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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 780. 781. 782. 783. 784. 785. 786. 787. 788. 789. 790. 791. 792. 793. 794. 795. 796. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
788. NachtNadan wurde, mit Ketten belastet, vor Sencharibs Thron geführt, und den Händen seines Oheims übergeben, welcher ihn in ein finsteres Loch sperren und darin genau bewachen ließ. Er erhielt jeden Tag zur Nahrung nur ein Brot und ein wenig Wasser und jedes Mal, wenn Heykar ihn besuchte, warf er ihm die Undankbarkeit und die Verruchtheit seines Herzens vor. "Mein Sohn," sagte er zu ihm, "ich habe Dich als Kind aufgenommen. Ich habe Dich erzogen, geliebt, mit Ansehen und Ehren überhäuft. Ich habe Dir meinen Rang abgetreten und meine Reichtümer anvertraut. Ich habe Dich frühzeitig in die Wissenschaften eingeweiht, weil ich Dich zum Erben meiner Weisheit machen wollte, wie Du dereinst mein Vermögen erben solltest: Kurz, ich habe mehr für Dich getan, als nur ein Vater getan hätte. Und wie hast Du meine Wohltaten belohnt? Du hast mich verleumdet, mich mit Schmach überhäuft, meinem Leben nachgestellt! Ja, mein Untergang war unvermeidlich, wenn nicht Gott, der im Grunde des Herzens liest, die Unterdrückten tröstet und die Hochmütigen demütigt, meine Unschuld erkannt und mich von Deinen Nachstellungen errettet hätte. Einst wollte jemand einen Stein gegen den Himmel schleudern, der Stein fiel auf ihn zurück und zerschmetterte ihn: Das, mein Sohn, ist Deine Geschichte. Du hast Dich gegen mich betragen, wie jener Hund, welcher in ein Töpferhaus ging, um sich zu wärmen, und dann die Leute des Hauses anbellte, so das sie sich genötigt sahen, ihn hinauszujagen, damit sie nicht gebissen würden. Ich glaubte, mein Sohn, Du würdest mir einen Zufluchtsort für mein Alter erbauen, und Du grubst einen Abgrund unter meinen Füßen. Ich hatte Dich zu der ersten Würde des Reiches erhoben, und Du hast dich nicht begnügt, undankbar zu sein, Du hast gegen Deinen Wohltäter auch die Gewalt missbrauchen wollen, welche er Dir gegeben hatte! - Holzhauer wollten einen Baum abhauen. Der Baum rief ihnen zu: 'Hätte ich selber Euch nicht das Heft Eurer Axt geliefert, so würdet Ihr nicht imstande sein, mich zu fällen.' - Musstest du also die Sorgfalt vergelten, welche ich Dir von Kindheit auf widmete? Weißt Du denn nicht, dass die Erziehung eine viel größere Wohltat ist, als das Leben? So lautet ein Spruch der Weisen: 'Nenne das Kind, welchem Du das Leben gibst, Deinen Sohn, aber das Kind, welches Du erzogen hast, kannst Du mit Recht Deinen Sklaven nennen, weil es Dir mehr als das Dasein verdankt.' Gleichwohl hast Du mir bewiesen, dass die Erziehung nichts vermag gegen die angeborene böse Art: Ich habe Dich die Tugend gelehrt, und Du bist auf der Bahn des Lasters fortgeschritten. - Man sagte einst zu einer Katze: 'Enthalte Dich des Stehlens, und Du sollst ein goldenes Halsband und täglich Zucker und Mandeln zu essen haben.' - 'Stehlen,' antwortete die Katze, 'war das Handwerk meines Vaters und Großvaters: Wie wollt Ihr nun, dass ich darauf verzichte?' - Man ließ einen Wolf in die Schule gehen, um ihn lesen zu lehren. 'Der Schulmeister sagte ihm vor: A, B, C,...'. Der Wolf antwortete: 'Lamm, Bock, Ziege,...', weil diese stets in seinen Gedanken waren. Man wollte einen Esel zur Reinlichkeit gewöhnen, und ihm eine bessere Lebensart beibringen: Man wusch ihm den Leib, und stellte ihn in einem prächtigen Gemach auf einen reichen Teppich. Was geschah? Sobald sein Herr ihm einen Augenblick Freiheit ließ, ging er auf die Straße hinaus, fand dort Staub und wälzte sich darin. "Lasst ihn sich wälzen," sagte hierauf ein Vorübergehender, "denn das ist seine Natur, und ihr vermögt nicht, sie zu ändern." - "Verzeiht mir," sagte manchmal Nadan zu seinem Oheim, "verzeiht mir, ich verspreche, in Zukunft ein tadelloses Leben zu führen. Meine Verbrechen sind groß, aber nichts übersteigt Euren Edelmut. Ich bin schuldig, aber ich seid großmütig. Liegt es in meiner Art, zu fehlen, so ist es solchen Männern, wie ihr seid, eigen, zu verzeihen. Seid gnädig, vergebt mein Verbrechen, und ich will wie der niedrigste Eurer Sklaven in Eurem Haus leben. Mein ganzes Leben soll fortan Eurem Dienst geweiht sein, um meine Undankbarkeit wieder gut zu machen. Vertraut mir die niedrigsten Verrichtungen: Ich unterwerfe mich im voraus allen Demütigungen." Heykar ließ sich durch diese falschen Beteuerungen nicht täuschen: "Ein Baum," sprach er, "stand am Ufer eines Wassers im fruchtbaren Erdreich, und trug doch keine Fürchte. Sein Herr wollte ihn abhauen, da sagte der Baum: "Versetze mich an einen anderen Ort, und wenn ich dann keine Früchte gebe, so hau mich ab." - "Du stehst hier am Ufer des Wassers," antwortete sein Herr, "und hast nichts hervorgebracht: Wie willst Du denn fruchtbar werden, wenn ich Dich anderswohin verpflanze?" Sage mir nicht, dass Du noch jung bist, Nadan, denn das Alter des Adlers ist der Jugend des Raben vorzuziehen, und man entsagt niemals seinen ursprünglichen Neigungen. Man sagte zu einem Wolf: "Nahe dich nicht den Herden, ihr Staub wird Dir das Gesicht verderben!" - "Ihr Staub," antwortete er, "ist im Gegenteil eine Stärkung für meine Augen." Was brauche ich, mein Sohn, Dir noch mehr von Deinen Fehlern zu sagen? Jeder wird nach seinen Taten belohnt. Gott liest in allen Herzen, Gott wird zwischen uns beiden richten." So sprach Heykar, und jeder Vorwurf drang wie ein scharfer Pfeil in Nadans Herz. Die Gewissensbisse verzehrten ihn: Bald bemächtigte sich düstere Verzweiflung seines ganzen Wesens, und ein gewaltsamer Ausbruch erfolgte. Seine Adern schwollen an, sein Blick war stier, seine Glieder erstarrten, und schluchzend vor Schmerz und Wut, gab er unter furchtbaren Zuckungen den Geist auf. Ein jammervolles und schreckliches Ende, welches allen Gottlosen zum abschreckenden Beispiel dienen sollte! Das Schicksal des schuldvollen Nadan bestätigt die ewige Wahrheit: "Die Strafe folgt immer dem Verbrechen, und wer seinem Bruder eine Grube gräbt, fällt selber hinein." |
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