Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              228.
              229.
              230.
              231.
              232.
              233.
              234.
              235.
              236.
              237.
              238.
              239.
              240.
              241.
              242.
              243.
              244.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

236. Nacht

"Herr, der Prinz Kamaralsaman war, wie man denken kann, in der äußersten Betrübnis, als er sich gezwungen sah, noch länger in einem Land zu bleiben, wo er keinen Umgang hatte, noch haben wollte, und abermals ein Jahr auf die Gelegenheit zu warten, welche er jetzt versäumt hatte. Noch trostloser war für ihn, dass er den Talisman der Prinzessin Badur wieder aus den Händen gegeben hatte, den er nun für verloren hielt.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach dem Garten, den er verlassen hatte, zurückzukehren, ihn von dem Eigentümer zu mieten, und fort zu fahren denselben zu bauen, unter Tränen über sein Unglück und Missgeschick. Da er allein nicht den Anbau zu bestreiten vermochte, so nahm er einen Burschen in Dienst. Und um auch den andern Teil des Schatzes, welcher durch den Tod des Gärtners ihm zugefallen war, in Sicherheit zu bringen, tat er den Goldstaub in fünfzig andere Krüge, die er oben mit Oliven füllte, um sie zu seiner Zeit mit sich einzuschiffen.

Während der Prinz Kamaralsaman ein neues Jahr des Kummers, des Schmerzes und der Sehnsucht begann, setzte das Schiff seine Fahrt mit sehr günstigem Wind fort, und langte glücklich in die Hauptstadt der Ebenholzinsel an.

Da der Palast am Ufer des Meeres stand, so erblickte der neue König, oder vielmehr die Prinzessin Badur, das Schiff, als es mit wehenden Flaggen in den Hafen einlief, und fragte, was für ein Schiff es wäre, worauf man ihr sagte: Dass es alljährlich in derselben Jahreszeit von der Stadt der Götzendiener käme und gewöhnlich mit reichen Waren beladen wäre.

Die Prinzessin, mitten in dem sie umgebenden Glanze doch immer mit dem Andenken Kamaralsamans beschäftigt, gedachte, dass Kamaralsaman sich darauf eingeschifft haben könnte, und es fiel ihr ein, ihm zuvorzukommen und entgegen zu gehen, nicht, um sich zu erkennen zu geben (denn sie war wohl gewiss, dass er sie nicht erkennen würde) sondern um sich seiner zu versichern, und danach die besten Maßregeln zu ihrer Wiedervereinigung zu nehmen.

Unter dem Vorwand, sich selber nach den Waren zu erkundigen, sie zuerst zu sehen und die ihr anstehenden auszuwählen, befahl sie, ihr ein Pferd vorzuführen. Sie begab sich nach dem Hafen, in Begleitung mehrerer Beamten, die bei ihr waren, und kam gerade dort an, als der Hauptmann ans Land getreten war. Sie ließ ihn vor sich kommen, und fragte: Woher er käme, wie lange er unterwegs gewesen, was für gute oder schlimme Abenteuer ihm auf der Fahrt zugestoßen, ob er nicht einen oder den anderen ausgezeichneten Fremden mitbrächte, und vor allem, womit sein Schiff beladen wäre.

Der Schiffshauptmann beantwortete alle ihre Fragen. In Betreff der Fremden versicherte er, es wären nur Kaufleute, die gewöhnlich herkämen, und sehr reiche Stoffe aus verschiedenen Ländern mitbrächten, desgleichen seine Leinwand, bemalte und unbemalte, Juwelen, Moschus, grauen Ambra, Kampfer, Zibeth, Gewürze, Arzneiwaren, Oliven und mehrere andere Waren.

Die Prinzessin Badur liebte leidenschaftlich die Oliven. Sobald sie diese nennen hörte, sagte sie zu dem Hauptmann: "Ich nehme alle in Beschlag, die ihr habt. Lasst sie unverzüglich ausschiffen, um den Handel abzuschließen. Was die übrigen Waren betrifft, so sagt den Kaufleuten, sie sollen das Schönste davon mir bringen, bevor sie es jemand anders zeigen."

