Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info
Homepage
   Literatur
      Max Habicht
         1001 Nacht

            Vorgeschichte
            Der Esel, der Ochs
               und der Bauer
            Nächte

              ...
              219.
              220.
              221.
              222.
              223.
              224.
              225.
              226.
              227.
              228.
              229.
              230.
              231.
              232.
              233.
              234.
              235.
              ...
            Inhalt nach Titel
            Inhalt nach Nummer

227. Nacht

"Herr, der Prinz Kamaralsaman empfing den König seinen Vater, in dem Turm seines Gefängnisses mit großer Ehrerbietung. Der König setzte sich. Nachdem er den Prinzen neben sich setzen lassen hat, tat er ihm mehrere Fragen, auf welche derselbe ganz vernünftig antwortete. Und von Zeit zu Zeit blickte er den Großwesir an, als wenn er ihm sagen wollte, er fände nicht, dass der Prinz, sein Sohn, den Verstand verloren, wie er versichert hatte, und dass er wohl selber ihn verloren haben müsste.

Endlich sprach der König auch von dem Fräulein zu dem Prinzen, und sagte: "Mein Sohn, ich bitte dich, mir zu sagen, was es mit dem Fräulein für eine Bewandtnis hat, welche diese Nacht bei dir geschlafen haben soll."

"Herr," antwortete Kamaralsaman, "ich bitte Euer Majestät, meinen Verdruss über diesen Gegenstand nicht noch zu vermehren. Erzeigt mir lieber die Gnade, sie mir zur Gattin zu geben. Welche Abneigung ich auch bisher gegen die Frauen bezeugt habe, so hat jedoch diese junge Schönheit mich dermaßen bezaubert, dass ich keinen Anstand nehme, euch meine Schwachheit zu bekennen. Ich bin bereit, sie mit dem höchsten Dank von eurer Hand zu empfangen."

Der König Schachsaman war ganz bestürzt über diese Antwort des Prinzen, welche dem bisher gezeigten gefundenen Verstand so sehr zu widersprechen schien. "Mein Sohn," erwiderte er, "du sagst mir da etwas, was mich in das größte Erstaunen versetzt, von welchem ich mich kaum erholen kann. Ich schwöre dir bei der Krone, die einst von mir auf dich übergehen soll, das ich nicht das geringste von dem Fräulein weiß, von welchem du redest. Wenn irgend eine hierher gekommen ist, so habe ich jedoch keinen Teil daran. Wie aber hätte sie ohne meine Bewilligung in diesen Turm gelangen können? Denn was mein Großwesir dir auch gesagt haben mag, er hat es nur getan, um dich zu besänftigen. Es muss ein Traum sein. Siehe wohl zu, ich bitte dich, und besinne dich."

"Herr Vater," versetzte der Prinz, "ich würde für immer der Güte Euer Majestät unwürdig sein, wenn ich der mir gegebenen Versicherung nicht Glauben beimäße. Aber ich bitte euch, die Geduld zu haben, mich anzuhören, und selber zu urteilen, ob das, was ich die Ehre habe, euch zu erzählen ein Traum ist."

Hierauf erzählte der Prinz Kamaralsaman dem König, seinem Vater, alle Umstände bei seinem Erwachen. Er schilderte ihm mit Begeisterung die Schönheit und die Reize des Fräuleins, die er an seiner Seite gefunden, die Liebe, die er in einem Augenblick für sie gefasst hatte, und sein vergebliches Bemühen, sie aufzuwecken. Er verschwieg ihm selbst nicht, was ihn bewogen, wieder einzuschlafen, nachdem er seinen Ring mit dem des Fräuleins vertauscht hatte. Er beschloss endlich damit, dass er den Ring vom Finger zog und ihm denselben überreichte, mit den Worten: "Herr, der meine ist euch nicht unbekannt, ihr hat ihn mehrmals gesehen. demnach hoffe ich, ihr werdet überzeugt sein, dass ich nicht den Verstand verloren habe, wie man euch eingebildet hat."

Der König Schachsaman erkannte so deutlich die Wahrheit dessen, was sein Sohn ihm erzählte, dass er nichts darauf zu erwidern hatte. Ja er geriet darüber in so großes Erstaunen, dass er lange Zeit da saß, ohne ein Wort zu sagen.

Der Prinz benutzte diesen Augenblick, und sprach noch zu ihm: "Herr, die Leidenschaft, welche ich für dieses reizende Wesen empfinde, dessen teures Bild ich in meinem Herzen bewahre, ist schon so heftig, dass ich mich nicht stark genug fühle, ihr zu widerstehen. Ich flehe euch, habt Mitleid mit mir, und verschafft mir das Glück ihres Besitzes."

"Nachdem, was ich von dir höre, mein Sohn, und nach dem Anblick dieses Ringes," erwiderte der König, "kann ich nicht daran zweifeln, dass deine Leidenschaft wahrhaft sei, und dass du wirklich das Fräulein gesehen hast, welche sie erzeugt hat. Wollte Gott, dass ich dieses Fräulein kennen würde! Du solltest heute noch befriedigt, und ich würde der glücklichste Vater von der Welt sein. Aber wo sie suchen? Wie, und auf welchem Weg ist sie hier herein gekommen, ohne mein Wissen und Willen? Weshalb ist sie gekommen? Bloß um bei dir zu schlafen, dir ihre Schönheit zu zeigen, Liebe in dir zu entzünden, während sie schlief, und wieder zu verschwinden, während du schliefst? Ich begreife dies Abenteuer nicht, mein Sohn. Wenn der Himmel uns nicht günstig ist, so wird es uns wohl beide ins Grab bringen."

