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Homepage Literatur Max Habicht 1001 Nacht Vorgeschichte Der Esel, der Ochs und der Bauer Nächte ... 185. 186. 187. 188. 189. 190. 191. 192. 193. 194. 195. 196. 197. 198. 199. 200. 201. ... Inhalt nach Titel Inhalt nach Nummer |
193. NachtIch drehte sogleich den Kasten des Ringes, und sah sogleich die Gestalt erscheinen, wovon meine Befreierin mir gesagt hatte. "Hier bin ich, Herr," sagte die Gestalt zu mir, "was verlangst du?" - "Wie ist dein Name?" - "Ich heiße Heïlfus." - Er hatte ein fürchterliches Ansehen. Zwei ungeheure Zähne, so groß wie Mühlsteine, ragten aus seinem Mund hervor. "Könntest du mir wohl," sagte ich zu ihm, "einen Palast mit einem sehr hohen Saale bauen?" - "Sehr gern, ich mache mich sogar anheischig, ihn aufs prächtigste zu möblieren, und ihn mit alle den Dienern und Sklaven anzufüllen, die zu deinen Diensten erforderlich sind, und wenn du dich darin eingerichtet haben wirst, so darfst du bloß deine Wünsche äußern, und du wirst sie augenblicklich erfüllt sehen." - "Wie viel Monate werden erforderlich sein, ehe ich diesen Palast beziehen kann?" - "Oh, wer wird da von Monaten reden?" - "Oder wie viel Wochen?" - "Du darfst da weder eine Woche, noch auch einen einzigen Tag warten. Noch in dieser Nacht soll alles angeordnet werden. Sage mir bloß, welcher Platz dir am besten gefallen würde. Ist er zufällig etwa schon besetzt, so werde ich die Bewohner desselben vertilgen. Dein Palast soll noch vor Sonnenaufgang fertig gebaut sein, und ich hoffe sogar, er wird deine Erwartung übertreffen." - "Gott bewahre mich," sagte ich hierauf, "dass ich je einem seiner Geschöpfe eines Leides zufügen, oder die Ruhe desselben stören sollte." - "Willst du lieber, dass ich deinen Palast auf den Ruinen des Schlosses des Kalifen, oder auf denen seines Wesirs Giafar ausführen soll? Du darfst es bloß sagen." - "Heïlfus," antwortete ich ihm, "ich habe mich weder über den Kalifen, noch über seinen Wesir zu beklagen, und ich werde niemals ein Glück auf Kosten des ihrigen annehmen. Wenn es in deiner Macht steht, mir einen Palast zu verschaffen, so erbaue ihn an irgend einem äußersten Ende der Stadt, an einem Ort, wo er niemandem schadet." - "Folge mir," sagte darauf die Gestalt. Er führte mich nun aus der Stadt hinaus, errichtete mir auf einer kleinen Anhöhe ein Zelt, und brachte mir dahin die köstlichsten Stärkungsmittel. Nachdem ich gegessen und getrunken hatte, überließ ich mich dem Schlaf, und die Morgenröte begann eben anzubrechen, als ich meine Augen aufschlug. Ich befand mich in einem Palast, der bereits mit aller Pracht möbliert war, ganz so, wie du ihn hier siehst. Eine zahlreiche Schar von Sklaven und Sklavinnen umgab mich. "Wem gehört dieser Palast?", fragte ich Heïlfus. - "Er gehört dir, und alle Sklaven, die du da siehst, stehen zu deinem Befehlen." - "Woher kommt dies alles?" - "Herr, wir gehören zu der Zahl jener Geister, denen nichts unmöglich ist, und ich habe eine Menge geringerer Geister zu meinen Befehlen. Einigen gab ich den Auftrag, mir einen Knaben und ein Mädchen zu verschaffen, und sie haben dergleichen unter den Kindern der Fürsten und Großen dieser Erde ausgesucht. Andere waren mit dem Bau des Gebäudes beschäftigt, und ein jeder von ihnen durfte bloß einen einzigen Stein oder ein einziges Möbel zu diesem Palast herbeibringen. Übrigens sind keineswegs alle meine Diener dabei beschäftigt gewesen, denn ich habe bloß den zehnten Teil derselben dazu gebraucht. Solltest du noch etwas wünschen, so wird dein Wunsch schnell erfüllt sein." Ich nahm jetzt von meiner neuen Wohnung Besitz. Die Sklaven traten rings um mich her, und erwarteten schweigend meine Befehle. Ich verlangte von meinem Geist eine Gondel, und augenblicklich verschaffte er