"Herr," erwiderte der Hauptmann, "es sind fünfzig sehr große Krüge: Aber sie gehören einem Kaufmann, der zurückgeblieben ist. Ich selber hatte ihn von der Abfahrt des Schiffes benachrichtigt, und wartete lange auf ihn. Da ich aber sah, dass er nicht kam, und seine Zögerung mich verhinderte, den günstigen Wind zu benutzen, so verlor ich die Geduld, und ging unter Segel."

"Lasst sie gleichwohl ausschiffen," sagte die Prinzessin, "das soll uns nicht hindern, den Handel darüber abzuschließen."

Der Hauptmann schickte sein Boot nach dem Schiff, und es kam alsbald mit den Oliven beladen wieder. Die Prinzessin fragte, was die fünfzig Krüge auf der Ebenholzinsel gelten könnten.

"Herr," antwortete der Hauptmann, "der Kaufmann ist sehr arm: Euer Majestät wird im keine sonderliche Gnade antun, wenn sie ihm tausend Silberstücke gibt."

"Damit er zufrieden sein," erwiderte die Prinzessin, "und in Betracht dessen, was ihr mir von seiner Armut sagt, soll man euch tausend Goldstücke auszahlen, die ihr ihm überliefern werdet."

Sie erteilte sogleich Befehl zur Auszahlung, und nachdem sie in ihrer Gegenwart die Krüge hatte wegtragen lassen, kehrte sie nach dem Palast zurück.

Da die Nacht herannahte, begab sich die Prinzessin Badur in den inneren Palast, ging in das Zimmer der Prinzessin Haïat-al-nefus, und ließ sich die fünfzig Olivenkrüge bringen. Sie öffnete einen, um sie davon kosten zu lassen und selber davon zu kosten, und schüttete sie in eine Schüssel. Ihr Erstaunen konnte nicht größer sein, als sie die Oliven mit Goldstaub vermischt sah. "Welch wunderbares Abenteuer!", rief sie aus. Sie ließ sogleich alle die anderen Krüge in ihrer Gegenwart durch die Frauen der Prinzessin Haïat-al-nefus öffnen. Ihr Erstaunen wuchs in demselben Maße, wie sie sah, dass in jedem Krug die Oliven mit Goldstaub vermischt waren. Aber als man auch an den Krug kam, in welchen Kamaralsaman ihren Talisman gelegt hatte, ihn ausleerte, und sie denselben erblickte, war sie so überrascht, dass sie in Ohnmacht sank.

Die Prinzessin Haïat-al-nefus und ihre Frauen eilen der Prinzessin Badur zur Hilfe, spritzten ihr Wasser ins Gesicht und brachten sie dadurch wieder zu sich. Als sie wieder all ihrer Sinne mächtig war, nahm sie den Talisman und küsste ihn immer wieder. Da sie aber vor den Frauen der Prinzessin, denen ihre Verkleidung unbekannt war, nichts davon sagen wollte, und es auch Zeit zum Schlafengehen war, so entließ sie dieselben.

"Prinzessin," sprach sie zu Haïat-al-nefus, sobald beide allein waren, "nachdem, was ich euch von meiner Geschichte erzählt, werdet ihr ohne Zweifel erkannt haben, dass der Anblick dieses Talismans die Ursache meiner Ohnmacht war. Es ist der meine, es ist derselbe, der uns beide, den Prinzen Kamaralsaman meinen teuren Gatten und mich, einander entrissen hat. Er ist die Ursache einer für uns beide so schmerzlichen Trennung gewesen: Er wird nun auch, wie ich überzeugt bin, unsere baldige Wiedervereinigung bewirken."

Am folgenden Morgen, sobald es Tag war, schickte die Prinzessin Badur hin und ließ den Schiffshauptmann rufen. Als er gekommen war, sprach sie zu ihm: "Gebt mir noch weitere Aufklärungen über den Kaufmann, dem die Oliven gehörten, welche ich gestern kaufte. Ihr sagt mir, wie mich dünkt, ihr hättet ihn in der Stadt der Götzendiener zurückgelassen: Könnt ihr mir nicht sagen, was er dort machte?"

