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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 222. 223. 224. 225. 226. 227. 228. 229. 230. 231. 232. 233. 234. 235. 236. 237. 238. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
230. Nacht"Herr, als Marsawan seine poetische Anrede geendigt hatte, die den Prinzen Kamaralsaman so angenehm überraschte, nahm der Prinz sich die Freiheit, dem König, seinem Vater, ein Zeichen zu geben, er möchte doch seinen Platz verlassen, und erlauben, dass Marsawan ihn einnähme. Der König, voller Freuden, in dem Prinzen, seinem Sohn, eine Veränderung wahrzunehmen, welche ihm gute Hoffnung gab, stand auf, fasste Marsawan bei der Hand, und nötigte ihn, dieselbe Stelle einzunehmen, welche er soeben verlassen hatte. Er fragte ihn, wer er wäre, und woher er käme und nachdem Marsawan ihm geantwortet hatte, er wäre ein Untertan des Königs von China und käme aus dessen Staaten, sagte er: "Wollte Gott, dass du meinen Sohn von der Schwermut befreitest. Ich würde dir dafür unendlich verpflichtet sein, und die Beweise meiner Dankbarkeit sollten so auffallend sein, dass alle Welt erkennen würde, nie wäre ein Dienst besser belohnt worden." Nach diesen Worten ließ er den Prinzen, seinen Sohn, sich ungehindert mit Marsawan unterhalten, und freute sich unterdessen mit seinem Großwesir über ein so glückliches Begegnung. Marsawan näherte sich dem Ohr des Prinzen Kamaralsaman, und sprach leise zu ihm: "Prinz, es ist endlich Zeit, dass ihr aufhört, euch so jämmerlich zu betrüben. Die Schöne, für welche ihr leidet, ist mir bekannt: Es ist die Prinzessin Badur, Tochter des Königs von China, der Ghaïur heißt. Ich kann euch versichern, nach dem, was sie selber mir von ihrem Abenteuer erzählt hat, und nach dem, was ich schon von dem euren vernommen habe, die Prinzessin leidet nicht weniger aus Liebe für euch, als ihr aus Liebe für sie leidet." Er erzählte ihm hierauf alles, was er von der Geschichte der Prinzessin wusste, seit der verhängnisvollen Nacht, in welcher sie sich auf eine so außerordentliche Weise gesehen hatten. Er vergaß nicht, wie der König von China diejenigen behandelte, die vergeblich die Heilung der Prinzessin Badur von ihrer vermeintlichen Tollheit unternahmen. "Ihr seid der einzige," setzte er hinzu, "der sie vollkommen heilen und sich ohne Furcht dazu erbieten kann. Aber, bevor ihr eine so weite Reise unternehmt, müsst ihr wieder gesund sein: Alsdann wollen wir die nötigen Maßregeln ergreifen. Denkt also unverzüglich auf die Herstellung eurer Gesundheit." Die Worte Marsawans taten eine mächtige Wirkung. Der Prinz Kamaralsaman wurde durch die daraus geschöpfte Hoffnung dermaßen getröstet, dass er sich stark genug fühlte, aufzustehen, und den König, seinen Vater, um die Erlaubnis sich anzukleiden bat, mit einer solchen Miene, die diesen in unbeschreibliche Freude versetzte. Der König umarmte Marsawan zum Dank dafür, und ohne sich nach dem Mittel zu erkundigen, dessen er sich zu einer so überraschende Wirkung bedient hatte, ging er sogleich mit dem Großwesir aus dem Zimmer des Prinzen, um diese erfreuliche Neuigkeit kund zu machen. Er stellte mehrtägige Freudenfeste an. Er gab seinen Beamten und dem Volk reiche Geschenke, und Almosen den Armen, und ließ alle Gefangene frei. Kurz, die ganze Hauptstadt erschallte von Freuden und