mir die, welche du gesehen hast. Ich bediente mich derselben zu Lustfahrten auf dem Tigris, indem ich vor mir her das Verbot ausrufen ließ, dass sich niemand auf dem Strom, ja nicht einmal am Fenster blicken lassen solle. Zugleich nahm ich den Kalifentitel an, damit diese Neuigkeit von Mund zu Mund gehen und endlich bis vor die Ohren Harun Arreschyd's kommen möchte. Ich hatte dabei keine andere Absicht, als die, seine Neugier zu reizen und seinen Argwohn rege zu machen. Er wird mich ohne Zweifel augenblicklich holen lassen, und ich werde ihm dann mein Abenteuer erzählen. Es ist unmöglich, dass er nicht meinem Schicksal irgend eine Teilnahme schenken sollte. Er allein kann mich von den Verfolgungen Sytt ad dunya's befreien, wenn er ihrem Bruder Giafar befiehlt, mich mit ihr auszusöhnen. Alle ihre Ungerechtigkeiten haben meine Liebe zu ihr nicht zu schwächen vermocht. Der Schlaf flieht fern von meinen Augen hinweg, und mein Dasein ist mir lästig. Diese Frau ist mir übrigens zu teuer, als dass ich je daran denken könnte, mich für ihre Grausamkeit an ihr zu rächen, und wie könnte ich überhaupt gegen ihren Bruder Giafar irgend Hass fassen? Er weiß ja nicht, was zwischen uns vorgefallen ist. Sie war es, welche unsere Verbindung wünschte, sie warf in mein Herz die ersten Funken jenes verzehrenden Feuers, sie hat mich in den Abgrund der Leiden gestürzt, worin du mich siehst. Doch alle diese Ereignisse waren ohne Zweifel im Buch der Schicksale geschrieben, und wenn denn einmal der Wille des Höchsten so ist, so können sie auch wohl noch einen glücklichen Ausgang nehmen." Die Erzählung aller dieser seltsamen Abenteuer versetzte den Kalifen in das größte Erstaunen. Nicht ohne einen geheimen Schauder sah er die fast unbegrenzte Macht Ali Schachs. "Junger Mann," sagte er zu ihm, "hast du je Ursache gehabt, dich über den Kalifen zu beklagen?" - "Nein," antwortete dieser, "Harun Arreschyd ist ein Fürst, der ebenso groß als gerecht ist. Er kennt mich nicht, und er hat wohl nie von mir reden hören. Doch sofern ihr einigen Zutritt bei ihm habt, so seid so gefällig, meine Vermittler zu sein und ihn zu veranlassen, dass er meinen Qualen ein Ende macht und mich mit Sytt ad dunya aussöhnt." - "Ali Schach," erwiderte Harun, "wie solltest du bei dem Besitz so vieler Mittel noch des Kalifen oder irgend eines anderen bedürfen? Vermagst du nicht die Ereignisse nach deinem Belieben zu lenken?" - "Wenn ich meine Macht anwenden sollte, so würden daraus unvermeidliche Unannehmlichkeiten entstehen. Da meine Untreue das Herz meiner Gemahlin von mir entfremdet hat, so müsste ich fürchten, dass jeder Schritt der Annäherung von meiner Seite ihr nur noch mehr Stolz einflößen würde. Sie würde nicht unterlassen, das Unrecht, welches ich ihr getan, zum Anlass zu nehmen, um mich noch einmal mit derselben Härte zu behandeln. Ich würde dann meinen Zorn nicht mehr unterdrücken können. Sie würde sich gewiss dafür zu rächen suchen, denn sie ist Frau. Endlich wäre es sogar möglich, dass der Kalif, für welchen ich die aufrichtigsten Wünsche hege, über meine unkluge Verwegenheit ergrimmt, mir es niemals verzeihen würde, dass ich mir seien Titel und seine Rechte angemaßt." - "Je nun, was würdest du dir aus seinem Zorn machen, da seine Rache dich ja nicht erreichen kann? Du besetztest einen Talisman, der eine Macht gibt, die weder der Kalif noch seine Vorfahren jemals besessen haben, und die dich vor allen seinen Verfolgungen sicher stellt." - "Du hast Recht. Aber Gott selbst beschützt die Majestät des Thrones, und es würde die höchste Ruchlosigkeit sein, gegen denjenigen sich aufzulehnen, der im Besitz der höchsten Gewalt ist, denn der Höchste sagt selber in seinem Koran: "Seid den Gewaltigen der Erde untertan!" Diese Antwort befriedigte und beruhigte