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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 216. 217. 218. 219. 220. 221. 222. 223. 224. 225. 226. 227. 228. 229. 230. 231. 232. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
224. Nacht"Herr, Dachnesch, der von Gott abtrünnige Geist, sprach also zu Maimune: "Weil ihr es wünscht, so will eich euch sagen, dass ich von der äußersten Küste Chinas, den letzten Inseln dieser Halbkugel gegenüber, herkomme ... Aber, reizende Maimune," unterbrach sich hier Dachnesch, der aus Furcht vor der Nähe dieser Fee zitterte, und kaum sprechen konnte, "ihr versprecht mir doch, mir zu verzeihen, und mich in Freiheit zu lassen, wenn ich eure Neugier befriedigt habe?" "Fahre fort, fahre fort, Verfluchter," erwiderte Maimune, "und fürchte nichts. Denkst du, dass ich so treulos bin, wie du, und dass ich den hohen Eid, den ich dir geschworen habe, verletzen könnte? Hüte dich nur, mir irgend etwas Unwahres zu sagen: Sonst werde ich dir die Flügel abschneiden, und dich behandeln, wie du es verdienst." Dachnesch, etwas beruhigt durch diese Worte Maimuns, fuhr fort: "Verehrte Herrin, ich will euch nichts als die lautere Wahrheit sagen, habt nur die Güte, mich anzuhören. Das Land China, woher ich komme, ist eins der größten und mächtigsten Königreiche der Erde, zu welchem die äußersten Inseln dieser Halbkugel gehören, von welchen ich euch schon sagte. Der jetzige König nennt sich Ghaïur8), und dieser König hat eine Tochter von solcher Schönheit, wie man noch keine auf Erden gesehen hat, so lange die Welt steht. Weder ihr, noch ich, noch alle Geister eurer und meiner Art, noch die Menschen allzumal, wir alle haben keine entsprechende Worte, keine so lebhaften Ausdrücke, noch Beredsamkeit genug, um eine Schilderung von ihr zu entwerfen, welche sich der Wirklichkeit nur annähert. Sie hat braune Haare von solcher Länge, dass sie ihr bis über die Füße herabreichen, und in solcher Fülle, dass wenn sie um ihren Kopf in Locken gelegt wird, sie wohl mit einer jener schönen Trauben zu vergleichen ist, deren Beeren von außerordentlicher Größe sind. Aus diesen Haaren glänzt eine schön gebildete Stirn, so glatt, wie ein hell geschliffener Spiegel. Die schwarzen Augen, auf der Höhe des Angesichts, strahlen voll Feuer. Die Nase ist weder zu lang noch zu kurz. Der Mund klein und rot. Die Zähne sind wie zwei Reihen Perlen und übertreffen die schönsten von diesen an Weiße, und wenn sie die Zunge zum Sprechen bewegt, so ertönt eine süße und anmutige Stimme, und sie drückt sich in Worten aus, welche die Lebhaftigkeit ihres Geistes bezeichnen. Der schönste Alabaster ist nicht weißer, als ihr Busen. Kurz, aus diesem schwachen Umriss werdet ihr schon ermessen, dass es keine vollkommenere Schönheit auf der Welt gibt. Wer den König, den Vater dieser Prinzessin, nicht kennt, würde nach dem Ausdruck seiner väterlichen Zärtlichkeit urteilen, dass er verliebt in sie ist. Niemals hat ein Liebender für seine zärtlichste Geliebte getan, was er für sie bewiesen hat. Denn die allerheftigste Eifersucht hat niemals erdenken können, was die Sorgfalt, sie jedem andern als ihrem künftigen Gatten unzugänglich zu machen, ihn hat erfinden und ausführen lassen. Damit sie in der Absonderung, zu welcher er sie bestimmt hatte, sich nicht langweilte, hat er ihr sieben Paläste bauen lassen, wie man nie etwas ähnliches weder gesehen noch gehört hat. Der erste Palast ist von Bergkristall, der zweite von Erz, der dritte von feinem Stahl, der vierte von einer andern Art Erz, die kostbarer ist, als die erste und als der