Fröhlichkeit, und bald auch das ganze Reich des Königs Schachsaman. Der Prinz Kamaralsaman, so äußerst entkräftet er durch das stete Wachen und durch die lange Enthaltung fast aller Nahrungsmittel war, erlangte jedoch bald seine vorige Gesundheit wieder. Als er sich genügsam hergestellt fühlte, die Beschwerlichkeiten der Reise zu ertragen, nahm er Marsawan beiseite und sagte zu ihm: "Lieber Marsawan, es ist Zeit, das Versprechen auszuführen, das ihr mir getan habt. Bei meiner Ungeduld, die reizende Prinzessin zu sehen und ihre unerhörten Leiden zu enden, welche sie aus Liebe zu mir duldet, fühle ich wohl, dass ich in den selben Zustand zurückfallen werde, worin ihr mich gefunden habt, wenn wir nicht sofort abreisen. Eins nur bekümmert mich und lässt mich Aufschub fürchte. Das ist die ungestüme Zärtlichkeit des Königs, meines Vaters, der sich niemals wird entschließen können, mir die Erlaubnis zur Entfernung von ihm zu geben. Das wird mich untröstlich machen, wenn ihr nicht ein Mittel dafür findet. Ihr seht selber, dass er mich fast nicht aus den Augen lässt." Bei diesen Worten konnte der Prinz seine Tränen nicht zurückhalten. "Prinz," antwortete Marsawan, "ich habe das große Hindernis, von dem ihr sprecht, schon vorausgesehen: Es ist meine Sache, es so einzurichten, dass es uns nicht aufhaltet. Die vornehmste Absicht meiner Reise war, die Prinzessin von China von ihren Leiden zu befreien. Dazu bewog mich die gegenseitige Freundschaft, die wir fast seit unserer Geburt füreinander hegen, und der Diensteifer und die Ergebenheit, die ich ihr sonst schuldig bin. Ich würde meine Pflicht verletzen, wenn ich nicht, zu ihrem Trost und zugleich zu dem eurigen, diese Gelegenheit dazu benutze, und nicht alle Geschicklichkeit anwendete, die ich besitze. Hört also, was ich ersonnen habe, zur Wegräumung der Schwierigkeit, die Erlaubnis des Königs, eures Vaters, zu erhalten, so wie wir beide sie wünschen. Ihr seid, so lange ich hier bin, noch nicht ausgegangen: Äußert eurem Vater den Wunsch, frische Luft zu schöpfen, und bitte ihn um die Erlaubnis zu einer Jagd von zwei oder drei Tagen mit mir. Es ist nicht wahrscheinlich, dass er sie euch versagen wird. Wenn er sie euch bewilligt, so gebt Befehl, für jeden von uns zwei gute Pferde bereit zu halten, eins zum Reiten, das andere zum Unterlegen, und lasst mich für das Übrige sorgen." Am folgenden Morgen nahm der Prinz Kamaralsaman seine Zeit wahr: Er bezeugte seinem Vater seine Lust, der frischen Luft zu genießen, und bat ihn um die Erlaubnis, einen Tag, oder zwei, mit Marsawan auf die Jagd zu reiten. "Ich bewillige es gern," antwortete der König, "jedoch nur unter der Bedingung, dass du nicht mehr als eine Nacht ausbleibst. Zuviel Anstrengung gleich anfangs möchte dir schaden, und eine längere Abwesenheit würde mir Sorge machen. Denn ich befinde mich in dem Zustand, welchen der Dichter beschreibt: "Wenn ich mit aller Glückseligkeit umgeben wäre,