den Kalifen. "Deiner Hochachtung gegen die heiligen Rechte des Fürsten zufolge, werden wir uns beeifern, deine Angelegenheit dem Kalifen vorzutragen, und wir hoffen, dass uns alles nach Wunsche gelingen wird." Nach dieser Unterredung bat Harun nebst seinen Begleitern um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Ali Schach wollte sie noch aufhalten und lud sie ein, noch eine Nacht bei ihm zuzubringen. Allein sie entschuldigten sich damit, dass sie sagten: "Wir fürchten, dass der Kalif nach uns fragen und uns dann finden könnte. Auch können wir uns nicht auf so lange entfernen. Indessen rechne auf unsere Pünktlichkeit. Morgen wird er einige Beamten seines Hofes, ein Musikchor, und ein Ehrenkleid an dich schicken, nebst der Einladung, dass du in den Diwan kommen und dort deine Angelegenheit zu Ende bringen möchtest." - "Es ist meine Pflicht," antwortete Ali Schach, "ihm ein Geschenk zu schicken. Ich hoffe, dass ihr gefälligst es übernehmen werdet, um es ihm in meinem Namen zu überreichen und ihn zur Annahme desselben zu bewegen." Zugleich nahm er aus einem Schmuckkästchen zwei Diamanten-Halsbänder. Harun weigerte sich, sie anzunehmen, wegen ihres unermesslichen Wertes. Doch Ali Schach bestand darauf, und übergab sie, bei der hartnäckigen Weigerung Haruns, an den Wesir Giafar, der sie auch übernahm. Der Tag begann schon anzubrechen, als sie nach dem Palast des Kalifen zurückkehrten. Der Kalif hatte, bevor er im großen Sitzungssaal den Thron bestieg, noch eine geheime Unterredung mit dem Großwesir. "Deine Schwester also," sagte er zu ihm, "ist die Hauptursache der Abenteuer, die wir soeben vernommen haben, so wie auch derer, die uns selber begegnet sind." - "Herr, ich wusste nichts von alle dem." - "Ich will es wohl glauben," erwiderte der Kalif. "Doch ich befehle dir, deine Schwester aufzusuchen und sie zu bewegen, dass sie sich mit ihrem Mann aussöhnt. Ihr Weigerung würde dein und ihr Verderben nach sich ziehen." - "Ich eile, um deinen hohen Befehlen zu gehorchen. Fürst der Gläubigen," antwortete der Wesir. Zitternd ging er aus dem kaiserlichen Palast fort. Beim Eintritt in sein Haus, fand er seine Schwester in Tränen schwimmen, denn sie liebte den Ali Schach fast mehr noch, als sie von ihm geliebt wurde. Die Rache, die sie an diesem Ungetreuen genommen, war bloß eine natürliche Folge ihrer heftigen Liebe gewesen. Doch kaum hatte sie ihn dem Polizeibeamten überliefert, so machte der Zorn bei ihr dem Mitleid Platz, und sie hatte sehr bald ihre Grausamkeit bereut. Den folgenden Tag schon hatte sie den Befehl hingeschickt, ihn aus dem Gefängnis herauszulassen und in ihr Haus zu führen, aber er war verschwunden. Bei dieser schrecklichen Nachricht hatte sie sich ganz der Verzweiflung überlassen, der Schlaf war von ihren Augen geflohen, Ströme von Tränen entrollten ihr Tag und Nacht, und in diesem Zustand befand sie sich noch, als ihr Bruder sie aufzusuchen kam. "Warum vergießest du Tränen, meine teure Sytt ad dunya?", fragte er sie. sie wollte ihm anfangs die Ursache ihrer Betrübnis verhehlen. Doch, wie vielen Zwang sie sich auch antat, der Name Ali Schach, welcher ihr mitten unter ihren Seufzern entschlüpfte, verriet ihr Geheimnis. "Wer ist denn dieser Ali Schach, dessen Namen du so oft aussprichst?", fragte sie ihr Bruder. - Nachdem die junge Prinzessin sich wieder gefasst hatte, erzählte sie ihre Geschichte ganz treu. "Wie?", rief Giafar. "Das ist vorgefallen, ohne dass ich darum wusste?" - "Ich fürchtete deinen Beifall nicht zu erhalten, denn du würdest mir unfehlbar vorgestellt haben, wie tief die Tochter und Schwester eines Wesirs unter ihrem Stand heirate, wenn sie sich mit dem Sohne eines Kaufmanns vermähle, und die Liebe, die er mir eingeflößt, zwang mich nun, vor dem teuersten Bruder ein