Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              759.
              760.
              761.
              762.
              763.
              764.
              765.
              766.
              767.
              768.
              769.
              770.
              771.
              772.
              773.
              774.
              775.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

767. Nacht

"Kennst Du diesen Mann?", fragte der Prinz die junge Frau.

"Ich kenne ihn nur zu gut," antwortete sie sogleich mit unverschämter Stirn: "Geruht, ihn aus meiner Gegenwart zu entfernen: Der vor Euch steht, ist ein ehrloser Räuber. Er ist es, der, nachdem er mich beraubt hatte, mich auf dem Gottesacker, wo ihr mich gefunden habt, lebendig begraben wollte, als ich das Glück hatte, Euch anzutreffen. Bestraft diesen Verbrecher nach der Strenge des Gesetzes. Er verdient, gehängt zu werden."

Der Schmerz, die Verwirrung und das Erstaunen verhinderten den jungen Kaufmann, den Mund zu öffnen, um sich zu rechtfertigen.

"So also, ehrloser Räuber," sagte der Prinz zu ihm, "wagst Du es, bis in meinen Palast zu dringen, um eine Frau in Anspruch zu nehmen, welche Du lebendig hast begraben wollen? Du verdienst, unter den grausamsten Martern hingerichtet zu werden: Aber, danke es meiner Güte, ich will mich begnügen, Dich hängen zu lassen."

Und als der Kaufmann versuchen wollte, sich zu entschuldigen, fuhr der Prinz fort: "Füge nicht noch die Lüge zu Deinen Verbrechen. Alles, was Du sagen könntest, wäre unnütz. - Auf! Man ergreife ihn auf der Stelle und hänge ihn ohne Barmherzigkeit: Ihr haftet mir für seinen Kopf."

Mit diesen Worten gibt er den Leuten seiner Umgebung ein Zeichen, und man schleppt den Unglücklichen zum Galgen, nachdem man ihm die Hände auf den Rücken gebunden hat.

Er war nahe daran, gehängt zu werden, als plötzlich der Geist, welcher ihm auf dem Gottesacker erschienen war, sich den Augen der erstaunten Menge sichtbar machte:

"Halt," rief er dem Henker zu, "willst Du einen Unschuldigen hinrichten?"

"Das zu untersuchen ist nicht unsere Sache," erwiderten die Beamten des Prinzen, "wir haften mit unsern Köpfen für seine Hinrichtung, und der Wille unsres Herrn muss vollzogen werden."

"Und ich," entgegnete der Geist, "ich nehme alle Verantwortlichkeit auf mich und wenn ich dem Prinzen werde die Wahrheit enthüllt haben, so zweifle ich nicht, dass er Gerechtigkeit handhaben wird."

Die durch die Worte des Geistes eingeschüchterten Beamten ließen die Hinrichtung des jungen Kaufmanns aufschieben, und dieser begab sich mit seinem Befreier zum Prinzen.

"Herr," sprach der Geist zu ihm, "ihr seid durch die Treulosigkeit eines Weibes betrogen: Adileh ist wirklich die Gattin des hier vor Euch stehenden Kaufmanns, und auf seine Bitten hatte ich ihr das Leben wiedergegeben: Aber ein solches Weib ist unwürdig länger der Wohltat zu genießen, welche ich ihr erwiesen hatte: Sie sterbe auf der Stelle wieder! Anlangend ihren Mann, so hoffe ich, Herr, ihr werdet ihm durch Widerrufung Eures Urteils Gerechtigkeit angedeihen lassen." Mit diesen Worten verschwand der Geist.

Als der Kalender seine Erzählung geendigt hatte, antwortete Selim ihm:

"Ihr kennt nicht den ganzen Umfang meines Unglücks. Es scheint, dass ich vom Missgeschick verfolgt werde: Eine erlauchte Geburt hatte mich zu der höchsten Bestimmung berufen, und ich sah mich plötzlich in den kläglichsten Zustand versetzt. In dem Augenblick, wo ich, in mein Schicksal ergeben, das Glück wieder gefunden zu haben wähnte, stürzt ein unerwartetes Ereignis mich abermals in einen Abgrund des Elends."

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de