und besäße das Reich der Chosroën, ja die Welt: Der König befahl, die besten Pferde für ihn auszusuchen, und sorgte selber dafür, dass ihm nichts fehlte. Als alles bereit war, umarmte er ihn, und nachdem er ihn in Marsawans besondere Obhut befohlen, ließ er ihn reiten. Als der Prinz Kamaralsaman und Marsawan ins Freie kamen, stellten sie, zum Schein für die beiden Reitknechte, die ihre Handpferde führten, eine Jagd an, und entfernten sich von der Stadt so weit als möglich. Beim Anbruch der Nacht kehrten sie in eine Karawanserei ein, wo sie zum Abend speisten und ungefähr bis Mitternacht schliefen. Marsawan, der zuerst erwachte, weckte auch den Prinzen Kamaralsaman, nicht aber die Reitknechte. Er bat den Prinzen, ihm sein Kleid zu geben, und ein anderes anzuziehen, das einer der Reitknechte getragen hatte. Sie bestiegen beide die mitgebrachten Handpferde und nachdem Marsawan noch eins von den Pferden der Knechte beim Zaum genommen hatte, machten sie sich auf den Weg, und jagten in vollem Lauf davon. Beim Anbruch des Tages befanden sich die beiden Reiter in einem Wald, auf einem Kreuzweg. An dieser Stelle bat Marsawan den Prinzen, ihn einen Augenblick zu erwarten, und ritt in den Wald hinein. Hier tötete er das Pferd des Reitknechts, zerriss das Kleid welches der Prinz abgelegt hatte, und färbte es mit Blut, und als er zu dem Prinzen zurückkam, warf er es mitten hin auf den Kreuzweg. Der Prinz Kamaralsaman fragte Marsawan, was er damit beabsichtigte. "Prinz," antwortete Marsawan, "sobald der König, euer Vater, euch diesen Abend nicht zurückkommen sieht, oder von den Reitknechten erfährt, dass wir sie verlassen haben, während sie schliefen, so wird er nicht unterlassen, Leute auszusenden, um uns aufzusuchen. Die nun hierher kommen und dieses blutige Kleid finden, werden nicht zweifeln, dass ein wildes Tier euch erwürgt habe, und dass ich aus Furcht vor seinem Zorn entflohen sei. Der König, nach ihrem Bericht, euch nicht mehr am Leben wähnend, wird bald aufhören, euch suchen zu lassen, und so uns Zeit geben, unsere Reise fortzusetzen, ohne Furcht vor Verfolgung. Diese Vorkehrung ist freilich hart, einen Vater, der seinen Sohn so zärtlich leibt, auf einmal durch die Nachricht seines Todes so grausam zu erschrecken: Aber die Freude des Königs, eures Vaters, wird um so größer sein, wenn er vernimmt, dass ihr noch am Leben und glücklich seid." "Braver Marsawan," erwiderte der Prinz Kamaralsaman: "Ich kann deine sinnreiche Erfindung nicht anders als billigen, und bin dir dafür aufs neue verpflichtet." Der Prinz und Marsawan, die sich mit kostbaren Juwelen für ihre Ausgaben versehen hatten, setzten nun ihre Reise zu Lande und zu Wasser fort, und fanden keinen anderen Aufenthalt, als die Länge der Zeit, die sie dazu anwenden mussten. Endlich erreichten sie die Hauptstadt von China, wo Marsawan mit dem Prinzen, anstatt ihn in sein Haus zu führen, in einem öffentlichen Gasthaus abstieg. Sie blieben hier drei Tage, um sich von den Anstrengungen der Reise auszuruhen und während dieser Zeit ließ Marsawan zur Verkleidung des Prinzen ein Sterndeuterkleid machen. Nach Verlauf der drei Tage gingen beide zusammen ins Bad, wo Marsawan den Prinzen das Sterndeuterkleid anlegen ließ. So ging er mit ihm aus dem Bade, und führte ihn bis an den Palast des Königs von China, wo er ihn verließ, um hin zu gehen und seiner Mutter, der Amme der Prinzessin Badur, seine Ankunft zu melden, damit sie die Prinzessin davon benachrichtigte ..." Bis hierher war die Sultanin Scheherasade gekommen, als sie bemerkte, dass der Tag schon angebrochen war. Sie hörte sogleich auf zu erzählen. In der folgenden Nacht fuhr sie fort, und sagte zu dem Sultan von Indien: |
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