Geheimnis zu haben." Giafar wollte sich nicht länger verstellen. Er erzählte ihr die Reihe von Abenteuern, die ihrem Gemahl begegnet waren, und fügte dann hinzu: "Wenn der Kalif mir nicht aufgetragen hätte, euch zu versöhnen, so würde ich dich in diesem Augenblick erdolcht haben. Indessen lass alle Furcht fahren, du wirst den, welchen du so zärtlich liebst, wieder sehen, suche ihm die schlechte Behandlung, die er auf deinen Befehl erlitten, vergessen zu machen." Als Giafar nach dem kaiserlichen Palast zurückkehrte, waren schon die Hofbeamten nebst dem Musikchor abgegangen, um an Ali Schach das Ehrenkleid zu überbringen. Bald darauf kam dieser selbst. Als er erschien, stand Harun auf, trat ihm einige Schritte entgegen, und geruhte, ihn neben sich Platz nehmen zu lassen. Unter anderen angenehmen Sachen sagte er ihm auch: "Du hattest gestern an deiner Tafel drei Gäste, die dich aufrichtig lieben, nämlich mich, den Wesir Giafar und Mesrur. Ich will dich nicht länger aufhalten. Mein Wesir ist beauftragt, dich zu deiner Gemahlin zu führen. Ich wünsche, dass du ihre Entschuldigungen nicht zurückweisen und ihr dein Herz wiederschenken magst. Ich hoffe, sie wird von nun an minder streng sein, und diejenige Achtung gegen dich beweisen, die einem Ehegatten und besonders einem Mann, wie du bist, gebührt." Giafar führte ihn auch wirklich in seinen Palast, wo Sytt ad dunya sie erwartete. Als er hinein trat, stand sie auf, entschuldigte sich gegen ihn, und ihre Versöhnung ward durch gegenseitige Umarmungen besiegelt. Ali Schach brachte den übrigen Teil des Tages und die ganze Nacht bei ihr, in dem Schoß der süßesten Vergnügungen, hin. Den folgenden Tag ging er nach dem Diwan. Der Kalif ließ ihn nochmals neben sich Platz nehmen und überhäufte ihn mit Ehrenbezeigungen. Ali Schach verwendete die übernatürliche Macht, womit er begabt war, dazu, um die Unternehmungen Haruns zu unterstützen und seinen Ruhm zu vermehren. So verlebten sie denn ein ganzes Jahr in der innigsten Freundschaft. Als er eines Tages in seinen Palast zurückkehrte, fand er seine geliebte Sytt ad dunya von einer tödlichen Krankheit befallen. Er setze sich neben sie und verließ sie nicht, während der ganzen Krankheit, die bloß drei Tage dauerte. Am vierten starb sie. Dieser Verlust verursachte ihm eine so tiefe Betrübnis, dass er jede Art von Trost verschmähte, und bald darauf selber starb. Man beerdigte beide in demselben Sarg und in demselben Grab, und nachdem man ihre Körper sorgfältig gewaschen hatte. Harun war selber bei dem Leichenbegängnis zugegen und beweinte lange Zeit Ali Schach, denn er liebte ihn sehr. Indessen, da die Könige nie ihren Vorteil aus dem Auge verlieren, so befahl er dem Giafar, jenen Zauberring zu suchen. Allein, wie sehr man auch nachsuchte, es war nicht möglich, ihn zu finden. Als Scheherasade diese Geschichte vollendet hatte, bezeigte ihr der Sultan , wie viel Vergnügen sie ihm dadurch gemacht habe, und da der Tag noch nicht anbrach, so genehmigte er gern, noch folgendes Abenteuer anzuhören: FrauenlistMan erzählt, dass in der Stadt Bagdad einst ein liebenswürdiger Jüngling von der anmutigsten Gestalt und dem zierlichsten Wuchs gelebt habe. Es war dies der ausgezeichnetste unter allen Kaufmannssöhnen. Als er eines Tages in seinem Laden saß, ging ein reizendes Mädchen vorüber. Sie schlug die Augen empor, sah ihn an, und bemerkte über der Tür seines Ladens in sehr schöne Zügen folgende Worte geschrieben: "Es gibt keine List außer der Männerlist, denn sie übertrifft noch die List der Frauen." Sie ärgerte sich darüber, und nachdem sie eine Weile nachgedacht, sagte sie: "Ich schwöre es bei meinem Schleier, er soll ein Spiel der Frauenlist werden, und diese Inschrift ändern!" |
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