Indem er dieses sprach, fasste er den Prinzen bei der Hand, und fügte hinzu: "Komm lass uns gemeinsam Leid tagen, du, weil du hoffnungslos liebst, und ich, weil ich dich so betrübt sehe, ohne dein Übel heilen zu können."

Der König Schachsaman führte den Prinzen wieder aus dem Turm in den Palast, wo derselbe, aus Verzweiflung, eine Unbekannte zu lieben, sich alsbald zu Bett begab. Der König schloss sich ein, und trauerte mehrere Tage mit ihm, ohne sich im geringsten um die Angelegenheiten seines Reiches bekümmern zu wollen.

Sein erster Minister, dem er allein den Zutritt zu ihm gestattet hatte, kam eines Tages und stellte ihm vor, dass sein ganzer Hof, und selbst sein Volk, anfinge zu murren, weil sie ihn nicht mehr sähen, und er nicht täglich Gerechtigkeit pflegte, wie sonst, und dass er nicht für die Unordnungen stünde, welche daraus entstehen könnte. "Ich flehe euer Majestät," fuhr er fort, "hierauf Rücksicht zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass euere Gegenwart den Schmerz des Prinzen, und seine den eurigen gegenseitig lindert: Aber ihr müsst doch daran denken, dass nicht alles zu Grunde gehe. Erlaubt, dass ich euch vorschlage, den Prinzen nach dem Schloss auf der kleinen Insel nahe am Hafen zu bringen, und nur zweimal wöchentlich Audienz zu geben. Während der Abwesenheit, zu welcher diese Verrichtung euch nötigt, wird die bezaubernde Schönheit des Ortes, die frische Luft und die wundervolle Aussicht von dort, dem Prinzen eure kurze Entfernung erträglicher machen."

Der König Schachsaman billigte diesen Rat. Sobald jenes Schloss, welches er lange nicht besucht hatte, eingerichtet war, begab er sich mit dem Prinzen dahin, und verließ ihn hier nur, um pünktlich die beiden Audienzen zu geben. Die übrige Zeit brachte er bei seinem Bett zu, und bald bemühte er sich, ihn zu trösten, bald wehklagte er mit ihm.

Fortsetzung der Geschichte der Prinzessin von China

Während diese Dinge in der Hauptstadt des Königs Schachsaman vorgingen, hatten die beiden Geister Dachnesch und Kaschkasch die Prinzessin von China nach dem Palast zurückgebracht, wo der König, ihr Vater, sei eingeschlossen hielt, und sie wieder in ihr Bett gelegt.

Am Morgen, beim Erwachen, blickte die Prinzessin von China zur Rechten und zur Linken. Als sie sah, dass der Prinz Kamaralsaman nicht mehr bei ihr war, rief sie ihren Frauen mit so lauter Stimme, dass sie schleunig herbei liefen und ihr Bett umgaben. Die Amme trat zu ihrem Haupt, und fragte sie, was sie verlangte, und ob ihr etwas zugestoßen wäre.

"Sagt mir," sprach die Prinzessin, "wo ist der Jüngling hingekommen, den ich von ganzen Herzen liebe, und der diese Nacht bei mir geschlafen hat?"

"Prinzessin," antwortete die Amme, "ohne Zweifel wollt ihr uns nur zum Besten halten. Beliebt es euch nicht, aufzustehen?"

"Ich spreche sehr ernstlich," erwiderte die Prinzessin, "und ich will wissen, wo er ist."

"Aber Prinzessin," versetzte die Amme, "ihr wart doch allein, als wir euch gestern Abend zu Bett brachten, und niemand ist hereingekommen, um bei euch zu schlafen, so viel wir wissen, alle eure Frauen und ich."

Die Prinzessin von China verlor die Geduld: Sie ergriff ihre Amme beim Kopf und gab ihr Ohrfeigen und derbe Faustschläge. "Du sollst es mir sagen, alte Hexe," sprach sie, "oder ich bringe dich um."

Die Amme machte alle Anstrengungen, sich ihren Händen zu entziehen. Endlich riss sie sich los, und ging auf der Stelle zu der Königin von China, der Prinzessin Mutter. Mit Tränen in den Augen und ganz zerbläuten Gesicht erschien sie vor der Königin, die mit großem Erstaunen sie fragte, wer sie in diesen Zustand versetzt hätte?

"Gebieterin," sagte die Amme, "ihr seht, wie die Prinzessin mich zugerichtet hat. Sie hätte mich umgebracht, wenn ich mich nicht ihren Händen entwunden hätte." Hierauf erzählte sie ihr den Anlass ihres Zorns und Ungestüms, worüber die Königin nicht minder bekümmert, als verwundert war. "Ihr seht, Gebieterin," fügte sie zum Schluss hinzu, "dass die Prinzessin den Verstand verloren hat. Ihr könnt selber darüber urteilen, wenn ihr euch zu ihr hin bemüht."

Die Königin von China, welche ihre Tochter zärtlich liebte, war über diese Nachricht sehr beunruhigt, Sie ließ sich von der Amme begleiten und eilte hin zu der Prinzessin, ihrer Tochter ..."

Die Sultanin Scheherasade wollte fortfahren, aber sie bemerkte, dass der Tag schon anbrach. Sie schwieg also. In der folgenden Nacht nahm sie ihre Erzählung wieder auf, und sprach zu dem Sultan von Indien:

Ü   Þ

© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de