Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
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      Max Habicht
         1001 Nacht

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622. Nacht

Beim Anblick des Standbildes übermannte ihn das Gefühl, er seufzte und fiel in Ohnmacht, worauf ihn die Wachen aufhoben und in den Palast trugen. Als er dort wieder zu sich gekommen war, staunte er über die Achtung und Aufmerksamkeit, welche ihm die Bedienten erwiesen, und über die glänzende Art, mit welcher man für ihn sorgte; aber er fragte vergebens nach der Ursache seiner Gefangennehmung, und die einzige Antwort, welche er erhielt, lautete: "Habt Geduld, Herr, und verhaltet Euch ruhig, bis die Vorsehung Euch aus Eurem Gefängnis befreien wird!" Bald nachher gelangte auch der Schiffshauptmann, der von Hafen zu Hafen gereist war, um sein verlorenes Schiff wieder zu finden, in diese Stadt und begab sich, da er erfuhr, mit welcher Gastfreundschaft alle Fremde in der Karawanserei des Sultans aufgenommen würden, vor deren Torweg, hatte aber kaum seine Augen auf das Standbild geworfen, als er ausrief: "Welche Ähnlichkeit mit dem listen, jedoch tugendhaften Weib, die mich um mein Eigentum brachte, indem sie mir mein Schiff stahl." Unmittelbar nach dieser Äußerung wurde er von den Wachen ergriffen, nach dem Palast gebracht und daselbst mit Güte behandelt. Nach Verlauf weniger Tage erschienen auch der Sultan und der Wesir, dessen Tochter mit den neununddreißig Mädchen von der unternehmenden Heldin dieser Geschichte entführt worden war, vor dem Torweg der Karawanserei und riefen beim Anblick des Standbildes aus: "Wie ähnlich sieht dies Bild derjenigen, die uns unserer Kinder beraubte! O dass wir sie doch auffinden und uns an ihrer Verräterei rächen könnten!" Als sie dies gesagt hatten, wurden sie ergriffen und in Zimmer des Palastes gebracht, die ihrem Rang angemessen waren. Kurze Zeit darauf kam auch der Anführer der Räuber, der voll brennenden Durstes war, seine Genossen zu rächen, und der in der Hoffnung, den Gegenstand seiner Wut zu finden, von Ort zu Ort reiste, vor dem Torweg an und rief beim Anblick des Standbildes heftig aus: "Gewiss ist dies ein Abbild meiner Quälerin! O dass ich doch sie selbst finden könnte, um das Blut meiner Freunde durch das ihrige zu sühnen!" Kaum hatte er ausgeredet, als die Wachen am Tor sich seiner bemächtigen, ihm Hände und Füße banden und ihn in den Palast schleppten, wo er in einen elenden Kerker eingesperrt wurde und die schlechteste Kost erhielt.

Als nun der vermeintliche Sultan alle diese Personen in ihrer Gewalt hatte, bestieg sie eines Morgens in großer Versammlung ihren Thron und befahl, sie vor sich zu bringen. Als sie ihr alle ihre Ehrfurcht bezeigt hatten, befahl sie ihnen, die Veranlassung ihrer Reise nach der Hauptstadt zu erzählen; aber da die königliche Gegenwart sie unfähig machte, auch nur ein Wort vorzubringen, so rief sie aus: "Da ihr nicht reden könnt, so will ich reden," und nun erzählte sie jedem zu seinem höchsten Erstaunen seine Abenteuer. Hierauf gab sie sich zu erkennen und fiel ihrem Vater und ihrem geleibten um den Hals, mit welchen sie sich in ihre geheimen Gemächer zurückzog. Der Sultan und der Wesir fühlten sich glücklich in der Gesellschaft der Tochter des letzteren und der anderen Frauen. Der Schiffshauptmann wurde, da er durch seine Leiden sein treuloses Betragen gebüßt hatte, begnadigt und ihm sein Schiff wiedergegeben. Aber der Anführer der Räuber wurde, damit er dem menschlichen Geschlecht nichts Böses mehr zufügen könnte, auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Nach den nötigen Vorbereitungen wurde in einigen Tagen die Doppelhochzeit des heldenmütigen Fräuleins und ihrer Freundin, der Wesirstochter, mit ihrem treuen Geliebten gefeiert, diesem der Thron eingeräumt, und die beiden Frauen lebten glücklich und ohne Eifersucht mit ihrem Gatten, so gleichmäßig verstand er seine Gunst zu teilen. Der Sultan und der Wesir, nachdem sie einige Zeit an dem Hof zugebracht hatten, nahmen Abschied und kehrten unter einer Begleitung in ihre Heimat zurück; aber die Tochter des Wesirs und die neununddreißig Mädchen konnten nur dazu überredet werden, den Sultan und den Wesir zu begleiten; denn ihre Anhänglichkeit an ihre edle Herrin war so groß, dass sie alsbald zurückkehrten und an die Vornehmsten des Hofes verheiratet wurden. Jahre ungewöhnlichen Glückes gingen an den Abenteurern dieser Geschichte vorüber, bis der Tod, der Zerstörer aller Dinge, sie zu dem Grab führte, welches einst Jahrhunderte lang unser aller Ruheplatz werden wird, bis der Engel der Auferstehung seine Posaune bläst.

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