Stahl, der fünfte ist von Probierstein, der sechste von Silber, der siebente von gediegenem Gold. Alle sind mit unerhörter Pracht ausgeschmückt, jeder dem Stoff gemäß, woraus er gebaut ist. In den Gärten, welche sie umgeben, fehlt es nicht an Rasenplätzen, Blumenstücken, Teichen, Springbrunnen, Kanälen, Wasserfällen, Gebüschen und Baumgruppen, welche die Sonne niemals durchdringt. Alles dieses ist in jedem Garten von verschiedener Anordnung. Auf den Ruf der unvergleichlichen Schönheit dieser Prinzessin, ließen bald die mächtigsten der benachbarten Könige durch feierliche Gesandtschaften um sie werben. Der König von China empfing alle gleich freundlich. Da er aber seine Tochter nur mit ihrer Einwilligung vermählen wollte, und der Prinzessin keine von den angetragenen Verbindungen gefiel, so kehrten die Gesandten wieder heim, zwar missvergnügt in Ansehung des Gegenstandes ihrer Gesandtschaft, jedoch sehr zufrieden mit der Höflichkeit und Ehre, die ihnen zu Teil geworden war. "Herr Vater," sprach die Prinzessin zum König von China, "ihr wollt mich vermählen, und wähnt, mir dadurch ein großes Vergnügen zu machen. Ich bin davon überzeugt, und euch sehr dankbar dafür. Aber wo könnte ich anderswo, als bei Euer Majestät so prächtige Paläste und so reizende Gärten finden? Ich füge hinzu, dass ich mit eurer Vergünstigung ohne allen Zwang lebe, und dass man mir dieselbe Ehre erzeigt, wie eurer eigenen Person. Das sind Vorzüge, die ich an keinem anderen Ort in der Welt finden würde, welchen Gemahl ich auch nehmen möchte. Die Männer wollen die Herren sein, und ich habe nicht Lust, mich beherrschen zu lassen." Nach mehreren Gesandtschaften kam eine von einem reicheren und mächtigeren König, als alle die bisherigen gewesen waren. Der König von China sprach darüber mit seiner Tochter, und er wies ihr an, wie vorteilhaft es für sie sein würde, ihn zum Gemahl zu nehmen. Die Prinzessin bat ihn, sie damit zu verschonen, und führte ihm wieder dieselben Gründe an. Er drang in sie. Die Prinzessin aber, anstatt sich zu ergeben, vergaß die Ehrfurcht, welche sie dem König, ihrem Vater, schuldig war, und sprach zornig zu ihm: "Herr, redet mir nicht mehr von dieser Vermählung, noch von irgend einer anderen; oder ich werde mir den Dolch in die Brust stoßen, und mich so von eurer Überlästigkeit befreien." Der gegen die Prinzessin aufgebrachte König von China erwiderte ihr: "Meine Tochter, du bist eine Närrin, und ich werde dich wie eine Närrin behandeln." In der Tat ließ er sie in ein einzelnes Gemach in einem seiner Paläste einsperren, und gab ihr nur zehn alte Weiber zur Gesellschaft und Bedienung, unter welchen die vornehmste ihre Amme war. Damit die benachbarten Könige, welche Gesandtschaften zu ihm geschickt hatten, nicht ferner an sie dächten, schickte er Gesandte zu ihnen, um sie von ihrer Abneigung vor jeder Vermählung zu benachrichtigen. Und da er nicht zweifelte, dass sie wirklich toll wäre, beauftragte er dieselben Gesandten, an allen Höfen kund zu tun, wenn sich irgend ein so geschickter Arzt fände, sie zu heilen. So möchte er nur kommen, und er würde sie ihm, zum Lohne dafür, zur Frau geben. Schöne Maimune," fuhr Dachnesch fort, "so stehen dort die Sachen, und ich verfehle nicht, regelmäßig jeden Tag diese unvergleichliche Schönheit zu betrachten, der ich ungern das geringste Leid zufügen möchte, ungeachtet meiner natürlichen Bosheit. Kommt, sie zu sehen, ich beschwöre euch darum: Es ist der Mühe wert. Wenn ihr euch selber überzeugt habt, dass ich nicht gelogen haben, so hoffe ich, ihr werdet es mir Dank wissen, dass ich euch