Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              524.
              525.
              526.
              527.
              528.
              529.
              530.
              531.
              532.
              533.
              534.
              535.
              536.
              537.
              538.
              539.
              540.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

532. Nacht

Der Jüngling wusste nicht, wem er diese Verwandlung, die so plötzlich mit ihm vorging, zuschreiben sollte; aber er wurde bald noch weit mehr überrascht, als er Asad-bacht zu der Königin sagen hörte: "Da ist er, der geleibte Sohn, welchen wir in Kerman zurückzulassen gezwungen wurden!" Die Königin fiel ihm um den Hals, vergoss Freudentränen und hielt ihn lange innig umarmt.

Die zehn Wesire, deren treulose Einflüsterungen beinahe den Untergang des jungen Prinzen bewirkt hätten, wurden auf der Stelle enthauptet.

Asad-bacht räumte seinem Sohn den Thron ein. Die Großen des Reiches kamen, ihm den Eid der Treue zu leisten, und prächtige Feste feierten dieses freudige Ereignis.

Farek-Serwar wurde zum Großwesir ernannt, vergaß sein altes Gewerbe und regierte unter den Befehlen seines Pflegesohnes mit so viel Weisheit und Glück, dass diese ruhmvolle Regierung einen tiefen Eindruck in dem Gedächtnis der Menschen zurückließ, welche in ihren Geschichtsbüchern das Andenken davon aufbewahrt haben."

Diese Erzählung ergötzte den Sultan sehr, und er bezeugte Scheherasade das Vergnügen, welches dieselbe ihm gewährt hatte.

Da der Tag sich noch nicht zeigte, so fing sie folgendermaßen eine neue Geschichte von Asem und der Geisterkönigin an.

Geschichte Asems und der Geisterkönigin

"Herr," sprach sie, "es lebte einst in der Stadt Balsora ein junger Mann namens Asem, welcher das Färberhandwerk trieb. Ungeachtet er sehr in Ruf war durch die geschmackvolle Wahl seiner Farben sowie durch die Schönheit seiner Gestalt und die Anmut seines Geistes, so war er doch nicht reich und ernährte von dem Ertrag seiner Arbeit noch seien alte Mutter, die bei ihm wohnte. Unterdessen verschaffte seien Liebenswürdigkeit und seine Geschicklichkeit ihm täglich Zuspruch, und er hätte durch sein Gewerbe sein Glück machen können, wenn das Schicksal ihn nicht zu andern Abenteuern berufen hätte.

Eines Tages, als er bei seiner gewöhnlichen Arbeit beschäftigt war, sah er einen reich gekleideten Fremden in seien Werkstatt treten, welcher bei seinem Anblick ausrief: "Wie, ein junger Mann von Eurer Bildung und so wie ihr mit Geist begabt, kann sich einem solchen Handwerk hingeben?"

"Ich schäme mich nicht," sprach Asem, "meines ehrlichen Gewerbes, und ich weiß meine Wünsche zu beschränken."

"Wenn indessen," fuhr der Fremde fort, "sich Euch ein Mittel darböte, schnell Euer Glück zu machen, würdet Ihr Euch weigern, es zu benutzen?" -

"Nein, wenn es mein Gewissen nicht beschwerte, so würde es mir die höchste Freude sein, meiner Mutter einige Annehmlichkeiten zu verschaffen, und meine Studien fortzusetzen, welche zu unterbrechen mein Handwerk mich gezwungen hat."

"Mein Sohn," sprach hierauf der Greis mit falscher Freundlichkeit, "Eure Wünsche sollen erfüllt werden. Ihr habt Euren Vater verloren, ich will ihn Euch ersetzen: Von diesem Augenblick nehme ich Euch als meinen Sohn an: Ich verstehe die kostbare Kunst, die schlechtesten Metalle in Gold zu verwandeln, und ich kann in einem Augenblick Euer Glück machen. Seid morgen früh bei guter Zeit in Eurem Laden, ich werde auch wiederkommen."

Mit diesen Worten nahm der Fremde Abschied von Asem, und verließ ihn, ganz verwundert über das, was er so eben gehört hatte.

Die Worte des Grieses hatten die Neugier und den Ehrgeiz des jungen Mannes aufs höchste gereizt: Er schließt alsbald seinen Laden, und das Herz voller Freude, eilt er hin, seiner Mutter zu verkündigen, was ihm so eben begegnet ist.

"Mein Sohn," sprach die gute Frau zu ihm, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, "nimm Dich wohl in Acht: Ich fürchte, hinter der Höflichkeit dieses Fremden steckt irgend eine Arglist. Beobachte ihn aufmerksam. In meinem Alter kennt man die Bosheit des menschlichen Geschlechts: Bleib, mein Sohn, in Deinem bescheidenen aber glücklichen Stand. Bist Du nicht reich genug, da Du unsere Bedürfnisse bestreiten kannst?"

Asem war betroffen über den guten Rat seiner Mutter, und versprach ihr, auf seiner Hut zu sein. Sie aßen ruhig zum Abend, und legten sich zu Bett. Aber Asem konnte nicht einschlafen, er erwartete mit Ungeduld den Anbruch des Tages, als das Zeichen des Stelldicheins.

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de