laden des jungen Speisewirts getreten war, nahm dieser zwei oder drei Schüsseln, bereitete in jeder ein besonderes Gericht, und setzte dem Arzt vor. "Setzt Euch einen Augenblick zu mir," sagte der Arzt, "mich dünkt, ihr seid unwohl, und habt ein so bleiches Ansehen: Was fehlt Euch? Leidet Ihr Schmerzen an irgend einem Teil Eures Leibes? Und befindet ihr Euch schon lange in diesem Zustand?" Der junge Mann stieß bei dieser Anrede einen tiefen Seufzer aus, und antwortete weinend: "Fragt mich nicht, mein Herr, an welchem Übel ich leide!" "Warum nicht?", versetzte sein Gast, "ich bin ein Arzt, und, Gott sei Dank, ziemlich geschickt. Ich bin sicher, dass ich Euch heilen werde, wenn Ihr Euch mir anvertrauen und mir den Ursprung und die Kennzeichen Eurer Krankheit mitteilen wollt." Nachdem der junge Mann abermals geseufzt und gestöhnt hatte, antwortete er: "In Wahrheit, mein Herr, ich fühle keinen Schmerz, und spüre keine Unpässlichkeit: Aber ich bin verliebt." "Ich seid verliebt?" - "Ja, mein Herr, verliebt, und zwar verliebt ohne Hoffnung, jemals den Gegenstand meiner Liebe zu erlangen." - "Und in wen seid ihr verliebt? Sagt mir das." - "Ich habe Euch für jetzt schon genug gesagt. Lasst mich meine Geschäfte abwarten, und meine Gäste bedienen. Wenn ihr diesen Nachmittag wieder kommen wollt, so will ich Euch meinen Zustand weiter auseinandersetzen, und Euch meine Abenteuer erzählen." "Nun gut. Geht an Eure Verrichtungen, damit man nicht ungeduldig werde, auf Euch zu warten. Ich komme diesen Abend wieder zu Euch." Nach dieser Unterhaltung, setzte der persische Arzt sich zu Tisch. Darauf wanderte er wieder in der Stadt umher, ergötzte sich damit, ihre Schönheiten zu beschauen, und am Abend kam er wieder zu dem jungen Speisewirt. Dieser freute sich, ihn wieder zu sehen, und fasste die Hoffnung, dass er wenigstens sein Leid und seinen Kummer lindern könnte. Er schloss seinen Laden, und führte ihn in sein Wohnhaus. Dieses war schön und wohl eingerichtet, denn er hatte von seinen Eltern ein ziemlich ansehnliches Vermögen geerbt. Als sie eingetreten waren, wurde ein schmackhaftes und erlesenes Abendessen aufgetragen. Nach der Mahlzeit bat der Arzt den jungen Mann, ihm seine Abenteuer zu erzählen, und dieser tat es folgendermaßen: "Der Kalif Motaded-billah1) hat eine Tochter, deren Schönheit für ein Wunder gelten kann. Mit einen reizenden Gestalt, zärtlichen und zugleich feurigen Augen, vereint sie eine edle Haltung, einen feinen und zierlichen Wuchs. Kurz, sie ist der Ausbund aller Vollkommenheiten, und nicht nur hat man niemals etwas gesehen, sondern man hat sogar nicht einmal von einer so außerordentlichen Schönheit sagen gehört. Mehrere Prinzen, mehrere Könige haben bei ihrem Vater um sie geworben: Aber alle hat er bisher abgewiesen, und es ist wahrscheinlich, dass er niemand einer so schönen Verbindung würdig finden wird. Alle Freitage, wenn das Volk sich in den Moscheen versammelt, und alle Kaufleute und Handwerker ihre Läden verlassen, oft ohne sich die Mühe zu geben, sie zu verschließen, tritt diese Schönheit aus dem Palast hervor, und ergötzt sich, die Stadt zu durchwandern. Hierauf begibt sie sich ins Bad, und kehrt dann in den Harem zurück. 1) Motaded-billah ist der sechzehnte Kalif vom Stamm der Abassyden, der von 892 bis 902 christlicher Zeitrechnung herrschte. |
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