| Max Habicht @ www.Wissen-im-Netz.info | |
|
Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 190. 191. 192. 193. 194. 195. 196. 197. 198. 199. 200. 201. 202. 203. 204. 205. 206. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
198. Nacht"Schemselnihar trat also in die Mitte der zehn Frauen, die sie an der Türe erwartet hatten. Sie war leicht unter ihnen zu erkennen, sowohl durch ihren Wuchs und ihre majestätische Haltung, als durch eine Art Mantel von einem sehr leichten himmelblauen, mit Gold durchwirkten Stoff. Sie trug diesen auf den Schultern befestigt, über ihrem Kleid, welches das sauberste, geschmackvollste und prächtigste war, das man sich nur denken kann. Die Perlen, Diamanten und Rubinen, welche ihr zum Schmuck dienten, waren nicht in Überladung ausgestreut: Alles war nur in kleiner Anzahl da, aber auserlesen und von unschätzbarem Wert. Sie trat mit einer Majestät daher, wie die Sonne in ihrem Lauf mitten durch das Gewölk, welches ihren Glanz aufnimmt, ohne ihn zu verhüllen, und setzte sich auf den silbernen Thron, der für sie hergebracht war. Sobald der Prinz von Persien Schemselnihar erblickte, hatte er nur Augen auf sie. "Man erkundigt sich nicht mehr nach dem, das man suchte, sobald man es erblickt," sprach er zu Ebn Thaher, "und aller Zweifel schwindet, sobald die Wahrheit sich offenbart. Seht ihr diese bezaubernde Schönheit? Sie ist die Ursache meiner Leiden, die ich segne, und nicht aufhören werde zu segnen, wie hart und wie langwierig sie auch sein mögen! Bei diesem Anblick bin ich meiner selbst nicht mehr mächtig. Meine Seele gerät in Unruhe und Empörung, und ich fühle, dass sie mich verlassen will. So geh denn hin, oh meine Seele, ich erlaube es dir! Aber tue es zum Wohl und zur Erhaltung dieses gebrechliches Leibes. - Ihr seid es, grausamer Ebn Thaher, der diese Verwirrung veranlasst hat: ihr wähntet mir ein großes Vergnügen zu machen, indem ihr mich hierher führtet, und ich sehe, dass ich zur Vollendung meines Verderbens her gekommen bin - Verzeiht mir," fuhr er fort, indem er sich wieder fasste, "ich täusche mich, gern bin ich hergekommen, und ich habe nur mich anzuklagen." Bei diesen Worten zerfloss er in Tränen. "Es freut mich," sagte Ebn Thaher darauf, "dass ihr mir Gerechtigkeit widerfahren lasst. Als ich euch sagte, dass Schemselnihar die Favoritin des Kalifen ist, tat ich es ausdrücklich deshalb, um dieser unseligen Leidenschaft zuvorzukommen, welche ihr mit Wohlgefallen in eurem Herzen nährt. Alles, was ihr hier seht, muss euch davon abwenden, und ihr dürft nur noch den Empfindungen der Dankbarkeit Raum geben, für die Ehre, welche Schemselnihar euch erweist, indem sie mir befahl, euch mit mir zu bringen. Ruft also eure verwirrte Vernunft wieder zurück, und setzt euch in den Stand, vor ihr zu erscheinen, wie der Wohlstand es fordert. Seht, da kommt sie. Wäre es nicht schon so weit gediehen, so würde ich andere Maßregeln nehmen. Weil aber die Sache nun einmal geschehen ist, so bitte ich Gott, dass es uns nicht gereuen möge. - Was ich euch noch einzuschärfen habe," fuhr er fort, "ist, dass die Liebe eine Verräterin ist, und euch in einen Abgrund stürzen kann, aus welchem ihr euch nie wieder befreit." Ebn Thaher hatte nicht Zeit, noch mehr zu sagen, weil Schemselnihar herankam. Sie setzte sich auf ihren Thron, und grüßte sie beide durch eine Neigung des Hauptes. Aber ihre Augen verweilten auf dem Prinzen von Persien, und beide unterredeten sich miteinander in einer stummen, mit Seufzern untermischten Sprache, durch welche sie sich in wenigen Augenblicken mehr sagten, als sie in langer Zeit durch Worte vermocht hätten. Je länger Schemselnihar den Prinzen ansah, je mehr bestärkten ihre Blicke sie in dem Gedanken, dass er gegen