| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 505. 506. 507. 508. 509. 510. 511. 512. 513. 514. 515. 516. 517. 518. 519. 520. 521. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
513. NachtDiese Erzählung reizte die Neugier des Königs. Er gebot auf der Stelle dem Kamelhüter, ihn zu dieser Wunderfrau hinzuführen, in der Absicht, sich ihrem Gebet zu empfehlen, und sogleich begab er sich nach ihrem Bethäuslein. Hier, hinter einem Vorhang verborgen, sah er sie sich mit Inbrunst den Büßungen und der heißesten Frömmigkeit hingeben. Aber wie groß war seine Überraschung, als bei einer Wendung zu der gewöhnlichen Anrufung die Unbekannte ihn ihre Gestalt sehen ließ und er die Tochter Kamkars erkannte! Er konnte seine Freude nicht zurückhalten, sondern sprang aus seinem Versteck hervor, drückte sie in seine Arme, und in Tränen zerfließend, flehte er sie an, ihm die Missetat, deren er sich gegen sei für schuldig bekannte, zu vergeben, ihm ihre Liebe wiederzuschenken und in alle Rechte der Königin, deren er sie so grausam beraubt hatte, wieder einzutreten. "Herr," antwortete sie ihrem Gemahl, "ich setze eine Bedingung auf die Verzeihung, um welche Ihr mich bittet: Ich fordere, dass Ihr noch einige Augenblicke in diesem Haus verweilt, damit Ihr Euch selber von der tiefen Treulosigkeit und der teuflischen Arglist überzeugen könnt, deren Euer Wesir sich bedient hat, um mich Eures Vertrauens zu berauben. Der König war zu dieser Prüfung bereit, und die Tochter Kamkars bat den Kamelhüter, hinzugehen und Kardar zu melden, dass eine bei ihm wohnende Frau lebhaft wünschte, mit dem Wesir auf einige Augenblicke eine geheime Unterredung zu haben. Kardar kam ungesäumt zu dem Stelldichein, und seine Überraschung war ebenso groß wie seine Freude, als er in der Frau, welche nach ihm verlangt hatte, die Tochter seines alten Genossen erkannte. Er wähnte, nun endlich wäre der Augenblick zur Erfüllung seiner Wünsche gekommen, und voll Entzücken rief er aus: "Licht meines Lebens, welcher glückliche Zufall hat Euch vor dem grausamen Tode bewahrt, welcher Euch bestimmt war? Ach, es hat nicht an meiner Sorgfalt gelegen, dass Ihr nicht gerettet worden seid, denn noch denselben Tag, als der König Euch auf das Kamel binden ließ, sandte ich Leute nach allen Seiten aus mit dem Auftrag, Euch nach meinem Palast zurückzubringen, aber alle ihre Nachforschungen waren vergeblich, und ich vernahm mit Schmerzen, dass es ihnen unmöglich gewesen war, Euch aufzufinden. Seit dieser Zeit war ich ein Raub des Herz zerreißendsten Kummers: Eure Rückkehrt gibt mich endlich dem Glück und dem Leben wieder. Ach! Welche Leiden und Kümmernisse hättet Ihr uns beiden erspart, wenn Ihr damals schon, als ich in dem Garten des Palastes Euch jenen Stein hinab warf, meinen Anträgen Gehör hättet geben wollen! Sagte ich Euch nicht die Behandlung voraus, welche Ihr nun erfahren habt? Sagte ich Euch nicht, dass ein Mann der imstande gewesen, ungerechterweise Euren Vater zu töten, einst auch gegen Euch selber ungerecht sein würde? Wir haben ein Mittel, uns von diesem verhassten Tyrannen zu freien, ein Gift hätte unsere Ruhe für immer gesichert. Ihr habt damals die Anerbietungen eines Mannes verschmäht, der Euch anbetete. Ihr habt mir zur Antwort Eure gewissenhafte Treue gegen Euren Gemahl und Eure gänzliche Ergebung in die Beschlüsse der Vorsehung entgegengestellt: Ihr seht nunmehr, in welchen Abgrund von Leiden diese so edlen Gesinnungen Euch gestürzt haben. Aber verbannen wir jetzt dieses unnütze Bedauern, entfernen wir jetzt die Erinnerung der vorgefallenen Unfälle, und denken wir nur an unser gegenwärtiges Glück und an die Güte des Himmels, welche Euch unsern Wünschen und meiner Liebe wiedergibt." Mit diesen letzten Worten nahte sich Kardar der Sultanin und wollte sie umarmen: Aber in demselben Augenblick sprang der Sultan, welcher die Geduld verlor, hervor und durchbohrte ihn mit seinem Kandschar, so dass der Wesir sogleich niederstürzte und den letzten Seufzer ausstieß. Der König führte nun die Königin nach dem Palast zurück, wo beide ein ungestörtes Glück genossen hätten, wenn der Gedanke an die Ungerechtigkeit des Fürsten gegen Kamkar nicht ihre Glückseligkeit getrübt hätte. Ihr seht, Herr," setzte Bacht-jar hinzu, "wie gefährlich die Übereilung war, mit welcher der König Dabdyn den Wesir Kamkar und seine Tochter verurteile. Hätte er auf die Stimme der Vorsicht gehört und nicht eigenhändig diesen Minister getötet, so würde er sich eine herbe Reue und die Vorwürfe erspart haben, welche sein ganzes übriges Leben verbittern mussten. Es wird Euer Majestät ebenso ergehen, wenn Ihr mir nicht vergönnt, Mittel und Beweise meiner Unschuld zu finden. Ich flehe Euch nur um etliche Tage, Euch dartun zu können, dass ich mich in derselben Lage befinde wie die unglückliche Fürstin, deren Geschichte ich Euch soeben erzählt habe." Asad-bacht, gerührt durch diese Erzählung, ließ Bacht-jar ins Gefängnis zurückführen. |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|