"Herr," antwortete der Hauptmann, "ich kann euer Majestät davon sichere Kunde geben, als von einer Sache, die ich selber weiß. Ich war wegen seiner Überfahrt mit einem sehr alten Gärtner einig geworden, der mir sagte, ich würde ihn in seinem Garten finden, wo er bei ihm arbeitete und den er mir bezeichnete: Und deshalb sagte ich Euer Majestät, dass er arm wäre. Ich bin selber nach diesem Garten hingegangen, um ihn zu benachrichtigen, dass er an Bord kommen solle, und ich habe mit ihm gesprochen."

"Wenn dem so ist," sagte die Prinzessin Badur hierauf, "so müsst ihr heute noch wieder unter Segel gehen, nach der Stadt der Götzendiener zurückfahren, und mir diesen Gärtnergesellen herbringen, der mein Schuldner ist. Wo nicht, so erkläre ich euch, dass ich nicht allein die euch gehörenden Waren und die der mit eurem Schiffe gekommen Kaufleute in Beschlag nehmen werde, sondern dass auch euer Leben und das der Kaufleute mir dafür haften soll. Jetzt eben wird auf meinen Befehl das Siegel an ihr Warenlager gelegt, und es soll nicht eher abgenommen werden, als bis ihr mir den Menschen, den ich von euch fordere, überliefert habt. Das ist es, was ich euch zu sagen hatte: Eilt, und tut, was ich euch heiße."

Der Schiffshauptmann hatte auf diesen Befehl, dessen Nichtausführung für seine und der Kaufleute Geschäfte so nachteilig werden sollte, nichts zu erwidern. Er zeigte es ihnen an, und sie beeilten sich nicht minder als er, ihm unverzüglich Lebensmittel und Wasser an Bord zu schaffen, so viel er zur Reise nötig hatte. Dies wurde mit solchen Eifer betrieben, dass er noch denselben Tag unter Segel ging.

Das Schiff hatte eine sehr glückliche Fahrt, und der Hauptmann nahm seine Maßregeln so gut, dass er bei Nacht vor der Stadt der Götzendiener anlangte. Als er so nahe heran gekommen war, wie er für gut hielt, ließ er keine Anker auswerfen, sondern die Segel beilegen, bestieg sein Boot, und ging in einiger Entfernung vom Hafen ans Land, von wo er sich mit sechs der entschlossensten Matrosen nach Kamaralsamans Garten begab.

Kamaralsaman schlief noch nicht. Seine Trennung von der Prinzessin von China, seiner Gattin, betrübte ihn, wie gewöhnlich, und er verwünschte den Augenblick, wo er sich von seiner Neugier hatte verleiten lassen, ihren Gürtel auch nur zu berühren, geschweige zu untersuchen. Auf solche Weise brachte er die zur Ruhe bestimmten Stunden hin, als er an der Gartentüre pochen hörte. Er ging hurtig, halb angekleidet, hin. Kaum hatte er die Türe geöffnet, so bemächtigten der Hauptmann und die Matrosen sich seiner, ohne ein Wort zu sagen, schleppten ihn in das Boot, und führten ihn nach dem Schiff, welches sogleich wieder unter Segel ging.

Kamaralsaman, der bisher, wie der Hauptmann und die Matrosen, Stillschweigen beobachtet hatte, fragte jetzt den Hauptmann, den er erkannte, welche Ursache er hatte, ihn so mit Gewalt zu entführen. "Seid ihr nicht Schuldner des Königs der Ebenholzinsel?", fragte ihn dagegen der Hauptmann.

"Ich, Schuldner des Königs der Ebenholzinsel?", versetzte Kamaralsaman mit Verwunderung. "Ich kenne ihn ja nicht, niemals habe ich mit ihm etwas zu schaffen gehabt, und niemals habe ich einen Fuß in sein Reich gesetzt."

"Das müsst ihr besser wissen, als ich," erwiderte der Hauptmann. "Ihr mögt selber mit ihm sprechen. Unterdessen bleibt hier, und fasst euch in Geduld." ...

Bei dieser Stelle war Scheherasade genötigt, ihre Erzählung abzubrechen, um den Sultan von Indien aufstehen und an seine gewöhnlichen Geschäfte gehen zu lassen. Sie nahm in der folgenden Nacht den Faden wieder auf, und sprach also zu ihm:

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de