sie nicht gleichgültig wäre, und schon überzeugt von der Gegenliebe des Prinzen, fühlte sie sich die glücklichste Sterbliche auf der Welt. Sie wandte endlich ihre Augen von ihm, und befahl den Frauen, die zuerst gesungen hatten, sich zu nähern. Diese standen auf, und während sie herantraten, kamen die schwarzen Weiber aus dem Baumgang wieder hervor, trugen ihnen die Stühle nach, und stellten sie nahe an das vorspringende Fenster des Saales, wo Ebn Thaher und der Prinz von Persien saßen, dergestalt, dass die Stühle mit dem Thron der Favoritin und den Frauen zu ihren Seiten, einen Halbkreis vor ihnen bildeten. Als die Frauen, welche zuvor auf den Stühlen saßen, auf einen Wink Schemselnihars, alle ihren Platz wieder eingenommen hatten, wählte ihre reizende Herrin eine von ihnen aus, zu singen. Nachdem diese Frau ihre Laute gestimmt hatte, sang sie folgendes Lied: "Der Geliebte eilt zu der Geliebten, und die
Zärtlichkeit macht beide Herzen zu einem Herzen. Hier verweilen sie, und mit Tränen im Auge wiederholen sie sich folgende Worte: "Warum gehöre ich nicht dir, und du mir an? Allein das Geschick ist schuld daran, nicht uns ist die Schuld zuzuschreiben, die wir unter dem Einfluss des Geschickes stehen." Schemselnihar deutete durch Blicke und Gebärden diese Worte so sichtlich auf sich und den Prinzen von Persien, dass dieser sich nicht länger halten konnte. Er stand halb auf, lehnte sich über die Fensterbrüstung hinaus, und bat eine von den nächsten Gespielinnen der Frau, die eben gesungen hatte, auf sein Tun acht zu geben, und da sie nahe war, sagte er zu ihr: "Merkt auf mich, und erzeigt mir die Gefälligkeit, mit eurer Laute den Gesang zu begleiten, den ich anstimmen werde." Und nun sang er folgendes Lied: "Wegen der großen Entfernung, die zwischen dir und
mir ist, ziemt meinem Auge nichts anders als Weinen: Du Wonne und Sehnsucht
meiner Augen, du einziges Ziel meiner wünsche, du mein Abgott! Sobald er geendigt hatte, folgte Schemselnihar seinem Beispiel, und sagte zu einer ihrer Frauen: "Merke auf mich, und begleite meine Stimme." Zu gleicher Zeit sang sie ein Lied, welches das Herz des Prinzen nur noch mehr in Flammen setze; und dieser antwortete ihr wieder durch einen Gesang, der noch leidenschaftlicher war, als der zuerst gesungene. Als die beiden Liebenden also durch ihre Gesänge ihre wechselseitige Zärtlichkeit erklärt hatten, vermochte Schemselnihar nicht länger der Gewalt der ihrigen zu widerstehen. Ganz außer sich erhub sie sich von ihrem Thron, und näherte sich der Türe des Saales. Der Prinz, ihre Absicht verstehend, erhub sich auch sogleich und eilte ihr entgegen. Beide begegneten sich unter der Türe, wo sie einander die Hände entgegenstreckten, und sich mit solcher Inbrunst umarmten, dass sie ohnmächtig wurden. Sie wären umgesunken, wenn die Frauen, welche Schemselnihar gefolgt waren, es nicht verhindert hätten. Diese hielten sie aufrecht, und trugen sie auf ein Sofa, wo sie sie wieder zu sich brachten, indem sie ihnen wohlriechendes Wasser ins Gesicht spritzten und sie mehrere andere Wohlgerüche einziehen ließen. Als beide wieder zur Besinnung gekommen waren, war das erste, was Schemselnihar tat, dass sie nach allen Seiten um sich blickte, und da sie Ebn Thaher nicht sah, fragte sie hastig, wo er wäre. Ebn Thaher hatte sich aus Ehrerbietigkeit entfernt, während die Frauen um ihre Gebieterin beschäftigt waren, und fürchtete mit Recht üble Folgen von dem, was er eben gesehen hatte. Sobald er hörte, dass Schemselnihar nach ihm fragte, näherte er sich, und trat vor sie hin ..." Bei dieser Stelle hörte die Sultanin Scheherasade auf zu erzählen, weil der Tag anbrach. In der folgenden Nacht fuhr sie also fort: |
|
© 1999 - 2004 Copyright by Jürgen Kühnle |
|