Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              760.
              761.
              762.
              763.
              764.
              765.
              766.
              767.
              768.
              769.
              770.
              771.
              772.
              773.
              774.
              775.
              776.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

768. Nacht

"Herr," antwortete der Kalender, "wie groß auch die Härte des Schicksals gegen Euch gewesen sein mag, doch kann es Euch schwerlich mehr misshandelt haben, als mich, und ich trage in meinem Antlitz das unvertilgbare Andenken eines der schmerzlichsten Unglücksfälle."

Bei diesen Worten machte er Selim auf die Narbe einer tiefen Wunde an seiner rechten Wange aufmerksam.

"Diese Wunde," fuhr er fort, "wird mir immerdar den schmerzlichsten Augenblick meines Lebens zurückrufen und da meine Geschichte mit dazu dienen kann, Euren Schmerz zu lindern, so will ich sie Euch gern erzählen."

Und nun begann der Kalender, auf Bitte des Prinzen, folgendermaßen:

Geschichte des Kalenders mit der Schmarre

"Ihr müsst wissen, Herr, dass ich, bevor ich den Kalender-Stand ergriff, Offizier im Kriegsheer war. Eines Tages unternahm ich mit mehreren meiner Genossen eine Jagd. Wir stiegen zu Pferde, und kaum betraten wir den Wald, als ein gewaltiger Hirsch, dessen Ruhe seine Kühnheit verkündigte, plötzlich vor unsern Augen erschien. Alsbald stürzte jeder auf ihn los, und der Hirsch begab sich auf die Flucht vor uns hin.

In der Hitze der Jagd trennte ich mich von meinen Gefährten, und da ich die Wege des Waldes, worin wir jagten, nicht kannte, so verirrte ich mich bald. Die Hitze war unleidlich. Mein hitziges und von Mut gesporntes Ross konnte sich nicht zurückhalten, es rannte mit wunderbarer Schnelligkeit dahin, und unter seinen Hufschlägen stoben tausend Funken aus dem Boden, gleich den Sternen des Firmaments. Aber endlich stolperte es über einen losen Kieselstein, und stürzte nieder. Ich fiel so schwer zu Boden und war von meinem Fall so betäubt, dass mehrere Stunden vergingen, bevor ich wieder zur Besinnung kam.

Endlich erholte ich mich, und als ich versuchte, mich aufzurichten, sah ich ein altes abgelebtes Weib sich nahen, deren Wangen gefurcht waren, wie das vom Westwind bestrichene Wasser, sie stützte ihren wankenden Gang auf einen kleinen Stock, und kam mit langsamen Schritten auf mich zu.

Die Annäherung der Nacht, das Grauen der Wildnis, ein dumpfes Getöse, welches sich in der Ferne hören ließ, die Betäubung von meinem Fall, und die plötzliche Erscheinung und der seltsame Anblick dieses Weibes machten mich zittern, wie ein Espenblatt. Ich hielt sie für einen bösen Geist, der sich meiner bemächtigen wollte. Voll von dieser Vorstellung, redete ich sie mit bittenden Worten an, und sagte ihr alles, was ich nur Angenehmes und Schmeichelhaftes erdenken konnte.

Die Alte bemerkte die Verwirrung, in welche ihre Gegenwart mich versetzt hatte, und bemühte sich, durch ihr freundliches Bezeigen meine Furcht zu zerstreuen. Sie fragte mich, wie es zuging, dass ich mich so an diesem öden Ort befände. Ich erzählte ihr mit wenigen Worten, was mir begegnet war, und machte ihr meine Lage bekannt. Sie erbot mir ihre Hilfe, und ich, in der äußersten Verlegenheit, worin die Flucht meines Pferdes mich versetzt hatte, nahm diese schwache Stütze an.

Hierauf fasste die Alte mich bei der Hand, führte mich dreist mitten durch das Dickicht des Waldes, und brachte mich auf tausend Umwegen aus dieser Wildnis.

Auf einmal erblickte ich nun mit Verwunderung ein anmutiges Landhaus am Ufer eines hellen Stromes. Dieses Haus war von reizenden Gärten umgeben, welche von zahllosen glänzenden Vögeln bewohnt und von kleinen Bächen erfrischt waren, welche ein ewiges Grün darin erhielten.

Wir betraten diese Wohnung, wo mir die gastfreundliche Aufmerksamkeit erzeigt wurde. Man sparte nichts, was meinem Geschmack und meinen Sinnen schmeicheln konnte. Alles an diesem Ort zeigte von Überfluss und Reichtum.

"Ich bitte Euch um Entschuldigung, Herr," sprach die Alte zu mir, "dass ich Euch in einer Euer so wenig würdigen Hütte empfange. Aber Eure Gegenwart ehrt sie, und ich schmeichle mir, dass die Herzlichkeit unserer Aufnahme Euch einige Tage in dieser Einsamkeit zurückhalten wird."

Ich dankte Gott, dass er mich so schleunig aus einer öden Wildnis an einen so reizenden Ort versetzt hatte, wo ich der Gegenstand des Zuvorkommens und der zartesten Aufmerksamkeit von Seiten einer Frau war, welche mir von Edelmut und Güte beseelt schien. Ich nahm mir vor, einige Zeit in diesem lachenden Gefilde zu verweilen, wo alles sich zu meiner Bezauberung zu vereinigen schien.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de