eine Prinzessin habe sehen lassen, deren Schönheit nicht ihresgleichen hat. Ich bin bereit, euch zum Führer zu dienen. Ihr habt nur zu befehlen." Anstatt Dachnesch zu antworten, brach Maimune in ein lautes Gelächter aus, das lange anhielt. Dachnesch, der sich dasselbe nicht zu erklären wusste, war in großer Verwunderung. Nachdem sie zu wiederholten Mal sich satt gelacht hatte, sagte sie zu ihm: "Possen, Possen! Du willst mir etwas aufheften! Ich dachte, du würdest mir etwas Erstaunliches und Außerordentliches erzählen, und du unterhältst mich von einer Meerkatze! Pfui, schäme dich! Was würdest du Verfluchter erst sagen, wenn du den schönen Prinzen gesehen hättest, von welchem ich soeben herkomme, und den ich so liebe, wie er es verdient? Fürwahr, das ist etwas ganz anderes: Du würdest närrisch darüber werden." "Reizende Maimune," erwiderte Dachnesch, "darf ich euch fragen, wer dieser Prinz ist, von dem ihr sprecht?" - "Wisse," antwortete ihm Maimune, "dass ihm beinahe dasselbe begegnet ist, wie der Prinzessin, von welcher du mich hier unterhalten hast. Der König, sein Vater, wollte ihn mit aller Gewalt vermählen: Nach langen und schweren Bestürmungen hat er endlich frank und frei erklärt, dass er nicht will. Das ist die Ursache, dass er in diesem Augenblick, da ich zu dir rede, in einem alten Turm gefangen sitzt. Der meine Wohnung ist, und wo ich ihn soeben bewundert habe." "Ich will euch nicht geradezu widersprechen," versetzte Dachnesch, "aber, meine schöne Herrin, ihr werdet mir doch erlauben, bis ich euren Prinzen gesehen habe, zu glauben, dass kein Sterblicher, noch eine Sterbliche, an Schönheit mit meiner Prinzessin zu vergleichen ist." - "Schweig, Verfluchter," erwiderte Maimune, "ich sage dir noch einmal, dass das unmöglich ist." - "Ich will nicht mit euch zanken," fügte Dachnesch hinzu, "aber um euch zu überzeugen, ob ich die Wahrheit rede oder nicht, dürft ihr nur den Vorschlag annehmen, den ich euch getan habe, nämlich, mit mir zu kommen, um meine Prinzessin zu sehen, und darauf mir euren Prinzen zu zeigen. Dagegen befahl Maimune dem Dachnesch, mit ihr zu kommen. Dieser ersuchte sie zwar, lieber mit ihm nach China zu fliegen, weil sie diesem Lande nunmehr näher wären. Sie aber verweigerte ihm solches und sprach: "Bei der Inschrift, die auf dem Siegelring Salomons, des Sohnes Davids eingegraben ist, wenn du nicht sogleich die chinesische Prinzessin hierher bringst, damit wir sie neben den Prinzen hinlegen und beide vergleichen können, so vernichte ich dich." Dachnesch gehorchte nun. Maimune begleitete ihn: Und sie
fanden die Prinzessin in einem Hemd aus Leinwand aus Dabick1),
das am Saum, am Hals und an der Naht der beiden Ärmel mit goldenen Borten
besetzt war, an denen Fransen und Goldzierraten hingen. An den Borten waren
folgende Verse gestickt: Glänzt an der Gestalt dieser Schönen, und übertrifft den Schein der Sonne am Gewölbe des Himmels." So bekleidet brachten sie die schlafende Prinzessin hin, und legten sie neben dem Prinzen Kamaralsaman aufs Bett, wo sie zwei leuchtenden Vollmonden glichen, wie der Dichter sagt: "Mit meinen Augen sah ich zwei Schlafende auf der
Erde; wohl wünschte ich, ich könnte ihnen meine Augenlieder zum Bett anweisen. Der schon hell herein scheinende Tag nötigte Scheherasade, abzubrechen. Sie nahm in der folgenden Nacht den Faden wieder auf, und sagte zu dem Sultan von Indien: 1) Dabick ist eine Stadt in Ägypten, in der Provinz Gharbye gelegen, und berühmt durch die vorzügliche Leinwand, die daselbst gewoben wird. |
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